HIMMELCHEN

Niebko – „Himmelchen“ – ist eine Geschichte, gewebt aus ei­ner deutsch-polnischen Familiengenealogie. Eingeflochten ist eine gehörige Prise Nostalgie, doch die Stimme der Erzählerin bleibt diszipliniert. Viel Wärme ist zu spüren und die sichere Hand, welche die Mosaiksteinchen zusammenfügte und eine runde, gut lesbare Einheit entstehen ließ. Die Anfänge dieser Geschichte sind erhaben, biblisch geradezu. Der Vater „kam im mythischen Galizien zur Welt, an einem Ort, an den 1783 seine Ahnen aus dem Rheingebiet auf Fuhrwerken angerollt kamen, auf der Suche nach Speis und Trank. Die deutschen Kolonisten.“

Am wichtigsten ist nämlich an diesem Buch das Untypi­sche der Herkunft der beschriebenen Familie. Die Protago­nisten – die Eltern und Großeltern der Erzählerin (…) – sind polnische Deutsche. Oder deutsche Polen, denn Tatuś, also Papi, die zentrale Figur des Romans, „weiß jetzt schon nicht mehr, ob er Deutscher ist oder Pole“.

Waldek, früher Willi (oder „eigentlich Willi“) gehört zu den Vätern, die schwierige Angelegenheiten mit einem Schulterzucken abtun. Die Schicksalswirren werden hinter dem Alltagsleben versteckt, hinter dem vereinheitlichenden Schleier der Gewöhnlichkeit des Familiendaseins im Ostblock, in einer „Zwergenwohnung im dritten Stock eines Betonplat­tenbaus“. Erst die Stimme der Erzählerin definiert diese Lage als problematisch, fordert Aufdeckung, strebt sanft, aber be­stimmt die Wiederherstellung der Kontinuität an. Und zwar der väterlichen Stimme zum Trotz: „Das war gar keine Maske. Ich fühlte mich damals schon als Pole. Ich dachte da gar nicht an meine Abstammung. Ich bin doch in Polen geboren. Das ist Quatsch mit Soße.“

Dennoch färbt diese Doppelheit – einer der Bereiche der polnischen Vergangenheit, die am stärksten tabuisiert sind – auf das Schicksal der Familie ab, sowohl auf das unbewusste, emotionale Schicksal als auch auf das äußerliche, reale. Die berufliche Karriere des Vaters in der sozialistischen pol­nischen Armee findet ein jähes Ende, als die militärischen Oberhäupter seine familiären Wurzeln aufdecken. Die Ver­tuschung einer „verdächtigen Abstammung“ ist in Polen ein Attribut, das normalerweise den Juden zugeschrieben wird. Was ist schlimmer für die Generation der Autorin, die zweite Nachkriegsgeneration: das symbolische Erbe der Opfer oder das der Henker? Die deutsche Abstammung, nur scheinbar unsichtbar geworden, zur Gänze verschmolzen mit der Landschaft der „wiedererlangten Gebiete“ [der ehemals deutschen polnischen Westgebiete; A.d.Ü.] durch die Stabili­sierung der Nachkriegszeit, die polnische Staatszugehörigkeit und die Sprache, hört erst in der zweiten Generation auf, eine Last zu sein, findet eine literarische Form, die die Ordnung und die Existenzberechtigung wiederherstellt. In der Stimme der Erzählerin liegt etwas wahrhaft Beruhigendes, etwas von der haushälterischen Tüchtigkeit der deutschen Großmütter, der Wille und die Fähigkeit, über seinen eigenen kleinen Be­reich zu herrschen. Diese Stimme ist sowohl gewissenhaft – kein Detail der Familiengeschichte geht verloren –, als auch sparsam – der Text ist in sich geschlossen, auf das rechte Maß zugeschnitten.

Der zweite Handlungsstrang in Niebko ist die Geschichte von Basia, Willi-Waldeks Frau. „Mama und Papa“, wie in der Schulfibel. Auch eines der Kapitel ist so betitelt. Die weibli­che Genealogie, die mütterliche, trägt das künstlerische, zum Hausgebrauch kultivierte Talent in sich. Basia spielt Mando­line, zieht sich gern mit Töchtern und Enkelin auf den Dach­boden zurück und musiziert dort nur für sie. Neben dem Buchtitel, der ein altes Kinderspiel bezeichnet, ist diese Szene familiärer künstlerischer Betätigung symbolisch für den gan­zen Roman. Sie steht für die Fürsorge und die Erleichterung, die das Erzählen in sich trägt, allem väterlichen „Erzähl kei­nen Blödsinn“ zum Trotz.

– Kazimiera Szczuka

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes

AUSZUG

Ab nach Berlin 2014 also heute

Willi sammelt Osterhasen. Er bewohnt eine bescheidene Doppelhaushälfte in einem Vorort von Stettin. Das Haus hatte er in den achtziger Jahren zusammen mit seinem Bruder mit eigenen Händen gebaut. Unweit von hier schossen vor ein paar Jahren, Pilzen gleich, das überdimensionale Handelszentrum „Real“ und das ebenso geräumige Bauhaus „Castorama“ aus dem Boden, das den aus Deutschland Anreisenden bereits einige Kilometer nach dem Grenzübergang mit dem Werbespruch „Du baust, renovierst, richtest dich ein“ begrüßt. In diesem Haus, auf einem Holzregal im Esszimmer, stellt der dreiundachtzigjährige Willi Osterhasen auf, fein in Reih und Glied, vom Kleinsten bis zum Größten. Das sieht aus, als ob die Hasen gleich im Gänseschritt losmarschieren würden, und zwar in das Gelobte Osterland. Am besten gefallen Willi die von „Lindt“, die vergoldeten, mit dem kleinen Glöckchen und der roten Schleife um den Hals. Kein Mensch darf sie anfassen. HALT! Finger weg von den Hasen!!!

Basia, etwa neunundsiebzig, ist immer in Eile. Sie stolpert, balanciert sich am Abgrund des Tages entlang, kippt an jeder Türschwelle beinahe um. Weder hält sie die Wirbelsäule aufrecht, noch gibt ihr die Erde den nötigen Halt. Manchmal denke ich, es würde reichen, sie mit dem Finger anzutippen, und sie würde in tausend Stücke zerfallen. Sie kann nicht atmen, bekommt keine Luft. Der Kopf tut ihr weh. Andauernd brennt sie etwas an. Immerzu am Wegrennen, ständig auf der Flucht. Wenn ihre Töchter zu Besuch kommen, nimmt sie aus der Schublade die berühmt berüchtigten Vitamintabletten „Vitaral“ und steckt sie ihnen in den Mund. „Das ist Muttis Wunderwaffe“, erlaubt sich Tochter Ewa einen Scherz und lacht etwas verlegen, bevor sie wieder verstummt. Sie lacht zwar, und doch schluckt sie gehorsam eine blutrote Tablette nach der anderen, weil es zum einen herzlos wäre, seiner Mutter zu widersprechen, und weil sie zum anderen mittlerweile selber glaubt, dadurch vitaler zu werden. Tochter Marzena schluckt sie im Übrigen auch, und wie sie sie schluckt! Richtig hastig.

1945

Willi ist vierzehn, das Jahr 1945 ist noch jung. Er zweifelt stark, dass er unversehrt davon kommt. Schaut besorgt in den Himmel hinauf. Nein, es sind keine Mückenschwärme. Es sind Bomber der deutschen Luftwaffe – die so genannten Stukas, Sturzkampfflugzeuge, die Junkers JU 87. Sie sind überall, kommen von allen Seiten. Flink und tänzelnd tauchen sie im Sturzflug herab und beschießen mutig die sowjetischen Panzer und Laster – Monster, Ufos, Elefanten, die unerschrocken Richtung Westen ziehen, zum Großen Vaterländischen Krieg, und die Straßen verwüsten. Wehe den Spätzündern unter den Deutschen, die sich erst kurz davor zur Flucht aufgerafft und ihre Pferde vor die Fuhrwerke gespannt hatten. Wehe den Panzersoldaten der Roten Armee, den jungen Burschen mit den exotischen Gesichtern, die auf ihren Panzern sitzen und die Läufe ihrer Maschinengewehre hoch erhoben halten, wie zum Gebet. Schusssalven knallen. Menschen brüllen. Panzer gehen in Flammen auf. Der liebe Gott versteckt sich hinter einer Rauchwolke. Aus den Panzern rollt ein Angeschossener nach dem anderen. Aber die Riesenraupen kriechen unbeirrt weiter, wie Roboter. Soldaty vperiod. Die Jungs sterben wie die Fliegen und drängen dennoch unermüdlich vorwärts, nach Berlin, za rodinu, za Stalina, sie wissen längst selbst nicht mehr wofür eigentlich. Pechschwarz von Staub und Dreck, mit Ölfässern an Deck, bewusstlos, vom Alkohol betäubt, im Drogenrausch, in Trance, in einem miesen, dreckigen Traum. Sie fluchen: Job, mac‘, blad‘. Die Russen.

Sie werden den Pferdewagen von Willis Mutter in Neudorf bei Gnesen einholen. Willi wird sich diesen Namen genau merken. Jetzt wird sich alles wie im Film abspielen. Der Junge wird genau wissen: Weg hier, runter von dem Pferdewagen, von dem gleich nur noch Staub und Asche übrigbleiben. Er wird runter in eine Furche oder einen Graben springen, wie er das bei der Hitlerjugend gelernt hat. Seine Mutter mit Knecht Kowalczyk und dem kleinen Heinz werden auf der anderen Straßenseite ihr Glück versuchen. Er sieht es wie auf einem Bildschirm: Wie sie hinter einem Sandhaufen geduckt lauern und auf den Tod warten. Plötzlich wird etwas Braunes, Großes und Schweres auf Willi herunterknallen, ein riesiges Stück Fleisch, eine absurd schwere Decke, ein monströser Fladen. Dieses Etwas wird den Jungen niederschlagen, erdrücken, es wird feucht und dunkel. Willi wird keine Luft mehr holen können. Auf einmal aber wird ihn, bei fünfundzwanzig Grad Kälte, eine behagliche und wohltuende Wärme überkommen.

Papi, erzählst du, wie es war? […]

eins, zwei, drei
die 60er jahre und heute

„Papa, woher hast du denn so einen komischen Nachnamen?“, fragten Marzena und Ewa manchmal. „Mein Gott, woher auch!“ Waldek zuckte mit den Achseln. „Normal, nach irgendwelchen Vorfahren, aber Leute, wann war das schon! Irgendwelche Vorfahren waren Österreicher, was weiß ich? Lasst mich in Ruhe und ab zu den Hausaufgaben! Und wenn wir schon dabei sind, wer ist denn heute dran den Müll rauszubringen?“

Selbstverständlich niemand. Und die kleine Ewa schon mal gar nicht, das war klar. Aber Marzena gab keine Ruhe und ermittelte weiter: „Papa, woher kannst du denn Deutsch?“ „Mein Gott, woher auch! Ich hatte es in der Schule.“ „Weißt du was, weil ich“, Marzena stampfte mit dem Fuß, „weil ich niemals dieses Gebelle lernen werde, Halt und Hände hoch!“ Und als Willi einmal unvorsichtig die Möglichkeit einer Auswanderung in die BRD erwähnte, brüllte die Dreizehnjährige los, dass die dünnen Wände der Miniaturküche der sozialistischen Dreizimmerwohnung ins Wackeln kamen. „Aber ohne mich! Das, verflixt, ohne mich! Fahrt doch alleine hin! Ich bleibe hier, hier ist meine Heimat. Zu den Nazis NIEMALS.“

So so. Waldek, in Wirklichkeit Willi, der eigentlich Bauer und Zimmermann wie sein Vater und Großvater werden wollte, Hilda oder Susanne Bischoff, Börstler oder Koch heiraten und seinen Sohn auf den Namen Heinrich oder Rudolf taufen sollte, blieb in Volkspolen stecken, heiratete die hübsche Basia und nannte seine Kinder Marzena und Ewa. Schnell erklomm er die Stufen der militärischen Karriereleiter. Es hat nicht viel gefehlt, und er wäre Major oder gar General geworden – wenn die Vergangenheit seine Pläne nicht irgendwann durchkreuzt hätte, wenn sich das Verdrängte und Vergessene nicht eines Tages gewaltsam an die Oberfläche gedrängt und ihn zur Rückgabe seiner Hauptmannsuniform der polnischen Volksarmee mit vier Sternen auf den Schulterklappen unwiderruflich gezwungen hätte. Bis dahin wurde die Uniform in den Untiefen eines mit Ölfarbe weißgestrichenen, in eine Nische im Flur eingebauten Schrankes aufbewahrt, wo sich ab und zu, mit den Türen quietschend, sein kleines Töchterchen heimlich und verstohlen hineinschlich.

Waldek tat es ein bisschen weh, wenn seine Tochter mit solchen Sprüchen kam, dass sie niemals zu den Nazis, zu den Deutschen will. Denn Waldek war einmal sozusagen selbst eine Art Deutscher. Angenommen es existiere so etwas wie ein Deutscher. Nun weiß Waldek nicht mehr, ob er Deutscher oder Pole ist. Im Grunde genommen könnte man ihn für einen Polen halten, wenn da nicht der Umstand wäre, dass sein Herz bei Fußballspielen Deutschland gegen Polen doch stärker, scheinbar gegen seinen Willen, für die Deutschen schlug und Waldek unruhig in seinem durch lange Fernsehabende überstrapazierten Sessel zu zappeln anfing. In seinem langen Leben war Waldek, so gut es ging, das Eine wie das Andere. Er wechselte die Haut, zuerst um sich durchzuschlagen, um Schlägen und Tritten, letztlich auch dem Tod zu entgehen, dann wiederum um zu etwas zu kommen, Ansehen und Rang zu erlangen und die Familie mit sich in die Höhe zu reißen. „Ich wechselte gar nicht die Haut“ – widerspricht er und zuckt mit den Achseln. „Ich war eigentlich immer derselbe.“

Ach so. Die kleine Marzena bewahrte die Sternchen von den Schulterklappen ihres Vaters in einer Streichholzschachtel auf. Hin und wieder kontrollierte sie, ob alle noch drin waren, sie zählte sie immer wieder durch: Raz, dwa, trzy, cztery. Auf Deutsch konnte sie nicht zählen. Höchstens bis drei - das hat sie auf dem Hof gelernt: „Eins, zwei, drei wypieprzaj“. Ins Deutsche übersetzt heißt es „eins, zwei drei, verpiss dich dabei“. Das reimt sich so schön! Noch eins konnte sie sagen: „Guten Morgen, butem w mordę“, was so viel bedeutet, wie „Guten Morgen, Guten Morgen, Schuh aufs Maul und keine Sorgen“.

Aus dem Polnischen von Brygida Helbig