NACHTTIERE

Patrycja Pustkowiaks schriftstellerisches Debüt erregte mit seinem originellen Stil – einem ausgefeilten, forschen und rei­fen Stil – viel Aufmerksamkeit. „Nachttiere“ wurde als „Unter dem Vulkan für Frauen“ bezeichnet, mit dem Einwand aller­dings, dass es hier weit humorvoller zugehe als bei Malcolm Lowry. Ja, es ist ein Roman über eine Alkoholikerin. Über das Trinken, das Rauchen und andere Drogen. Über all die erns­ten Gefahren, die es für eine junge Frau mit sich bringt, allein in Warschaus finsterer, phantasmagorischer Szenerie un­terwegs zu sein. „Ihr einziger Begleiter – und zugleich Zeuge ihres Abstiegs – ist diese Stadt, Warschau. Ihr gewaltiger, aus­ladender Leib, über und über mit Säulen, Wohnhäusern, hoch aufragenden Plattenbauten gespickt und von Abertausenden blinkender Neonlichter erhellt.“ Am fesselndsten und er­staunlichsten ist Pustkowiaks Satzbau an sich: dicht, poetisch, mit Galgenhumor durchsetzt und von tragischer, faszinieren­der Eindringlichkeit. In den alkoholisierten Stadtlandschaften entdeckt die Schriftstellerin unerwartete Spuren von Poesie, die bis zur grotesken endgültigen Absturzszene immer wieder im Text aufschimmern. Tamara Mortus – so hat die Autorin ihre Hauptfigur getauft – ist eine anti-sentimentale Alkoho­likerin. Sie sucht keine Begründungen für ihren Niedergang, träumt nicht von Liebe, wartet nicht auf Rettung. Sie zwingt den Leser ganz einfach, den Weg mit ihr zu gehen.

Pustkowiaks Sinn für Dramaturgie kommt der Protagonis­tin dabei sehr entgegen. Die Autorin lässt ihre Geschichte bei einer Leiche beginnen und weist sogleich unverblümt auf den Missetäter hin. „'Dem Diebe brennt die Mütze', heißt es. Aber was Tamara angeht, seit wenigen Stunden frischgebackene Mörderin, so sieht die Sache komplett anders aus. Nichts brennt, weder an noch in ihr – Tamara ist wie ein Leuchtturm mit Stromausfall.“ Ist das wahr, fragt sich der Leser, oder ein­fach nur deliriöse Wahnvorstellung? Nun gilt es, herauszufin­den, ob die Autorin, nachdem sie uns schon den angenehmen Anfang verwehrt, ein ebenso entsetzliches Ende anpeilt.

„Nachttiere“ ist – entgegen einer der möglichen Lesarten – nicht nur ein spöttisches oder nihilistisches Buch. Sicher, die Autorin parodiert stellenweise den Stil der Großstädter um die Dreißig, die mit Kater-, Kotz- und Filmriss-Geschichten um sich werfen, als wären es originelle selbstgeschaffene Kunststücke. Doch selbst findet sie für solche Zustände eine ausreichend geräumige Form, die dem geistlosen Geplapper derer, die im Drogenrausch die Illusion von Unsterblichkeit suchen, etwas entgegensetzt.

Die junge Frau – hübsch, gebildet, dennoch arbeitslos, dazu sehr durchtrieben –, deren Kreditkarte aus alten korporatis­tischen Zeiten wie durch ein Wunder noch funktioniert, ist kein gewöhnliches Suchtopfer, kein unglückseliger Junkie, weder krank noch abstoßend. Sie ist die fleischgewordene Angst all derer, die noch arbeiten und kaufen, aber auch die Figur einer leidenschaftlichen Prophetin. Einer, die ihrer eigenen Generation die einzige, unangenehme Wahrheit of­fenbart: Auch für euch wird es keine Arbeit mehr geben und keinen Sinn, eine zu suchen, keine Illusionen über das teufli­sche Glück, das dem Zugang zu Waren und Dienstleistungen innewohnt. Aber – spinnt die Weissagerin, die Verführerin ihren Faden weiter – vielleicht kann man ja ohne all das leben. Und sei es im Leben nach dem Tod, denn möglicherweise lässt sich ja mit Kokain und Wein ein Mensch immer wieder zum Leben erwecken. Oder doch nicht? Diese Unsicherheit – die ewige Frage sowohl in Krimis als auch religiösen Abhandlun­gen – ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Romans.

Kazimiera Szczuka

AUSZUG

Je Weiter Tamara in die schwarze, zähe Masse ihrer Gedanken vor­drang, desto mehr ekelte sie sich vor sich selbst und ihrem Körper. Ihre Genitalien waren ein feuchter, dunkler Tunnel nach Nirgendwo, der zahlenden Gästen geheime Lust ver­schaffte, wie die Geisterbahn in einem Vergnügungspark. Als sie jung war, hatten immer alle gesagt, lebe enthaltsam, Sex verträgt sich nicht mit Katholizismus; später dann war es genau umgekehrt: Nehmet und esset alle davon, von die­sem Leib, in dem sie steckte. Sex war plötzlich in Mode, eine neue Religion, die sie ins Heiligtum der höchsten Freuden katapultierte. Dieser widersprüchliche Stimmenchor hatte sie, einen normalen Menschen mit dickem Fell und Welt­anschauung, zu einer Patientin auf dem ärztlichen Expe­rimentiertisch gemacht, umschlungen von einer Million unterschiedlichster Kabel, die Stoffe mit gegenläufigen Wir­kungen in sie einträufelten. Sie war krank, ihr Blut war eine Brutstätte des Gifts und alles, was sie herausbrachte, war ein verzweifelter und stumm hilfeflehender Logarithmus, den – weil schweigend gesprochene Wörter so wenig Inhalt haben – keiner entziffern konnte. Manchmal dachte sie, sie müsste nachts vor Schmerz leuchten, ihre Haut müsste mit neonblau leuchtenden Adern eine Botschaft nach außen senden. Aber um sie herum war ja doch nur Leere, nur das Zimmer durchzuckte ein grellblauer Lichtblitz – wie auf der Intensivstation oder im Hospiz. O lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren...

Den Sex zu zu streichen war deshalb wie eine Befreiung. Diesen Kampf mit ihrem Körper hatte sie gewonnen, einen anderen nicht – den Kampf gegen den Hunger. Ihr Körper forderte Essen und wollte von ihr gefüttert werden, ob sie müde war oder verkatert (es sei denn, es war ein Hungerka­ter, bei dem man sowieso nichts essen will); er war das Kind, das sie nie hatte und das ihr das Leben schwer machte. So auch jetzt: Ihr Körper versetzt ihr einen Faustschlag, will eine Mahlzeit. Doch die Alleinherrschaft in Tamaras Kühl­schrank haben das Licht und zwei Flaschen Magenbitter, die sie wohl auf dem Nachhauseweg gekauft haben muss, denn gestern waren sie noch nicht da. Tja, man könnte na­türlich jetzt eine Lichttherapie gegen Depressionen anfan­gen, davon hat Tamara in irgendeiner Esoterikzeitschrift gelesen – wenn sie auch nicht genau weiß, wie das geht.

Sie probiert es mit der einfachsten Lösung: vor dem Kühlschrank stehenbleiben, den Mund aufreißen – die Lüftungsklappe, durch die das ungewollte Leben langsam entweichen kann –, und warten, bis das Licht eingesickert ist und sie erfüllt. Reflexionen religiöser Natur stellen sich ein: sich mit Licht erfüllen, ist das nicht dasselbe wie die Vereinigung mit Gott? Gott ist das Licht, Gott ist die Liebe, ähnliche Geschichten hat sie sich jahrelang in Religion an­gehört; Gott ist alles, was es nicht gibt, könnte sie nach all den weiteren Jahren ergänzen. Und dieser Gott, der mo­mentan im Kühlschrank wohnt, will Tamara einfach nicht erfüllen, klammert sich an die weißen, leicht zerkratzten Ablageplatten, außerdem ist es kalt – die Helle sollte blen­den und wärmen, aber was tut sie? Sie spottet allen Bekeh­rungsversuchen, will nicht in den Körper hinein, sondern hat nur die altbekannte Kälte und Demütigung zu bieten.

Der Alkohol hat mir da schon angenehmere Sachen ge­boten, denkt Tamara beim Blick auf die rostbraun gefüllten Flaschen, die artig in einer Kühlschrankecke stehen. Aber momentan darf sie sich diese Freundschaft nicht erlau­ben, sogar abgewrackte Säufer wie sie müssen mal Pause machen und was essen. Und jetzt gerade überfällt sie der Katerhunger, ein Hunger der übelsten Sorte, bei dem man Lust auf scharfe Suppen hat. Vor ihrem inneren Auge sieht sie einen Teller dampfender Thaisuppe, ein idealer Mix von süßen, sauren und scharfen Gewürzen. Ein klein bisschen Wasser läuft ihr im trockenen Mund zusammen, aber was soll sie machen? Wenn sie wenigstens einen Brühwürfel und ein einziges, unter das Sofa gerolltes Raffaello hät­te, dann könnte sie sich eine Thaisuppe Marke Eigenbau brauen. Aber es ist wie verhext, sie hat nichts, nicht mal diese Zutaten, das Einzige, was sie sich machen könnte, wäre eine Magenbittersuppe, aber darauf hat sie momen­tan keine Lust.

Wie gut, dass sie in einer Großstadt wohnt, und nicht nur Großstadt, sondern Hauptstadt, und dass es in Haupt­städten alles gibt, auch ein reiches gastronomisches Ange­bot, das nicht zu nutzen eine Sünde wäre. Ein Anruf reicht und in einer Stunde landet die ersehnte Thaisuppe auf ihrem Tisch, nicht ohne vorher mehrere serpentinenar­tige Straßen zu überwinden, auf deren Staubkörnern die Schuhe zufälliger Spaziergänger rollen, und Hundepfoten und alles, was sich an sie heftet, vom Staub bis zu Mikro­organismen.

Mit der Suppe auf den Knien stellt Tamara den Fernse­her an und bleibt bei einer amerikanischen Sendung über die Verwesung des menschlichen Körpers hängen. Sie lässt sich einen Löffel köstliche Thaisuppe auf der Zunge zerge­hen, während der Sprecher vor der Kamera einen menschli­chen Schädel in verschiedenen Zerfallsstadien vorführt; zu­erst ist er ganz normal, dann bevölkern ihn Würmer, aber nicht nur eine Art, sondern mehrere, was man an den Far­ben sehen kann, und zum Schluss verschwindet das Fleisch­gewebe und zurück bleibt der weiße, säuberliche Knochen, wie man ihn aus Horrorfilmen oder dem Hamlet kennt.

Als nächstes kommt eine Sendung darüber, wie man das loswird, was so wenig Glück im Leben hatte, dass es gestor­ben ist – tja, passiert schließlich jedem. Man kann sowas zum Beispiel in einem Sarg begraben, im Preis liegt das zwischen X und Y, dafür geht die Produktion schnell, das Holz ist hochwertig, Zufriedenheit garantiert. Wer unter der Erde keine Würmer möchte oder Verwesungsprozesse nicht mag, kann sich anders entscheiden – aber besser zu Lebzeiten, später könnte es zu spät sein. Die moderne Feu­erbestattung wird in einem mindestens zweikammerigen Kremationsofen durchgeführt, dessen Konstruktion das di­rekte Zusehen nahestehender Personen bei der Zuführung der Leiche zum Ofen gestattet, was bei manchen unange­nehme Assoziationen wecken könnte; höchste Zeit, sich aus den klebrigen Tentakeln der Erinnerung zu befreien und den Weg des Forschritts einzuschlagen. Der Ofen kann mit Heizöl oder Gas befeuert werden, der Brennprozess ist computerüberwacht und geht vollautomatisch vonstatten. Die Asche wird nach dem Brennen und vor der Urnenbe­füllung in einer gesonderten Vorrichtung zerkleinert. Und dann heißt’s nur noch Urne in die Hand und ab nach Hau­se, das Ganze kostet kein Vermögen, höchste Zeit also, sich mal ein paar Gedanken über diese nette Alternative zum klassischen Begräbnis zu machen – brave Welt, legt uns schwanzwedelnd immer neue Ideen vor die Füße.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes