LÄRM

Wie soll man, kann man leben in einer Welt, die sich als Hin­terhalt erweist? Wie kann man von etwas sprechen, zu dem man sich selbst jahrelang den Zugang verwehrt hat? „Lärm“ von Magdalena Tulli ist eine ganz private Geschichte, ver­strickt die in die große Geschichte des Jahrhunderts, das durch die „Zeit der Verachtung“ des Krieges so unrühmlich geprägt ist. Es ist eine Geschichte darüber, wie man sich aus einer Katastrophe rettet, wie man die Minenfelder der Erinne­rung entschärft, sich aus der Deckung wagt, Herr des eigenen Schicksals wird.

Die Heldin ist ein kleines Mädchen, Tochter einer Frau, deren Gefühle hinter dem Stacheldraht von Auschwitz zu­rückgeblieben sind. Die wenigen Angehörigen sind vom Krieg innerlich verwüstet, und in der Welt der anderen, dem bru­talisierten kommunistischen Polen, sind Güte, Empathie und Verständnis Mangelware. Ihre Unfähigkeit zum Kontakt mit anderen und ihr fehlendes Selbstvertrauen machen sie schnell zur Zielscheibe für ihre Altersgenossen. Noch Jahre später als Teenager und dann als Mutter zweier Söhne ist sie die Geisel dieses kleinen Mädchens. Schließlich ist es ein Brief von einem ungeliebten Cousin aus Amerika, der eine Flut von Erinnerun­gen und damit das Geschehen des Romans auslöst.

Anfangs mag es einem so scheinen, dass der neue Roman die Fortsetzung der preisgekrönten hervorragenden Erzäh­lungen in dem 2011 erschienenen Band „Italienische Absätze“ darstellt. Doch nichts könnte weniger zutreffend sein: in ih­rem neuen Buch entkommt Magdalena Tulli auf bravouröse Art der alptraumhaften Welt des vorhergehenden Buches. Das sich selbst überlassene Mädchen aus dem Roman freundet sich mit einem imaginierten Fuchs an, dem Schrecken der Hühner­ställe, Gegenstand des kollektiven Hasses jeder Gruppe, und – ähnlich wie sie – ein ewiger Außenseiter. Daran ist nichts Verwunderliches, vielerorts verkörpert der Fuchs im Volks­glauben den Trickster, ein Wesen von vielschichtiger Bedeu­tung, verachtet und bewundert zugleich, sowohl Sündenbock als auch der Anführer beim Aufbruch in neue Welten. Viele Jahre später sind es die Lehren des Fuches, die es der Heldin ermöglichen, aus der Bedrückung zu finden, Verständnis für die Mutter zu entwickeln, die ja ohne ihr Zutun ein Opfer war, und nicht nur ihren eigenen Verfolgern zu verzeihen, sondern auch denen, die einst unmittelbar für die unsäglichen Leiden des Krieges verantwortlich waren und heute das Imaginarium des europäischen Gedächtnisses – bzw. inzwischen schon des Nach-Gedächtnisses – bevölkern. Sie alle, die Opfer und ihre Verfolger bilden – wie Magdalena Tulli schreibt – eine große Familie des 20. Jahrhunderts.

Magda Tullis Roman sagt mehr über das Polen und das Eu­ropa der Nachkriegszeit aus als manche historische oder sozio­logische Untersuchung. In dieser Geschichte sprechen die Le­benden mit den Toten, im Untergrund vor dem Tribunal unter Vorsitz des Fuchses, wird großes Gericht über alles abgehalten, das sich ereignet hat. Tullis Prosa erzählt von der Notwendig­keit zu verzeihen, und davon, wie man leben soll, um zu ver­meiden, dass sich das die Opfer stigmatisierende Schamgefühl nicht – paradoxerweise – in ein Schuldgefühl verwandelt. In dem Text geht es darum, wie man aus dem Kreidekreis findet, in dem die von Querschlägern Versehrten mit den unverschul­deten Qualen ringen. Der lakonische, ironische Ton von Tullis Prosa in diesem Roman wird ergänzt von phantasmagorischen Elementen. Doch diese Phantasmagorie dient einer großen Me­tapher, die als realistisches Argument steht. „Lärm“ ist eine psychotherapeutische Séance, eine Verarbeitung von Trauma mit Hilfe der Literatur. Die Literatur kann zum Rettungsanker in mancher Not werden. Magdalena Tullis neuer Roman ist der beste Beweis dafür.

- Marek Zaleski

AUSZUG

Einmal ging ich mit dem Fuchs einen Waldweg entlang. An einer Wegkreuzung sahen wir einen Menschen mit gebrochener Nase, er trug eine Uniform ohne Rangabzeichen. Der Wind wirbelte die ersten roten und gelben Blätter von den Bäu­men. In diesem Wald war immer früher Herbst mit schö­nen warmen Tagen, genau wie die, die immer auf die ersten Kränkungen folgten, die ich am Anfang eines jeden neuen Schuljahrs erfuhr. Hinter dem ewigen Herbst lauerte stets ein ewiger Winter.

Die Uniform war einstmals schwarz gewesen und gut geschnitten, doch jetzt, nach Jahren des Herumlungerns, grau und abgetragen. Der Zerlumpte fasste mich am Ärmel. „Du darfst nicht zulassen, dass dich jeder beliebige ausnutzt, wie es ihm grade gefällt!“ rief er. „Diese Unterwürfigkeit wird dir aufgezwungen, du lässt sie zu. Das ist kein Ver­dienst!“

„Wir haben kein Interesse an Verdiensten“, antwortete der Fuchs an meiner Stelle. „Verdienste gibt es keine.“

Aber doch! Es ist ein Verdienst, nicht zu zögern, wenn man mit der Faust auf den Tisch hauen muss. Ein Verdienst ist es, Kraft zu haben und sie nutzbringend einzusetzen.“

„Lass uns in Ruhe“, sagte der Fuchs. „Geh deiner Wege wohin du gehörst“.

„Ich gehöre nirgendshin“, sagte der Mensch. „Ich hab hier lang genug gewartet, Ihr seid meine Familie.“

Wir beschleunigten unsere Schritte.

„Von einem Fuchs wird man nichts lernen. Er kann nur im Gebüsch lauern und sich anschleichen. Man muss hart sein, nicht weich!“

Er holte uns ein, sein Atem wehte mir schon, vereint mit dem Wind, in den Nacken. Du hast doch schon einmal etwas Schlimmes gemacht. Und was ist passiert? Du hast Erleiche­rung verspürt, deshalb wirst du es auch wieder tun. Oder irre ich mich etwa?“

Ich dachte mir, dass er wahrscheinlich von diesen Stuhlbeinen redete, mit denen ich in der Schule mal um mich geworfen hatte. Nur durch ein Wunder ging es ohne eingeschlagene Schädel ab. Wenn er das wusste, gehörte er vielleicht tatsächlich zur Familie. Ich hatte wirklich manch­mal Lust, etwas Schlimmes zu tun, etwas, das die Last der Demütigung aufwiegen würde, das ein Gegengewicht zu der angesammelten Last aller Demütigungen darstellen würde. Um zu vergessen, wie schwer diese wogen, musste man in die andere Wagschale auch etwas Schweres werfen. Aber mir fehlte der Antrieb. Ich hatte nie wieder mit etwas um mich geworfen.

„Ja“, antwortete ich. „Du irrst dich.“

In jenem Augenblick, von dem er sprach, hatte ich keine Erleichterung verspürt. Und von da an hatte ich mich im­mer für etwas weniger Schlimmes entschieden, ich wählte stets den faulen Kompromiss zwischen dem, zu dem mich das Fieber der Wut treiben wollte, und dem, was ich mir erlauben durfte.

Wir kamen zu dem Schluss, dass er gefährlich war. Als er schlief, fesselten wir ihn mit einer Schnur vom Gürtel aufwärts. Die Arme waren fest an den Rumpf gebunden, die Hände bewegungsunfähig nach hinten gedreht. Des­halb mussten wir ihn dann mit dem Löffel füttern. Die Bei­ne ließen wir aus purem Mitleid ungefesselt. Wir wussten, dass er mit diesen Knoten an den Gelenken nicht in der Lage sein würde, etwas Schreckliches zu tun, was alle Zeugen bis an ihr Lebensende nicht vergessen würden. Er würde sich nicht einmal gegen jemanden verteidigen können. In einem solchen Fall würde er sich nur durch Flucht retten können, so wie wir. Wir waren nicht grausam. Wenn wir gekonnt hätten, wären wir mit der ganzen Abteilung so verfahren.

III

Was hingegen die Wehrmacht betrifft, die Uniformen in ei­nem grünlichen Feldgrau – auf zeitgenössischen Fotos nur als Grau wiedergegeben – trug, die Wehrmacht hatte Hitler abgeschworen und war auf meine Seite übergelaufen. An­fangs war mir das peinlich, ich hatte mir die Wehrmacht nicht als Verbündete gewünscht.

Aber dann gewöhnte ich mich daran und jetzt ist es kein Problem mehr für mich. Alle wussten, dass sie den Krieg verloren hatten, doch Unverdrossene riefen noch jahrelang aus verborgenen Ecken: „Hendehoch!“ Das war’s, was sie auf deutsch konnten, nicht mehr als ich. Die Wehrmacht kämpfte nur noch auf den Hinterhöfen, und ohne Begeis­terung. Sie schoss mit Stöcken und bezog Prügel von allen Seiten, zu ihrer Rolle mehr oder weniger gezwungen von den Stärkeren und Älteren, die unbedingt Sieger sein woll­ten. Dem größten Teil der Streitkräfte, die es hierhin und dorthin versprengt hatte, war es schon früher gelungen, sich in Familienalben zurückzuziehen, die woanders auf­bewahrt wurden, nicht bei uns. Von Zeit zu Zeit mustere ich die Reihen beim Umblättern der Albumseiten – wenn ich dort bin, wo die Alben auf den Regalen stehen. Früher war dieser Ort für mich eine große Leere, deren Umriss von der Grenze eines fremden Staates bestimmt war. Von dem, was sich dort tat, berichtete man uns, wie es hieß, im Radio, doch diese Nachrichten schwammen in einer zähen nach suspekter Rezeptur hergestellter Sauce, die absichtlich so zubereitet war, dass sie uns erschreckte und aus der Fas­sung brachte. Wir sollten von Angst ergriffen alle Arten von Zwangsbrocken schlucken. In jeder solchen Nachricht spürte man die Leere, dieselbe Leere, die einen von dieser Stelle auf der Landkarte anwehte.

Im Haus meiner Großmutter in Mailand begegnete ich jemandem, der von dort kam. Dieser Ort existierte also tat­sächlich und Menschen lebten dort, die so ähnlich aussahen wie wir. Ich war verblüfft. Der Anblick des Menschen aus jener Gegend jagte mir überhaupt keinen Schrecken ein. Er war um die dreißig, aber schon kahlköpfig, trug Zivil und blickte sanftmütig durch seine Brillengläser. Sein Italie­nisch hatte einen komischen Akzent. Er beschäftigte sich mit der Restaurierung von Bildern. An Waffen hatte er nicht das geringste Interesse, nicht mal an alten. Auch Politik ließ ihn kalt. Was mag dort sein? überlegte ich beim Betrachten der Landkarte von Europa, die vor der Geographiestunde in unserer Klasse neben die Tafel gehängt wurde.

Alben brauchen ein Innen, und zu dem Innen gehört zwangsläufig auch ein Außen, eine Fassade. Menschen gingen auf einer Straße, Tauben flogen auf. Es gab alles, was man sich nur vorstellen konnte. Bäume, Hunde, Alte mit Krückstöcken, Straßenlaternen und Brücken. Die Al­ben greifen nicht an und tun es bis heute nicht, jeden Tag stehen sie auf ihrem Posten, auf den Regalen. In den Alben sind Soldaten stationiert. Mit ihren Soldatenkappen auf dem Kopf oder in der Hand stehen sie vor dem Hintergrund einer mit Vorkriegstapete beklebten Wand im Atelier eines Fotografen, manchmal sitzen sie auch. Aber sie sind unbe­waffnet und schauen mir direkt in die Augen, zum Zeichen, dass sie nichts Böses vorhaben. „Mein Vater hätte dich gern gemocht!“, sagt jemand zu mir. Ich schaue mir den Vater in der besagten Uniform an. Er liebte Traktoren, wurde aber Panzerfahrer. Über Traktoren wusste er alles, mit einem Schraubenschlüsel in der Hand konnte er einen Traktor in alle Einzelteile zerlegen und wieder zusammensetzen. Er hat nie gegen unser Land gekämpft, weil er zu dem Zeit­punkt noch im Krankenhaus lag. Er war krank geworden, als man ihn für einen Ungehorsam bestrafte; zu lange muss­te er im klirrenden Frost in Habachtstellung stehen. Nach der Lungenentzündung ging etwas in seinem Herzen ka­putt. Aber er war jung, deshalb befahlen sie ihm zwei Jahre später wieder die Uniform anzuziehen und schickten ihn in den Osten.

„Zu Hause hatte er hektarweise Land und Maschinen. So­lange er auf seinem Grund und Boden war, hätte ihm nie­mand seine Stiefel zum Putzen gegeben, kein Hauptmann und kein General. Für seinen Stolz hat er einen hohen Preis bezahlt“, erzählt mir jemand, den ich gut kenne.

Mit dem Verlauf der Zeit wurde es immer schlimmer, nicht nur deshalb, wel dieser Soldat nach dem Krieg sei­ne Hektar Land und seine Maschinen verloren hatte. Sein Herz schlug unregelmäßig, manchmal setzte es kurz aus, bis es dann, Jahre später, eines Tages, als er gerade mit dem Schraubschlüssel in der Hand auf dem Boden unter seinem eigenen Auto lag, ganz stehen blieb. Hab ich schon erwähnt, dass alle Leute dort ihre eigenen Autos hatten?

„Trau keinem Deutschen über achtzig.“ Das sagen die, die nur Sanitäter und Köche waren. „Keiner hat je auf einen ge­schossen“, sagt mir ein anderer Besitzer eines Albums, auch ein guter Bekannter von mir.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky