DIE KOFFER DES HYPOCHONDER

Emil Śledziennik – der Hypochonder im neuesten Roman von Mariusz Sieniewicz – ist der Meinung, dass Packen Minima­lismus lehrt. Wenn das stimmt, dann kann er wirklich nicht packen. Seine Geschichte über einen mehrtägigen Kranken­hausaufenthalt in der polnischen Provinz stopft er bis an die Grenzen des Möglichen voll mit Kindheitserinnerungen, Lie­beserklärungen an die Frau seines Lebens, Tiraden gegen den hinterwäldlerischen Patriotismus, Loblieder auf Schmerzmit­tel, schriftstellerisch-grafomanische Autoreflexionen (denn als alter ego des Autors ist auch er Schriftsteller) sowie ironi­sche Reflexionen über Leben, Tod und alles Mögliche.

„Die Koffer des Hypochonder“ ist ein echter Barockro­man. Hier trieft jeder Satz vor Metaphern, jedes Kapitel schließt mit einer brillanten Pointe, jede Geschichte ist über­zeichnet und so stark wie möglich ausgeschmückt. Das ist Gombrowicz'sches Barock, ein groteskes Barock. Die ironi­schen Konzepte und höfischen Fazetien haben einen einzi­gen Zweck: „Polen töten – das wäre was! Allein das Vorhaben schien mir sensationell wegen seiner Anmaßung.“ Emil schert sich nicht um politische Korrektheit, aus den polnischen Hei­ligtümern macht er sich nichts, jeden Tag träumt er davon auszureisen und denkt darüber nach, ob all das für Polen ver­gossene Blut ein Gewässer der Größe des Śniardwy-Sees oder vielleicht der Ostsee ergeben würde. Śledziennik kann Polen nicht ausstehen dafür, dass es ihm die Luft nimmt.

Aber er gibt nicht so leicht auf. Er sichert sein Ego, indem er es fest in sehr verschiedenen Diskursen verankert. Vor al­lem ist da die Krankheit – die Hypochondrie, zu der er sich selbst offen bekennt, indem er sagt, er sei immer krank ge­wesen und hätte alles gehabt, was man nur haben konnte: „Dyskalkulie bis zum zwanzigsten Lebensjahr und Dysmemo­rie dann ab dem einundzwanzigsten.“ Wie es sich für einen Hypochonder gehört, ist er ausschließlich in seiner Fantasie krank. Aber dieses Kranksein ist für ihn umso schlimmer und heftiger. Denn im Grunde lebt der ganze Protagonist gänzlich, bis zum Ende und noch einen Schritt weiter, in der Fantasie, in ihrer surrealistischen Verzerrung, in einem traumartigen Staunen und in konfabulierender Verlogenheit. In der Spra­che wächst er, findet Erfüllung, und in der Sprache liebt er.

Dieser Roman ist voller seltsamer, aber außergewöhnlich schöner Geständnisse und Apostrophen: „mein morphiöses Sahnetörtchen, mein heroinöses Cremeküchlein, dank dir existiere ich in mehreren Welten gleichzeitig!“

Śledziennik ist ein süchtiges Subjekt. Süchtig nach allem. Nach Schmerztabletten, nach Nörgelei, nach der Frau seines Lebens, nach dem Erfinden von Geschichten, er ist süchtig danach zu reden. Sieniewiczs Buch liest man in einem Zug durch, weil es eigentlich keine Stelle gibt, an der man es auch nur für einen Augenblick weglegen könnte. Eine Pause in der Lektüre würde bedeuten, Emil mitten in einem Atemzug zu unterbrechen und ihn zu ersticken. Emil lebt in seinem Kör­per, weil er sich ununterbrochen mit seinem Körper beschäf­tigt und ihn analysiert. Er weidet sich an dem Anblick von Gallensteinen, findet Geschmack an Ketoprofen, aus der Rasur seines Unterbauches vor einer Operation kreiert er die Meta­pher eines lächerlichen menschlichen Schicksals, und seinen ganzen zweifelsohne schönen, wenn auch ungeschickten Ly­rismus nennt er hormonell. Barock ist dabei, Gombrowicz ist dabei, dabei ist auch „die Krankheit als Metapher“ und der Topos des Schriftstellers, der sich von der Krankheit inspi­rieren lässt.

In den Koffern verschließt Sieniewicz die literarische Tra­dition, aktuelle Stile und Sprachen, Erinnerungen und Erfun­denes, Gefühle und Reflexionen. Es drängt sich der Gedanke auf, dass das Schreiben an sich Hypochondrie ist. Schreiben ist die Einstellung, dass in mir etwas sehr Bedeutendes und Außergewöhnliches steckt, etwas, was niemand anders hat und was keiner je vorher gesagt hat, was aber gesagt werden muss. Es lohnt sich, die Hände in „Die Koffer des Hypochon­der“ zu tauchen. Man fischt eine ganze Masse intelligenten Humors und zynischer Reflexionen aus ihnen heraus. Dahin­ter steckt ein geistreicher Schriftsteller.

– Iga Noszczyk

AUSZUG

Ich öffne die Augen. Wieder die Decke, die Wand, meine Zehen, die unter der Bettdecke hervorschauen. Und die Enttäuschung, ja Enttäuschung, dass ich mehr hier bin als dort. Ich beloh­ne sie mir mit dem Klang Deines Namens.

Bis jetzt ist es nicht so schlimm. Ein paar Erinnerungen, ein wenig leichtes Träumen. Das sind die unsichtbaren Koffer, die ich mitgeschleppt habe, außer dem mit dem Schlafanzug, dem Handtuch und dem Buch „Tod der schö­nen Rehböcke“. Ich öffne die Koffer auf gut Glück, ohne eine bestimmte Absicht. Ich schaue vorsichtig hinein, bin nicht ganz sicher, was sie verbergen. Wie dem auch sei, das Kran­kenhaus ist eine besondere Form des Reisens: je länger du liegst, umso weiter entfernst du dich von der Außenwelt, umso öfter gehst du über deinen eigenen Körper hinaus, überschreitest dabei gleichzeitig immer wieder die Grenzen des Gedächtnisses. Es ist gut, soviel Gepäck wie möglich zu haben, selbst eine scheinbar unwichtige Erinnerung kann nützlich werden, denn keiner weiß, wie lange die Reise dauert und wohin sie führt.

Ich will daran glauben, dass Ketoprofen mir ermög­licht, die erste Nacht ohne Dich zu überstehen. Du weißt, wie sehr ich mich vor Schmerzen fürchte, aber noch mehr fürchte ich Deine Abwesenheit … Ich würde viel darum geben, das alles rückgängig zu machen und wieder neben Dir einzuschlafen. Ich schwöre: ich würde Dich nicht ein­mal in Gedanken betrügen, ich würde die Kombination aus männlichen Depressionen und narzisstischen Frustrationen – was für Dich sicherlich das gleiche ist – auf ein Minimum reduzieren. Ich würde abends nicht mehr verschwinden im Bermudadreieck aus Sofa, Kühlschrank und Fernseher. Ich würde mein Gesicht nicht mit Zeitungsplanen zudecken. Ich würde endlich den Charme unserer geruhsamen Ge­spräche schätzen.

Reicht nicht? Dann pass auf! Ich hoffe, Du sitzt.

Für Dich würde ich selbst der kleinsten Krankheit entsa­gen, kein Wort würde ich stottern über die mich durchdrin­genden Schmerzen. Nie wieder Lobreden auf Depressionen und Selbstzerstörung, nie mehr dieses: „Oh, schau mal, ich habe das was am Hals“, oder „Oh, fühl mal, ob du hier auch einen Tumor spürst?“. Dafür würde ich Deine Röcke und Kleider bügeln lernen, jede Plisseefalte wäre wie am Lineal ausgerichtet. Ich würde Deine verlorenen Kniestrümpfe finden, die einzelnen, ach – und das Waschmaschinen­programm wäre kein Geheimnis für mich. Für Dich wäre ich ein Rennfahrer auf den Strecken aller Biedronka- und Lidl-Supermärkte. Für Dich würde ich Geschirr spülen: ich würde meine Hände ins Abwaschbecken tauchen, ich würde die Teller vom Mittagessen herausangeln, das Be­steck und die Töpfe, die wie glänzende, silberweiße Fische sind, und jeder wäre Dein Goldfisch. Für Dich würde ich ein Jünger der Paneelen und Fußböden werden und ihnen mit dem Putzlappen eine Verbeugung erweisen. Für Dich würde ich den Staubsauger in den Zimmern ausführen wie einen gezähmten Ameisenbär auf einen Spaziergang. Ich wäre Dein Hausmann! Dein Ukrainer! Dein heißblütiger Südländer – Spanier oder Italiener, und am Zahltag russi­scher Oligarch mit der Oberflächlichkeit eines Schweden! Bis an mein Lebensende würde ich Dich an den Füßen kit­zeln und wie Marco Polo die erogenen Kaps Deines Körpers entdecken. Natürlich wären Deine und nur Deine Begehren für mich der Kompass! … Jeden Abend würde ich Dir ein heißes Bad bereiten mit Ölen und Räucherstäbchen. Jeden Morgen würde ich Dir im Maul die Latschen bringen, und in der Hand ein Glas Mojito! …

Das ist kein Pathos, wundervolle Priesterin. Das ist Lie­be! Die wahrste, die ehrlichste.

Meine Hände hören auf zu zittern, das Blut fließt ruhi­ger. Ich greife nach der Mineralwasserflasche. Ich trinke einen Schluck, reibe die Zunge am Gaumen. Es schmerzt viel weniger, fast gar nicht, obwohl das Gesicht weiter starr wird in der Maske der Qual, als wäre ein anderer, sanfte­rer Ausdruck nicht möglich. Ich habe nicht einmal Lust zu rauchen, dabei habe ich schon den ganzen Tag nicht ge­raucht. Glaube mir, ich ruhe mich aus. Ich ruhe mich aus vom obsessiven Nachdenken über mich im erbärmlichen Hier und verfluchten Jetzt. Ketoprofen hilft. Es ist nicht nur ein Dschinn, sondern auch meine Ariadne – aus dem Nervenbündel, das ich bisher war, zaubert sie einen lan­gen und festen Faden der Beruhigung. Der führt mich her­aus aus dem Labyrinth meines eigenen Ichs. Es gibt nichts Schöneres als sich für einen Augenblick vom eigenen Ich zu befreien! Als würde ich aus mir heraustreten, mich neben mich stellen und plötzlich peinlich berührt sein von diesem verschrumpelten vierzigjährigen Mann mit einer Grimasse des Schmerzes, mit dem brennenden Vorwurf in den Augen, dass ihn das Schicksal so unelegant behandelt hat. Manch­mal habe ich den Verdacht, dass mein Leid an Autoerotik grenzt. Und als solches bildet es sich ein, dass es aufregend unabhängig ist.

Zum Glück verändert sich die Situation. Ich kann gelas­sen an andere Menschen denken, schließlich gibt es noch andere Menschen. Endlich bin ich in der Lage, die Welt mit befreiten Sinnen zu spüren, ich – der Whitman des Kran­kenhauses! Ich – Leśmian! Wie schön gestärkte Bettwäsche riecht! Wie angenehm sich der Schlauch des Tropfes an­fasst! Ich drehe zwischen den Fingern diese Nabelschnur, die Euphorie pumpt.

Ich muss Dir gestehen, dass mich die Schwester ver­zaubert hat – die Oberschwester Krystyna mit dem vielsa­genden und hoffnungsvollen Nachnamen: Ceynowa1. Nein, keinerlei unartige Gedanken, auch keine Schmetterlinge im Bauch, ich schwöre es! Gedanken – ausschließlich plato­nisch, und wenn Schmetterlinge – dann nur metaphysisch. Denn überleg mal: Beginnt und endet nicht alles bei den Schwestern? Bei ihnen werden wir geboren und bei ihnen sterben wir. Wenn sie es sagen, ziehen wir uns in ihrer Gegenwart nackt aus wie gehorsame Kinder, nicht selten geben wir dabei schamvolle Sekrete ab. Sie sind unsere Stiefmütter für eintausend siebenhundert auf die Hand. Sie sind unsere Heiligen der Spritzen, Tabletten und Tröpfe. Denkt jemand an sie außer dem Patienten, der in die Hose macht? Ist ein einziges Denkmal ihnen zu Ehren entstanden, das den größten Helden würdig wäre? Statt Poniatowski, Kościuszko, Piłsudski, statt dem Wunder an der Weichsel hätte ich lieber eine Schwester nach dem Nachtdienst! Statt zig Aufständischer, statt Geheimpolizisten und verfemten Soldaten, würde ich auf den Sockeln der nationalen Sache lieber die herausgestreckte Brust einer Krankenschwester sehen! Krankenschwestern haben mehr verdient als Kaf­fee, Schokolade und – notfalls – Blumen. Der Mehrheit ist es nicht einmal gegeben, an den weißen Umschlägen zu riechen. Für die weißen Umschläge sind die Taschen der Arztkittel da.

Mein Loblied zu Ehren des niederen medizinischen Per­sonals übertönt nicht die Krankenhaushasser, die den Kran­kenschwestern Volkspolen-Gewohnheiten vorwerfen und dass sie die Patienten wie Kartoffelsäcke umbetten. Großer Gott, lasst uns Maß und Ort kennen! Schließlich arbeiten sie inmitten von Gejammer, Klagen und Stöhnen, und nicht in der diplomatischen Vertretung in Brüssel. Im Übrigen will ich Dir als Beweis dafür, dass ihnen vieles verziehen wer­den muss, eine rhetorische Frage stellen: Wer hat Zugang zum magischen Schränkchen, das mit einem Schlüssel ver­schlossen ist?

In diesem magischen, geheimnisvollen Schränkchen liegen schamlos Ketoprofen und Nalorphin! In Kartons, Fläschchen, Ampullen. Neben Einwegnadeln, Pentazocin, Dolargan, Tramal, Morphin, die sich zu mehrstöckigen Häu­sern zusammenfügen, oder gar zu Hochhäusern, und die Skyline von Manhatten-Extasy ergeben. Es gibt noch an­dere Antidepressiva und Barbiturate mit geheimnisvollen Namen – weder ist das Latein, noch von Tolkien. Stell Dir nur vor: jede Ampulle ist das Paradies in Flüssigform, das sind die Bahamas, milliliterweise injiziert! Jede kleine Pille ist Atlantis im Meer des Leidens, das ist das Gelobte Land, serviert in durchsichtigen Gläsern … Das ist das Große Buch des Vergessens! Einfach schlucken, die Venen straffen, um mehr bitten!

Das magische Schränkchen, das geheime Schränkchen habe ich heute durch die angelehnte Tür des Behandlungs­zimmers gesehen. Beinahe hätte ich vor Glück geweint. Die Station ist gut versorgt, man kann mit Schmerzen in den Krieg ziehen. Ich muss mich nur mit den Schwestern gut­stellen. Nicht widersprechen, sich nicht beklagen, nicht we­gen jeder Kleinigkeit klingeln, und nachts schon gar nicht – selbst wenn ich unter Qualen zugrunde gehen würde. Wer eine Schwester in der Nachtschicht weckt, hat verspielt, es wäre besser, wenn er gar nicht erst geboren wäre. Am nächsten Tag bekommt er natürlich Aspirin oder Ibuprom.

Könntest Du mir ein paar Lindt-Schokoladen mitbrin­gen? Die großen, mit Nüssen. Und Kaffee, am liebsten den löslichen von Jacobs.

– Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska

1 Krystyna Ceynowa lebte auf der Halbinsel Hel; sie war die Witwe eines Fischers. Aus verschiedenen Gründen wurde sie verdächtigt, eine Hexe zu sein. Die Behörden waren jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bereit, einen Hexenprozess durchzuführen. Deshalb wurde sie 1836 von der Ge­meinschaft in einem Lynchmord umgebracht. Sie gilt als eine der letzten „Hexen“.