Endspiel

In seinem Roman „Endspiel” verwendet der Schriftsteller erneut seine bevorzugte narrative Form: den sich über den ganzen Text erstreckenden inneren Monolog eines namenlosen Protagonisten, der am Ende seines Lebens mit seiner Biographie abzurechnen versucht. In diesen weitläufigen Monolog schneiden sich Reminiszenzen hinein, Bilder und Szenen aus der Vergangenheit, die ohne Rücksicht auf die Chronologie eingebaut werden. Diese zerstreuten Stücke sind meist dramatisiert, in dialogischer Form.
Ein Novum ist das Auftauchen eines Liebesmotivs. Der Monolog wird ergänzt durch Briefe, die die alte Jugendliebe des Protagonisten, Maria, ihm durch die Jahrzehnte geschrieben hat. Eigentümlich ist, dass der Protagonist des „Endspiels“ auf keinen dieser Briefe geantwortet hat – obwohl sie alle voller Emotionen und Leidenschaft waren, obwohl ihm Maria ewige Liebe geschworen hat.
Während der Lektüre entdeckt der Leser, dass diese Grausamkeit Maria gegenüber eine tiefere Motivation hat: Der Protagonist hängt obsessiv an der Idee der Freiheit. Er hatte mehrmals und absichtlich Berufe und Wohnorte gewechselt, nie ein Haus oder Möbel besessen (aus freier Entscheidung lebte er lediglich in möblierten, gemieteten Wohnungen), und war niemals eine längere Beziehung eingegangen.
Er spricht davon, dass er „sich selbst freiwillig von allem enterbt hatte”, und stellt sich die Frage: „Im Namen wessen? Der Freiheit? Unsinn. Es sei denn, man begreift die Freiheit als eine permanente Flucht vor sich selbst.” Die grausamste seiner Fluchten war die vor Maria – die dümmste die Flucht vor der Malerei und seinem Talent.
Er war ein vielversprechender Maler, doch er gab sein Studium an der Akademie der Schönen Künste auf und begann eine Lehre als Schneider. Diese Wahl war, wie alles in seinem Leben, zufällig und flüchtig. Aber liegt dem Leser hier eine Erzählung über ein schlimmes Schicksal, ein verpfuschtes Leben vor? Mitnichten.

Was bedeutet denn ein gelungenes oder nicht gelungenes Leben? Was ist das Leben an sich? Solcher Art Fragen – elementare, endgültige, mit philosophischem Anspruch – findet man in diesem Buch viele. Auch wenn es pathetisch klingt: Myśliwski versucht, den Sinn des Lebens und das Geheimnis der menschlichen Existenz zu durchdringen, ohne dabei jedoch endgültige Wahrheiten zu formulieren oder eindeutige Antworten zu geben.
Es wäre wichtig, auf den Titel des Romans einzugehen. Der Held des Buches ist leidenschaftlicher Kartenspieler; am liebsten spielte er Poker mit dem Schuster Mateja; doch seine wichtigste Partie spielt er auf dem Friedhof – man kann es gar nicht anders verstehen – mit dem Geist Matejas.
Im gewissen Sinne hebt der Autor die bedrohliche Bedeutung des Wortes „Ende“ im Titel wieder auf, was seine völlige Bestätigung im Finale des Werkes finden wird:
Der letzte Brief Marias, einer lebensmüden alten Dame, informiert den Protagonisten über ihre Absicht, Selbstmord zu begehen. Dieser Abschiedsbrief ist jedoch keinesfalls der letzte – was sich nicht nur dadurch erklärt, dass Maria von ihrem Plan zurückgetreten war. Woher sie ihn abschickte, ist leicht zu erraten.
Es ist schwer, eine schönere Coda für ein ergreifendes Liebeslied zu finden, als sie Myśliwski im „Endspiel“ anstimmt: Das Paar, das im Leben keine Erfüllung fand, findet sich im Jenseits, unter ungleich angenehmeren Bedingungen; dort, wo die vergehende Zeit keine Bedeutung hat, wo Jugend und Schönheit keine Rolle spielen.

Dariusz Nowacki

Wiesław Myśliwski (geb. 1932), Schriftsteller, Essayist, Dramaturg. Er debütierte 1967 mit dem Roman „Nagi sad”, drei Jahre später veröffentlichte er „Pałac” .
Er ist der Autor eines der wichtigsten polnischen Nachkriegsromane „Kamień na kamieniu“ (1984). Er veröffentlicht selten, meistens im Abstand von 10 Jahren.
Er erhielt zweimal den renommierten Nike-Preis  – für die Romane „Widnokrąg“ (1996) und „Traktat o łuskaniu fasoli“ (2006).

AUSZUG

Über dem See lag um diese frühe Zeit ein Nebel, der stellenweise so dicht war, dass man – wenn man vom hohen Ufer hinunterschaute – mit dem Blick den unten liegenden Wasserspiegel nicht erfassen konnte. Erst als die auf der anderen Seite, am gegenüberliegenden Ufer aufgehende Sonne begann, den Nebel zu durchdringen, tauchte der See allmählich aus der Tiefe auf. Es war etwas Einzigartiges in dieser Sonne, die sich so hartnäckig durch den Nebel kämpfte – der sich dabei zusammenzog, als würde er sich wehren. Vielleicht habe ich aber mittlerweile vergessen, wie die Sonne aufgeht, und ich entdeckte es in diesem Moment aufs Neue. Wann habe ich wohl zum letzten Mal den Sonnenaufgang gesehen, versuchte ich mich zu erinnern. Es musste schon so lange her sein, dass der Gedächtnisfaden abgerissen war.

Ich bedauerte, dass ich nicht mehr malte. Würde ich malen, würde ich die Staffelei am Ufer aufstellen und versuchen, diese Sonne auf Leinwand zu übertragen. Ich hätte sogar einen Titel: „Die Geburt der Sonne“. Sie war beinahe lichtlos, der Strahlen und ihrer Wärme beraubt, verdünnt durch den Nebel, der sie aus der Welt heraussaugte; so dass nicht einmal die Erde stark genug war, ihr zu helfen. Ich spürte den Schmerz der Sonne, ihre unglaubliche Anstrengung, wenn sie sich selbst auf diese Welt presste. Es schien mir, als würde sie die ganze Erde mit sich reißen, zusammen mit diesem bodenlosen, endlosen Nebel. Und ich war geradezu erleichtert, als sie sich endlich freigekämpft hatte. Danach wanderte sie in einem breiten Band über den Wald, der wie speziell für sie herausgeschlagen worden war, damit sie nichts mehr auf ihrem Weg zum See aufhalten konnte. Sie erreichte auf der anderen Seite das Ufer und tauchte dort ein, wusch ihre Qualen ab. Und dann wandelte sie über den Wasserspiegel, offenbar auf uns zu, zerschnitt den Nebel mit ihren Strahlen, und ich spürte eine sonderbare Anspannung, die wohl jeder Erwartung inne wohnt. Ich wartete, bis sie an das hohe Ufer kam, wo ich mit meinem Oskar wartete. Er spürte wohl dasselbe, denn er ließ sich niemals fortziehen, bevor die Sonne so nahe an uns herangekommen war, dass ich sagen konnte: Ich danke dir, Sonne, dass du aufgegangen bist – und Oskar fröhlich bellte. Nach einigen Tagen zog er mich schon von alleine an dieses Ufer. Dort setzte er sich auf die Hinterpfoten und gab keinen Laut von sich, kein Winseln, Knurren oder Bellen. Er hob nur den Kopf und schaute mich beunruhigt an. Und wir warteten, bis die Sonne aufging. Erst, wenn sie an uns herangekommen war, ließ sich Oskar in den Wald führen.

Auf der anderen Seite des Sees war ein Gebäude zu sehen, ein Ferienhaus oder eine Pension. Es schien viel größer als das unsere, doch sogar in der vollen Sonne konnte man nichts weiter erkennen, außer, dass es da stand. Unsere Pension war nicht groß, man könnte sagen, bescheiden, aber die Anzeige in der Zeitung hatte mich gelockt: „Wo, wenn nicht hier, inmitten der Wälder, wollen Sie sich erholen?“ Ich habe gedacht, dass es bestimmt nicht voll sein würde, denn wer sollte wegfahren zu einer Zeit, da die Blätter beinahe vollständig von den Bäumen gefallen sind und die Nächte kalt werden.

Und tatsächlich: außer mir wohnte dort nur der zuvor erwähnte Herr Dionizy. Wären die Besitzerin und ihr Sohn nicht gewesen (der zwei-drei Mal die Woche vorbeischaute, weil er woanders wohnte), hätte man meinen können, die Pension sei ausgestorben. Ich wohnte alleine im ersten Stock und Herr Dionizy im Erdgeschoss, weil er Schwierigkeiten mit dem Gehen hatte. Schwer stützte er sich auf seinen Stock, als ob er jeden Schritt mit Schmerzen bezahlen würde. Wahrscheinlich ging er gar nicht spazieren, zumindest habe ich ihn nie draußen gesehen, weder morgens noch nachmittags oder abends. Angeblich hatte er ein Auto voll mit Büchern dabei. Der Sohn der Besitzerin (der die Versorgung der Pension und diverse Reparaturen besorgte, und im Herbst, so wie jetzt, das Laubrechen), erzählte, dass er zwei Mal gehen musste, um die Bücher ins Haus zu bekommen. Außerdem musste er jetzt auch noch Samstag Abend beinahe alle Zeitungen und Zeitschriften der ganzen Woche zusammensuchen und sie Herrn Dionizy vorbei bringen.

Ich überlegte, wann er Zeit hatte zu schreiben, wenn er das alles las. Er hatte mir immer mal eine Zeitung oder eine Zeitschrift angeboten, in der, seiner Meinung nach, etwas Interessantes stand. Ich bedankte mich, sagte, ich würde es gerne lesen, aber dass ich ebenfalls zum Arbeiten her gekommen sei und keine Zeit habe. Außerdem bekam ich jedes Mal mit, wenn ich spazieren oder mit Oskar Gassi ging, dass Herr Dionizy Radio hörte. Entweder war er schwerhörig oder mochte es sehr laut, um nichts zu verpassen. Es gibt Menschen, die die Stille nicht vertragen, weil sie sich darin verlieren, wie im Nebel. Vielleicht ist für sie Stille gleichbedeutend mit Einsamkeit.

Auch wenn ich schon ein gutes Stück von der Pension weg war, hörte ich das Radio noch. Abends wiederum, wenn die Nachrichten begannen, setzte sich Herr Dionizy regelmäßig in den Speiseraum vor den Fernseher. Er ließ keinen Tag aus, und oft schaute er bis tief in die Nacht. Nicht nur die Tagesschau, auch Talkshows, Pressekonferenzen, Kommentare, Interviews, er sprang zwischen den Sendern hin und her und drehte die Lautstärke so weit hoch, dass ich es noch hinter meiner Tür im ersten Stock hörte.
Zugegeben: Er hatte er sich gefreut, als ich angekommen war. Er kam an seinem Gehstock herausgehumpelt und begrüßte mich herzlich, als hätten wir uns schon öfter in dieser Pension getroffen:

„Ah, endlich jemand, mit dem man ein Wort wechseln kann. Ich heiße Sie hier hoffnungsvoll willkommen!“
Schon am nächsten Tag beim Mittagessen (er verspeiste gerade das Hauptgericht), griff er sich seinen Teller und Besteck und setzte sich an meinen Tisch.
„Sie erlauben? Es isst sich so schlecht alleine. Für wie lange sind Sie hergekommen?“
Am nächsten Tag überreichte er mir seine Visitenkarte:
„Da steht auch die Mobilnummer. Ich gebe sie nur vertrauenswürdigen Menschen. Sollten Sie in meiner Stadt sein, besuchen Sie mich bitte. Sie sind herzlich eingeladen. Nur rufen Sie bitte vorher an.“

Ich warf einen Blick darauf. Dionizy Orzelewski. Die Adresse. Mehr nicht.
„Danke“, erwiderte ich. „Wenn ich dort sein sollte, werde ich es nicht versäumen, Ihrer Einladung zu folgen.“ Ich stellte mich ebenfalls vor und schob seine Visitenkarte in die Brusttasche meines Jacketts. Später, zu Hause, nach meiner Rückkehr, steckte ich sie in mein Adressbuch, obwohl ich noch überlegte, warum ich es tue. Auch wenn ich jemals in die Stadt kommen sollte, in der Herr Dionizy wohnte, würde ich ihn eh nicht anrufen. Und ich hatte nicht vor, nochmal in diese Pension zu kommen. Ich habe seine Visitenkarte in meinem Notizbuch nie wieder gesehen; womöglich klebte sie an einer anderen. Visitenkarten hängen manchmal so aneinander, wenn man nicht regelmäßig reinschaut.

Ein paar Tage später fing er an, mir zu erzählen, was er gerade in den Zeitungen gelesen hatte. Danach ging es darum, was im Radio kam und schließlich, was er am Abend zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Ich tat so, als ob ich zuhören würde, doch mit den Gedanken war ich woanders. Ich habe mir diese Fähigkeit erarbeitet, damit niemand merkte, dass ich nicht zuhörte.
Er hatte den Mund voller Essen, so dass sich die Worte da durch pressen mussten, undeutlich waren, wie vermengt mit den Speisen, so dass nur wenige zu verstehen waren. Und an einem weiteren Tag, seiner wohl sicher, dass er mich mit seinem Vertrauen bedenken konnte, wurde er hitzig – als ob er an einer der Fernsehdebatten teilnehmen würde, die er abends zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Er hob die Stimme, sie schwoll vor Wut und Spott, er lästerte, lachte sarkastisch, warf mit Beleidigungen um sich, doch es fiel mir schwer zu erkennen, wen er denn meinte.

„Was glauben die, wer sie sind, diese Idioten, dieses Pack!“ Vor Wut knallte er mit seiner Gabel auf den Teller, also verstand ich soviel, dass es um irgendwelche Idioten und irgendwelches Pack gehen musste.
Ungefähr in der Mitte meines Urlaubs war ich so erschöpft von seiner Anwesenheit, dass ich überlegte, wie ich ihn loswerden könnte. Ich kam auf die Idee, schon früher zu den Mahlzeiten zu erscheinen, doch es half nichts. Dann ging ich später als gewohnt essen, aber auch das brachte nichts. Von irgendeinem Instinkt geführt, kam er ebenfalls früher oder später zum Essen. Ich überlegte schon, ob ich nicht abreisen sollte. Wenn ich mir seine Ausführungen bei jeder Mahlzeit anhören müsste, bis zum Schluss, würde ich mich nicht erholen. Und wegen der Erholung war ich doch hergekommen.

Irgendwann setzte er sich beim Mittagessen wieder an meinen Tisch, offenbar aufgebracht, denn kaum machte er es sich auf dem Stuhl bequem (er hatte wegen seines kaputten Beins auch mit dem Sitzen Probleme, schon bombardierte er mich mit der Frage:

„Was halten Sie davon, was gerade los ist?“
„Was soll denn los sein?“, gab ich, quasi naiv, zurück, um seine Erregung abzukühlen.
„Wie: was?“, gab er empört zurück. „Lesen Sie keine Zeitungen, hören Sie kein Radio, schauen Sie kein Fernsehen? Geschichte geschieht vor unseren Augen!“, rief er und starrte mich mit einem erwartungsvollen Blick an.

Ganz ruhig, als ob wir uns gar nicht unterhalten hätten, schnitt ich ein Stück von meinem Steak ab, steckte es mir in den Mund, kaute, schluckte hinunter und antwortete erst dann:

„Geschichte geschieht immer vor unseren Augen, nur wollen wir nicht immer, dass es wirklich unsere Augen sind.“
„Verstehe ich nicht.“
„Müssen Sie auch nicht.“
„Vielleicht möchte ich aber? Verstehen heißt nicht automatisch einverstanden sein. Hängt auch davon ab, mit wem man einverstanden ist.“
„Dann möchte ich zitieren, was mal jemand über die Geschichte gesagt hat: `Was interessiert mich Geschichte. Meine Welt ist die erste und die einzige.`“
„Wer war das?“, knurrte er, ohne seine Wut zu verbergen.
„Sie dürften ihn kennen.“
„Das glaube ich nicht. Ich unterhalte keine Bekanntschaften mit Idioten.“
„Er war ein Philosoph, kein Idiot.“
„Philosoph?“ Er wedelte verächtlich mit seiner Gabel, dann zerrte er mit den Zähnen von ihren Spitzen das bereits aufgespießte Stück Fleisch. Während er dieses Fleisch kaute, sagte er:
„Denken Sie denn, dass es unter den Philosophen keine Idioten gibt?“
„Dann wäre es für Sie vielleicht maßgeblicher zu erwähnen, dass er auch Offizier war. Philosoph und Offizier. Und zwar nicht irgendeiner, sondern ein tapferer, verdienter, ausgezeichnet für seinen Willen und seinen Mut.“
„Philosoph und Offizier?“ Er hörte für einen Moment auf zu essen, als ober er etwas überlegte. Ich dachte schon, dass ihn der Offizier überzeugt hätte, doch er erwiderte verächtlich:
„Na und?“

Seit jenem Tag hat er sich nie wieder zu mir gesetzt. Er fragte nicht einmal nach dem Wetter, wenn ich von meinen morgendlichen Spaziergängen zurückkam und wir uns über den Weg liefen.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz