Der Dämonen viele

Der von den Kritikern enthusiastisch aufgenommene neue Roman von Jerzy Pilch nimmt zwei große Themen der Weltliteratur auf: Liebe und Tod, Begierde und Verlust, Ekstase und das Nichts.

Ein düsterer Pessimismus wechselt sich hier ab mit dem orgiastischen Rhythmus der Freude am Erzählen, Entzücken alterniert mit Spott, Glauben mit Gottlosigkeit. Überaus realistisch wird hier das Leben der polnischen Lutheraner in einem Ort namens Sigła dargestellt, in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Lokale und das Private sind den Lesern von Jerzy Pilch wohlbekannt – denn Sigła ist nichts Anderes als der Heimatort des Schriftstellers Wisła; der Geburtsort nicht nur von Pilch, sondern beinahe seiner gesamten literarischen Welt. Die Symbolik von „Der Dämonen viele“ rührt aus der protestantischen Theologie, die Struktur ähnelt einem literarischen Mythos – zwar einem Mythos, der von dem Nichts und der Erschöpfung durchsetzt ist, der aber den Leser dennoch durch die Suggestivität der Bilder erstaunt und ihn mit dem Spannungsbogen des Plots und dem Tempo der Erzählung begeistert.

Das Leben der Bewohner von Sigła ist scheinbar kalt und düster – denn die Protestanten sparen am Heizmaterial und sitzen in nicht ausreichend beleuchteten Räumen herum. Hier pulsieren Leidenschaften und Süchte, und dennoch herrscht hier Ordnung. Die Welt kann von schmerzhafter Schönheit sein, wenn morgens das Gras in der Oktober-Sonne dampft oder wenn „der Frost die Welt festhält wie ein kristallener Schraubstock“. Ebenso kann sie von durchdringender Widerlichkeit sein:

„Der Mensch wird am Boden eines entsetzlichen Abgrundes geboren, lebt ohne jeglichen Sinn, und stirbt unter Qualen.“ Der  Tod – mit verschiedenen Formen und Gesichtern – sucht den Erzähler und die Romanfiguren heim, lockt und entsetzt sie gleichermaßen.

Dabei ist der Erzähler eine durchsichtige Gestalt, die dem Autor selbst sehr nahe verwandt ist.

Die kindlichen Ängste kennen den Tod besser als die Wirklichkeit. „Die Diele ist eine düstere, eiskalte Fieberphantasie. Sie werden sterben, sterben, sterben. Unter dem vom bräunlichen Frost bezogenen Dachfirst glimmt eine schwache Funzel. Jemand schleicht durch den Garten.“

Das Verschwinden und die Suche nach einer der schönen Töchter des Pastors Mrak machen aus dem Roman eine Art Krimi; doch es ist nur scheinbar ein Krimi, dessen Wesen das Geheimnis, und nicht dessen Lösung ist.
Zugegeben: nach „Jahren der Überlegung“ weist der hellsichtige Briefträger tatsächlich auf einen Ort, an dem der „von niemals tauenden braungrünen Eisschollen zugewucherte, kirschrote, so dunkelkirschrote, dass er fast schwarz war“ Schlafanzug des jungen Fräuleins Mrak liegt. Doch die angebliche Leiche erscheint nur in gelegentlichem Aufblitzen, außerhalb des Erzählstranges. Es ist ein Verschwinden wie aus dem Film „Picknick on Hanging Rock“ von Peter Weir, wie es der Autor selbst beschreibt.

Das Mädchen wird zu einem Geist dieses Romans, zu einem jungfräulichen Engel, eingetaucht in einen dichten, sinnlichen Nebel. Ola ist wie Ophelia, ein Symbol für die Unmöglichkeit der erotischen Erfüllung. Das Geheimnis um ihr Schicksal ist ein Köder für den Leser; ihr Körper ein immer weiter rückendes Versprechen, nicht nur für die Männer, sondern auch für ihre Mutter und ihre Schwestern.

Das wahre Entsetzen spielt sich in den Häusern ab, im Alltag, im Leben, das man fleißig in die Hölle verwandelt. Das Dämonische, Teuflische der Existenz in einer religiösen Gemeinschaft ist ein Paradox der Pilch-Protestanten, die seine autobiographischen Romane bevölkern.

Dennoch ist dieses Buch kein düsterer Horror. Es ist eine dichte, narkotische Erzählung über die Dämonen der Literatur und die Unausweichlichkeit des Todes.

Kazimiera Szczuka

Jerzy Pilch (geb. 1952), einer der bekanntesten und beliebtesten polnischen Schriftsteller der Gegenwart. Autor von neunzehn Büchern, übersetzt in siebzehn Sprachen. Pilch wurde sieben Mal für den Nike-Preis nominiert und erhielt ihn 2001 für den Roman „Pod Mocnym Aniołem“. „Wiele demonów” ist sein erster Roman seit fünf Jahren.

AUSZUG

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts arbeitete bei der Post in Sigła der Briefträger Fryderyk Moitschek, der das Geheimnis des menschlichen Lebens kannte, der wusste, wohin wir gehen und was nach dem Tode sein würde. Nur eine Handvoll Menschen glaubte ihm – obwohl alles, was er vorhergesagt hatte, oder vielmehr alles, was er aus einer dicken Kladde herauslas, auf Punkt und Komma stimmte.
Die Menschen starben, erkrankten und wurden gesund nach seinen Prophezeiungen, das Wetter wurde so, wie er es gesagt hatte, gezielt sagte er die Föhnwinde voraus, stickig wie Friedhofserde, die Hochwasser, die so schlimm waren, dass sie Brücken abrissen, die Hitzewellen, die sich wie Öl über die Welt legten, sowie die unerwartet von allen Seiten herankommenden eiskalten und schneereichen Winter.

An Fußball hatte er lediglich mittelmäßiges Interesse, nur hin und wieder; also konnte man ihn nur schwer überreden, die Ergebnisse vorauszusagen. Aber wenn er schon tippte, dann fehlerfrei: Real Madrid, Ruch Chorzów, FC Santos, Wisła Kraków, ja, sogar unsere Elf aus der A-Liga! Überhaupt schossen und verloren alle Mannschaften, auf die er seinen Blick richtete, immer genauso viele Tore, wie es ihn beliebte.
Es geschah selten, denn er vermied Situationen, in denen seine Gabe nicht nur mit dem leichten Geldverdienen, sondern überhaupt  mit irgendwelchen unanständigen Manipulationen in Verbindung gebracht werden konnte. Ohne den Schatten eines Zweifels – man spürte, dass Fryderyks Heiligkeit nicht darin begründet liegt, das Wunder der wöchentlichen Fußballergebnisse zu vollbringen, die Lotto-Zahlen vorherzusagen oder konsequent die Nieten bei einer Tombola zu vermeiden; man spürte es, man spürte es ganz eindeutig, und man drängte nicht, mit aller Diskretion.

Bringe mich nicht auf böse Gedanken, Antichrist! Weiche von mir, Satan! „Und da der Teufel alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeitlang.“ (Lukas 4, 13)
Fryc war kein Illusionist, der seinen Lebensunterhalt mit atemberaubenden Tricks verdiente. Er war Prophet, mit Leib und Seele. Mit dem Leib unseres Herrn und der Seele des Heiligen Geistes. Sein Königreich war nicht von dieser Welt. Geld hatte er ohne Ende, woher, wusste keiner, aber es waren auf keinen Fall Honorare für prophetische Dienste an der Menschheit.

Zuza Bujok hat er Koma und Aufwachen aus dem Koma geweissagt, Józek Lumentiger Abstinenz und das Verwerfen dieser Abstinenz, Polen den Kommunismus und das Ende des Kommunismus. Alles selbstverständlich gratis, im letzten Falle nicht nur gratis, sondern auch mit einem enormen patriotischen Enthusiasmus .
So war es mit allem und so war es immer: gratis, gratis und nochmal gratis. Niemals hatte er für etwas Geld genommen, keinen Pfennig, obwohl er oft genug Auslagen hatte, obwohl er Zeit ohne Ende opferte, obwohl er seine Gesundheit und somit sein Leben aufs Spiel setzte. Wohl nur Gott der Herr, der Geist der literarischen Fiktion und einige wenige andere Transzendenzen wissen, welcher Anstrengung Fryc seinen Körper unterwarf und welchen Raubbau er an seiner irdischen und somit fragilen Existenz betrieb.
Seine Leute hat er immer ernst genommen, da kann man nichts sagen, mit großer Hingabe half er, wo er konnte, kümmerte sich überaus aufopferungsvoll, und unterstützte die Seinen nicht nur in Krankheit. Leider verwendete er seine Kräfte, Fähigkeiten und die glühende Leidenschaft eines begabten Heilers nicht nur an uns. Anderen diente er auch, oft vollkommen Fremden, die nicht aus Sigła, sondern aus allen Herren Länder kamen – er half ihnen mit derselben, oder sogar mit noch glühenderer Hingabe (man konnte es nur schwerlich erkennen); er löste ihre Probleme, kurierte sie von diversen Phobien, fand unrettbar verlorene Dinge wieder, warnte vor konkreten Gefahren, empfahl detaillierte Hauskuren.

Und er diente vor allem (was sollen wir die Wahrheit verschleiern) überaus eifrig den Vertreterinnen des schönen Geschlechts: wenn er mit ihnen all die wichtigen und unwichtigen Details der Therapie besprach, ihnen eine positive, endlich positive Veränderung ihres Schicksals versprach, gut, kleinere Hindernisse sah er immer noch, aber er erklärte gleichzeitig, wie man sie mit links überwinden konnte und erörterte die Situation eingehend. Alles tipptopp, aber zu welchem Preis? Wenn man sagen würde, dass er Raubbau mit seiner Existenz, seiner körperlichen Form und seiner Kondition betrieb, wäre dies mehr als untertrieben; es war räuberisch und leichtsinnig, in seiner aufopferungsvollen Haltung unverantwortlich – denn nie sah jemand Fryc beispielsweise etwas essen.
Niemand. Nie. Versteht ihr das? Niemand, niemals, und er musste doch etwas essen! Musste er nicht? Aß er gar nichts? Lebte er von Luft? Die ganzen Fälle und Unfälle beschäftigten ihn demnach so stark, dass er nicht einmal für ein belegtes Brot Zeit hatte? Nur ein Apfel zwischen Tür und Angel? Aber auch einen Apfel hat ihn keiner je essen sehen! Man sprach nur davon. Die Erzählungen und Legenden über Fryc´ Apfel. Anekdoten? Dies und das. Hunderte von Fragen, doch im Grunde nur eine Frage: hat unser Heiler und Wohltäter heute schon etwas gegessen? Einen Apfel, zum Mittagessen. Einen. Eher klein als groß. Fryc lebt von einem Apfel am Tag? So sieht es aus.
Eines Tages wird er umfallen und alles wird vorbei sein. Schluss mit den Prophezeiungen, Schluss mit den Wundern, Schluss mit den Rezepten gegen Selbstmordgedanken. Nein, Fryc wird nicht umfallen, er sieht nicht schwächlich aus. Und das ist das Schlimmste! Es wäre tausend Mal besser, wenn man ihm seine Anstrengungen, seine Qualen, sein Hungern und seine Schwäche ansehen würde. Im Gesicht sieht es zwar schlimm aus, aber es ist nicht gefährlich. Unsichtbar, verborgen in Herz und Hirn droht es mit einer Explosion. Fryc explodierte, in der Tat – aber mit seinen Wundern.

Aus dem Haus der Familie Kubatschke hatte er den Geist des Ehemannes vertrieben, der zu Lebzeiten eifersüchtig, und nach seinem Tode wahnsinnig eifersüchtig war. Dem Doktor Nieobadany hatte er vier Töchter vorausgesagt, und als

er den Braten roch, korrigierte er auf sieben. Herrn Ujma, Direktor der Mineralbrunnen-Anlage, heilte er von seinen homosexuellen Neigungen. Emilka Morzolikówna schlug er die Selbstmordgedanken aus dem Kopf. Und das alles quasi fastend? Spürte er keinen Hunger, weil er keinen Appetit hatte? War sein sanfter Körper so von der Kraft seines Geistes erschlagen, dass er nicht einmal die Mindestrationen an Essbarem verlangte? Um es weiter zu fassen: die Verdauungsprozesse (von der Ausscheidung ganz zu schweigen) ziemen sich offenbar nicht für den wahren Propheten? Nein. Ehrlich gesagt sind für einen Propheten sogar die subtilsten somatischen oder biologischen Aspekte ungehörig. War Fryc ein Geist? Er hatte nie jemandem die Hand gegeben, und unvermeidlich ergibt sich die Frage, ob ihn jemals jemand berührt hatte? Wenigstens die zahlreichen Frauen, die ihn zu besuchen pflegten? Ihr würdet euch wundern, und wie! Und ihr werdet euch wundern, zweifelsohne, nur etwas später.

Angeblich hatte Fryc bereits einige Jahre vor dem Krieg und einige Jahrzehnte vor dem Fall der Berliner Mauer in seinem Notizbuch neue Landkarten von Europa und Asien mit Bleistift gezeichnet. Diejenigen, die sie gesehen haben, behaupteten, dass mit Ausnahme von Ostpreußen und Turkmenistan alles bis auf den Millimeter stimmte.
Ob er Tote ins Leben zurückgerufen hatte ist nicht gewiss. Doch mit absoluter Gewissheit hat er den praktisch toten Liebling der Pastorenfrau, Juda Tadeusz, die klügste der drei Pfarrkatzen, zurück ins Leben geholt. Greta und Maryna, den beiden Kühen von Józef aus Ubocze, hatte er die schmerzhafte Schwellung von den Eutern genommen – auf den ersten Blick nichts Besonderes, doch Fryc hat es aus der Entfernung getan. Den gelähmten Schäferhund, den Rädelsführer vom Rudel der Frau Scherschenick, rief er mit schrecklicher Stimme an: „Wirf deinen Stock von dir! So sage ich dir, wirf deinen Stock von dir!“ Das vor Angst beinahe wahnsinnig gewordene Tier hatte den Stock zwar nicht von sich geworfen, denn es hatte, man wird es beschwören, gar keinen benutzt, doch es erhob sich auf alle Viere. Nicht nur, dass sich der Hund erhoben hätte! Er schlich noch einige Jahre eher recht als schlecht durch die Welt. Und wenn er Fryc erblickte oder schon von Weitem seine

Witterung aufnahm, so fuhren weitere heilenden Energien in ihn ein, denn er floh mit äußerst gesundem Heulen, wohin der Pfeffer wächst.
Und ob; auch wenn Fryc Moitschek kein hundertprozentiger Wunderheiler sein mochte – aber er hatte eine Gabe. Er betrat ein Haus und bemerkte sofort und fehlerfrei eine sinnlose Bewegung in den elektrischen Leitungen. „Da leuchtet wo was“, sagte er und schaute sich in aller Ruhe herum. „Irgendwo leuchtet was. Schon die ganze Zeit. Helllichter Tag, noch lange bis zum Abend, und bei Euch, guter Mann, brennt eine Glühbirne: seit gestern oder seit sonstwann.“ Alle Familienmitglieder sprangen auf die Beine und überprüften sämtliche Räume, in denen elektrische Leitungen vorhanden waren. Und immer, egal ob auf dem Dachboden oder im Keller oder in einer seit ewigen Zeiten verschlossenen und verriegelten Kammer, da fanden sie eine umsonst glimmende gelbliche 40-Watt-Birne.
Fryc wusste schon zuvor, wer ein Paket aus Amerika bekommen würde, welches Kind im Wald beim Blaubeerensammeln verloren gehen würde, wer wem einen Kubikmeter Holz stahl und in welcher Scheune er es verstecken würde. Fehlerfrei offenbarte er die Herbergen an der Grenze, in die sich leichtsinnige Liebespaare zurückzogen, und österreichisch-ungarische Bunker, in denen die sündigen Gymnasiasten ihre Zigaretten rauchten.

Es gab Menschen, die behaupteten, dass Fryc das Geheimnis des laufenden Stroms erfasste, indem er unbeobachtet auf den sich drehenden Zähler in der Diele schaute; dass er von den Päckchen wusste, weil er ja Briefträger war und oft absichtlich (um einen Grund für seine Prophezeiungen zu schaffen) bereits angekommene Sendungen zurückhielt; dass er nur einer von vielen war, die wussten, welches Kind ein Tollpatsch war, wer einen Hang zum Stehlen hatte, wer sich mit wem herumdrückte und in welcher Herberge, geschweige denn, wo die Jungspunde ihre Kippen räucherten. Skeptiker und Kleingläubige gab es mehr als genug – ehrlich gesagt, bildeten sie die entschiedene Mehrheit.

Egal ob Mehrheit oder nicht – das Geheimnis blieb ein Geheimnis.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz