Sońka

Ein wahrlich meisterhaft konstruierter und in gewissem Sin­ne „tückischer“ Roman: „Sońka“ beginnt wie ein Märchen, und zwar nicht nur, weil die einleitende Phrase „Vor langer, langer Zeit“ lautet und gleich im Anschluss Tiere zu Wort kommen (Hund und Katze) – sondern auch und vor allem, weil sich in dieser Erzählung zwei Märchenfiguren wunder­sam begegnen: eine alte Frau, deren einziges Hab und Gut eine Kuh ist, und ein schöner Königssohn mit Luxusmercedes. Das Pech will es, dass das himmlische Gefährt mitten auf freiem Feld plötzlich stehenbleibt, „am Ende der Welt“ sozusagen, im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet in der Nähe von Słuczanka, dem Dorf, in dem – was wohl nicht ohne Bedeu­tung ist – Ignacy Karpowicz seine Kindheit verlebt hat. Die alte Frau lädt den Königssohn in ihre ärmliche Hütte ein, be­wirtet ihn mit frisch gemolkener Milch und erzählt von ihrem Leben. Sie heißt Sonia; ihr Gast hört auf den Namen Igor und ist ein angesagter und erfolgsverwöhnter Theaterregisseur aus Warschau. Igor begreift sofort, dass Sońkas Lebensge­schichte hervorragendes Material für ein bewegendes Stück über große Liebe und noch größeres Leid abgäbe, alles ange­siedelt in den Realien der deutschen Besatzungszeit. An dieser Stelle verliert der Leser die Orientierung; er weiß nicht mehr, ob er noch die wahre, aus dem Leben gegriffene Geschichte vor sich hat oder bereits den mehrfach überarbeiteten und effekthascherisch aufpolierten Theatertext, ein im Grunde kitschiges „Produkt“ aus der Feder des raffinierten Igor, der genau weiß, womit er die Herzen des Warschauer Publikums erobert.

Sońkas Leben ist nicht leicht: Sie wächst ohne Mutter auf, beim prügelnden und vergewaltigenden Vater und den herzlosen Brüdern, die sie für die Feldarbeit einspannen wie Vieh. Schweiß, Blut und Tränen – bis zum Jahr 1941, in dem Hitlers Heer auf dem Weg nach Osten durch ihr Dorf zieht. Ein Blick genügt und sie verliebt sich in Joachim, einen gut­aussehenden SS-Offizier. Ihre Liebe wird erwidert – und zwei Wochen lang trifft sich das Paar heimlich jede Nacht. Die Liebe beflügelt Sońka, lässt sie im buchstäblichen Sinn „abheben“ (während der zwei Wochen isst und schläft die Protagonistin nicht, schwebt gewissermaßen in überirdischen Sphären).

Der Preis für diesen Fehltritt wird hoch sein, doch noch ist das Urteil aufgeschoben: Schwanger heiratet Sońka einen jun­gen Mann aus der Nachbarschaft und bringt einen Sohn zur Welt, die Frucht ihrer Beziehung mit Joachim. Doch ein gutes Jahr später verliert sie alle ihre Nächsten: sowohl den grausa­men Vater und die groben Brüder als auch den ihr ergebenen Ehemann, das Kind und schlussendlich den Geliebten. Danach führt sie ein Leben in Einsamkeit, von den Dorfbewohnern als Verräterin, Hure und Hexe gebrandmarkt; von nun an sind die Haustiere ihre einzigen Freunde.

Karpowicz konfrontiert seine Protagonisten unablässig mit Fremdheit und der Unausdrückbarkeit von Erfahrung – ein ausgezeichneter Einfall. Sońka spricht weißrussisch, und Igor übersetzt ihre Geschichte nicht nur ins Polnische, son­dern auch in die Sprache des engagierten Theaters (für die Warschauer „bessere Gesellschaft“). Die Titelfigur ist, lesen wir, in ihren Gesprächen mit SS-Mann Joachim absolut ehr­lich, da sie kein Deutsch und er kein Weißrussisch beherrscht. Somit muss keiner von beiden lügen. Karpowicz „spielt“ die­se Gegebenheit bravourös aus: Wenn Sońka Joachims Aus­führungen über die Vernichtung der ortsansässigen Juden lauscht, malt sie sich in Gedanken ihre gemeinsame glückli­che Zukunft aus, das Idyll an der Seite des Geliebten – und der Geliebte wiederum kann, an Sońkas Brust gelehnt, ihre streichelnde Hand auf seinem Haar, endlich seine quälenden Alpträume in Worte fassen. Er erzählt ihr von den furchtba­ren Grausamkeiten, an denen er beteiligt ist, während sie ihm zuhört und zugleich nicht zuhört.

Ein phänomenales Konzept! Eine weitere interessante Idee des Autors ist die Einbindung quasi-autobiographischer Fi­guren in die Erzählung. Igor heißt, wie sich herausstellt, in Wirklichkeit Ignacy, kommt aus derselben Gegend wie Sońka und hat, besessen vom Gedanken an eine Weltkarriere, die ostpolnischen Wurzeln und die bäuerliche Identität in sich ausgemerzt und den russisch-orthodoxen Glauben abgestreift. Aber wie es so ist bei Karpowicz – alles steht hier in Gänse­füßchen, ist leicht ironisch und selbstironisch gefärbt, überall schwingt die Furcht vor dem allzu Direkten, Sentimentalen oder einfach Gestrickten mit. Vertrauen wir also „Sońka“ und genießen dieses Angebot zugleich mit Vorsicht – das ist es, was Ignacy Karpowicz von uns will.

– Dariusz Nowacki

AUSZUG

Auf dem Land finden sich die Leute leicht, ob sie wollen oder nicht, es sei denn, sie verschwinden, dann gehen sie unter wie ein Stein im Wasser, keiner hat was gesehen, gehört, gerochen, plupp, weg war er. Das Dorf ist eine eigene kleine Welt, alles in Hör- und Sichtweite, alle hocken so dicht aufeinander, dass keinem etwas entgehen kann, und später kommt dann die Strafe, meistens ist sie ungerecht. Ich schlich mich aus der Kate wie immer. Vater und Brüder lagen in tiefem, dump­fem Schlaf, als hätten sie Mohnmilch getrunken. Hinter der Pforte strich mir Wasyl um die Beine. Ich bückte mich, um ihn zu streicheln. Da schien es mir, als hätte ich etwas ge­hört, so etwas wie brechende Zweige, angehaltenen Atem und einen Schweißtropfen, der sich zwischen Brüsten sam­melt. Doch da war nichts, und ich ging meinen Weg, zur Brücke. Ich sah Joachim gleich: In meinen Augen, die das Tageslicht immer öfter tränen ließ und blendete, spiegelte sich eine deutliche Kontur, eine dunkle Kurve. Die beiden stählernen Blitze auf seiner Uniform glänzten. Diese Blitze, die eng beieinander standen und für einen Moment glei­ßend aufleuchteten – sie kamen mir vor wie wir.

Ich küsste ihn und nahm seine Hand. Zum ersten Mal war er überall angespannt, hart und abwesend. Kantig, wie aus Kanten, ohne Kreise und Krümmungen. Wir gingen zum Ufer, und er begann eine Geschichte zu erzählen. Erst dachte ich, es sei so eine Geschichte.

Bald ist der Krieg zu Ende. Dann gibt es keine Front mehr, dann brauchen sie mich hier nicht mehr. Ich nehme dich mit zu meiner Mutter, sie hat eine schöne Villa in der Nähe des deutschen Städtchens Haradok. Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben, er war Lehrer. Mutter wird sich freuen. Sie wird dich in ihr Herz schließen. Meine Mutter kann die Zukunft und die Vergangenheit vorhersagen; sie ist zweipolig. Später heiraten wir. Du kochst manchmal pol­nisches Essen. Und es schmeckt allen gut. Wir bekommen fünf Kinder: Waschil, Griken, Jan, Phrosch, Schiessen. In den Ferien fahren wir in Kurorte und ans Meer (Meer heißt auf Deutsch Juden). Wir haben eine Katze, sie heißt Raus. Die Katze liegt in der Sonne und jagt Schweine (so heißen auf Deutsch die Mäuse). Unser älterer eleganter Nachbar in Nadelstreifenanzug, Herr Abramowitsch, überschreibt uns sein Vermögen. Und ein anderer Nachbar, auch aus Polen, Herr Buchwald, gibt unserem Erstgeborenen seine Tochter zur Frau.

Ich dachte wirklich am Anfang, es sei so eine Geschich­te. Die Panik, die in mir aufflatterte, wenn ich Joachim sah, verwirrte mir so den Verstand, dass ich nicht mehr wuss­te, was ich wusste. Die Leute redeten ja. Die Panik rappelte in mir wie eine getrocknete Bohne in einer Blechbüchse. Mit jedem Satz wurde mir mehr bewusst, dass ich in mei­nem kompletten Nichtverständnis zu viel verstand; die Namen unserer ungeborenen Kinder klangen mir verdäch­tig bekannt, nur etwas verzerrt in der kehligen Redeweise. Dann hörte ich eine andere Geschichte, die unter der ers­ten zum Vorschein kam; ich hörte diese andere Geschichte Hunderte Male, schon nicht mehr aus Joachims Mund, son­dern aus dem Mund derer, die überlebt oder mit angesehen hatten, oder die den Alptraum verscheuchen wollten wie Flammen, indem sie mit den Händen wedelten und die Glut nur noch stärker entfachten. Oder war diese Geschichte vielleicht gar nicht über sie, sondern über meine Brüder und meinen Mann? Oder war das alles vielleicht noch gar nicht, sondern soll erst kommen?

Sie versammelten über hundert Menschen bei der höl­zernen Synagoge in Gródek, neben der russisch-orthodoxen Kirche. Ein heißer Tag. Die Juden warteten dicht zusam­mengedrängt. Sie hatten Angst. Es waren Krämer, Gast­wirte, Schuster. Und deren Familien. Leute, die noch etwas besaßen, nicht viel vielleicht, aber etwas trotz allem noch. Sie hatten buchhalterische Aufzeichnungen in Heften, Alp­träume von Jahwe, da ihr Gott noch niederträchtiger ist als unserer, sie hatten Bar Mizwas auf den Köpfen und junge Mädchen im Heiratsalter. Sie hoben ratlos die Arme, stopf­ten ihre Hände in die Hosentaschen, ballten die Hände zu Fäusten.

Es waren ältere Leute, sie rochen nach Staub und Lam­penöl; und es waren jüngere Leute, sie rochen nach Sonne und frischem Schweiß. Hinter einer Postenkette von Solda­ten drängten sich die Bewohner von Gródek. Manche hat­ten Mitleid, manche verstanden nicht, manche hofften auf Schuldenerlass. Manchen machte die plötzliche Erniedri­gung der wohlhabenderen Nachbarn Vergnügen, manchen Angst.

Die Soldaten zerrten zuerst einen jungen Mann aus der dicht gedrängten Gruppe. „Sehr gut“, sagte Joachim, genau wie er es einmal zu mir gesagt hatte. Der Soldat zog seine Mauser aus dem Pistolenholster, setzte den Lauf an die Schläfe und drückte ab. Nichts weiter, eine Fontäne aus Blutstropfen und zerbröselten Knochen.

Sonia schüttelte den Kopf, als begriffe sie nicht viel von dem, was sie heraufbeschworen, nicht aber mit eigenen Au­gen gesehen hatte. Dachte sie sich das am Ende womöglich alles aus? Kam vielleicht beim Zusammenprall von erzähl­ter mit tatsächlicher Geschichte die Wahrheit immer lädiert heraus? Igor lag, musste sich zusammenreißen. Schon ein­zelnes Leiden, zum Beispiel das eigene, und sei es das kürz­lich erlittene Halsleiden, ertrug er schlecht – massenhaftes, von oben geplantes und von unten in die Tat umgesetztes Leiden lähmte ihn. Er konnte nicht zuhören und fühlte nur mechanisch mit, in reflexartiger stumpfer Solidarität.

In einem leuchtenden Funken, der von Kater Jozik Pas­terz Myszy auf ihn übersprang, begriff er, dass er noch mehr in Erinnerung behalten musste, als Sonia erzählte, dass er die Erinnerung in ein theatrales oder erzählerisches Tretwerk einspannen musste, um sich selbst zu retten, um endlich etwas Wahres zu erzählen, endlich um etwas zu rin­gen. Obwohl er das nun gerade schon von Anfang an geahnt hatte, von der Schwelle an.

Der Junge fiel. Der Batjuschka von der orthodoxen Kir­che sagte immer wieder, Boh richtet die Gefallenen auf und wirft die aufrecht Stehenden nieder. Boh richtete den Jun­gen nicht wieder auf, presste weder die Blutstropfen noch die Knochenbrösel zurück an Ort und Stelle. Ob der jüdische Jahwe nicht so gnädig oder so gewaltig war? Schließlich war es für Ihn bei uns in Haradok wie in der Fremde – weit weg von allem Sand und aller Wüste, ein Auswanderer. Oder hatten wir es nicht anders verdient? Für den Jungen hat­te es ja keine Bedeutung mehr, aber in den anderen wuchs das Leid, die anderen brauchten ein Wunder und Beistand. Wie man sieht, hatten wir keinen Lazarus verdient. Obwohl Lazarus ja, wenn man es recht bedenkt, keiner von uns war, sondern ein Jude wie alle diese ersten Christen.

Angeblich sagte niemand ein Wort. Die Deutschen zerr­ten die Menschen einzeln heraus, setzten ihnen die Waf­fe an die Schläfe und drückten ab. Jeder Fall riss ein paar Personen aus dem Kreis der Zuschauer. Diese Leute gingen zu den Häusern, aber nicht zu sich nach Hause. Fiel ein La­denbesitzer, machten sie sich zu dem verlassenen Laden auf. Fiel ein Schuster, gingen sie in die unbesetzte Werkstatt.

Schließlich war nur noch der alte Herr Buchwald geblie­ben, und der Batjuschka und der katholische Priester. Da gingen die deutschen Soldaten ganz plötzlich, ließen fast hundert Leichen, drei Lebende und einen Fliegenschwarm zurück. Was Fliegen sofort wittern, sind Leichen und Schei­ße. Die Deutschen gingen einfach, als hätte dieser Vorfall keine besondere Bedeutung, als wäre die Arbeitszeit zu Ende und es käme nun der Feierabend. Fast hundert Lei­chen, drei Lebende und Fliegen.

So ist sie vielleicht gewesen, die Geschichte von Joachim. Ich dachte nicht mehr, dass Juden auf Deutsch Meer heiße, Raus eine Katze und Schweine Mäuse seien. Am meisten Mit­leid hatte ich mit Joachim. Ich liebte ihn und er lebte noch, aber er tat mir trotzdem leid, ich konnte nicht anders. Mein armer, hellhäutiger Joachim, sein schöner Körper, auf dem sich plötzlich verrenkte Umrisse von Leichen abzeichneten.

Joachim hörte auf zu reden. Bis heute weiß ich nicht, was er mir in dieser Nacht erzählen wollte: von der Zukunft und dem Mord in der Stadt, von der Zukunft nach dem Mord oder von der Zukunft ohne Zukunft, ich weiß es nicht. Fest hielt er meine Hand umklammert. Es tat weh, doch dieser Schmerz war nichts im Vergleich mit dem Schmerz, den er verspürte. Er fing an zu weinen, redete und weinte, ohne jeden Zusammenhang. Später legte er seinen Kopf an mei­ne Brust und schwieg. Ich atmete mit einem ganzen Sack Steine auf der Brust.

Wir saßen nicht lange so dort. Er küsste mich nicht ein­mal zum Abschied, berührte mich nur am Arm, dann an der Brust; meine Brustwarze wurde hart.

Ich sah ihm hinterher, wie er fortging; selbst als er schon lange mit der Dunkelheit verschmolzen war, stand ich noch am selben Fleck und fragte mich, ob mein Joachim eine nächtliche Truggestalt war oder doch ein Mann aus Fleisch und Blut.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes