Geblendet vom Licht

Nichts erfreut den Markt so sehr wie die unbefriedigten Bedürfnisse seiner Konsumenten, das Verlangen, hoch und noch höher aufzusteigen. Sich besser zu fühlen als die anderen. Der Markt bietet gegen dieses Fieber, neben Millionen von Gadgets wie Kleidung, Uhren, Autos und Wohnungen, ein Allheilmittel an. Kokain, weißer Stoff, der dir eine zynische Klarheit über deine Wünsche und Ziele verschafft und dich für einen kurzen Moment zum Übermenschen macht. Ein geselliges Pulver, gesellschaftlich nützlich, verspricht das Dazugehören zur Elite.

Kokain, dieses seltsame Gold, das man nicht wirklich besitzen kann, spielt eine wichtige Rolle in Ślepnąc od świateł von Jakub Żulczyk, einem der besten polnischen Prosawerke des vergangenen Jahres. Żulczyk, ein junger Autor (Jahrgang 1983) mit bereits beachtlichen Verdiensten, hat sich schon an verschiedenen populären literarischen Gattungen wie Jugendliteratur, Horror und Fantasy versucht. Dieses Mal wendet er sich dem Roman noir zu. Ślepnąc od świateł wurde zwar nicht bewusst als düsterer Kriminalroman der Großstadt geschrieben, doch das Buch erfüllt nicht nur alle Gattungsmerkmale, sondern beschreibt darüber hinaus eine packende Vision Warschaus als eines von Sündern überfüllten, lodernden Höllenfeuers.

Die Rolle des Vergil spielt hier der Drogendealer Jacek, Fachmann für Kokain. Jacek selbst zumindest hält sich nicht für einen in Diensten der Mafia stehenden kriminellen Dealer, sondern für einen Geschäftsmann. Er ist stolz auf seinen Arbeitseifer, seine Professionalität und seinen Perfektionismus. Obwohl er den Justizorganen nie in die Hände gefallen ist, scheint etwas anderes noch wichtiger zu sein: Jacek hat eine weiße Weste, er macht sich nicht die Finger schmutzig wie seine verzweifelten Kunden, er teilt ihre Aufstiegsambitionen nicht und wird nicht zum Opfer ihrer spektakulären Misserfolge. Wie tausende andere Bewohner des heutigen Warschaus kommt auch er aus der Provinz, stürzt sich jedoch nicht in das Chaos der Großstadt, sondern verbleibt in der Rolle des distanzierten Beobachters.

Die eisernen Regeln des Drehbuchs sind unvermeidlich – diese Illusion hat kein Recht auf Fortbestand. Und sie löst sich auf. Dreh- und Angelpunkt im Roman Żulczyks ist die Geschichte des Erzählers, der immer tiefer im Abgrund versinkt. Eigentlich wissen wir von Beginn an, dass die Stadt ihn auffressen und ihm das Kreuz brechen wird. Wir wissen nur nicht, wann und wie. Der Autor meistert diese Herausforderung, indem er eine raffinierte und überzeugende Kriminalintrige konstruiert, die jedoch niemals richtig in den Vordergrund tritt – der Machtkrieg der Mafia (in dem Jacek nur ein unwissender kleiner Fisch ist) spielt sich irgendwo im Hintergrund ab.

Żulczyk fühlt sich sehr wohl in der Welt der düsteren Ästhetik – seine Dialoge glänzen mit ironischen Wortspielen, die Frauenporträts schwanken zwischen der Darstellung einer Straßenhure und einer Heiligen, die Polizisten sind müde und die Verbrecher eigensinnig. Das Pathos schwingt hier in überraschender Groteske, aber die Nacht endet im Grunde genommen niemals. Die ganze Handlung spielt in einem winterlichen, eisigen und unfreundlichen Umfeld, Albträumen gleich, aus denen man nur schwer wieder erwacht.

Doch Ślepnąc od świateł ist nicht nur l’art pour l’art, sondern ein ausgefeilter Roman über verschiedene Prothesen des Glücks. Hier und jetzt, in dieser Stadt und inmitten dieser Menschen ist das Glück unerreichbar, gleichwohl kann man versuchen, natürlich mit prall gefüllter Geldbörse, entsprechenden Ersatz dafür zu finden. Die einen finden Trost im zwanghaften Essen und Trinken, andere im Sex. Manche ziehen eine endlose Line Koks, es gibt auch solche Menschen wie Jacek, denen das Gefühl reicht, alles unter Kontrolle zu haben. Sie alle werden dem unersättlichen Drachen geopfert – Warschau.

- Piotr Kofta 

AUSZUG

15:00

Diese chinesischen Fast-Food-Bistros gibt es wirklich. Sie sitzen dort ununterbrochen, von morgens bis abends, im Wechsel. Sie essen nur das, als ob ihre Mägen bereits nichts anderes mehr vertragen könnten, nur zerkochten Reis und stinkendes altes Fleisch in süßer Soße. Dieses Bistro liegt unweit der Metrostation Marymont, hinter der Halle, zwischen die Blöcke gequetscht. Es ist so groß wie ein kleines Zimmer. Weiße Wandverkleidung. Die Aufschrift XIANG BAO aus selbstklebenden Buchstaben. Ein Kalender mit dem asiatischen Tiger, Vasen aus dem Chinamarkt. Groß genug, um hier Geld zu waschen aus Geschäften mit Heroin, Mephedron, Frauen, was auch immer. Drinnen stinkt es, beim Hereingehen muss ich mir die Nase zuhalten; es stinkt nach Fett und nach altem, verklebtem Zucker, der die Wände in dicken Schichten bedeckt. Er sitzt mittendrin, isst Frühlingsrollen und schmatzt. Auf den ersten Blick sieht er nicht aus wie ein Bulle. Er trägt Bart, Hemd, ein Basecap, eine bunte Jogginghose, sieht eher aus wie jemand, der sich vor Unterhaltszahlungen drückt und sich deshalb als gammliger Teenager verkleidet hat. Er könnte genausogut Kameramann beim Fernsehen sein. Er isst langsam und trinkt Cola. Der Gestank scheint ihn nicht zu stören, aber die Typen von der Polizei, vor allem die von der Kripo, stören sich ja an üblen Gerüchen sowieso nicht.

„Setz dich”, sagt er.

Die geben immer Befehle, selbst wenn es nicht nötig ist. Sie haben das im Blut. Sie können nur im Befehlston sprechen.

Er ist 40 Jahre alt. Vorname Marek. Wohnt ganz in der Nähe, in Stary Żoliborz. Er hat gut geheiratet, ein Mädchen aus einer Ärztefamilie. Arbeitet bei der Kripo, Unterkommissar, und weiter wird er wohl auch nicht kommen, er hat die gläserne Decke erreicht. Zwei Kinder. Fährt einen zehn Jahre alten Volvo. Raucht und trinkt viel, mehr, als er seiner Frau erzählt, weniger als ein Durchschnittsbulle. Ich weiß praktisch alles über ihn. Sonst würde ich kein Wort mit ihm wechseln.

Unser Deal ist einfach. Er denkt sich seinen Teil und braucht Kohle. Er hat sein kleines, heimliches Hobby, und dieses Hobby verlangt nach alternativen Finanzierungsquellen. Er mag Roulette und Spielautomaten. Bei einigen Jungs stand er deswegen schon in der Kreide, sie haben also kein Problem damit, in dieser Sache nächtliche, höfliche Anrufe zu tätigen. Er tut alles, um Frau und Kinder davon fernzuhalten. Bekäme sie davon Wind, dann würde sie ihm wohl schon nach fünf Minuten die Sachen vor die Tür stellen.

Außerdem ist er doch nicht dumm. Er säuft zwar viel, aber nicht soviel wie seine Arbeitskollegen. Er hält sich im Hintergrund, ist bedächtig. Sicherlich hat er sich deshalb mit der gläsernen Decke abgefunden; er weiß, noch weiter nach oben könnte ihn den Kopf kosten. 

„Willst du was essen?“, fragt er.

Den Rest der Frühlingsrolle tunkt er in die Soße, säubert damit den Teller. Ich schüttle mit dem Kopf.

„Was ist los?”, fragt er wieder.

„Mein Kunde hat ein Problem. Ich muss wissen, inwieweit das mein Problem ist”, antworte ich.

Er bricht in Gelächter aus. Wischt sich den Mund sorgsam mit einem Taschentuch ab. Schaut mich an, auf eine mich rasend machende, belustige Art, wie ein Fußballer, der gerade den Ball bekommen hat und sieht, dass er allein vor dem Torwart steht.

„Wie gehts den Kindern?”, frage ich.

„Gut”, antwortet er, „sehr gut. Vor ein paar Wochen gab es Probleme mit dem Kleinen. Krankenhaus, Fieber, Verdacht auf Blutvergiftung. Aber alles hat sich wieder eingerenkt. Danke der Nachfrage.”

„Das ist gut.”, antworte ich.

„Du siehst schlecht aus.”, bemerkt er.

„Ich kann nicht schlafen.”, sage ich und füge hinzu: „Hier stinkt es schrecklich.”

„Es stinkt nicht nur, es riecht einfach bestialisch nach Scheiße”, antwortet er.

Er trinkt einen Schluck Cola und schlürft dabei. Eine junge, dünne Vietnamesin kommt an den Tisch und schnappt ihm unvermittelt den Teller vor seiner Nase weg. Er schmatzt noch leise, wohl absichtlich, um mir damit auf die Nerven zu gehen. Er putzt sich die Nase. Sieht mich sehr aufmerksam an.

„Ich kann dir nicht viel erzählen”, sagt er.

Ich lange in die Hosentasche, und er fügt hinzu:

„Das ist der Moment, in dem du mir ein Geschenk überreichst. Ich danke dir dafür. Aber deswegen werde ich dir nicht mehr erzählen, verstehst du.”

„Blutvergiftung, sagtest du? Das ist doch eine sehr ernste Krankheit”, sage ich.

Ich lege zehntausend auf den Tisch. Schiebe es zu ihm rüber. Er räuspert sich, steckt es in die Jackentasche und versucht, nicht auf das Geld zu schauen.

„Ich hab dir schon gesagt, jetzt ist alles in Ordnung.”, antwortet er.

Ein witziger Versuch. Das heißt, er hält sich selbst für noch klüger und noch witziger, aber das ist verständlich, er funktioniert in einem Umfeld, in dem die Mehrzahl der Menschen an Hirnerweichung leidet. Er muss sie managen, muss ihren Anweisungen Folge leisten. Wodka mit ihnen trinken. Stümperhafte Berichte in Computer eintippen, die deutlich älter sind als die eigenen Kinder.

Niemand weiß, dass ich mit ihm spreche.

„Komm, wir gehen in mein Auto”, sagt er.

Ich nicke. Wir stehen auf, gehen raus auf den Parkplatz; immer noch hält er die Hand in der Jackentasche, wo das Geld ist. Er raucht eine Zigarette. Wir steigen ins Auto. Er raucht auch im Auto, man kann das riechen; in seinem Auto stinkt es noch mehr als in diesem Bistro. Ein Saustall. Gepolsterte Ledersitze. Radio mit Kassettenteil. Überall leere Dosen, Energy-Drinks, McDonald's-Verpackungen, Hefter. Hinten ein schmutzig-rosafarbener Kindersitz, festgeschnallt mit dem Gurt.

„Wir verbringen das ganze Leben im Auto, oder?”, fragt er.

„Sprich über uns nicht im Plural”, antworte ich.

„Ist schon gut. Wir machen das hier gemeinsam. Wir sitzen im selben Boot. Unsere Vorgesetzten kennen sich seit Jahren, sie sind wie Sandkastenfreunde”, sagt er. „Sie laden sich gegenseitig zu den Hochzeiten ihrer Kinder ein.”

Ich weiß nicht, warum er das überhaupt erwähnt. Ich werde langsam ungeduldig. Ich habe den Verdacht, er quatscht hier erst eine Stunde über Belanglosigkeiten und dann wird er mir etwas verraten, was ich sowieso schon weiß.

„Problematisch wird es, wenn Trockenheit herrscht. Wenn es ein, zwei Monate nicht geregnet hat”, sagt er und zündet sich eine neue Zigarette an der fast aufgerauchten an. „Dann muss ein Opfer gebracht werden. Irgendeine Jungfrau.”

„Ich habe dich für etwas bezahlt”, erinnere ich ihn.

„Denk bloß nicht, ich behandle dich hier wie einen Geschäftspartner”, antwortet er, „aber wir helfen uns gegenseitig, das steht außer Frage.”

„Dann hilf mir”, sage ich.

Er macht Musik an, uralten Rock, klingt wie Red Hot Chili Peppers, schaltet sein Telefon aus. Ich schaue ihn aufmerksam an.

„Ich stecke in dieser Sache mit drin”, sagt er. „Viele Jungs stecken jetzt in dieser Sache mit drin, aus offensichtlichen Gründen. Das Fernsehen liebt die Masse. Ich weiß nicht, auf was für einen Deal er sich eingelassen hat, ich weiß nicht, was sein Anwalt vorgeschlagen hat. Das ist nicht mein Problem. Ich weiß, dass die Ware bei uns im Lager angekommen ist und dass sie zumindest so tun werden, als ob sie versucht hätten, herauszufinden, woher er sie hat.”

„Ich will wissen, ob er mich verraten hat.”, sage ich.

„Du willst wissen, ob er weiß, wo du zu finden bist?”, fragt er.

Ich nicke.

„Ich sehe, du bist schlau”, sagt er. „Und wenn du schlau bist, macht das nichts, was du hast, ist nicht auf deinen Namen.”

„Nicht auf mich”, antworte ich wahrheitsgemäß.

Ich bin in Olsztyn gemeldet, bei meiner Oma, in der Wohnung lebt jetzt mein Cousin mütterlicherseits. Ich bin dort als Arbeitsloser beim Amt gemeldet. Die Wohnung, in der ich lebe, habe ich bar bezahlt; sie ist Eigentum einer Person, die es nicht gibt. Die Bruchbude, in der ich die Ware gelagert habe, gehört offiziell einer Schwester von Pazina. Ich fahre ein Auto, das von der Firma meines Großhändlers geleast wird, sie vertreibt im Internet Handyzubehör. Für alle meine Handys verwende ich Prepaid-Karten. Ich besitze verschiedene Personalausweise und verschiedene PESEL-Nummern. Niemand weiß, wie ich wirklich heiße, mein richtiger Name hat seine Bedeutung verloren. Er ist verschwunden, hat sich verflüchtigt. Mit Geld kannst du untertauchen. Wenn du willst, kannst du mit Geld untertauchen. Es hat mich sehr viel gekostet, war aber meine beste Investition überhaupt.

- Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann