DAS BUCH JAKOB

Jakob Frank, der Protagonist in Olga Tokarczuks neuem, um­fangreichen Roman ist eine historische Gestalt, nur wenigen bekannt und eigentlich fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Dabei ungemein farbig und geheimnisvoll, und sein Schicksal ist mit zahlreichen Schauplätzen in und außerhalb von Europa verbunden. Es nimmt Wunder, dass Frank nicht längst schon zum Helden zahlreicher Bücher und Filme avanciert ist, son­dern nur einer Handvoll Fachleutenbekannt ist. Er lebte im 18. Jhd., als die Geschichte Tempo aufzunehmen begann, die Französische Revolution näher rückte und die erwachenden Strömungen der Aufklärung spürbar wurden. Mag uns die mys­tische Religiosität dieses jüdischen Häretikers, der als der letzte Messias galt, zwar heute veraltet erscheinen, so führte sie doch seinerzeit zum Aufbrechen alter Strukturen, zur Spaltung zwi­schen den Juden und den Bekennern anderer Religionen. Gegen Mitte des Jahrhunderts vollzogen etliche tausend seiner Anhän­ger unter der Schirmherrschaft des polnischen Königs und des polnischen Adels ihre Konversion zum Katholizismus. Es war beileibe nicht die erste, zuvor waren sie Moslems geworden.

Frank war Mystiker und Politiker, Charismatiker und Lüst­ling, Hochstapler und Religionsführer gleichermaßen, eine doppeldeutige Gestalt, schwer zu erfassen. In Tokarczuks gro­ßem Epos wimmelt es nur so von bunten Figuren, Jakob jedoch wird immer mit den Augen anderer gesehen, er bleibt immer unergründlich. Vielleicht hat gerade jene Vieldeutigkeit dazu geführt, dass die Geschichte mit ihm nicht gnädig verfuhr? Vielleicht war er aber auch allen einfach unbequem? Für die Juden war er ein Abtrünniger, Wegbereiter einer ihre Identität zerstörenden Assimilation, der sich schlecht in die Geschichte des Weltjudentums einpassen ließ, obwohl er Teil davon war. Für die Katholiken eine Erinnerung an ihren eigenen Antise­mitismus. Für viele assimilierte Nachkommen der Frankisten ein Bezug auf ihre Wurzeln und die verschlungenen Wege ihrer Assimilation.

Frank kam in einem kleinen Dörfchen in Podolien, also in der heutigen Ukraine zur Welt, in einer Familie von Anhän­gern eines anderen jüdischen Häretikers und Messias, Schab- batai Zvi. Er wuchs inmitten askenasischer Juden im Gebiet des heutigen Rumänien heran, reiste als Händler in die Türkei und kehrte wieder an die polnischen Ostgrenzen zurück, um seinen Glauben zu verbreiten und Anhänger zu finden. Er zeigte ihnen, dass alle bisherigen Religionen unvollkommen sind, nur Stufen auf dem Weg zur wahren Erkenntnis. Seine Konversion war keine Akzeptanz des traditionellen Katholizismus, sie sollte ein Weg sein, der in noch fernere Gefilde führte. Sie war eine Re­volte gegen erstarrte Religionen und gesellschaftliche Bräuche. Von orthodoxen Rabbinern verfolgt, floh er aus Polen und lehr­te zuerst in Smyrna, dann in Saloniki. Er versuchte, eine Kom­mune zu gründen, die Sitten in seiner Umgebung waren recht promiskuitiv, er träumte von einem kleinen jüdischen Staat, abgesondert von den Gebieten Polens oder Österreich-Ungarns. In Polen gab es gewaltige öffentliche Debatten zwischen den Frankisten, wie man sie später nannte, und den orthodoxen Juden. Die Schiedsrichterrolle übernahmen dabei polnische Bi­schöfe, die seine Förderer wurden. Allerdings nicht in löblicher Absicht - die Frankisten wurden gegen die jüdische Gemein­schaft ausgespielt, indem man versuchte, den Bekennern des Judaismus Ritualmorde anzuhängen. Kurz nach seiner Taufe wurde Frank der Häresie angeklagt und verbrachte dreizehn Jahre im Gefängnis des Klosters auf Jasna Gora, dem berühm­ten polnischen Sanktuarium, dessen heilige Ikone die Schwarze Madonna ist. In ihr Bildnis vertieft, entdeckte er Schehina, das Abbild Gottes in weiblicher Gestalt.

Nach seiner Freilassung durch russische Soldaten zog er nach Brünn im tschechischen Mähren. Am österreichischen Kaiserhof weckte er Interesse, und schließlich hatte er seinen eigenen Hof mit Soldaten und Dienern, zu dem es Juden und viele Neugierige aus ganz Europa zog. Er starb in Offenbach, in der Nähe von Frankfurt am Main, in seinem Palast, wohin, so hieß es, seine Anhänger ganze Wagenladungen voll Gold ge­bracht hätten.

Tokarczuk nimmt uns mit auf eine Reise zu Schauplätzen, Zeiten und Religionen, von der man am liebsten gar nicht mehr zurückkehren möchte und die dem Leser noch lange in Erin­nerung bleibt. Sie haucht Frank wieder Leben ein, für Polen, die Juden, Europa und all jene, die bei der Lektüre des Romans denken, all das müsse doch wohl der Fantasie entsprungen sein. Aber es ist unsere Geschichte, auf andere Art erzählt; darin ist Platz für Juden, für Frauen, für metaphysische Sehnsüchte und Wünsche, denen es in traditionellen Abhandlungen zu eng wird. Und Platz für viele großartige Geschichten, geschaffen von der außergewöhnliche Vorstellungskraft der Autorin.

- Kinga Dunin

AUSZUG

Über dem Hauseingang hängt ein von recht unbeholfener Hand ge­maltes Schild: „Schorr Warenlager". Dahinter hebräische Schriftzeichen. An der Tür ein metallenes Plättchen, dane­ben irgendwelche Zeichen, und dem Priester fällt wieder ein, wie Athanasius Kircher in seinem Buch erzählt, dass die Juden, wenn eine Frau niederkommt und sie Hexerei be­fürchten, die Worte ,Adam, Hawa, Chuz, Lilith' an die Wand schreiben, was bedeutet: „Adam und Eva kommet hierher, und Lilith, du Hexe, weiche." Das muss es sein. Gewiss wur­de erst kürzlich auch hier ein Kind geboren.

Der Priester steigt über die hohe Schwelle und taucht ganz ein in den warmen würzigen Duft. Es dauert ein Weil­chen, bis sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, denn Licht lässt nur ein kleines Fensterchen herein, das zu­dem mit Blumenkübeln vollgestellt ist.

Hinter dem Ladentisch steht ein Halbwüchsiger, dem noch kaum der Flaum sprießt, er hat volle Lippen, die jetzt beim Anblick des Priesters leicht zu zittern beginnen und dann versuchen, ein Wort zu formen.

„Wie ist dein Name, Junge?" fragt der Priester forsch, um zu zeigen, wie sicher er sich in diesem dunklen engen Läd- chen fühlt und um den Halbwüchsigen zu einem Gespräch zu animieren, aber der antwortet nicht.

„Quod tibi nomen?" wiederholt er nun offiziell, aber das Latein, das der Verständigung dienen soll, klingt plötzlich zu feierlich, als wäre der Priester gekommen, einen Exor­zismus zu vollziehen wie Christus im Lukas-Evangelium, der sich mit derselben Frage an den Besessenen wandte. Der Junge reißt die Augen nur noch weiter auf, bringt nur ein „Bh... bh..." heraus und verschwindet plötzlich hinter den Regalen, wobei ein Zopf Knoblauch herunterfällt, der an einem Nagel hing.

Der Priester hat sich unklug verhalten; er kann nicht erwarten, dass sie hier Latein sprechen. Er blickt sich kri­tisch um - unter seinem Mantel lugen die schwarzen Ross­haarknöpfe seiner Soutane hervor. Davor war der Junge wohl erschrocken, denkt der Priester, - vor der Soutane. Er muss schmunzeln und denkt dabei an den biblischen Jeremi­as, der auch fast den Kopf verlor und stotterte: „Ahh. Dommi­ne Deus ecce nescio loqui!" (Herrgott, ich kann nicht sprechen.)

Von da an nennt der Priester den Jungen in Gedanken Jeremias. Er weiß nicht recht, was er tun soll, nun, da dieser so plötzlich verschwunden ist. Also schaut er sich zunächst im Laden um und knöpft währenddessen seinen Mantel zu. Pater Pikulski hat ihn überredet, hierher zu kommen, aber jetzt deucht ihm, dass das kein so guter Gedanke war.

Niemand kommt von draußen herein, wofür der Pries­ter in Gedanken seinem Gott dankt. Das wäre ja auch ein ungewöhnlicher Anblick - ein katholischer Priester, Dekan von Rohatyn, im Laden eines Juden, wo er wie ein gewöhn­licher Bürger darauf wartet, bedient zu werden. Pater Pi­kulski hatte ihm geraten, zum Rabbi Dubs nach Lemberg zu gehen, er war selber dort gewesen und hatte viel von ihm erfahren. Der Priester war auch hingegangen, aber der alte Dubs hatte wohl die Nase voll von katholischen Geistlichen, die ihn über die Bücher ausfragten. Er war unangenehm be­rührt von der Bitte und von dem, was den Benediktinerpater am meisten interessierte. Er hatte es nicht oder tat, als hätte er es nicht. Er setzte eine höfliche Miene auf, schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. Als der Priester frag­te, wer ihm helfen könnte, wedelte Dubs mit den Händen, wandte den Kopf, als stünde jemand hinter ihm und gab zu verstehen, er wisse es nicht, und selbst wenn er es wüsste, würde er nichts sagen. Dann hatte Pater Pikulski dem Pater Dekan erklärt, es handle sich um jüdische Häresie, und ob­wohl sie sich selber damit brüsteten, bei ihnen gäbe es so etwas nicht, machten sie in diesem Fall offenbar eine Aus­nahme und hassten sie geradezu, ganz ohne Umschweife.

Schließlich hatte ihm Benediktinerpater Pikulski gera­ten, zu Schorr zu gehen. Das große Haus mit dem Laden am Markt. Aber dabei hatte er den Priester irgendwie schief angesehen, ironisch, vielleicht war es ihm auch nur so vor­gekommen.

Vielleicht hätte der Pater Dekan besser Pikulski diese jü­dischen Bücher besorgen lassen sollen, obwohl er ihn nicht besonders mochte. Dann müsste er sich jetzt hier nicht schä­men und schwitzen. Aber in dem Priester steckte viel Trotz und so war er hingegangen. Und da war noch etwas nicht eben Vernünftiges gewesen - ein kleines Wortspiel hatte über die ganze Sache entschieden; wer glaubt wohl, dass sol­che Dinge die Welt beeinflussen - der Priester hatte eifrig an einem bestimmten Abschnitt bei Kircher gearbeitet, in dem von dem riesigen Ochsen Schorobor die Rede war. Vielleicht hatte ihn die Ähnlichkeit der Namen bewogen - Schorr und Schorobor. Seltsam sind die Wege des Herrn.

Wo aber waren nun diese berühmten Bücher, wo die Ge­stalt, die soviel angsteinflößende Achtung erweckte? Das Ge­schäft sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Kramladen, aber der Eigentümer ist scheinbar ein Nachkomme des berühm­ten Rabbiners und allseits verehrten Weisen Salman Naftali Schorr. Siehe da, Knoblauch, Kräuter, Töpfe mit Gewürzen, Gläser und Gläschen und darin Gewürze jedweder Art, ge­stoßen, gemahlen oder noch in ihrer natürlichen Gestalt wie Vanilleschoten, Nelkenköpfe und Muskatnüsse. In den Re­galen an der Wand lagern Stoffballen - wohl Seide und Atlas in grellen Farben, die das Auge anziehen, und der Priester überlegt, ob er nicht etwas braucht, aber schon wird seine Aufmerksamkeit von der unbeholfenen Schrift auf einem ansehnlichen dunkelgrünen Glas angezogen: „Herba The". Nun weiß er, was er verlangen wird, wenn schließlich doch noch jemand zu ihm herauskommt - ein wenig von jenem Kraut, das ihn in bessere Stimmung versetzt, was beim Pater Dekan bedeutet, dass er arbeiten kann, ohne zu ermüden. Und es fördert auch die Verdauung. Er würde auch ein paar Nelken kaufen, um den allabendlichen Glühwein damit zu würzen. Die letzten Nächte waren so kalt gewesen, dass sei­ne durchfrorenen Beine ihm nicht gestattet hatten, sich aufs Schreiben zu konzentrieren. Er sucht mit den Augen nach einem Stuhl, und dann geschieht plötzlich alles auf einmal: im selben Moment taucht hinter den Regalen die Gestalt ei­nes gutgebauten, bärtigen Mannes in einem wollenen Kleid auf, unter dem türkische Schuhe mit spitzen Schnäbeln her­vorlugen. Einen dünnen dunkelblauen Mantel hat er über

die Schulter geworfen. Er blinzelt, als tauche er aus einem Brunnen auf. Hinter seinem Rücken lugt neugierig jener Je­remias hervor und noch zwei weitere Gesichter, dem Antlitz des Jeremias ähnlich, rotwangig und neugierig. Auf der an­deren Seite, in der Tür zum Markt hin, taucht ein atemloser schmächtiger Junge oder besser ein junger Mann auf, denn er trägt einen dichten hellen Ziegenbart. Er lehnt sich gegen den Türrahmen und schnauft, man sieht, dass er hergerannt ist, so schnell er konnte. Er durchbohrt den Pater Dekan mit frechen Blicken, lächelt aber gleich darauf schelmisch und zeigt dabei sein breites gesundes Gebiss. Der Priester ist sich nicht sicher, ob dieses Lächeln nicht spöttisch ist. Er bevor­zugt die würdige Gestalt im Mantel und wendet sich erlesen höflich an sie:

„Euer Liebden wollen verzeihen, dass ich störe..."

Jener betrachtet ihn angespannt, aber kurz darauf ver­ändert sich langsam der Ausdruck seines Gesichts. Eine Art Lächeln zeigt sich darin. Der Pater Dekan begreift plötzlich, dass jener nicht versteht, also beginnt er jetzt anders, auf La­tein, mit der fröhlichen Sicherheit, sein richtiges Gegenüber gefunden zu haben.

Der Jude lässt seinen Blick langsam zu dem Jungen an der Tür gleiten, zu jenem Atemlosen. Der tritt furchtlos näher und streicht seine Jacke aus dunklem Tuch glatt.

„Ich werde übersetzen", erklärt er mit unerwartet tiefer Stimme in weichem ruthenischen Singsang, zeigt mit dem Finger auf den Pater Dekan und sagt ergriffen, dies sei ein wahrhafter, leibhaftiger Priester.

Dem Priester war nicht eingefallen, dass ein Dolmetscher nötig sein würde, daran hat er nicht gedacht, er ist verlegen und weiß nicht, wie er sich da wieder herauswinden soll, denn die ganze delikate Angelegenheit wird plötzlich publik und gleich kommt der ganze Jahrmarkt. Am liebsten ginge er jetzt hinaus in den kühlen, nach Pferdemist riechenden Dunst. Er beginnt sich umzingelt zu fühlen in diesem nied­rigen Raum, in dieser gewürzgeschwängerten Luft, zudem schaut auch noch jemand neugierig von der Straße herein, was es hier wohl gibt.

„Ich hätte ein Wort zu reden mit dem geehrten Elischa Schorr, wenn es gestattet ist", sagt er. „Unter vier Augen."

Die Juden sind überrascht. Sie wechseln untereinander ein paar Worte. Jeremias verschwindet und kommt erst nach einer längeren Weile unerträglich lastenden Schwei­gens zurück. Anscheinend hat der Priester die Erlaubnis bekommen, und nun bringen sie ihn hinter die Regale. Ge­flüster begleitet ihn, ein leichtes Scharren von Kinderfü­ßen, unterdrücktes Kichern - als wären hinter den dünnen Wänden Scharen anderer Leute, die durch die Spalten der hölzernen Wände jetzt den Priester, den Dekan von Roha­tyn, betrachten, wie er durch die Winkel des jüdischen Hauses wandert. Und nun zeigt sich, dass der kleine Laden am Markt nur der Brückenkopf zu einer vielgefächerten Struktur ist, wie ein Bienenhaus: mit Kammern, Gängen und Stiegen. Das ganze Haus ist größer und um einen Innenhof gebaut, den der Priester nur mit einem Blick aus dem Au­genwinkel erhascht, durch das kleine Fenster in dem Raum, in dem sie für einen Moment haltmachen.

Aus dem Polnischen von Barbara Samborska