SINGE DIE GÄRTEN

„Singe die Gärten" ist ein Roman mit vielen Handlungsschich­ten und dicht an Bedeutung. Grob gefasst verflechten sich darin drei Geschichten. Am eingehendsten beschrieben wird das Schicksal der Familie Hoffmann (er - unerfüllter Kompo­nist, sie - zweitklassige Sängerin). Wir beobachten die beiden hauptsächlich in den 1930er Jahren; damals sind sie Bürger der Freien Stadt Danzig, wohnen in der Ulica Polanka (damals Pe- lonkerweg). Die zweite Geschichte ist eine Familiengeschichte - hier ist die zentrale Figur der Vater eines Romanschriftstel­lers, ein tapferer und kluger Mann; 1945 ist er er nach Gdańsk gekommen, um am Polytechnikum zu studieren und ein neu­es Leben zu beginnen. Auch er ist ein Bewohner des Hauses an der Ulica Polanka geworden. Und schließlich haben wir eine dritte eingeflochtene Geschichte, die sich auf ein gefundenes Manuskript stützt; es sind Niederschriften aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, aus der Feder eines französischen Libertins, der sich am selben Ort niederließ, an dem fast 200 Jahre spä­ter die Hoffmanns leben.

Eigentlich kommen sogar zwei gefundene Manuskripte vor, denn gleich am Anfang des Romans erhält Ernst Theodor Hoffmann von einem geheimnisvollen Antiquar die unvollen­dete Handschrift einer unbekannten Wagner-Oper. Das wie­der aufgetauchte Werk soll angeblich eine musikalische Bear­beitung der Legende vom Rattenfänger von Hameln sein, am bekanntesten in der Version der Gebrüder Grimm. Und hier­in besteht der Anknüpfungspunkt zu einem weiteren litera­risch-musikalischen Spiel: Das Märchen über den berühmten Flötenspieler bezieht sich metaphorisch auf eine Welt, die im nächsten Moment in Flammen aufgehen wird, denn soeben hat Hitler die Bühne der Geschichte betreten. Um die Sache noch komplizierter zu gestalten: Ernst Theodor arbeitet nicht nur fieberhaft und wie besessen an der Vervollständigung der Wagner-Partitur, sondern schreibt auch einen eigenen, von Rilkes Gedichten inspirierten Liederzyklus; einige Episoden von Huelles Roman sind die Weiterführung oder Verarbeitung der beim Schöpfer der „Sonette an Orpheus" vorgefundenen lyrischen Bilder. Der Romantitel stammt auch von Rilke.

Von wesentlicher Bedeutung ist des Weiteren die ständi­ge Anwesenheit des Romanschriftstellers. Dieser Charakter kommentiert die Ereignisse rund um die Romanhandlung sowie die eigene schriftstellerische Tätigkeit. Wir kennen seinen Namen nicht, aber es deutet viel darauf hin, dass es sich um eine autobiographische Figur handelt. Der Roman­schriftsteller achtet darauf, dass der vielstimmige Chor nicht in autonome Einzelteile zerfällt, doch vor allem erzählt er von seinen Absichten. Erstens will der erwachsene Mann seine sorglose, glückliche Kindheit rekonstruieren und bei der Ge­legenheit die Liebe zu seinem Vater und die Verbundenheit zu seinen kaschubischen Freunden ausdrücken. Hier kommt einem Herrn Bieszk eine besondere Rolle zu, der den Jungen mit seinen Erzählungen über den archaischen Volksglauben in die volkstümliche Wunderwelt einführte. Zweitens will der Romancier Ernst Theodors Frau Greta Hoffmann seine Ehre erweisen, einer Deutschen, der es gelang, nach 1945 in Gdańsk zu bleiben, und die vor dem Jungen den Reichtum der deut­schen Kultur enthüllte, vor allem der musikalischen. Drittens schlussendlich erörtert Huelles Sprecher - mittels der Prota­gonisten des Romans - Fragen moralischer Natur.

Paweł Huelles Roman ist in einem Moment erschienen, in dem sich recht unerwartet die Sehnsucht nach einem Prosa­Meisterwerk einstellte. Mit seiner ästhetischen Gewichtung, den Diskussionen über die Große Kunst und seiner Verwur­zelung in der literarischen und musikalischen Tradition der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Werk des Gdańsker Schriftstellers eine gute Antwort auf dieses Bedürfnis.


- Dariusz Nowacki

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes

AUSZUG

Nach Jahren sehe ich seine rauhen Hände, die kein Ruder, sondern die Zügel des zweispännigen Fuhrwerks hielten, dennoch steigt Herr Bieszk nicht als Kutscher, der von einem Stadt­viertel ins andere fährt, aus dem Reich der Erinnerung auf. Vielleicht hieß er auch Bieszke? Mit Sicherheit nicht Bieszczański. Solche Namen hatten die Kaschuben nicht. Jedenfalls nicht die, die wir vom Markt in Oliwa, von der Danziger Höhe oder den Dörfern auf Hela kannten. Also las­sen wir es dabei - Bieszk. Aber warum beginne ich mit ihm? Er hatte vom Rheuma verkrümmte Finger, symmetrische Narben auf beiden Wangen, immer einen Dreitagebart, aus dem nie ein richtiger wurde, und außerdem roch er stark nach Tabak, Pferden und schwerer Arbeit, bei der ihm ein Schluck aus der Flasche von Zeit zu Zeit etwas Linderung verschaffte. Als er Gniadosz und Baszka die Peitsche gab, als der mit unserem Hab und Gut beladene Wagen langsam die Lindenallee hinab auf das Pflaster der Ulica Polanki rollte, schaute ich mich um und sah im Fenster des Wohnzimmers, hinter der vergilbten Gardine, Frau Greta. Sie winkte offen­sichtlich nur mir, als wäre ich ihr Enkel. Als wollte sie mich noch für einen Moment auf der anderen Seite halten. Aber Bieszk stimmte auf dem Kutschbock schon ein kaschubi- sches Liedchen an: „Lass uns einen trinken aus dem klei­nen Fläschchen", was mein Vater mit einem schüchternen Brummen begleitete. Meine Mutter schwieg. Nach einer Weile, als der Wagen schon über die Ulica Polanki ratterte, sagte sie: „Endlich weg von dieser Deutschen!"

Die Pferdehufe schlappten über die Steine, die unter Kaiser Wilhelm gelegt worden waren, und ich war eigent­lich froh, dass wir in eine neue Wohnung zogen, in der ich endlich meinen eigenen Bereich haben würde. Wir passier­ten die abgerissenen Brückenpfeiler der toten Bahnlinie, die wie Rippen eines altertümlichen Mammuts jenen Teil Oliwas von Wrzeszcz trennten, als Herr Bieszk sich zu mir umdrehte und auf kaschubisch fragte:

„Ein Rätsel?"

Ich nickte erwartungsvoll.

„Was ist das: hat ein Bein und kann nicht gehen, hat zwei Flügel und kann nicht fliegen?"

„Die Nase", sagte ich sofort.

Er nickte rasch und stellte die nächste Frage.

„Was ist das: Es ist grün, hängt am Baum und singt?"

Hier wusste ich keine Antwort. Herr Bieszk lächelte tri­umphierend und sagte schließlich:

„Ein Hering."

„Aber ein Hering ist nicht grün!" rief ich.

„Wenn du ihn anmalst, ist er grün."

„Aber Heringe hängen nicht an Bäumen", sagte ich zwei­felnd.
„Das hab ich nur gesagt", grinste Herr Bieszk, „damit du’s nicht rauskriegst."

Vater, der neben Mama auf der Holzbank saß, lachte lei­se, und Herr Bieszk sah ein, dass er noch irgendetwas zu mir sagen musste. Er wechselte ins Polnische.

„Was guckst du so traurig? Musst du nicht. Ein Umzug ist kein Krieg. Kein Feuer. Keine Krankheit. Es ist ein Anfang, kein Ende."

Die Sonne war hinter schweren Wolken versteckt. Es nieselte. Koffer gab es wenige, dafür viele Bündel, Päckchen, Schachteln, Säcke und eine ganze Menge loser Gegenstände: eine Kaffeemühle, eine Wärmflasche, eine kleine Schrank­uhr, irgendwelche Kissen, Bücher, kleine Bretter für ein zu­künftiges Schränkchen im Flur, mehrere Paar Schuhe, ein Röhrenradio, ein Grammophon, Töpfe - kurzum: ein typi­scher Umzug von armen Leuten. Herr Galiński, der schon in dem neuen Haus, im ersten Stock, wohnte, half uns, die Sachen in unsere beiden Zimmer im Parterre zu tragen. Auch Bieszk half; es ging also schnell. Das Fuhrwerk stand gegenüber vom Haus, die Pferde zupften Gras von der Wie­se, und mein Vater lud, als schon alles hineingetragen war, Bieszk und Galiński zu einem Imbiss ein. In der Küche, wo es noch nicht die weiße Kredenz mit den Milchglasscheiben gab, auch keine Hocker und nicht einmal einen Tisch, stan­den die drei Männer am Fenster mit einer offenen Flasche klarem Wodka, aßen dazu Speck, Gurken und Brot und wa­ren glücklich, denn sie hatten an jenem Tag keine schwere Arbeit mehr, als wäre es plötzlich Feiertag geworden, an einem ganz normalen Werktag. Im Badezimmer, das noch scharf nach der Ölfarbe der Wandverkleidung roch, ragte eine hohe Säule mit einem kleinen Ofen auf.

„Du musst lernen, Feuer zu machen", sagte Mutter, „da­mit wir warmes Wasser haben. Das wird deine Aufgabe sein."

Ganz unten hin kam eine Zeitung, die Głos Wybrzeża. Darauf Holzscheite. Dann etwas dickere, kurze Klötze. Erst nach einer Weile, wenn das Feuer zu lodern begann, muss­te man zwei Schaufeln Kohle aus der Stahlkiste dazugeben. Der Schein der Flammen hinter dem gusseisernen Gitter war so stark, dass ich das elektrische Licht ausschaltete und meine neue Beschäftigung sofort liebte.

Die Männer schraubten währenddessen zwei Betten zu­sammen: das erste aus Holz, im Schlafzimmer der Eltern, und dann eines aus Eisen, wesentlich kleiner, in meinem Zimmer; danach gingen sie wieder in die Küche, wobei sie ihre laute Unterhaltung keinen Moment unterbrachen. Die Geschichte steuerte gerade auf meine Lieblingsstelle zu, die, bevor sie zur Erzählung wurde, ihren Ursprung in realen Ereignissen hatte, in solchen allerdings, die sich niemand hätte vorstellen können. Mein Vater verließ gerade auf der Mottlau den Kajak, mit dem er gekommen war, warf das Ruder und damit seine ganze Vergangenheit weg und machte sich auf die Suche nach einem neuen Leben. Mit ei­nem kleinen Rucksack marschierte er durch die erste aus­gebrannte Straße, zwischen den noch rauchenden Ruinen der Häuser und Kirchen hindurch, sprang über die Leichen von Menschen und Pferden, die nicht begraben worden wa­ren, wich übriggebliebenen militärischen Geräten aus, die so manche Kreuzung versperrten, hier und da hielt ihn ein sowjetischer Posten auf, doch keiner konnte ihm erklären, wo sich jenes sagenhafte PUR1 befand, das er finden muss­te, um Essensmarken sowie einen Schein mit einer amtlich zugeteilten Adresse zu bekommen. Nach einer strammen Stunde Fußmarsch gelangte er zum Polytechnikum, wo man ihm bestätigte, er könne sich zum ersten Trimester für Schiffbau einschreiben, aber erst in ein paar Wochen, wenn das Aufnahmeverfahren beginne; und erst dort, in seiner zukünftigen Hochschule, gab man ihm die Adresse jenes magischen PUR. Wieder machte er sich zu Fuß auf den Weg, zurück zur verwüsteten Stadtmitte, durch die Große Allee, auf deren von Geschossen zerpflügten Gleisen ausge­brannte Straßenbahnwaggons standen, ohne Fensterschei­ben und ohne Lichter, wie eine abscheuliche Prozession von Krüppeln und Blinden.

„Tat es Ihnen nicht leid um den Kajak, den Sie auf der Mottlau gelassen haben?" fragte Herr Galinski. „Der muss doch damals ein Vermögen wert gewesen sein. Man hätte ihn auch gegen Essen tauschen können, mindestens zwei Gläser Marmelade oder eine Büchse Dosenfleisch!"

„In dieser Zeit gab es keinen Bedarf an Kajaks", erwiderte Vater ganz ruhig. „Außerdem hatte ich fast siebenhundert Kilometer mit ihm zurückgelegt, zuerst auf dem Dunajec, dann auf der Weichsel. Er hatte mehr Löcher, als wir Jahre auf dem Buckel haben. Eine Schrottkiste. Schlimmer als ein altes kaschubisches Boot."

Ich wusste, dass in meiner Lieblingsgeschichte des Anfangs jetzt gleich der Wendepunkt kommen würdeein Viertelstunde vor Schließung des PUR-Büros, wo es in dem schmalen Flur von verzweifelten Menschen wimmelte, er­blickte mein Vater Herrn Bieszk und Herr Bieszk meinen Vater, und sie wurden sofort Freunde. Bieszk wusste, wie man außerhalb der Schlange zum wichtigsten Beamten vor­dringen konnte, aber er war nicht imstande, auf Polnisch ein Gesuch zu schreiben, auf kaschubisch hätte es niemand haben wollen, und das Deutsche, in dem er von der Front aus sogar drei Karten an seine Mutter gekritzelt hatte, war nicht mehr Amtssprache, das Deutsche hatte sich selbst für viele Jahre aus dem Verkehr gezogen. Vater feuchtete also den Kopierstift an und schrieb auf dem Knie für Herrn Bieszk rasch, was dieser brauchte: die Bitte um die Rückga­be zweier Pferde, die einen Tag zuvor zusammen mit dem Fuhrwerk von einer sowjetischen Militärpatrouille für die Rote Armee requiriert worden waren; und so traten sie vor den wichtigsten Beamten des PUR, mit dem Gesuch um die Rückgabe eines landwirtschaftlichen Fuhrwerks und der mündlichen Bitte um Zuteilung eines Schlafplatzes für meinen Vater.

Sie erreichten nichts.


Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Poln.: Państwowy Urząd Repatriacyjny, Staatliche Behörde für Repatriie­rung, 1944 gegründet, war mit der Organisation der sog. „Repatriierung“ be­fasst, d.h. der Umsiedlung der Polen aus den von der SU besetzten Gebieten