Mutter Makryna

Mit der Gestalt der Makryna Mieczysławska hat Jacek Dehnel eine authentische historische Figur entstaubt und neu in den kulturellen Diskurs eingebracht, der eine der europaweit größten Täuschungen des neunzehnten Jahrhunderts gelang. Die Geschichte der falschen Nonne, die erst fünfzig Jahre nach ihrem Tod als Hochstaplerin entlarvt wurde, ist schon für sich genommen ereignisreich genug. Im September 1845 taucht in Paris eine nicht mehr ganz junge Frau auf, die sich als Oberin des Minsker Basilianerinnenklosters ausgibt, das elf Jahre zuvor von der russischen Obrigkeit aufgelöst worden war. In der französischen Hauptstadt wird Makryna von führenden Persönlichkeiten der sogenannten Großen Emigration empfangen, allen voran Adam Czartoryski. Überaus gern hört man ihre erfundenen Geschichten über das Leiden für Katholizismus und Polentum. Makryna behauptet, sie und ihre Ordensschwestern seien jahrelang gefangen gehalten und grausam gefoltert worden. Man habe sie hungern lassen und zu schwerer Arbeit gezwungen, und das alles nur, weil sie sich geweigert hätten, zum orthodoxen Glauben überzutreten. Interessanterweise glauben ihren Schauergeschichten nicht nur die polnischen Exilanten, sondern auch das europäische Publikum – französische und britische Zeitungen berichten ausführlich über Makrynas Leidensweg und die Grausamkeit der Russen, Bischöfe erwähnen ihr Märtyrertum in Hirtenbriefen. Schließlich wird sie sogar von Papst Gregor XVI. empfangen, und auch dessen Nachfolger Pius IX. hat eine Schwäche für sie.

Dehnel fragt mit unverkennbarer Faszination für die ungewöhnliche Hochstaplerin vor allem danach, wie dieser unerhörte Betrug gelingen konnte; er zeigt, inwiefern Makrynas Lügen politisch nützlich waren. Aufmerksame Zuhörer merkten bald, dass Makryna eine Lügnerin und Mythomanin war, doch wollte man das Bild der heiligen Märtyrerin aufrechterhalten. Es siegte weniger die Naivität als vielmehr der Zynismus.

Erzählt wird die Geschichte der Makryna Mieczysławska in zwei ineinander verflochtenen Monologen der Titelfigur. Der erste, gleichsam offizielle Monolog ist eine literarische Bearbeitung der historisch dokumentierten Berichte über das Leiden für Glauben und Vaterland, die Makryna in Posen, Paris und Rom erstattete. Der zweite, im Stil einer Beichte gehaltene Monolog enthüllt die wahre Geschichte der Hauptfigur, und vor allem er weckt die Phantasie und die Emotionen des Lesers. Hier lernen wir die Biographie der Irena Wińczowa kennen, einer armen Jüdin Frau aus Wilna, die immer neue fiktive Identitäten annehmen musste, um in einer grausamen Welt zu überleben.

Als in den katholischen Glauben verliebte Konvertitin träumt sie davon, in ein Kloster einzutreten, aber sie wird Dienstmagd. Die hübsche Jula (früher Juta) fällt dem russischen Offizier Wińcz ins Auge. Zu Irena wird sie durch einen zweifachen Verrat: die Konversion zum orthodoxen Glauben und die Ehe mit einem Russen, also einem Vertreter der verhassten Teilungsmacht. Der trägt sie zunächst auf Händen, aber als sich herausstellt, dass Irena keine Kinder bekommen kann, wird er zum unerbittlichen Folterknecht. Die zahlreichen Wunden, die Irena in Paris und Rom als Beweis für die Grausamkeit der Moskowiter vorzeigt, stammen von ihrem sadistischen alkoholkranken Ehemann. Nach Wińczs Tod steht Irena mittellos da (ihr Mann hat alle Habe vertrunken). Sie kommt als Dienstmagd in einem Wilnaer Kloster unter. Dort begegnet sie Basilianerinnen, die aus Minsk vertrieben wurden. Deren Erzählungen malt Irena aus, sie wechselt ein weiteres Mal die Identität und wird zu Mutter Makryna.

Dehnel präsentiert die Geschichte so, dass der Leser mit der Protagonistin mitfühlen, womöglich sogar sympathisieren kann; er macht uns klar, dass Makrynas erdachte Leiden gar nicht weit von ihrem wirklichen Leid entfernt sind. Bevor sie sich aufmacht, als falsche Nonne die Welt zu erobern, charakterisiert sie sich folgendermaßen selbst: „Erstens Witwe. Zweitens arm. Drittens alt. Viertens Weibsbild. Fünftens jüdische Konvertitin. Sechstens hässlich – mit Runzeln und Narben im Gesicht, alten und einigen noch ganz frischen, mit Buckel und geschwollenen Beinen und einem kurzen Atem, wenn es die Treppe hinaufgeht.“ Das war ihr negatives Ausgangskapital, aus dem sie doch das Beste machte: Bis ins hohe Alter lebte sie in Rom in einem ihr gestifteten Kloster, bis zuletzt umgab sie die Aura der heiligen Märtyrerin.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, ich werde die Wahrheit schreiben, nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott im Himmel und alle Seine Heilgen helfen, Amen. Kaum dass ich in Posen bei Erzbischof Przyłuski angekommen war und mich ihm zu Füßen geworfen hatte, sah ich mit verweinten Augen zu ihm auf und sagte: Berichtdermakrynamieczysławskaäbtissinderminskerbasilianerinnenüberihresiebenjährigeverfolgungalsglaubenszeugen. Siemaszko sagte zu mir, ich erinnere mich, als ob es heute gewesen wäre, ich sehe ihn vor mir wie diese Fransen am Bischofsstuhl, wie die Troddeln an diesem Vorhang, er blieb nicht weiter als eine Armlänge entfernt von mir stehen und sagte: Wartet nur, bis ich euch mit Ruten die Haut, in der ihr geboren wurdet, vom Leib schlagen lasse. Wenn euch dann eine neue nachwächst, werdet ihr schon ein anderes Liedlein singen, genau das und nichts anderes sagte er, als er in unserem Kloster stand mit seinen Mordgesellen, die schon Unseren Herrn Jesus Christus am Ölberg gefangengenommen haben, nur dass sie damals in einer kalten Frühlingsnacht im März oder April vor dem Osterfest kamen, zu uns aber bei Tagesanbruch und mitten im Sommer. Genau das und nichts anderes sagte Siemaszko zu uns, und ich stand da im Gewand der Oberin des Basilianer-Frauenklosters, mit Ring und Hirtenstab, und um mich herum standen meine Mitschwestern: Krystyna Huwaldówna, Nepomucena Grotkowska und auch Euzebia Wawrzecka, die später mit mir aus der Moskauer Gefangenschaft floh, nachdem wir die Fesseln aufgebrochen hatten, und die ich seitdem nicht mehr gesehen habe, weil wir uns aufteilten, um mit Gottes Hilfe den Verfolgern zu entkommen wie die Heilige Familie auf der Flucht vor den Schergen des Herodes. So stand Siemaszko da, mit seinen feinen Schuhen stand er auf der Tür, gegen die seine Moskowitersöldner und Jägern solange angerannt waren, bis die Eisenhaspeln und Scharniere allesamt wie dürre Reisigstäbe brachen, und ergötzte sich an seiner Stärke, an seiner teuflischen Macht, als wäre er Unser Herr Jesus Christus in der Höllenpforte, dabei tat er genau das Gegenteil, denn er griff die Heilige Kirche an und demütigte und bedrohte uns, die wir Gott dienten; es war schon voller Sommer und dem fein herausgeputzten Zivilgouverneur Uschakow lief der Schweiß in Strömen über die rote, fette Visage, aber Siemaszko blieb trocken, trocken wie ein von höllischen Wüstenwinden ausgedorrter Teufel, und uns, Gottes Dienerinnen, und mir rief er zu: Du polnische Hündin, du Warschauer Hündin – denn er wusste ja, dass ich hoher Abstammung bin und in meiner Jugend oft in unser alten, seit Mieszko-Mieczysławs Zeiten polnischen Hauptstadt weilte, Warschauer Hündin, rief er also, ich will dir die Zunge aus dem Mund reißen, ich will sie packen und ziehen und zerren, bis das Blut herausspritzt, und dann werfe ich sie den Hunden zum Fraß vor – bis ihm trockener, bitterer Schaum vor den Mund trat, ich habe es ganz von Nahem gesehen, denn er beugte sich, und jedes Wort wehte mich gleichsam an wie ein bitterer Wind. Ha, dachte ich, aus Mieczysław ging Chrobry hervor, die Mieczysławska aber wird zum Stein in Davids Schleuder; soll er es nur versuchen, soll er mich schlagen, soll er mit einer Frau kämpfen. Es hatte gerade erst gedämmert, wir waren gerade unterwegs in den Chor zur Andacht, sie hatten uns aus dem Gebet gerissen wie aus dem Mutterschoß. Es schlug fünf, ich bat den Gouverneur, er möge uns erlauben, die Kirche zu betreten, in der wir so viele Jahre Gott gedient hatten, doch Siemaszko funkelte geradezu mit den Augen, er schien Funken zu sprühen, und ich schaute und wartete nur darauf, dass die Abtrünnigensoutane an seinem Leib in Schwefelflammen auflodern würde; als ich aber den lieben Rosenschwestern Irena Pomarnacka und Liberata Korminówna auftrug, unser silbernes, mit Edelsteinen besetztes Kreuz mit den Reliquien des heiligen Basilius aus der Schatzkammer hervorzuholen, da entrissen es uns die frevlerischen Hände, dass der Schwester Liberata das Blut von den Händen floss, gleich wie ein Omen dessen, dass sie später zu Tode gemartert und in Stücke gerissen werden sollte, doch sie stöhnte nur leise auf und gab sich in die Hand der Vorsehung. Zum Glück sind die Moskowiter nur auf Metall und Steine aus, sie wollten nur die Reichtümer, nicht das Kreuz selbst – sie plünderten übrigens die Schatzkammer und raubten viele wertvolle Gewänder, Altäre und auch meine Mitgift, zweimal hundertausend polnische Złoty, die ich mit ins Kloster gebracht und die ich ganz zu seiner Verschönerung bestimmt hatte. Doch die Schätze, die Popen und Soldaten an sich rissen, sind nicht wichtig. Wichtig sind die Seelen. Man erlaubte uns, ein einfaches Holzkreuz mitzunehmen, denn unter diesem Zeichen wollten wir den Weg zum Martyrium antreten. Dass es ein Martyrium werden würde, hatte man uns nämlich schon offenbart; ich nahm also ein hartes, kantiges Kreuz und legte es mir auf die linke Schulter, die Schwester Pomarnacka stand mir als mein Simon von Cyrene bei, manchmal auch andere Schwestern, die aber, wenn sie mir helfen wollten, sofort von den Jägern mit dem Pallasch geschlagen oder dem Bajonett malträtiert wurden.

So begann unser Golgotha – und sobald wir das Kloster verlassen hatten, durch das Tor gegangen waren, das ich so oft aus dem Fenster meiner Zelle betrachtet hatte, suchte ich mit dem Blick nach Wagen, die uns in die Verbannung bringen sollten; schnell begriff ich aber, dass wir, umringt von einer Bande Bewaffneter, den Weg zur Räuberhöhle auf eigenen Füßen würden zurücklegen müssen. Da hörten wir die Kinder schreien. Denn unser Kloster war nicht nur ein Ort, an dem wir Gott preisen konnten, es sollte auch den Menschen dienen.(...)

Und als wäre all dies für unsere schwachen Hände nicht schon genug, lebten noch sechzig Waisenkinder bei uns. Wie der Soldat des Herodes auf Gemälden die schwere eisenbewehrte Hand gegen das Kind erhebt, so liefen die Jäger mit ihren Bajonetten umher und drohten den unschuldigen Kleinen. Und die Kleinen fingen an zu schreien, zu weinen, sie schauten hilfesuchend aus den Fenstern, ich sehe es heute noch vor mir: die kleine, durch ein Kreuz geteilten quadratischen Fenster, und hinter jeder Scheibe ein entsetztes, verweintes Kindergesicht, die jüngeren unten, die älteren oben; manche öffneten die Fenster, streckten ihre kleinen Hände hinaus und schrien: Sie entführen unsere Mütter, sie entführen unsere Mütter!, andere trampelten mit ihren kleinen Füßen die Treppe hinunter, sie kamen zu uns gelaufen und klammerten sich an unsere Habite, bis die Moskauer Jäger sie mit den Gewehrkolben fortstießen, dann warteten sie, als ob ihr Leben davon abhinge, bis die Jäger in eine andere Richtung schauten und kamen wieder zu uns gelaufen. Die ältesten und klügsten aber, so wie sie sich manchmal für saure Äpfel in den Garten schlichen, so schlüpften sie jetzt durch die Mauer, weil die Moskowiter das Tor bewachten, und liefen durch die Stadt, schlugen an die Türen und schrien so laut sie konnten: Sie entführen unsere Mütter, sie entführen unsere Mütter! Davon wurde die ganze Stadt wach, die Leute sprangen aus den Betten, der eine stürzte nur im Hemd aus dem Haus, dem anderen warf die Ehefrau noch den Rock über die Schulter, noch ein anderer schnappte sich einen Stab, und alle eilten sie zu uns, aber sie holten uns erst beim Gasthaus Zur schönen Rast ein, eine viertel Meile vor der Stadt, niemand hat also gesehen, wie uns die Moskowiter zum letzten Mal durch das Klostertür führten. Ich mit dem Kreuz voran, wie unser Herr Jesus, die Schwester Pomarnacka als Simon von Cyrene an meiner Seite, ich dachte nur an das Leiden unseres Herrn, während ich meinen Arm betrachtete – auch er musste eine solche Verletzung an dem Arm gehabt haben, auf dem er das Kreuz trug, drei Knochen schauten aus der offenen Wunde heraus, und an Christi Leiden zu denken statt an meines half mir auf unserem Marsch; andere von uns, besonders die Älteren und Kränkelnden, stürzten immer wieder, und die Soldaten stießen sie mit ihren Gewehrkolben, ohne auf das Blut zu achten, dass ihnen aus Mund, Nase oder Beinen floss. Beim Gasthaus Zur schönen Rast, das wohl uns zum Hohn so hieß, denn eine unschönere Rast hätte man sich schwerlich vorstellen können, ließ Siemaszko unseren Zug anhalten. (...)

Am liebsten wäre er ja nach Petersburg gefahren, in der Hofkapelle des Zaren zu den Schismatikern übergetreten und hätte im Rang eines Bischofs dann ein Projekt zur gewaltsamen Bekehrung aller Unierten vorgelegt und seine Machenschaften gegen uns gerichtet. Am ersten Tag unseres Martyriums, als er uns mit Uschakow, dem Gouverneur, überfiel, kam er im Vis-à-vis. Er ließ das Gespann anhalten, stellte sich im Vis-à-vis hin wie auf der Kanzel und wollte wohl eine Rede halten, aber er schaute nur, winkte ab, nickte einem seiner Jäger zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Es entstand ein Durcheinander, die Schergen liefen in den Hof der Gasthauses, wo vorher Kisten standen, sie schleppten eine nach der anderen auf die Straße, öffneten sie, und im Inneren erblickten wir – Hand- und Fußeisen. Und sie schmiedeten uns in diese Eisen, immer zwei zusammen. Wir mussten unsere Füße und Hände auf einen Baumstumpf legen, die Hämmer dröhnten, das Blut floß von den zerschlagenen Gesichtern und geschundenen Rücken und sickerte in die Erde. Die Kinder weinten: Sie legen die Mütter in Ketten, sie legen die Mütter in Ketten!, das Volk weinte mit ihnen und immer wieder traten Frauen, denen wir Gutes getan hatten, Bettler oder fromme Bürger aus der Menge hervor und erbaten unseren Segen, jeder von der Schwester, die er kannte und die ihm die liebste war, aber die Söldner kannten kein Mitleid und trieben das Volk und die Kinder mit ihren Gewehrkolben auseinander. Endlich verstummte der letzte Hammer, das letzte Schwesternpaar war aneinander geschmiedet, die weinende Menge in alle vier Winde auseinandergejagt, und wir brachen auf, zu großem Tempo angetrieben, mal auf festem Boden, mal durch Morast und Schlamm, bis nach Witebsk.

- Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann