Afrikanische Elektronik

„Afrikanische Elektronik” ist bereits das dritte Buch von Jan Krasnowolski. Beim Lesen seiner neuesten Erzählungen („Dirty Heniek“, „Afrikanische Elektronik“, „Hasta siempre, comandante“ und „Kindoki“) fühlt man sich unwillkürlich an die Worte Stanisław Lems erinnert, der im Vorwort zu Krasnowolskis Debütband schrieb: „Der Autor hat eine starke Abneigung gegen die heutige Zeit, worin man ihm übrigens Recht geben muss.” Bei Krasnowolski hält sich das Böse im Verborgenen, es liegt auf der Lauer, verändert seine Erscheinung, maskiert sich, schlägt unter die Gürtellinie und greift ohne Vorwarnung an. Dies ist alles andere als die beste aller möglichen Welten: Es gibt in ihr keine guten, redlichen Polizisten, sondern lediglich eine systemübergreifende Verstrickung und allumfassende Unredlichkeit. Die Hüter der Ordnung erweisen sich als Hüter der Unordnung (Krasnowolski erinnert auf witzige Weise daran, dass Gesetze nicht vom Himmel fallen, sondern das Ergebnis von Festlegungen und Kompromissen sind) und die Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit erscheint als eine nahezu unlösbare Aufgabe.
Der Autor von „Afrikanische Elektronik“ – ein erwachsen gewordenes Kind der Popkultur – entlarvt in seinen ganz und gar unglaublichen und gerade deshalb so wahrscheinlichen Geschichten Mythen, die noch immer lebendig sind. Und macht nebenbei sehr ernste Literatur: Seine Erzählungen sind leichtfüßig, filigran, grotesk, fantastisch und gerade dadurch äußerst realistisch. Krasnowolski äußert sich zu Themen der Geschichte – von der lokalen bis zur Weltgeschichte. Es geht um den Kriegszustand in Polen (alte Genossen in neuen, demokratischen Gewändern), um ideologischen Vampirismus (Ernesto „Che“ Guevara, der durch eine barmherzige Geste Unsterblichkeit erlangt und sich fortan vom Blut junger Mädchen ernährt, nicht nur jener, die T-Shirts mit seinem Konterfei tragen), um ein vom Teufel besessenes Kind, um Rassismus, Faschismus, und – was wohl am wichtigsten ist – das Wirken einer nichtinstitutionellen Gerichtsbarkeit. Aus dem Nebel auftauchende Massaker-Opfer und brennende Kriegsverbrecher rücken den Autor bisweilen in die Tradition unheimlicher (ein Porträt, das Unheil anzieht) und unaufgeregter Erzählungen, die sich von hinten an die Geschichte anschleichen, um Antworten auf quälende Fragen zu erhalten: Woher kommt die Unvollkommenheit? Die Mittelmäßigkeit? Und schließlich: Woher kommt das Böse?

Krasnowolski umschifft die Untiefen der Lächerlichkeit vor allem mithilfe seines absurden Humors und seines Mutes zu ungewöhnlichen Auflösungen. Seine betrunkenen und bekifften, verblendeten und verzweifelten, an den Rand der Gesellschaft gedrängten Helden werfen Fragen nach den Grenzen und den Unterschieden zwischen Traum und Wirklichkeit, Wahnsinn und Normalität, Gut und Böse auf. Doch Krasnowolskis Erzählungen bieten weder einfache Antworten noch moralisierende Kommentare – ein weiterer Beleg für die frühe Einschätzung Stanisław Lems, dass Jan Krasnowolski „in der Tat bereits ein reifer Schriftsteller ist“.    

Anna Marchewka

Jan Krasnowolski (geb. 1972) Schriftsteller, Autor der Erzählbände 9 leichte Stücke (2001) und Käfig (2006). Nach dem Besuch eines Kunstgymnasiums arbeitete er in vielen unterschiedlichen Berufen. 2006 zog er nach Großbritannien und lebt seitdem in Bournemouth. Auch in seiner neuen Heimat versuchte er sich in unterschiedlichen Berufen, gegenwärtig betreibt er eine Baufirma und schreibt – wie sein neuer Band „Afrikanische Elektronik“ belegt – Erzählungen.

AUSZUG

Er führte den Jungen in das Restaurant am Ende des ersten Passagierdecks. Die meisten Plätze waren bereits belegt, hauptsächlich von einer Gruppe von Fußballfans, die von einem Auswärtsspiel zurückkehrten. Mehrere Dutzend Männer in den Farben ihres Vereins – alle machten reichlich betrübte Gesichter, was eindeutig darauf hindeutete, dass das Spiel nicht zu ihren Gunsten ausgegangen war. Einige von ihnen öffneten bereits die ersten Bierdosen und fluchten lautstark auf die „beschissenen Franzosen“. Es gelang Rybka, sich einen Eckplatz zu erobern, direkt am Fenster und gleichzeitig mit Sicht auf den von der Decke hängenden Fernseher.
„Wenigstens kannst du Fernsehen gucken“, sagte er zu dem Jungen. „Normalerweise würdest du jetzt das Meer sehen, andere Schiffe und Möwen, aber heute ist es neblig und man sieht überhaupt nichts.“
Dann kam ihm der Gedanke, dass das Kind im Laufe seiner Überfahrt aus Afrika wahrscheinlich genug vom Meer gesehen hatte. Oder vielleicht auch nicht, schließlich wusste er nicht, unter welchen Bedingungen der Junge gereist war. Als blinder Passagier konnte er die gesamte Überfahrt eingesperrt in irgendeiner stickigen Kabine verbracht haben, oder sogar in einer Kiste im Laderaum. Wer wusste das schon, der Weg in ein besseres Leben war nicht für alle gleichermaßen bequem.
„Warte hier und rühr dich nicht von der Stelle!“, sagte er, als das Vibrieren der Motoren stärker wurde und er spürte, wie sie von der Küste ablegten.
Er stand auf, um etwas zu Essen zu bestellen. Während er in der Schlange stand, ließ er das Kind nicht eine Sekunde aus den Augen. Der Junge saß regungslos auf seinem Platz in der Ecke und starrte durch das Fenster, als habe er in dem dichten Nebel, der das Schiff einhüllte, irgendetwas Interessantes entdeckt.
Der dunkelhäutige Junge verschlang seine Bohnen mit Speck, ohne dabei den Blick vom Cartoon Network abzuwenden, und Rybka kam der Gedanke, dass der Kleine keine Schwierigkeiten haben würde, sich einzugewöhnen. In einigen Monaten würde ihn niemand mehr von anderen Kindern, die auf den Britischen Inseln geboren und aufgewachsen waren, unterscheiden können. Er würde in der bunten Menge aufgehen, die die Straßen Londons bevölkerte, er würde beginnen, wie ein echter Londoner zu sprechen, er würde die Stadt kennenlernen und lernen in ihr zu leben. Und in einigen Jahren würde er sich nicht einmal mehr an Afrika erinnern, an das Dschungeldorf oder die Slums, in denen er bis jetzt gelebt hatte.
„Hast du keine Sehnsucht nach Zuhause?“, fragte er.
„Mein Zuhause ist abgebrannt“, antwortete der Kleine, während er die letzten Bohnen auf seine Gabel häufte. „Es ist nichts davon übrig geblieben.“
„Das tut mir leid“, brummelte Rybka verlegen und bedauerte, dass er dieses für den Jungen heikle Thema angeschnitten hatte. „Hoffentlich ist niemandem etwas passiert?“
„Sie sind verbrannt. Alle. Mama, Papa, meine drei Schwestern und mein Bruder“, murmelte das Kind, ohne dabei den Blick vom Fernseher abzuwenden, auf dem SpongeBob Schwammkopf gerade über den Meeresboden hüpfte. „Da standen Männer mit Macheten, die  haben aufgepasst, dass niemand dem Feuer entkam. Auf diese Weise ist mein Bruder gestorben, weil er versuchte, zu fliehen. Nur ich habe überlebt.“
„Oh Gott, das tut mir wirklich sehr leid.“ Der schockierte Rybka bedauerte es, dass er überhaupt angefangen hatte, den Jungen auszufragen. „Du musst Schreckliches durchgemacht haben, Kleiner.“
„Hm. Die Bohnen waren super, ich würde gerne noch eine Cola trinken“, sagte der Junge, schob den leeren Teller von sich und lächelte einschmeichelnd. „Darf ich?“
Während er erneut in der Schlange vor der Kasse stand, überlegte Rybka, welche traumatischen Erlebnisse der Junge hinter sich haben musste. Man meinte zu wissen, was in diesen ganzen afrikanischen Ländern vor sich ging. Stammeskriege, Massaker, schmutzige Kriege, in denen verrückte Anführer selbst so kleine Knirpse zu Soldaten machten – sie mit Drogen vollstopften, ihnen Gewehre und Macheten in die Hand drückten und sie in gnadenlose Tötungsmaschinen verwandelten. Aber es war eine Sache, wenn man das alles durch den flachen Bildschirm des Fernsehers gefiltert betrachtete, und eine andere, wenn man jemandem gegenüberstand, der so etwas tatsächlich erlebt hatte. Dieser Junge hatte ganz offensichtlich das Pech gehabt, in einer von Konflikten geschüttelten Region geboren zu werden, und er hatte einen Albtraum erlebt, der sich sicherlich wie ein Schatten über sein gesamtes Leben legen würde. Ein Glück, dass es gelungen war, ihn dort herauszuholen. Der kleine Eugene verdiente es, in einer besseren Welt zu leben, in der Kinder zur Schule gingen, keine schrecklichen Dinge um sich herum sahen und eine wirkliche Kindheit hatten, anstatt mit einem Gewehr in der Hand durch die Gegend zu rennen und Tod und Verwüstung zu säen, bis ihnen irgendein anderes zugekifftes Kind eine Kugel verpasste.
Der Kleine hatte mit ansehen müssen, wie seine Familie umgekommen war. Rybka konnte nur schwer begreifen, wie er so ruhig darüber sprechen konnte. Es musste ein Trauma sein, vielleicht stand er noch immer unter Schock. Das wäre vermutlich eine Erklärung für seine Ruhe und Emotionslosigkeit.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte er das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Er half dabei, diesen Jungen zu retten, ihn aus der Hölle zu befreien und ihm ein neues Leben zu ermöglichen. Der kleine Eugene hatte mehr erlebt, als irgendein Mensch je erleben sollte, er hatte die Ermordung seiner Familie mit ansehen müssen und war selbst nur knapp dem Tode entronnen. Rybka schwor sich, dass er den Jungen nach London bringen würde, und wenn die Welt um ihn herum unterginge. Nicht des Geldes wegen, sondern weil es seine Pflicht war.
Rybka war schon seit Jahren im Geschäft, der Schmuggel mit Kokain, oder „Charlie“, wie die Engländer das weiße Pulver umgangssprachlich nannten, sicherte ihm ein ständiges, nicht unerhebliches Einkommen. Und es ging so einfach, dass moralische Dilemmata ihm nachts nicht den Schlaf raubten. Es war einfach ein Job wie jeder andere. Der eine saß acht Stunden im Büro und wühlte in Papieren, ein anderer stand am Fließband. Rybka hatte sowohl das eine als auch das andere ausprobiert, und jetzt schmuggelte er eben Koks, einfach weil sich die Möglichkeit ergeben hatte, weil er den entsprechenden Leuten begegnet war. Wenn er es nicht täte, würde es ein anderer tun, nur ein ausgemachter Trottel würde sich eine solche Möglichkeit entgehen lassen. Großbritannien war wie ein riesiger Staubsauger: Tausende, Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende, vom Sozialhilfeempfänger bis hin zum Manager eines Großkonzerns, zogen sich tagtäglich Bahnen weißen Pulvers durch gerollte Geldscheine in ihre Nasen. Zugedröhnte Politiker regierten das Land, zugedröhnte Manager leiteten die Konzerne, zugedröhnte Polizisten machten Jagd auf zugedröhnte Verbrecher, und selbst der durchschnittliche Dave Smith von nebenan zog sich am Wochenende gerne eine Bahn. Das Land funktionierte dank Kokain. Wenn man plötzlich sämtliche Lieferungen stoppte, würde wahrscheinlich alles stillstehen, wie eine Maschine, der der Treibstoff ausgegangen war. Die Wirtschaft bräche zusammen, die gesamte Produktion käme zum Erliegen und das Land versänke in Chaos und Aufruhr. Ganz Großbritannien würde in den Abgrund stürzen. So in etwa stellte Rybka sich das vor, wenn er sein Gewissen beruhigen wollte.
Er betrachtete sich selbst gar nicht als Schmuggler, sondern eher als eine Art Ein-Mann-Kurierdienst für besondere Aufträge. Schmuggler waren Volltrottel, die sich nach Kolumbien schicken und mit kokaingefüllten Kondomen vollstopfen ließen, Idioten, die ihr Leben für ein paar miese Tausender riskierten, mit denen sie es auch auf keinen grünen Zweig bringen würden. Oder Schlauberger, die ihren Kombi mit Zigarettenstangen und Schnaps vollpackten und vierundzwanzig Stunden durch Europa gurkten, nur um in Dover vom erstbesten Zollbeamten angehalten zu werden, der einen Blick auf ihr Auto warf.
Dieser Auftrag war anders als die anderen. Als er hörte, dass es darum ging, einen siebenjährigen Jungen von Marseille nach London zu bringen, hatte er zunächst abgelehnt. Ein diskretes Päckchen, das er in einem Geheimfach seines Kofferraums verstecken konnte, war eine Sache, ein lebender Mensch eine andere. Das Risiko war wesentlich größer, außerdem hatte die britische Polizei zuletzt ein besonderes Auge auf die Schleusung illegaler Einwanderer geworfen, vor allem weil es plötzlich zu viele von den legalen gegeben hatte. Aus all diesen Erwägungen heraus sagte Rybka seinem Auftraggeber, er möge sich jemand anderen suchen. Doch jener Gentleman war es offensichtlich nicht gewohnt, dass man ihm eine Abfuhr erteilte.
„Du wirst mir den Jungen bringen“, sagte er und zog ein Geldbündel aus der Innentasche seines teueren Mantels. Ryba wusste, auch ohne zu zählen, dass es mehr Geld war, als er normalerweise in einem halben Jahr verdiente.
„Noch einmal so viel, wenn der Auftrag erledigt ist“, sagte der dunkelhäutige Mann, von dem Rybka wusste, dass er eine große Nummer in der Londoner Unterwelt war. Einer von denen, die sich so weit nach oben gearbeitet hatten, dass sie sich nicht mehr selbst die Finger schmutzig machen mussten.
„Ich habe auch noch etwas für den Fall, dass du dich noch immer nicht entscheiden kannst.“
Der dunkelhäutige Gentleman griff erneut in seine Manteltasche und holte ein kleines Papier hervor, dass sich als Fotografie erwies. Er legte sie auf den Tisch vor Rybka, dem ein einziger Blick genügte, um zu wissen, dass sein Gegenüber ihn in der Hand hatte.
Er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
„Dir muss sehr viel an diesem Kind liegen“, sagte er und blickte geradewegs in die kalten Augen des Gangsters. Er lächelte schwach, obwohl er ihm in Wirklichkeit viel lieber an die Kehle gesprungen, ihn zu Boden geworfen und ihm das Leben aus dem Leib gepresst hätte. Er wusste, dass er sich das nicht leisten konnte.
„Mehr als du denkst. Er ist mein Neffe. Aus diesem Grund wirst du auch dafür sorgen, dass ihm kein Haar gekrümmt wird. Denn in dem Fall könnte noch ein anderes Kind einen Unfall haben ...“

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau