Die Sieben

Die titelgebende Sieben ist die polnische Landesstraße Nr. 7, einer der wichtigsten Verkehrswege, der von Danzig im hohen Norden bis hinunter zur slowakischen Grenze führt. Paweł, der Protagonist in Ziemowit Szczereks Roman, ist in der Gegenrichtung unterwegs: Der Journalist bricht von Krakau, wo er lebt und arbeitet, nach Warschau auf, weil er dort „ein sehr wichtiges Treffen“ hat. Seine fantastische, abenteuerliche Reise beginnt am 1. November, an Allerheiligen, dem „schönsten polnischen Feiertag“, der „sich ästhetisch wunderbar einfügt in die halbjährige Zeit der Dunkelheit“; ein derart polnischer Tag, dass man sich fragt, weshalb er nicht längst zum Nationalfeiertag erklärt worden ist. Überhaupt ist alles hier, eingeschlossen die Sieben, die „Königin der polnischen Straßen“, erzpolnisch. Erzpolnisch karikiert, versteht sich, geht es doch um das Polen, das polnischen Liberalen zutiefst verhasst ist – das hässliche Lotterpolen der ungehobelten Fortschrittsverweigerer und Hohlköpfe, die sich an der eigenen Geschichte berauschen. Dieses Polentum übelster Ausprägung findet sich freilich in der Provinz, zumindest in den Siedlungen und Kleinstädten, denen der Protagonist einen Besuch abstattet. Dabei zeigt sich das Übel sowohl in der abstoßenden Architektur dieser Ortschaften, als auch in der unerträglichen Mentalität ihrer Einwohner.

So macht Paweł die „sieben Wunder der Sieben“ aus, besonders finstere Orte, die in seinen Augen das spezielle Aroma am genauesten wiedergeben und symbolisch für die dort vorherrschenden Ambitionen und Träume stehen können. Zum Beispiel die aus Hohlziegeln und Gipskarton errichtete „Altpolnische Ritterburg Warownia“, die Realität gewordene kranke Machtfantasie eines ortsansässigen Geschäftsmannes und glühenden Patrioten mit einer Schwäche für das Sarmatentum. Das Restaurant Akropol an der Ortsausfahrt von Radom ist eine ähnlich schauerliche Ausgeburt provinziellen Designs – ein Flügel wurde auf griechischen Tempel getrimmt, der andere auf polnischen Landhausstil. Szczereks Protagonist katalogisiert mit masochistischer Leidenschaft, wie bereits angedeutet, nicht allein die unterschiedlichsten baulichen Missbildungen in Polens Provinz, sondern auch diverse Menschentypen. Dabei handelt es sich um Personen, denen Paweł während der Fahrt begegnet: Prolls und Hipster, Schnurrbartträger und Korwin-Mikke-Anhänger, Dorfmystiker und Brummifahrer, sogar eine Litauerin und ein Polnisch sprechender Deutscher sind darunter.

Die Sieben ist eine effektvolle Fantasmagorie, gespickt mit dämonischen Zeichen und Figuren aus ganz unterschiedlichen Registern, wenn auch mit einer gewissen Dominanz der popkulturellen Bilderwelt (insbesondere des Hollywoodfilms). Die meisten Reiseerlebnisse sind fantastisch motiviert; schon bald können wir nicht mehr unterscheiden, was Halluzinationen oder Rauschbilder sind (Paweł trinkt mysteriöse Elixiere) und was ihm „wirklich“ widerfährt. Aber das wesentliche Moment ist ohnehin das kollektive Unterbewusstsein, die Summe der polnischen Ängste und Träume. Von dieser Warte aus liest sich Szczereks Roman als brandaktuelles Statement. Man denke nur an die anklingenden jüngsten Befürchtungen vor einem Krieg mit Russland. Aber der Autor geht noch weiter – im Schlussteil des Romans malt der Protagonist sich aus, wie das Land unter russischer Besatzung aussehen wird und wie der Partisanenkampf vonstatten geht („Skins, Metaller und eine Handvoll Hipster werden mit erbeuteten Gewehren durch die Wälder streifen, in Outdoorstiefeln, Sweatshirts und Daunenjacken aus den Einkaufszentren und auf die russischen Drohnen über den Bäumen feuern“).

Das „siebte Wunder der Sieben“, das Hotel Lordzisko in Warschau, wird Paweł jedoch nicht mehr erreichen. Hätte er es bis in die Hauptstadt geschafft, hätte er diese genauso kritisch in den Blick nehmen müssen wie die vorherigen Städte und Gemeinden. Schließlich ist Warschau das „Radom Europas“, die größte Stadt in „katholisch Talibanien und der Tatarei“, die Hauptstadt „des Landes, das sich niemals mit sich selbst abfinden wird“. Zitieren wir weiter: „aber nicht, weil es so hohe Ansprüche hätte, sondern weil es nicht ist, was es gerne wäre – ein ganz normales Land.“

- Dariusz Nowacki

 

AUSZUG

Die Sieben

Da sitzt du also in deinem Vectra, Paweł, sitzt und fährst durch das verkaterte, kaputte Krakau, du selber genauso verkatert und kaputt, fährst aus Krakau hinaus, fährst nach Warschau und steckst im Stau Richtung Landesstraße Nr. 7, der Sieben, der Königin der polnischen Straßen, morgen früh hast du in Warschau ein wichtiges Treffen, also musst du da sein, nichts zu machen.

Schon kommst du am Rakowicer Friedhof vorbei, ach, du liebst diesen Rakowicer Friedhof, die Quintessenz Krakaus, auf jedem Grabstein, vor jedem Namen ein Titel: hier ein Magister, dort ein Ratsherr, hier ein Doktor, dort ein Advokat, und wenn es so gar nichts gab, dann haben sie ein „Bürger der Stadt Krakau“ eingraviert, und alles war gut. Du ziehst die Nase hoch und riechst Stearin, siehst den Schein der Grablichter auf dem Friedhof und atmest genüsslich ein, Paweł, denn du magst den Geruch von Stearin über dem Friedhof, du magst überhaupt Allerheiligen, und heute ist Allerheiligen.

Geister und verblichene Ahnen kriechen aus ihren Höhlen, kommen aus ihren Sphären und nehmen Polen für ein halbes Jahr in Besitz.

Uuuuu-huuuu.

Dir ganz persönlich, Paweł, gefällt diese Dunkelheit und dieses Geistergeschmatze, die Zeit, in der die zerlumpten slawischen Gottheiten und die verlotterten slawischen Dämonen der Erde am nächsten sind, und Polen, dein Heimatland, außer Stande ist, das dunkle Geschmatze, so ist es doch, zu bändigen. „Im Dauerdunkel schmatzt das Assipack“, um mit einem Quasi-Klassiker zu sprechen. Polen hat sich ja selbst noch nie bändigen können. Noch nie, dein Gedanke, konnte es sich eine Form geben, ein Erscheinungsbild.

Und deshalb magst du das polnische Allerheiligen, Paweł, als eine der wenigen Errungenschaften der polnischen Kultur, die sich ästhetisch wunderbar einfügt in die halbjährige Zeit der Dunkelheit, die eben in Polen wieder anbricht. Der schönste polnische Feiertag.

Inzwischen hast du das Fenster geöffnet, um mehr von diesem Stearinduft einzuatmen, und im Radio laufen die Nachrichten. Der Sprecher berichtet erregt, Russland ziehe seine Truppen an der polnischen Grenze zusammen, im Kaliningrader Gebiet, und du betrachtest dein Bild im Spiegel, siehst deine verkaterten Augen, denn wenn heute Allerheiligen ist, war gestern Halloween, und ganz Krakau – in dem du wohnst, weil du dich hier vor Polen versteckst, denn Krakau ist einer der wenigen Orte in Polen, in denen man sich vor Polen verstecken kann – hat sich die Kante gegeben. Ist ja auch ein Anlass: Halloween. Kürbisse, Horrorschocker im Fernsehen, in jeder Kneipe läuft Soul Dracula, in den Theatern die Dziady in immer neuen Inszenierungen. Aber hauptsächlich wird gesoffen. Nicht, dass Krakau einen besonderen Anlass bräuchte, sich die Kante zu geben, aber so war es eben.

*

Du sitzt also am Steuer, trommelst mit den Fingern aufs Lenkrad, trommel-trommel, dein Vectra steht im Stau, und du rufst dir ins Gedächtnis, was denn da gestern so los war, wegen dieses ganzen Halloween, denn du warst auch mit deinen Kollegen unterwegs, den Leuten vom Online-Informationsportal Światpol.pl, wo du als Redakteur arbeitest, die Startseite redigierst und dir klickfähige Titel einfallen lässt. Damit der unique user klickt, dass es reinhaut, für die Klickung (lat. clicalitas). Wenn es zum Beispiel polnisch-deutsche NATO-Manöver bei Stettin gibt, und die Soldaten eine Flussüberquerung trainieren, titelt ihr in der Redaktion: Deutsche Armee überschreitet auf Pontonbrücken die Oder. Eins A. Haut rein. Oder wenn es heißt, ein gänzlich unbekannter Abgeordneter irgendeiner Splitterpartei hätte im Suff vor dem Mickiewicz-Denkmal sein Wasser abgeschlagen, bringt ihr händereibend ein Prominenter Politiker pinkelt auf großen Polen. Und wie das reinhaut! Klicks ohne Ende! Die Clicalitas explodiert! Übrigens, wenn in irgendeiner Schlagzeile die Fügung „prominenter Politiker“, „berühmter Schauspieler“ oder „bekannter Musiker“ vorkommt, dann kennt diesen Politiker, Musiker oder Schauspieler kein Schwein, weil wenn er wirklich so bekannt wäre, würde er im Aufmacher mit Namen erscheinen, mit vollem Namen. Grzegorz, sagen wir mal, Schetyna, wird dabei gefilmt, wie er beim Abendessen im Élysée-Palast ein kostbares Tafelservice in seiner Tasche verschwinden lässt, Jarosław, zum Beispiel, Kaczyński, springt im Suff in der ulica Nowowiejska in Warschau wie ein Berggorilla von einem Autodach zum nächsten. So wäre das. Oder, sagen wir, in Tschechien ist Nationalfeiertag und Militärparade, und jetzt, hopp, mach daraus den Eyecatcher. Tschechien: Militärparade am Nationalfeiertag? Gottes Willen, da kriegst du vielleicht zwei Klicks für, zwei lumpige Klicks, aber du, zack, und: Bewaffnete Soldaten in den Straßen von Praga. Das haut so was von rein, geht ab durch die Decke. Und der Witz ist auch, dass keiner kapiert, ob es um Tschechien oder das Warschauer Praga geht, oder wenn in der Slowakei die Regierung stürzt, dann schreibt ihr nicht, dass in der Slowakei die Regierung gestürzt ist, sondern ihr schreibt Nachbarland Polens am Abgrund, weil wenn ihr schreibt, dass dieses Nachbarland Polens die Slowakei ist, dann interessiert sich kein toter Hund dafür, weil das, was in der Slowakei passiert, nur Studenten der Slowakistik und ein paar Tschechophile interessiert, die ihre Tschechophilie slowakisch erweitert haben. Aber so: „Nachbarland Polens“, und schon – etwa Deutschland? –  überlegt sich da der unique user – na bitte, hat er endlich ausgeschissen, der Szkop, so ein schönes Land, he, he, grade Straßen, hübsch angemalt, schade drum. – Oder etwa Russland? – denkt der unique user – na also, ist es aus mit dem Kazap, tja, wer andern Gruben gräbt. – Oder etwa Tschechien? – grübelt der User weiter – auch nicht übel, die eingebildeten Pepíčeks, gebt uns das Teschener Schlesien zurück, statt in der Hospoda zu sitzen und Bier mit zwei Finger breit Schaum zu trinken.
Jaja, das ist diffizile Feinarbeit, dieses Schlagzeilentexten.
Am besten gehen natürlich Apokalypse, Holocaust, Weltuntergang mit Schwerpunkt Polen, ja, der Untergang Polens ist ein Clicalitas-Paradies, klar, alle Asteroiden, die auf Polen zurasen, hauen rein, alle Epidemien, Godzillas, Marsattacken, Viren, Putins – haut alles rein.
Putin haut rein, aber wie, vor allem in letzter Zeit. Da muss man nicht mal den Titel besonders anspitzen. Na ja, ein bisschen Spitze ist immer gut.

Russland droht Polen: Gebt den Korridor ab, sonst …

Gefährliche Russische Raketen an der polnischen Grenze

Putin donnert: Polen soll sich einkriegen, sonst …

Überraschende Manöver der Russen unmittelbar hinter der polnischen Grenze

Schockierende Nachricht der NATO-Dienste: Russland nimmt Polen ins Visier …

Das waren so die Titel der vergangenen Tage.

*

Na ja, und gestern Abend dann Halloween.

Freaks mit geschminkten Totenschädeln sind durch die Stadt gehirscht, als Vampire verkleidet, als irgendwie dämonische Hexen, Gothics und Emothics konnten endlich in voller Montur vor die Tür gehen, ohne sich zu kompletten Idioten zu machen. Eine Menge Blackmetaller mit Evil-Makeup auf ihren Schwarz-Weiß-Gesichtern war unterwegs. Auch eine Menge Ottonormalmetaller: Matte, Kutte, Patch. Zum Beispiel vor dem Asmodeusz in der Starowiślna, standen im Kreis und ließen die Matten wirbeln wie Windmühlenflügel, und auf dem Boden, mittendrin, lag ein kleiner MP3-Player mit eingebautem Lautsprecher und brüllte wie ein Bär.

„Wor-sou sitti ät wor“, brüllte er.

„Woises fromm andergrand“,  brüllten die Metaller. „Vispers of friedem!“

„Nein-tien-forti-for...“

„Hełp det näver käm!“

Dann vereinigten sie sich zu einem hysterischen, fast schon am Falsett kratzenden Schrei:

„Warszawo, waaaalcz!“

Sie trugen Nietenarmbänder. Iron Maiden- und Sepultura-Aufnäher wechselten mit Aufnähern der Untergrundkämpfer und der Kotwica ab.

Mehrere Abarten der Addams-Family waren unterwegs, und an der Ecke Planty/Szewska stand ein Verrückter mit Kreuz und Fiat-Multipla-Gesicht – soll vorkommen –, einen durchgestrichenen Halloweenkürbis ans Kreuz geschlagen und brüllte, wir sollten nicht Kürbisse und die amerikanische Kultur anbeten, der Kürbis sei des Teufels,

Harry Potter sei auch des Teufels, aber der Kürbis noch mehr, und wir sollten unverzüglich davon ablassen, weil wir die eigenen Traditionen kultivieren müssten, anstatt fremde zu kopieren. Auf der Szewska hatte sich ein Typ als Werwolf verkleidet: mit Wolfsmaske über der oberen Gesichtshälfte, den Pelzmantel offenbar von Oma, als Schwanz hinten einen Fuchskragen angebunden (inklusive Kopf, Pfoten und so weiter). An den Füßen trug er Puschen im Hundepfoten-Look. Er war ziemlich dicht. Der Typ ging auf den Verrückten mit dem Kreuz zu, sah ihm ins Gesicht und sagte:

„Du hast eine Fresse wie ein Fiat Multipla.“

- Aus dem Polnischen von Thomas Weiler