Holland Ohne Not

Das holländische Breda klingt nicht so vertraut wie London, wo man keine Straße entlanggehen kann ohne Polnisch zu hören, sondern scheint eigentlich sogar recht exotisch. Genauso exotisch wie Chomątowskas irre Geschichten aus ihrem Buch „Holland ohne Not”. Die Autorin der großartigen historischen Reportage „Station Muranów”, in der es um einen auf den Trümmern des Warschauer Ghettos erbauten Stadtbezirk geht, kehrt dieses Mal zu ihren Erinnerungen an einen anderthalbjährigen Stipendienaufenthalt in Holland zurück.

Aber das Buch ist dieses Mal keine Reportage – sondern eine so gewitzt gewobene Geschichte, dass sie sich jeglicher Gattung entzieht: Auch wenn die Autorin eingesteht, selbst fest im Boden der Realität verwurzelt zu sein, lassen ihre künstlerische Verarbeitung und ihr Erzähltalent das Breda-Buch Richtung Roman segeln.

Die Protagonistin ist eine Studentin, die gegen Ende der 1990er Jahre mit ihrem Freund nach Holland geht und sich auf die Suche nach Abenteuern macht, die einer jungen Frau aus gutem Hause – wie ihr –‑ normalerweise nicht gebühren. Die Rede ist hier natürlich von verschiedensten Genussmitteln, aber auch von einer Freiheit der Sitten, die in diesem liberalen Paradies das tägliche Brot ist. In Breda geht sie zwar zunächst auf die Uni (wobei sie ohne besonderen Enthusiasmus Bekanntschaft mit den Kommilitonen schließt und nur unter Schwierigkeiten zur Kenntnis nimmt, dass es so etwas wie das „akademische Viertel“ in diesem Land der hundertprozentigen Pünktlichkeit nicht gibt), aber vor allem jobbt sie in einer – wie sich bald herausstellt – Kultkneipe und schließt Bekanntschaft mit einer Gruppe schräger, im Freiheitskult aufgewachsener Freunde.

Äußerst amüsant und lebhaft beschreibt Chomątowska die jugendlichen Irrungen und Wirrungen der beiden Hauptfiguren und deren stetige Verwunderung angesichts der krassen Unterschiede zwischen dem Leben in Holland und dem Leben in Polen. Dabei ruft sie manches Mal auch Erstaunen und nicht allzu ferne Erinnerungen beim Leser hervor. Ja, denn vor kaum länger als einem Jahrzehnt wunderten wir Polen uns noch, dass es schöne, saubere öffentliche Toiletten mit einem schwer auffindbaren, geheimnisvollen Spülknopf geben konnte, und eine Münze in Fremdwährung schien uns das höchste Luxusgut überhaupt.

Das Buch ist ein ironisches, ehrliches und stellenweise auch ziemlich freches Portrait der jungen polnischen Emigration zu Ende der 90er, die so ganz anders ist als die Emigration vor der Wende – sie sucht im Ausland kein Asyl mehr und legt nicht immer und ewig nur Geld für eine Wohnung in Polen zurück, sondern versucht zunehmend forsch (wenn auch unentwegt mit Herkunftskomplexen kämpfend) ihr eigenes Leben zu leben und Teil des berühmten und mythenumwobenen
Vereinten Europas zu werden, das ein paar Jahre später bereits unwiderrufliche Tatsache für uns sein sollte.

Patrycja Pustkowiak

Beata Chomątowska (geb. 1976), Journalistin, Autorin einer historischen Reportage namens „Stacja Muranów” über einen auf den Ruinen des Ghettos erbauten Warschauer Stadtbezirk. 1999 fuhr sie per Anhalter nach Holland, um im Rahmen eines „Tempus“-Stipendiums anderthalb Jahre lang in Breda zu leben und zu arbeiten. Von ihrem Aufenthalt brachte sie zahlreiche, in ihrem aktuellen Buch verwertete, interkulturelle Erkenntnisse mit. Zur Zeit arbeitet Chomątowska
bereits an einem neuen Buch.

AUSZUG

So berauscht war ich von meinen neuen Bekanntschaften, dass ich kaum einen Gedanken an die bevorstehende Prüfung verschwendete. Trotzdem bestand ich sie, völlig unerwartet. Zwar lag mein Notendurchschnitt im untersten Bereich, aber wen kümmerte das, Hauptsache bestanden. Vor lauter Freude stürzte ich mich mit Feuereifer in die Aufgabe, die uns Meneer Hors für das zweite Semester erteilt hatte: Wir sollten einen Werbeplan für eine Firma entwerfen, die holländische Weine herstellte. Zuerst fuhren wir mit der ganzen Gruppe hin, um uns den Hof anzusehen und mit dem Produzenten das Notwendige zu besprechen. Natürlich erwartete uns vor Ort, auf einem großen Weingut in der Nähe von Tilburg, zunächst eine Weinprobe. Wir probierten abwechselnd weiße und rote Weine und beteuerten dabei, dass sie keinesfalls schlechter schmeckten als Weine aus den traditionellen Anbauländern – auch wenn wir uns ums Verrecken nicht erklären konnten, wie um alles in der Welt es dem Weinbauer in diesem feuchtkalten Klima gelang, auch nur diese Plempe herzustellen. Ehrlich gesagt war der Katzenjammer nach diesen Weinen hier nicht weniger heftig, als wenn man edlere Trünke wild gemixt hätte, und somit war das nicht einmal ganz gelogen. Ich fuchste mich in das Thema ein, dachte mir in freien Momenten Strategien aus, wie man wirklich Werbung für diesen holländischen Wein machen könnte, wo es ihn schon einmal gab, und teilte meine Gedanken mit P. – weißt du, das ist tatsächlich interessant –, vor allem aber nahm ich voller Eifer an der Gruppenarbeit teil. Dieses Mal war ich mit Viktor und Katelin zusammen. Wir hatten massenweise Ideen, angefangen damit, den Wein als originelles Mitbringsel aus Holland über die Touristeninformation VVV zu vertreiben, bis hin zu den Schachteln für die Flaschen, die an traditionelle Embleme anknüpfen sollten: Hering, Holzschuh oder Windmühle. Der beste Einfall sollte in die Tat umgesetzt werden. Wir waren sicher, dass unsere Gruppe gewinnen würde. Wir waren ganz einfach die Besten. Als schließlich der Tag der Präsentation gekommen war, mussten wir Viktor, der unsere Weisheiten zum Besten geben sollte, nicht einmal die Daumen drücken, denn wir wussten, dass er das spielend meistern würde. Und so war es auch. Er trat vor, verbeugte sich und legte eine Wahnsinns-Performance hin, eine schmissige Freestyle-Rede, eine gerappte Story über holländischen Wein, hielt bei den entscheidenden Stellen inne und nahm Gesten zur Hilfe, und im Hintergrund leuchteten im Takt seiner Worte Dias auf. Das alles dauerte mindestens eine Viertelstunde, fünfzehn Minuten Knochenarbeit für den gemeinsamen Sieg. Bei der Vorbereitung hatten wir natürlich mitgemacht, aber auf Viktor waren wir am stolzesten. Der Auftritt war zu Ende, Viktor wischte sich den Schweiß von der Stirn und wartete auf donnernden Applaus. Doch im Saal blieb es still. Die Studenten starrten ihn in stummer Verzückung an, man sah, dass es ihnen gefallen hatte; die Juroren hatten undurchdringliche Mienen, als hätte der Wort- und Klangschwall sie in Stein gemeißelt. Meneer Hors kam als Erster zu sich und hob eine Nummerntafel. Null! Viktor kniff die Augen zusammen, der alte Trottel musste sich vertan haben, gleich würde er mit fahrigen Händen hinter sich greifen und sein Fehlurteil korrigieren. Nun zog auch der Rest mit schneller Bewegung die Tafeln hervor: Null, Null, fünf Mal die Null, nur Janka Kapusta hatte uns mitleidig zwei Punkte gegeben und erstarrte jetzt, erschrocken, dass sie sich so hatte erweichen lassen. – „Nein, nein, das ist doch nicht möglich!” – Viktor ließ noch einmal den Blick durch den Saal schweifen um sicherzugehen, dass er sich nicht täuschte. Katelin und ich taten dasselbe. – „Ach, fickt euch doch! Lul!”, schrie er wütend auf Holländisch ins Publikum und rannte aus dem Saal, dass seine blonden Haare flatterten. Seine Schritte hallten noch auf der Treppe, als Meneer Hors in beherrschtem Tonfall, als sei nichts geschehen, das Zeichen gab: „Die Nächsten, bitte”, und sich zurück auf seinen Platz setzte, bereit zum Urteil. Die restlichen Präsentationen waren korrekt und fad wie Haferschleim. Stammelnde Mädchen in Kostümen, Jungs in Anzügen mit 08/15-Powerpoint-Bildern. Alle bekamen anständige Noten. Irgendwas stimmte hier nicht, aber was, das begriff ich erst später, als ich selbst in der zweiten Prüfung bei Hors durchfiel, obwohl ich mich wirklich ins Zeug legte und eine Million toller Ideen für die Werbung von Branntwein made in Holland hatte. Er hörte sich meine Ausführungen an, ohne mit der Wimper zu zucken, und sagte dann: „Hm, irgendwo anders könnten deine unbestreitbaren Talente sicherlich gewinnbringend eingesetzt werden”, und als ich mich schon über dieses höchste Lob freuen wollte, trug er mir ein „Ungenügend” ein. Sein zweifelhaftes Kompliment hatte wie Honig die bittere Pille umhüllen sollen, damit ich sie ohne Murren schlucken würde. Niemand hier erwartete Kreativität von uns, für die man in Amerika belohnt worden wäre; es ging rein um die Einhaltung des Procedere. Viktor hatte gleich zu Anfang bewiesen, dass er nichts darauf gab, er hatte das beleid der Schule gebrochen, denn was besagte sein ständiges Zuspätkommen sonst? Er hatte die Idee unserer Gruppe übertrieben theatralisch vorgestellt und damit seine Ignoranz gezeigt: Nach den unzähligen Konferenzproben hätte er schließlich wissen müssen, dass das nicht gern gesehen würde. In Holland werden ernsthafte Zuhörer nicht mit rhetorischen Mitteln betört, sondern anhand eines festgelegten Schemas mit Argumenten überzeugt. Und dann hatte er noch die so sorgfältig erarbeitete gute Stimmung verdorben. Zur Prüfung erschien er gar nicht, also wurde festgesetzt, dass er nicht bestanden habe; über seine Person und den von einem Mantel taktvollen Schweigens bedeckten Vorfall wurde kein Wort verloren. Ich dagegen sollte einen Monat später zur Nachprüfung erscheinen. Keiner der Lehrenden bot an, mir zu helfen, ich musste selbst darum bitten. In Holland gilt ein jeder als erwachsenes Individuum, das für seine eigenen Taten verantwortlich ist und nicht an die Hand genommen wird – es sie denn, er gibt diesen Wunsch ausdrücklich zu verstehen, dann kommt die auf solche Eventualitäten vorbereitete Bürokratie ins Rollen und leitet die entsprechenden Verfahren ein. Von den Polen und Ungarn bot als einzige Katelin ihre Unterstützung an, selbst mein polnischer Verehrer machte sich in diesem Moment der Prüfung aus dem Staub, vielleicht hatte ich ihn erfolgreich verschreckt. Vom Rest der Leute konnte ich sowieso nichts erwarten. Sie waren zu der Zeit ohnehin mit einem ganz anderen Drama beschäftigt, das sich vor unseren Augen abspielte: Krisztina und Istvan hatten sich getrennt. Aber es war keine normale Trennung. Istvan hatte sich als Loverboy entpuppt. Mit dieser englischen Bezeichnung ist im holländischen Slang nicht etwa ein feuriger junger Liebhaber gemeint, sondern eine spezielle Art Zuhälter, die Jagd auf ausländische Mädchen macht. Dieser Zuhälter drückt sich bei Universitäten und Studentenkneipen herum und versucht, sich eine oder am besten gleich mehrere Studentinnen herauszupicken, die einen traurigen Blick haben und leicht verloren wirken. Er weiß, dass in solchen Milieus nur scheinbar alle zusammenhalten und es schwer ist, einen wirklichen Vertrauten zu finden; zu Hause ist weit weg, die Mädchen fangen an, sich nach jemandem vor Ort zu sehnen, der ihnen nah ist, dem sie alle ihre Kümmernisse anvertrauen können. Bei manchen sieht man das sofort, andere, wie Krisztina, verstellen sich und spielen die Selbstsichere, aber das wachsame Auge des Loverboys hat schon viele solche Fälle gesehen und fischt sie alle ohne Probleme aus der Menge heraus. Und weil er sein Terrain gut erkundet hat, weiß er ganz genau, dass die jungen Frauen aus Osteuropa in Westeuropa nur zu gern für immer ihre zweite Hälfte finden würden. Am besten wäre ein Holländer, aber auch wenn ein in Holland geborener Marokkaner oder Türke sich als zivilisierter Mensch erweist, halten sie nicht gar zu eisern an ihrem ursprünglichen Plan fest. Wenn der Loverboy sich sein Zielobjekt ausgesucht hat, geht es ans Werk, nun gilt es, das Mädchen anzugraben und von seinem Interesse zu überzeugen. Das geht meistens schnell, nach ein paar mittelmäßig schicken Abendessen ist das Objekt weichgekocht, hat sich sogar verliebt. Als nächstes muss die Leidenschaft mit Komplimenten und kleinen Geschenken zwei, drei Wochen, höchstens einen Monat lang aufrechterhalten werden, bis die Etappe erreicht ist, wo er ihr vertraulich ernste Schwierigkeiten gestehen kann: Er hat da ein paar Schulden bei einem Bekannten. Der Bekannte arbeitet in einer schwierigen Branche, ist ein bisschen peinlich, davon zu reden, aber bei uns ist das, wie du ja sicher gemerkt hast, ein Beruf wie jeder andere auch. Er hat uns zusammen gesehen, du gefällst ihm. Wenn du nur einmal mit ihm ausgehen würdest, wäre die Sache vom Tisch.

Wir erfahren nicht mehr, ob es Istvan gelungen ist, Krisztina dazu zu überreden, oder ob sie den Kontakt gerade noch rechtzeitig abgebrochen hat; wir sehen sie nur ein Mal, wie sie weint, die Wimperntusche verschmiert und läuft ihr über die Wangen, sie macht sich nichts aus unserer Anwesenheit. Wer sind auch wir schon, das Schlimmste ist, dass sie zum Schluss den Lehrern davon berichten musste, weil Istvan die Trennung nicht einsah und sie sich nicht mehr sicher fühlte. 

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes