Irren ist menschlich

Ein spätes, überraschendes Debüt. Irren ist menschlich ist der Versuch, die Geschichte der polnischen Gesellschaft nicht mit Blick auf „den Hof“, sondern auf das Dorf zu skizzieren – auf Bauern, Juden, Pfarrer, Partisanen und natürlich volkstümliche Frauen. Das Dorf heißt Piórków. Seine Bewohner sind die Piórkówer; eine düstere, rachsüchtige, von Instinkten geschüttelte Gemeinschaft aufrechter Menschen, die übereinander wachen und sich über ganze Generationen hinweg Leid antun, ganz menschlich, ganz normal. Irren ist menschlich wurde von der Kritik gut aufgenommen, das Buch ist in einer sorgfältig präparierten, stilisierten, geschmeidigen Sprache geschrieben, die bäuerliche Wirklichkeit, Ironie des Autors und eine Umwertung der heroisch-martyrologischen polnischen Matrize miteinander vereint. Ein Element der Erzählung ist die groteske Deutlichkeit, die spöttische Reduktion nationaler Motive – beispielsweise des Widerstands gegen die deutschen Okkupanten – auf das Konkrete, die Erde, den Körper. Alles beginnt mit einem Begräbnis, denn, wie wir lesen, „die Begräbnisse in Piórków waren lebendiger als Hochzeiten, der Kinematograph oder die Elektrizität“. Dieser ländliche Brauch – denn auf eine Beerdigung geht jeder, es gibt weder Eintrittskarten noch Einladungen, und wenn ein Feind bestattet wird, dann ist es „die reine Freude“ – scheint eine Figur für die Existenzweise der gesamten polnischen Gemeinschaft zu sein, die sich auf Trauerrituale konzentriert und den finsteren, ursprünglichen Jähzorn hinter lobpreisenden Bildnissen des Erlösers und Marias verbirgt. Für den Autor von Irren ist menschlich gehört das Brauchtum der bäuerlichen Kultur an sich weder dem sacrum noch dem profanum an. Diese Sphären sind genauso von Zufall, Schicksal und Psychologie geprägt wie die Geschichte, die das Dorf überrollt. Gut und Böse hausen und mischen sich immer und überall. Die Pendelbewegung von Leben und Tod, dargestellt von durch das Dorf ziehenden Hochzeits- und Trauerzügen, ist weder in der Lage, das ungleiche Ausmaß der Tugenden und Missetaten zu beurteilen, noch es zu erfassen oder zu bändigen. Das eine besteht für sich und das andere besteht für sich.

Im Roman sind mehrere zentrale Handlungsstränge verflochten, der markanteste von ihnen schildert die Liebesbeziehung von Jaś Smyczek, einem Musiker und Weiberhelden, und Wanda, der schönen Bäckerin. Das Leben in Sünde verzeihen weder der Pfarrer noch das Dorf, aber Smyczek stirbt in der ersten Szene des Romans, getroffen von einer deutschen Kugel, als Partisan. Wir dringen in die Vergangenheit vor, ins Gewirr der Piórkówer Schicksalswege. Von vornehmen Herren, Bauern und Juden, ja sogar von Deutschen. Es gibt hier Kommunistinnen, Künstler und Weltenbummler. Potoroczyn schreibt eine neue Dorfprosa, befreit von Eindeutigkeit und religiösem Patriarchalismus. Er wandelt die Traditionen Reymonts, Kawalec’ und Myśliwskis ab, aber man erkennt in dieser Prosa auch eine an Gombrowicz gemahnende Ironie und die deutlichen Rhythmen der lokalen Erzählungen Jerzy Pilchs. Die verborgene „Seite“ von Irren ist menschlich ist die Kunst, die Frage danach, wer Künstler ist und wer diese Rolle nur anstrebt, sich in ihr ausprobiert. Diese Fragen des frischgebackenen Autors sind reich an Selbstironie.

Kazimiera Szczuka


Paweł Potoroczyn (geb. 1961), Diplomat, Verleger, Musik- und Filmproduzent. Er war Konsul in Los Angeles und Direktor der Polnischen Kulturinstitute in New York und London. Seit 2008 ist er Direktor des Adam-Mickiewicz-Instituts, einer Institution, deren Auftrag die Verbreitung der polnischen Kultur im Ausland ist. Irren ist menschlich ist sein literarisches Debüt.

AUSZUG

Das Briefchen von Pfarrer Morga an Gutsherrn Radecki enthielt nur zwei Sätze. Erstens: „Grzegorz, am Samstag kündige ich mich zum Nachmittagskaffee und zur Préférence an.“ Und zweitens: „Was auch immer Du für den Unglückseligen tun wirst, der Dir dieses Briefchen überreicht, tu es, als tätest Du es für Deinen Bruder und mich selbst.“

Beide Sätze nahm sich der Gutsherr zu Herzen. Für den Nachmittagskaffee legte er sich ins Zeug wie für ein Abendmahl: Steinpilzsuppe, Zander und Ente, Mohnkuchen, Honigwein, Liköre und Starka, für die Préférence war der Abend zu kurz. Smyczek wies er an, auf dem Dachboden Quartier zu beziehen, aber im Gutshof. Als die Britschka, die Morga nach Hause brachte, in der Pappelallee verschwunden war, machte er sich daran, ein Empfehlungsschreiben an einen Freund der Familie aus alten Tagen aufzusetzen.

Herr Radecki hatte keinen Grund, Smyczek zu mögen. Er mochte ihn nicht, weil Wanda die Avancen des Gutsherrn zurückgewiesen hatte, obendrein zwei Mal. Einmal nach dem Tod des Bäckers, als sie vor den Menschen Trauer trug und es unter dem Federbett, wie sich herausstellte, mit Smyczek trieb. Und zum wiederholten Mal, als Jaś in Tarnów im Gefängnis saß.

Er mochte ihn nicht, weil er zur Jagdzeit, wenn er den Gästen Rebhuhn oder Hasen auftischen wollte, Smyczek holen lassen musste, er selbst hätte nicht mal aus fünf Schritt Entfernung den Heuwagen getroffen.

Er mochte ihn nicht, weil er ihn, nachdem er den Halunken bei sich aufgenommen hatte, unwillkürlich, sogar gegen seinen Willen, besser behandelte als den Rest der Dienerschaft, sogar besser als die Hausbewohner, damals war der Gutshof in Olszany noch ein Haus gewesen. Er mochte ihn nicht, weil er, nachdem er Smyczek den Flügel gezeigt hatte, dem er noch nie reine Klänge hatte entlocken können, das Instrument und den Rest seines Überlegenheitsgefühls verloren hatte.

Nun, er mochte ihn ganz einfach nicht.

Der Gutsherr wäre bereit gewesen für Talent über Leichen zu gehen, für irgendein Talent, für einen Talentersatz, für den Schatten eines Talents, in einer beliebigen Kunst, in der zu betätigen es sich schickte. Er konnte Noten lesen, aber kein Instrument spielen, allerhöchstens konnte er assistieren, die Seiten umblättern, sich beim Pianisten mit einer vielsagenden Verbeugung revanchieren, die zu verstehen gab, dass er mindestens ein ihm ebenbürtiger Künstler war, der sich nur aufgrund seiner Schüchternheit mit der Nebenrolle abfand, einer Verbeugung, welche die Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass wahre Genies bescheiden und nur Talentierte hochmütig sind. Die Ermattung in seiner Darbietung war so überzeugend, er ließ so aufrichtig die Augenlieder sinken und legte seinen Kopf in den Nacken, er warf die Schöße seines Gehrocks mit einer solch vollkommenen Bewegung hinter sich, wenn er sich auf das Stühlchen im Rücken des Pianisten setzte, dass es schien, als sei der Maestro in den Gutshof gekommen, um der Hausmusik die Ehre zu erweisen. Die Etüden des Gutsherrn waren so suggestiv, dass ohne Zweifel ein Teil des Applauses, verdientermaßen und gerechterweise, ihm galt.

Von seiner frühen Jugend an bis ins reife Alter versuchte sich der Gutsherr in der Poesie, von der Annahme ausgehend, dass diese keiner angeborenen Begabungen bedarf wie die Musik oder die Malerei, dass die Worte genauso Tauben und Blinden zugänglich sind und die Bedeutungen gerecht verteilt sind zwischen allen, die die Schrift beherrschen. Die Annahme war ebenso falsch wie seine Poesie, ohne Rücksicht darauf, ob er Oden auf Russisch schrieb, englische Sonette oder ein Haiku. Die verheerende Neigung zur Pointe, der Fallstrick der Lyrik, machte das zunichte, was Herr Radecki selbst als Wesen der Poesie ansah – die Freiheit von den der Literatur auferlegten Pflichten und die Freiheit des eigenen Ausdrucks. Die Rhythmen, Melodien und Farben, jenen vorbehalten, denen das Schreiben die allergrößte Schwierigkeit bereitet, und irgendwie gegenwärtig in seinen Gedichten, erklangen in allen Sprachen mit dem leichten blechernen Echo eines Emailleeimers.

Malen konnte er wohl, aber es verriet ihn eine künstliche Distanz, die bewirkte, dass nicht einmal die schlechtesten Bilder aussahen, als hätte sie ein Weitsichtiger gemalt, der vier Schritte von der Leinwand entfernt stehen muss, um zu erkennen, welche Formen und Farben sich darauf ereignen, von Nahem hingegen sieht er nichts als Striche und Farbpartikel. Vielleicht konnte er es auch, aber mochte es nicht, es sei denn schüchterne Akte kleiner Jungen, deren zarte, in banalen Posen erstarrte Substanz die kognitive Unsicherheit beweist und deren kleine Münder und große Glieder den Zwiespalt des Künstlers erkennen lassen. Die in größtem Maße unangenehmen Bemühungen um Modelle trugen auch erheblich dazu bei, dass er selten und furchtsam malte.

Das Unglück des Gutsherrn und der Fluch seiner sorgfältigen Ausbildung und seines wahrhaft guten Geschmacks war es, dass er sich dessen bewusst war. Was er leider nicht wusste, war, dass man, um sich ausdrücken zu können, wissen muss, wer man ist.

Das Singen hatte er noch als Junge aufgegeben, als er eine gewisse Verlegenheit in den Gesichtern der eigenen Eltern bemerkte. „Du musst nicht singen, mein Sohn“, sagte die Mutter, „erzähl uns das doch vielleicht lieber.“

Der Gutsherr hatte sich oft Gedanken darüber gemacht, warum Morga, letztlich ein Zugezogener – und für die Radeckis und Gieskaners, deren Wurzeln in jener Gegend vierhundert Jahre zurückreichten, ganz einfach ein Landstreicher –, warum Morga eine solche Geltung unter den Bauern besaß, dass sie alles, was er befahl, sofort taten, und das manchmal sogar ohne Murren und das übliche Meckern. Er war weder besonders klug noch gelehrt, in seiner Überheblichkeit gnadenlos, wenn auch auf seine Art gerecht. Wenn ihm wenigstens das Alter die Autorität verliehen hätte, aber Morga war nicht einmal sehr alt. Vielleicht genoss er deshalb weniger Respekt bei den Frauen, für die ein lebhafter Kerl, und sei es im Kleid, immer nur ein Kerl sein wird, vor allem wenn er keusch ist, denn nichts steigert die Neugier der Weiber so wie Lust- und Kraftlosigkeit, und nichts schwächt den Respekt mehr als diese Neugier. Und vielleicht wurde er aus demselben Grund von den Bauern geachtet, weil er noch nicht alt war, aber freiwillig schon so gut wie auf der anderen Seite.

Bei alledem hatte der Gutsherr, ohne den Gehorsam Smyczeks zu verstehen, der auf Befehl Morgas die schönste Frau verlassen hatte, die er jemals gesehen hatte, seine eigenen Gründe und Verpflichtungen dafür, auf den Pfarrer zu hören. Er schrieb also einen Brief, der mit den Worten begann: „Werter Onkel, vergib mir, dass ich mich direkt an Ihn wende, aber ich habe keine Beziehungen im gunbatsu. Seit unserem letzten Treffen in den Gärten des Kaiserpalastes habe ich gnädigen Onkel um nichts gebeten, und ich würde niemals Seine Zeit in eigener Angelegenheit vergeuden oder Ihm Unannehmlichkeiten bereiten, doch die Zeit ist gekommen, dem einfachen Menschen zu helfen, den gnädiger Onkel damals erwähnte.“

Der Brief endete mit den Worten: „... sonst kommt er wieder in den Knast, es ist eine Frage der Zeit.“

Die Rechnung des Gutsherrn war einfach wie ein Stummfilm im Tschenstochauer Kinematographen. Im ersten Akt begibt sich der schändliche Smyczek in die verdiente Verbannung. Im zweiten legt der Gutsherr Wanda die Welt zu Füßen (berauschend schnelle Schlittenfahrt auf glitzerndem Schnee, die Sonne in den Baumkronen). Im dritten Akt erliegt Wanda dem Gutsherren (alles beginnt im Kreis herumzuwirbeln), im vierten plagen sie Gewissensbisse (Untertitel: Ach, was habe ich nur getan), doch der Gutsherr bittet um ihre Hand (der Verlobungsbrillant im Kerzenschein).

Fünfter Akt: Der schändliche Smyczek erweist sich als unschuldig und flieht, insgeheim unterstützt durch den Gutsherrn, aus der Verbannung, aber er fügt sich in sein Schicksal und der Gutsherr heiratet Wanda.

Oder:

Fünfter Akt: Der zu Unrecht verurteilte Smyczek kehrt aus der Verbannung heim und vergibt Wanda, der Gutsherr bietet den Neuvermählten in einem Anfall von Reue eine großzügige Reise an.

Oder:

Fünfter Akt: Smyczek heiratet eine andere oder fällt im Krieg, der unglückliche Gutsherr löst unter dem Druck der Familie und Gesellschaft die Verlobung, Wanda schleudert den Ring in den Teich von Piórków und schluchzt ob ihres Schicksals (O was bin ich unglücklich!).

Eine Antwort des Marschalls ist nie eingetroffen, obwohl der Brief Wirkung gezeigt hat. Nach zwei Monaten kam ein Militärkurier auf einem Motorrad zum Gutshof und brachte den Einberufungsbescheid für Smyczek.

Das erste Mal unterschrieb Jaś einen Brief an Wanda mit einem Violinenschlüssel. Ohne aus dem Beiwagen des Motorrads zu steigen, gab er ihn Wawerek mit der Bitte, ihn zu überreichen. Wawerek erklärte sich einverstanden, zog den Hut und ging in Richtung Zatylna. Smyczek setzte vorschriftsmäßig die Brille auf, das Motorrad heulte, qualmte, wendete auf der Stelle und verschwand dann auf dem Weg nach Broniszewska in einer Staubwolke und dem aufregenden violetten Gestank der Abgase.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel