Die Vogelstrassen

„Wir sind nie über diese Straßen geschlendert. Niemand ist überhaupt auf die Idee gekommen; als ob wir uns selbst den Zutritt verwehrt hätten“, schreibt Piotr Paziński in „Das Manuskript Izaak Feldwurms“, einer von vier langen Erzählungen aus dem Band Die Vogelstraßen. Auf den Seiten des Buches wird das Verbot gebrochen, wir betreten einen Raum, der ungewöhnlich reich ist an Bedeutungen. Es ist das Gebiet des nördlichen Warschauer Vorkriegs-Stadtteils, aus dem später das größte jüdische Ghetto Europas gemacht wurde – denn genau dafür stehen „jene“ Straßen bzw. die „Vogelstraßen“; dazu verurteilt, „nie von den Toten aufzuerstehen“, sind sie doch voller Leben, sie nehmen uns mit ihrer seltsamen „Zwischenwelt“ gefangen, die Zeit und Raum des gesamten Erzählbandes prägt. Bei Paziński verströmt dieser unsichtbare Ort, überlagert von der Nachkriegstopografie, getilgt auf Karten und in Gedächtnissen, ein so intensives posthumes Leben, dass die Realität der Gegenwart schwindet und verblasst, während die Phantome wieder zum Leben erweckt werden. „Das aktuelle Straßennetz wurde wahllos ausgeworfen, als hätte es dort zuvor keins gegeben, als hätte es sich nicht an den Boden geschmiegt, hätte im luftleeren Raum gehangen, unbeholfen das Nichts verdeckend.“ Die „Adler-, Gänse-, Krähen- und Entenstraße“ (im Grunde genommen alles Vogelnamen), „brachten die Luft zum Klingen, und es schien, als würde jede ihre eigene Melodie singen.“ Die wichtigen und die nur erwähnten Helden der Erzählungen sind alte Bekannte, ein familiärer Kreis von Überlebenden der polnisch-jüdischen Welt. Herr Sztajn, Frau Tecia, Dr. Kamińska, Herr Abram, Herr Rubin, die Oma, die Onkel, schließlich zwischen alledem der Erzähler, der der Generation der Enkel angehört, der ersten Generation nach dem Holocaust. Sie alle sind in Anspruch genommen vom phantastischen Leben, von der Tätigkeit, Erinnerung zu schaffen. Manche Figuren sind gänzlich phantasmagorisch wie der titelgebende Feldwurm oder der Zaddik aus der Erzählung „Trauerzug“. Andere – wie der von unkonzentrierten Trauergästen getragene Verstorbene oder Dr. Kamińska – erscheinen vorübergehend in Gestalt von wirklichen Leichen. Sie alle gehören jedoch jener Zwischen¬welt an, der Welt von Menschen und Geistern, deren Domäne nicht das klassische Unheimliche, sondern die Literatur selbst ist, die erlahmende Magie der Fiktion, die ständig vom Leser wiederbelebt werden muss und in der die Vergessenen fort-bestehen.

So ähnlich wie in dem Debüt Die Pension, wenn auch tiefgründiger, beruht die Struktur der Prosa auf der Idee eines Ausflugs an einen Ort, an dem die Vergangenheit lauert, sich verbirgt, aber auch darauf wartet, dass sie jemand beim Namen nennt. Man kann sie wittern, sie sich vorstellen, sie erblicken. Kann man, muss es aber nicht. Die elegische Erinnerung geht zum Teil, unsicher, unbeständig in Erfüllung. Der Autor führt uns durch einen halb realen, halb geträumten und geis¬terhaften Raum, findet eine Form für die Abwesenheit, einen Begriff für die Nicht-Existenz, eine Darstellung für das Un¬sichtbare. Paziński erweist sich als ungewöhnlicher, ironi¬scher Forscher und Chronist der jüdischen Welt. Der Stil, den er dabei geschaffen hat, ist zugleich ausdrucksstark und ruhig, virtuos, aber sich der eigenen Hilflosigkeit bewusst. Sein Schreiben ist die reiche, tief verinnerlichte Erkenntnis, dass sich das, was einst als Literatur der Erschöpfung bezeichnet wurde, infolge des Holocaust endgültig erfüllt hat: Die Not¬wendigkeit, in der Literatur über die Nicht-Existenz von Helden und sogar den Tod von Gegenständen zu schreiben, wie es in der meisterhaften Erzählung „Die Wohnung“ der Fall ist. Der gelehrte Stil, reich an Paraphrasen von Bruno Schulz, biblischer Travestie und Anspielungen auf den Talmud, ist eine besondere Form, die Philosophie des Verlustes zu praktizieren, die der schriftstellerischen Mission von Paziński zugrunde liegt.

Kazimiera Szczuka

Piotr Paziński (geb. 1973), Journalist, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer, Chefredakteur der zweimonatlich erscheinenden jüdischen Zeitschrift Midrasz, Autor eines Buches über James Joyce. Für seinen Debütroman Die Pension (2009) wurde er mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet, der vom Europäischen Parlament verliehen wird.

AUSZUG

Jakob antwortete nicht. Seit einer geraumen Weile hörte er nicht mehr zu, er beobachtete ein paar Eichhörnchen, die sich auf einem Ast nachjagten. Der Mann, der sich als Lejzer vorgestellt hatte, bemerkte es und verstummte. Auch die Stimmen vom Trauerzug waren nicht mehr zu hören. Jakob begann, sich Gedanken darüber zu machen, ob es wirklich gut gewesen war, mit jenem Menschen hier zu bleiben, der, wie man meinen musste, nicht viel mit den anderen Trauergästen gemeinsam hatte und der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem ganzen Zeremoniell machte.
„Wir holen sie ein, sie werden noch mehr als einmal hier vorüberkommen“, beruhigte ihn jener. „Ich erzähle Ihnen lieber, wie das richtige Schreiben aussah. Ich erinnere mich an meinen Großvater, Schmuel den Sofer, wie er über den heiligen Rollen brütete. Er saß in aller Ruhe an einem Bogen bester Kalbshaut, und wir hatten Angst uns zu rühren. Wir waren kleine Kinder, Sie wissen schon. Normalerweise rennen kleine Kinder im Raum herum, aber nicht bei uns. Bei uns herrschte nicht so ein Trubel wie bei normalen Menschen. Das Haus war recht klein, und es waren viele Kinder, aber niemand lärmte, ha, niemand sagte ein Wort, manch¬mal hat uns nur Großmutter leise etwas zugeflüstert. Bei uns war es mucksmäuschenstill! Niemand wagte, sich am Kopf zu kratzen. Was sage ich da, wenn wir die Luft hätten anhalten können, hätten wir bestimmt nicht geatmet, genau wie Leichen, die auch nicht atmen. Hauptsache den Großvater nicht stören, der vom frühen Morgen bis spät in die Nacht die Thora abgeschrieben hat. Später, wenn alle schliefen, meditierte er über jedem geschriebenen Abschnitt und formte aus den heiligen Versen seine eigene Erzählung. Tagsüber waren alle Enkel vollzählig, aber es war nichts zu hören als das Schaben seiner Feder! Die Großmutter sorgte sich. Was geschieht, wenn der Großvater einen Fehler macht? Wenn ihm die Feder bricht? Aber der Großvater machte keinen Fehler, und manchmal erlaubte er mir, dem ältesten Enkel, und natürlich unter der Bedingung, dass ich schweige, hinter ihm zu stehen und zuzusehen ...“
Jakob hielt Ausschau nach dem Trauerzug. Auf dem Weg kam niemand, aber Jakob hätte schwören können, dass er wiederholt Menschen hatte laufen hören, mal näher, mal weiter weg. Der Mann achtete nicht darauf. Er weilte irgendwo in weiter Höhe, für Jakob unsichtbar, und sprach immer erregter, als hätte er seit langem keine Gelegenheit dazu gehabt.
„Ich sah also dem Großvater über die Schulter und las die Thora! Und sogar zwei auf einmal! Eine, die ganze Thora, lag auf Rollen gewickelt auf dem Tisch, genau wie in der Bima in der Synagoge. Aus ihr kopierte Großvater Vers um Vers,
 
in der Reihenfolge, wie sie einst sein Vorgänger geschrieben hatte, und davor noch ein anderer Sofer, bis hin zu Mojsche Rabejnu selbst. Jeder Buchstabe war gleich wichtig, ge¬nau wie jedes Krönchen über sieben von zweiundzwanzig Buchstaben, die gemeinsam einen Körper ergaben. Und die ganze Rolle war wie ein Name, den der Großvater geschickt in einzelne Ausdrücke teilte. Ich las sie, wenn sie auf dem Pergament erschienen, das auf eine für mich unverständliche Weise genau an den Stellen schwarz wurde, wo es sollte. Großvater berührte es nicht mit der Feder, sondern sprach in Gedanken zu ihm und erzeugte auf diese Weise Buchstaben und ganze Sätze. Und wenn es keine Gotteslästerung gewesen wäre, hätte ich gerufen: Wezot haTora aszef sam Mojsze lifnej bnej Isroel! Das ist das Gesetz, das Moses den Söhnen Israels gegeben hat! Aber damals fürchtete ich, Gott zu lästern, oder, um ehrlich zu sein, ich fürchtete mich eher vor Großvater und dessen Zorn. Denn wenn, Gott bewahre, ein Tropfen Tinte auf das Pergament gefallen wäre und einen Fleck gemacht hätte, wäre es aus gewesen ...“
Jakob spürte, dass er nicht die Kraft hatte, den Mann al¬lein zu lassen. Im Grunde genommen saß er trotz gewisser Beschwerden ganz angenehm, und auch die Erzählung des anderen war recht unterhaltsam. Er machte sich Vorwürfe, dass er nicht den Mut hatte, das Notizbuch hervorzuholen. Die Worte verloren sich so schnell in der Dunkelheit, dass es einen Moment später schwierig war, sie noch auszumachen. Trotzdem hörte Eliezer nicht zu sprechen auf.
„Der schönste Moment kam, wenn Großvater die Namen ergänzte. Der ganze Bogen war scheinbar fertig, drei gleichmäßige Spalten, eine neben der anderen, jedes Wort und jeder Buchstabe erstrahlten, ich dachte, wir wären im Paradies, aber das Herrlichste hatte ich noch vor mir. Beim Schreiben hatte Großvater im Text Stellen frei gelassen für den unaussprechlichen Namen des Heiligen, gepriesen soll er sein. Dan ging er sich in der Mikwe reinigen und begab sich in feierlicher Stimmung wieder an die Arbeit. Nun leuchtete das Weiß des Pergaments, die Buchstaben waren nicht zu sehen, nur ihre weißen Konturen. Ich wartete gespannt darauf, dass er die Feder nehmen würde und dann die Namen des Allerhöchsten von selbst aufleuchten und alles in den Schatten stellen, was Großvater bislang geschrieben hatte. Und so geschah es auch. Ich sah sprachlos zu, denn wenn ich bisher Großvaters Schrift gefolgt war und in meinem Kopf ganze Sätze daraus geformt hatte, so war ich jetzt, wo mich die unaussprechlichen Namen mit ihrer Kraft blendeten, nicht dazu in der Lage. Der Großvater kam irgendwie damit zurecht. Ob er die Augen schloss und die fehlenden Buch¬staben aus dem Gedächtnis kalligrafierte, weiß ich nicht. Vielleicht ließ er auch zu, dass sie ihm die Sicht nahmen? Ich wollte ihn danach fragen, aber einmal kam er aus der Mikwe zurück und erblindete. Er setzte sich an den Tisch, breitete den Bogen aus, prüfte das Tintenfass, sprach einen Segen ... Und das war alles! Er konnte nichts mehr schreiben. Und es war der Parschas Ki Tissa, außerdem eine Stelle, an der der Name zweimal hintereinander vorkommt. Er hat den Glanz nicht ertragen! Es wurde still, aber anders als bisher, schrecklich still. Alle Buchstaben flohen von der Rolle, und es blieb nichts als die reine Haut! Ich stand hinter Großvater wie behext. Ich wollte ihm helfen, aber ich wusste, dass es mir nicht erlaubt war. Schließlich war er der Sofer. Es dauerte lange, länger wohl als das Schreiben selbst. Ich blickte Großvater an, der sich zusammenkrümmte und den Kopf mit den Händen bedeckte, als wäre er erstarrt. Wir hörten, dass er weinte. Sehr laut. Das ist das einzige Geräusch, an das ich mich erinnere.“
Hinter den Bäumen quietschte ein Karren. (...)
„Ich suche nicht nach Großvaters Grab. Ich denke ich weiß, wo er liegt.“
Sztajn nickte.
„In unserem Garten, so stelle ich es mir vor. Denn wir hatten einen Garten, herrlich, der allerschönste auf der Welt, ganz sonnig, und es wuchsen dort wunderbare Bäume, die Vögel sangen, aber ich durfte nicht hinausgehen, ich wusste, dass ich im Zimmer bei Großvater bleiben und zusehen muss, wie er die heiligen Pentateuchrollen abschrieb, Bogen für Bogen. Und dort, hinter dem Fenster, wie es dort schimmerte, das Licht verfing sich in den Blütenkelchen der Blumen, die sich, noch bevor es sich der Sommer so richtig bequem gemacht hatte, unter seiner Last bogen. Es sah so aus, als würden sie gleich bersten, prall und randvoll gefüllt. Dieser Glanz lockte auch dann, wenn die Furchtbaren Tage näher rückten und die goldenen Reste, verfangen in den Netzen des Altweibersommers, direkt über dem verbrannten Gras verloschen. Ich schlich mich manchmal am Samstag nach dem Mittagessen dort hinaus, wenn Großvater ein Nickerchen machte und uns für einen Moment nicht beaufsichtigte. Wenn die Pforte verschlossen war, zwängte ich mich zwischen den Latten hindurch, dort gab es so einen schmalen Durchlass, nichts weiter als ein Spalt, aber groß genug für mich. Großvater wusste nichts davon, er hätte sich sehr geärgert, dass ich, anstatt den Raschi-Kommentar zu lesen, die Zeit mit Dummheiten vergeudete. Um Gottes Willen! Die Sünde hat sich in meinem Haus eingenistet. Die Sünde ist durch ein Loch im Zaun hereingeschlüpft, der verräterische Samen, da lässt man dich einmal aus den Augen, Distel und Kornrade! Er hätte den ganzen Abend lang geschimpft, ohne daran zu denken, dass man sich vom Samstag des Herrn würdig verabschieden soll, dabei heißt es doch, wer leicht zürnt, der leistet einen Götzendienst. Dabei war doch ich der Götzenanbeter, ich, der Apikojres, Elisza, der ins Paradies gelangte ...“
„... erblickte dort den schwarzen Engel auf Gottes Thron und verlor den Glauben“, unterbrach ihn Sztajn barsch. „Deshalb sind wir Rabbi Akiba Gehorsam schuldig, der lehrte, dass die Tradition ein Zaun für die Thora ist.“
„... und der Zaun der Weisheit ist das Schweigen. Ich erin¬nere mich, wir haben das jeden Freitag bei Tisch gesagt. Nur auf welcher Seite ist die Weisheit? Ich habe mich dort auf die Erde gelegt wie ein Ungläubiger, vielleicht auch wie ein gewöhnlicher Junge, der nach Sonne dürstet, ich habe stundenlang gelegen, so kam es mir vor, obwohl es nur kurze Momente waren. Ich habe den Duft wilder Kräuter eingesaugt und die Äste des Apfelbaums angeschaut, wo erste Früchte wuchsen. Etwas ist damals in mir erwacht, eine Sehnsucht, Hitze legte sich auf meinen Kopf, der Körper drängte zum Leben ...“
„Sünder!“ spottete Sztajn. Beide begannen zu lachen.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel