GLÜCKLICHE ERDE

Mit „Glückliche Erde“ macht Łukasz Orbitowski, bekannt als Autor sogenannter „Genreliteratur“ (in diesem Fall: Horror und Fantasy) einen Schritt in Richtung „unattributierter“ Li­teratur, wiewohl er sich nicht ganz von seinem bisherigen Schaffen löst.

Sein neues, völlig zu Recht für den diesjährigen „Paszport“ – Kulturpreis der Zeitschrift „Polityka“ nominiertes Buch ist eine spezielle Art Generationenroman (der Autor ist 1977 ge­boren, es geht also um die Generation der heutigen Mittdrei­ßiger) und kombiniert eine realistische, eingehende psycholo­gische und soziale Analyse mit einer intelligent konstruierten Fantasy-Handlung.

Wörtlich genommen ist es die Geschichte einiger Freunde aus einer niederschlesischen Kleinstadt namens Rykusmyku, die an der Schwelle zum Erwachsenenalter gemeinsam ein unheimliches und tragisches Abenteuer durchleben. Dieses Erlebnis überschattet danach ihr ganzes weiteres, in großer Entfernung voneinander geführtes Leben und bewegt sie schlussendlich zu einer Rückkehr zum Ausgangspunkt, wo sie aufs Neue dem – sozusagen – „Unbekannten“ entgegentre­ten, dessen Natur der Autor auf höchst spannungsvolle Weise nach und nach enthüllt.

Orbitowskis Außerordentlichkeit besteht (außer im schriftstellerischen Können) darin, dass seine Kreation sich jeglicher eindeutigen Lesart entzieht – und das nicht nur, weil der Autor die allzu simple Gegenüberstellung von Gut und Böse vermeidet, weil er statt in Schwarz und Weiß lie­ber in Grautönen malt. Nein, denn vielleicht ist es noch viel wesentlicher, dass die beiden einander ergänzenden Narra­tionsebenen sich auch gesondert betrachten ließen: Die eine Ebene wäre eine weitere Geschichte über die Vertreter einer weiteren „verlorenen Generation“, die andere wäre die Schaf­fung (im Grunde: Rekonstruktion) eines bestimmten Mythos, der die „übernatürliche“ Komponente des Buches und die da­mit verbundenen Irrungen und Wirrungen befördert – wobei sich gewiss beide Teile als äußerst überzeugend herausstellen würden. Wenn Orbitowski sie dennoch verknüpft, dann viel­leicht, um ein Instrument zu erhalten, das die gewohnheits­mäßige Narration über gebrochene Lebensläufe, über Träume, deren Erfüllung manchmal zu viel kostet, über das mit jeder menschlichen Entscheidung verbundene Risiko universalisie­ren und zusätzlich verkomplizieren soll. Oder vielleicht sogar bloß, um diese Narration überhaupt entstehen zu lassen. Als einer der Protagonisten, schon gegen Ende des Buches, sagt: „Es war gut und es ging uns gut. Jetzt ist es schlecht und es geht uns schlecht. Wozu noch eine Geschichte dazudichten“, heißt das, dass es sich dabei nicht nur um eine zufällige Fra­ge handelt. Und dass Orbitowski, indem er seine Narration mythisiert und den Realismus durchbricht, darin eine Art der Verteidigung gegen das Schweigen, die Stimmlosigkeit und die Leere sieht, die nicht nur die literarischen Protagonisten aufsaugt, sondern ebenfalls (um es leicht pathetisch zu sagen) uns alle und jeden für sich.

Fast ein Grund, sich vor seinem nächsten guten Buch zu fürchten.

– Marcin Sendecki

 

AUSZUG

Meine Mutter hieß Wut. Wir wohnten zusammen, als ich zu hören anfing.

Ich bat sie lange, mich zu einem Arzt zu bringen. Doch sie bohrte selbst ihren Finger in meine Ohrmuscheln. Sie sagte, es sei alles in Ordnung und ich müsse tapfer sein. Auch ein kleiner Mann sei ein Mann. Dann verdrehte sie mir das Ohr.

„Der Arzt steckt dir eine Nadel da hinein“, bekam ich zu hören. „Das tut erst richtig weh.“

2

Es heißt, Wahrheit und Chancen, die gibt es nur in gro­ßen Städten, aber ich konnte mir trotzdem lange nicht vorstellen, an einem anderen Ort als in Rykusmyku zu leben. Mama, ja, die wäre gerne weggezogen. In Legnica erschreckten mich die langen Reihen mächtiger Altbauten. Als ich dort war, konnte ich förmlich die Riesen sehen, die in ihrem Innern lebten. Wrocław – wo wir selten waren – bestand aus dem Zoo, gelegentlichem Freizeitpark, Eis auf dem Hauptplatz und Kino mit alten Disney-Trickfilmen. Nach der Vorstellung setzte ich mich in den Bus und freu­te mich auf Zuhause. Deswegen fuhr ich auch nicht in die Ferien. Rykusmyku gab mir alles, was ich brauchte. Außer Stille.

Auf dem Schlossplatz, hinter der Haltestelle, befand sich ein Markt, auf dem jeden Tag etwas anderes verkauft wur­de. Montags Blumen, dienstags Tiere, mittwochs Kleidung, donnerstags Autos, und immer so weiter bis zum Sonntag, wenn jeder Schrott zu Geld gemacht wurde: bunte Feuer­zeuge aus Deutschland, russische Gameboyspiele mit Wolf oder U-Boot, Arbeiterhemden und Sandra-T-Shirts. Am allerliebsten auf der Welt wollte ich einen Mini-Taschen­rechner haben, einen runden, rot-weißen, der aussah wie ein Fußball. Mama gab mir sogar Geld, das ich aber gleich wieder verdaddelte. Den Mini-Taschenrechner malte ich mir selbst, in meinem Matheheft.

Der Hauptplatz war damals sehr heruntergekommen, doch am allerschlimmsten sah das Stadtratsgebäude aus, das nach dem Krieg gebaut worden war. Es machte den Eindruck, als zerfiele es vor Kummer über das Schicksal der anderen Häuser, mehrstöckige Altbauten, ramponiert wie die zwielichtigen Gestalten, die von früh bis spät in der Ratuszowastraße herumhingen. Hoch über den lücken­haften Dächern ragte die Strzegomska-Bastion empor, wo unser Haus stand. Daneben verlief die Staromiejskastraße mit Friseur und Spielzeugladen, ihr Ende bildeten ein ge­schlossenes Kino und das Kulturhaus, Mamas Arbeitsplatz. Wäre ich weiter geradeaus marschiert, hätte ich bald die Felder rings um Rykusmyku erreicht und eine waldige Haube vor mir gesehen, die sich über einen wassergefüll­ten alten Steinbruch legte. Rechts führte ein Kiesweg mit beidseitig stehenden Pappeln zu den Schmiedewerken, beim Abbiegen in die Gegenrichtung ging es zum Park mit einem Teich, auf dem Enten mit benzinschillernden Köp­fen schwammen. Auch einen kleinen Spielplatz gab es. Die Schaukeln bestanden aus Holzplanken und Reifen und wa­ren an Ketten aufgehängt. Etwas weiter floss ein Bach und vor ihm, auf einer leichten Anhöhe, stand das Skelett eines Betonbunkers und lud zu Kriegsspielen ein. Auf der ande­ren Seite des Flüsschens breiteten sich neue Wohnsiedlun­gen aus. Die Menschen, die dort wohnten, schienen fremd, wie Barbaren, die sich die Knochen ihrer Feinde tief in die tätowierten Gesichter bohrten.

Angeblich war dort einmal eine Frau vergewaltigt wor­den, eine Zugereiste. Sie tauchte aus unbekannten Gründen hier bei uns auf, nahm sich ein Privatzimmer und unter­suchte tagelang irgendetwas beim Schloss. Jemand überfiel sie gleich hinter dem Fluss. Sie ging zur Polizei, zog aber kurz darauf ihre Aussage wieder zurück und erklärte, alles sei einvernehmlich geschehen. Dann fuhr sie wieder ab. Ich war sehr klein, als ich diese Geschichte zufällig mit anhörte, und die Erwachsenen weigerten sich, mir zu erklären, was ich nicht verstand.

An der anderen Seite der Stadt lag noch ein Park, der größer und ungepflegter war. Dort stand die Friedens­kirche, der Stolz von ganz Rykusmyku. Sie war nach dem Dreißigjährigen Krieg ohne einen einzigen Nagel gebaut worden, zum Zeichen der Einigung zwischen Katholiken und Protestanten. Man brauchte nur zum Haus nebenan zu gehen, den Pastor zu bitten, und der Pastor schloss die Kir­che auf und ließ eine Stimme vom Band laufen, die einem die Geschichte dieses Ortes, Gottes und ganz Rykusmykus erzählte. Ein eingestürztes Gebäude, in dem vor dem Krieg ein Café gewesen war, diente uns hier als Spielplatz. Nach dem Zaun und der Straße kamen nur noch das Bahngelände und die Invalidengenossenschaft Inprodus. Ich stellte mir immer vor, dass dort Leute ohne Arme und Beine produziert würden, die man dann mit dem Zug an Orte schickte, wo sie gebraucht wurden.

Wir hatten auch ein Schloss. Das Schloss war das Wich­tigste, es lag zwischen Hauptplatz und Schlossplatz auf einem rostig aussehenden Hügel, es war ein pistazienfar­benes Schloss, sodass es an den Fürsten Piast erinnerte, der zweifellos einmal dort gewohnt haben musste. Fürst Rados­lav aus Tschechien hatte es gebaut. Hier waren immer die Könige und Marysieńka zu Gast gewesen. Im neunzehnten Jahrhundert wurde das Schloss ein Gefängnis, hundert Jah­re später ein Zwangsarbeitslager, woran sich manche unter uns noch erinnern. Vielleicht waren deswegen alle Eingän­ge zugemauert und die Fenster in den unteren Stockwerken mit Brettern vernagelt. Trotzdem hatte ich manchmal Lich­ter im Turm gesehen.

Nachts drangen aus den Eingeweiden des Schlosskom­plexes Geschrei, Gelächter und Laute anderer Art, die ich aufgrund meines Alters nicht verstehen konnte.

3

Meine Mutter war sehr schön. Eines Tages betrachtete ich mich nackt im Spiegel. Ich hatte einen eingefallenen Bauch mit flachem Nabel und kleine Augen, getrennt durch eine lange Nase. Ich ging zu Mama und fragte sie, warum sie mir nicht gesagt hatte, dass sie nicht meine Mama war. Eine schöne Frau kriegt doch keine hässlichen Kinder, wollte ich noch sagen, bekam aber eine geklebt.

4

Unser erstes Spiel hatte mit dem Schloss zu tun. Schwer zu sagen, wie alt wir waren, vielleicht acht, vielleicht auch jünger. Die Erwachsenen sagten, es sei dort zu gefährlich und man könne irgendwo herunterfallen; ich hörte auch Geschichten von einem Labyrinth ohne Ausgang und einem Jungen, der vor langer Zeit hineingeraten sei und bis jetzt darin herumirre, obwohl er schon erwachsen war. Doch wir wussten es besser.

Trombek war es wohl, der den Eingang fand – einen Baum mit einem Ast, der genau bis unter ein Fenster im ers­ten Stock reichte. Wir gingen alle fünf mindestens einmal im Monat hin. Im Sommer noch öfter. Ich rutschte von dem Ast direkt in die Kühle, landete auf Schutt und Glas. Der ab­wärts führende Gang schluckte alles Licht. Wir lümmelten uns auf der steinernen Fensterbank. Jeder machte Witze, versuchte, sich selbst und den anderen Mut zuzusprechen. Die Mutprobe sah immer gleich aus und endete auch im­mer gleich. Wer wagte sich weiter ins Dunkel vor? Schaffte es einer bis zum Ende des Ganges? Sikorka behauptete, da unten sei ein unterirdischer See, konnte aber nicht erklären, woher er das wusste.

Das Feuerzeug hielt ich mit einem Stofffetzen oder Handschuh, um mir nicht die Finger zu versengen. Ich ging dicht an der Wand. Von Zeit zu Zeit spähte ich zurück, zu dem kleiner werdenden hellen Viereck und den vier ge­spannt wartenden Schatten. Ich zählte mit, sie zählten mit. Eine Zahl, ein Schritt. Ich setzte die Füße vorsichtig auf, scharrte das Geröll mit der Schuhspitze beiseite. Es wurde immer dunkler und immer kühler. Ich dachte an den Jun­gen, der unter der Erde lebte, an den See voller Ungeheuer und an die Räuber, die dort ihre Höhle hatten. Das Fenster wurde immer kleiner, ich ging immer langsamer, bis ich schließlich herumfuhr und so schnell zurückrannte, wie ich konnte, und dabei aus vollem Halse schrie. Das war nicht peinlich, denn jeder machte es so. Wenn ich mehr Schritte als irgendwer vor mir gemacht hatte, ritzte DJ Krzywda den Rekord in die Mauer ein. Wenn nicht, dann nicht.

Danach gingen wir zum nun schon menschenleeren Marktplatz und setzten uns auf die langen Tische. Wir erzählten uns, was wir noch alles tun wollten, wie toll es würde, wenn wir es endlich bis ganz unten schafften, und wärmten verschiedene Geschichten über das Schloss wie­der auf. Irgendetwas lebte dort, irgendetwas wartete. Das Schloss war unser erstes Spiel. Und es erwies sich als das letzte.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes