Griechen sterben zu Hause

Nach dem Ende des griechischen Bürgerkriegs und der Niederlage der linken Volksfront kamen Ende der 40er- und Anfang der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mehrere Tausend politischer Flüchtlinge nach Polen. Die meisten von ihnen siedelten sich in Niederschlesien an, z. B. in Bielawa, wo auch Hubert Klimko-Dobrzaniecki seine Kindheit und frühe Jugend verbrachte. Der Autor erzählt in seinem neuesten Roman von ebenjenen damaligen „Bielawa-Griechen“ und greift damit erneut ein Thema auf, das ihm sehr am Herzen liegt: die schmerzhafte Erfahrung eines Lebens in der Emigration.

Das zentrale Thema ist das Gefühl des Fremdseins und der Wurzellosigkeit – übrigens in zweifacher Hinsicht. Der Held des Romans, Sakis Sallas, gilt in Polen, obwohl er in diesem Land geboren, zur Schule gegangen und vollständig assimiliert ist, sein Leben lang als ein Fremder. Als er 1980 in das Land seiner Vorfahren zurückkehrt, macht er dieselbe Erfahrung: In den Augen der Griechen ist er ein „Polonos“. Doch ist dies der Grund dafür, dass sein Privatleben eine einzige Abfolge von Misserfolgen ist? Wir begegnen ihm als einem verbitterten Fünfzigjährigen, ehemaligen Journalisten einer Athener Tageszeitung und beginnenden Schriftsteller, wie er gerade auf einer griechischen Insel ankommt, um im dortigen Schriftstellerhaus einen Roman über seine Eltern zu schreiben. Es geht ihm jedoch nicht darum, das Andenken seines über alles verehrten Vaters und seiner über alles geliebten Mutter zu wahren und einen nostalgischen Blick auf seine glückliche und unbeschwerte Kindheit zu werfen – das Buch soll vielmehr eine private Spurensuche werden. Sakis leidet darunter, dass er nur wenig über die Vergangenheit seiner Eltern weiß, die bis zu ihrem Tod nie über ihr Leben vor der Emigration gesprochen haben. Er hegt zu Recht den Verdacht, dass sie ein dunkles Geheimnis mit sich herumtrugen, dass sich hinter ihrer Ehe noch etwas anderes verbarg. Das schreckliche Geheimnis kommt im Finale des Romans ans Licht und stürzt den Helden endgültig in eine Krise.
Die Geschichte des Romans entwickelt sich auf zwei Ebenen, der Vergangenheit und der Gegenwart. Die erste Ebene besteht aus zahlreichen, überwiegend humorvoll erzählten Kleinstadt-Anekdoten, in deren Mittelpunkt Sakis' exzentrischer Vater – ein unverbesserlicher Träumer und Fantast – steht. Daneben finden sich ergreifende Familienszenen. Auf der Gegenwartsebene geschieht hingegen nur wenig: Sakis geht Affären mit einer Bewohnerin und schließlich mit der Leiterin des Schriftstellerhauses ein, doch diese lassen sich kaum als Beziehungen bezeichnen. Eris und Maria führen dem Helden lediglich den Grad seiner emotionalen Verkrüppelung vor Augen.

Alles in allem muss man festhalten, dass es in Griechen sterben zu Hause in erster Linie um die Gefühlswelten der Figuren geht und dass das „Griechentum“ – sowohl in geschichtlicher als auch in kultureller Hinsicht – lediglich als Kulisse dient. Im Vordergrund stehen familiäre Gefühle, vor allem die Beziehung zwischen Eltern und Kind, das Phänomen einer erfüllten Vaterschaft einerseits und die nach dem Tode des Vaters entstandene Leere andererseits. Das Letztere erscheint besonders wesentlich, weil Sakis' Vater gleich zweimal stirbt – zunächst real und später symbolisch, als die schreckliche Wahrheit über seine Vergangenheit in Griechenland zufällig ans Licht kommt.

Dariusz Nowacki

Hubert-Klimko Dobrzaniecki (geb. 1967) Schriftsteller und Lyriker, lebt seit vielen Jahren im Ausland (unter anderem auf Island, gegenwärtig in Österreich). Er schrieb mehrere Erzählungen und Romane, bisher erschienen von ihm neun Bände. In seinen Werken wimmelt es geradezu von Sonderlingen, Verrückten, Eigenbrötlern, entwurzelten und verkrachten Existenzen, die entweder unfähig oder unwillig sind, einen festen Platz im Leben zu finden.

AUSZUG

Mein Vater nahm verschiedene Arbeiten an. Er konnte einfach nicht so wie Mama. Egal ob krank oder gesund. Auf den Gongschlag oder sogar etwas früher. Immer dasselbe. Tagein, tagaus. Rhythmus war nicht Papas Ding. Papa war ein König, Eigentümer eines grünen Throns, von dem er sich selbst nach dem Umzug nicht trennte. Er liebte Veränderungen, Bewegung, den Strudel des Lebens. Es musste immer etwas los sein. Irgendein kleines Chaos, eine Minirevolution, schließlich stellte sich Papa, Paps, Papschen, Papachen stets als Revolutionär, als Partisan aus den fernen Bergen vor. Da half er lieber beim Ausladen. Wenn der Zug in den Bahnhof einfuhr, war er immer der Erste. Wenn etwas umfiel, zerbrach oder nicht ankam, entwickelte er eine solche Kraft, dass er alles ganz allein aufheben, reparieren, zusammensetzen, hineinlegen oder herausnehmen wollte. Und hinterher kehrte er erschöpft, aber glücklich, mit Geld in der Tasche, nach Hause zurück. Dann gab er mir eine Münze und sagte: „Junge, hier hast du Geld, gutes, ehrlich verdientes Geld. Geh in die Konditorei und kauf dir etwas Süßes, und denk auch an deine Mutter, denk an den Windbeutel. Für deine Mutter einen Windbeutel, und für dich, was immer du willst.“ Und ich machte mich auf den Weg, mit meiner goldenen Münze, die der Herrscher der Meere und Ozeane mir dargereicht hatte. Manchmal blieb sogar noch etwas übrig.
Später bekam er es mit dem Kreuz. Er wurde nun einmal älter. Man muss dazusagen, dass es noch mehr von uns in der Stadt gab, aber Papa traf sich nicht gern mit ihnen. Sie stammten von einem anderen Berg, aus einem anderen Wald, und hatten einen anderen Blick auf die Dinge. Vielleicht einen pragmatischeren Blick, außerdem ziemte es sich für einen König nicht, sich unter das gemeine Volk zu mischen. Einige von ihnen bezeichnete er als Verräter, weil sie zum Katholizismus übergetreten waren. Einige glaubten sogar an Gott, und andere waren nicht aus seiner Einheit. Jene hatten sich, aus was für Gründen auch immer, für die Tschechoslowakei entschieden. Sie waren irgendwo auf dem Weg zurückgeblieben und man hatte nie wieder etwas von ihnen gehört. Auch Mama war zum Katholizismus übergetreten, ging in die Kirche und ließ mich sogar taufen. Angeblich hatte mein Vater daraufhin einen Monat lang nicht mir ihr gesprochen. Aber sie war eben anders und durfte tun, was sie wollte, denn mein Vater war ihr dankbar für ihren Fleiß, vor allem jedoch für ihre Liebe. Als wir es sehr schwer hatten, noch ganz am Anfang, sagte Mama immer: „Wir haben Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch, wir werden schon nicht verhungern.“ Irgendwie schaffte sie es, meinem Vater aus diesen wenigen Zutaten alles Mögliche auf den Teller zu zaubern. „Was gibt es heute zu Mittag?“ „Heute, mein Liebster, gibt es gefüllte Weinblätter.“ Und Mama rieb Kartoffeln, gab ein Ei hinzu, ein wenig Knoblauch, Salz und Pfeffer, wickelte alles in dünne Zwiebelschichten ein und schob es in den Ofen. Siehe da, Dolmadakia Yalantzi! Ich sehe, wie Papa versucht, sich die Kartoffeln wegzudenken. Er genießt, lässt sich die gefüllten Weinblätter auf der Zunge zergehen, schluckt sie langsam hinunter. Jetzt ist er zu Hause, also dort. Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht. Nach einer Weile hebt er die Augen zum Himmel und sagt, dass ein Wölkchen aufzieht, aber sicher gleich wieder vorüberzieht, und er lädt sich noch etwas von dem zauberischen Blendwerk auf seine Gabel. Und wieder kaut er langsam. Schluckt hinunter. „Hervorragend, Schatz, hervorragend. Eine ausgezeichnete Vorspeise. Und was gibt es als Hauptgang?“ „Na, was schon? Dein Lieblingsessen!“ „Nein?! Du hast Rindfleisch mit Kastanien gemacht?!“ In der Pfanne schmoren bereits in Scheiben geschnittene Kartoffeln. Mama lässt sie langsam goldbraun werden, von beiden Seiten. Bestreut sie mit Pfeffer und Salz. Legt sie auf einen Teller. Im Bratfett planschen bereits die Zwiebeln, und Mama gibt noch einen Löffel Zucker hinzu, sodass sie glänzend und goldbraun werden. Dann verteilt sie alles auf die Kartoffeln und streut noch ein wenig gehackten Knoblauch darüber. Kreas me Kastana! Papa gehen die Augen über. Jetzt lässt er sich nicht mehr so viel Zeit wie mit der Vorspeise. Sein Bart gerät in Wallung, hängt in den Teller. Das Rindfleisch mit Kastanien verschwindet im unermesslichen Magen meines Königs der Meere. „Und zum Nachtisch? Gibt es etwas zum Nachtisch?“ „Ich kann dir Revani machen, aber ohne Grieß, nur die Orangenzesten.“ „Gerne.“ Mama nimmt ein paar steinhart getrocknete Orangenzesten, die sie wer weiß wo herhat, wahrscheinlich noch von den Deutschen. Sie legt sie in eine Pfanne, begießt sie mit kochendem Wasser, gibt etwas Fett und einen Teelöffel Zucker dazu. Fertig ist der Nachtisch. Der beste Nachtisch der Welt. Papa dankt ihr. Bürstet Mamas abgearbeitete Hände mit seinem roten Bart. Papas Bürstenbart auf Mamas Handflächen ist der schönste Dank. Nach diesem königlichen Mahl, durch das sich meinem Poseidon neue Gehirnwindungen erschlossen haben, denn es war reichlich Zucker darin gewesen, schön und festlich war es gewesen, sagt Papa zu Mama: „Ausladen ist nichts mehr für mich. Ich werde alt. In die Fabrik will ich auch nicht. Dort würde ich mich zu Tode langweilen, feste Arbeitszeiten würde mich umbringen.“ „Und? Was willst du dann machen?“ Der König kratzt sich den Bauch. Streicht über seinen Bart. Steckt sich eine Zigarette in den Mund. Zündet ein Streichholz an. Blickt in die Flamme. Versinkt in Gedanken, bis das Streichholz von allein wieder verlischt. Die Rauchfahne legt sich über das Rote Meer. Verfängt sich in den Wellen und verschwindet in der Tiefe. „Ein Warszawa“, sagt er. „Einer aus Dół will seinen Warszawa verkaufen.“
Als es meinen Eltern etwas besser ging, weil Vater ein wenig beim Kartenspiel gewonnen und ein wenig beim Ausladen verdient hatte, und weil Mama in der Spinnerei ständig zweihundert Prozent der Norm schaffte, und weil sie sich etwas zusammengespart, zusammengeliehen und ich weiß bis heute nicht, was sie noch alles angestellt hatten, auf jeden Fall kauften sie sich einen ausgemergelten Warszawa. Grau war er, wie ganz Polen es damals war. Wie die gleichnamige Hauptstadt, in der Paps schon einmal gewesen war. In der griechischen Botschaft. Irgendetwas hatte er dort gewollt, irgendetwas zu erklären versucht, aber er war traurig und mit leeren Händen zurückgekehrt, und hinterher erzählte er. „Denen ihr Warszawa ist genau wie unser Warszawa, grau und traurig, und hin und wieder knurrt es wie ein herrenloser Hund. Voller Beton und Baustellen. Viel größer als unser Warszawa. Oh, viel größer. Du guckst auf den Rücksitz, durch die Heckscheibe, und die Stadt geht einfach immer und immer weiter. Man sieht kein Ende, und auch kein Ende ihrer Traurigkeit. Wenn sie wenigstens an einem Berg oder am Meer läge. Aber alles ist flach und eben, mein Junge, und keine Zikaden zirpen, nur die Milizionäre regeln mit ihren Trillerpfeifen und Schlagstöcken den Verkehr. Aber was sollen sie da schon regeln, alle fahren sowieso, wie sie wollen. Bei uns ist es viel schöner. Viel schöner …“
Unser Warszawa wurde ein Taxi. Eines von nur vieren in der Stadt. Und mein Vater einer von nur vier Taxifahrern, dazu noch der einzige Ausländer. Er stand am Taxistand am „Plac Wolności” und wartete auf einen Anruf, denn es gab dort ein Telefon, so eine Art Telefonzelle, aber nur für Taxifahrer. Papa wartete auf einen Anruf von den reichen Leuten, denn die gab es auch bei uns. Manchmal kamen auch arme Leute, die in Not waren. Die fuhr Papa dann umsonst oder fast umsonst. Die, die kein Geld oder nur wenig Geld hatten, brachten ihm hinterher zum Dank alle möglichen Sachen. Von Lebensmitteln bis hin zu Weidenkörben. Wegen seiner Gutmütigkeit wurde mein Vater fast so etwas wie eine rotbärtige Legende, und es kam so weit, dass die Leute, die zum Taxistand kamen, nur noch mit dem Griechen fahren wollten. „Der Grieche ist gut. Kennt alle Straßen und spricht immer so komisch. Wenn du beim Griechen einsteigst, dann kommst du auch ans Ziel. Und wenn du kein Geld hast, dann wartet der Grieche, oder du gibst ihm irgendetwas anderes.“ Wenn sie zu viert, also alle zusammen, am Taxistand warteten, und das Telefon klingelte, und mein Vater war gerade der Zweite, Dritte oder Vierte, also der Letzte in der Schlange, und der Erste nahm den Hörer ab, dann fragte die Stimme am anderen Ende meistens, ob der Grieche da sei, ob der Grieche kommen könne. Aber Paps war nicht dumm, Könige sind im Allgemeinen klüger als Taxifahrer, und Papa war ja nicht einfach ein Taxifahrer, sondern der König der Taxifahrer, also musste er in solchen Situationen auch königliche Entscheidungen treffen. Er wollte keinen Ärger mit den Jungs. Drei gegen einen. Da hatte er keine Chance, wohl aber hatte er einen Kopf auf den Schultern. Wenn also das Telefon klingelte, und Papa war nicht der Erste in der Schlange, und jemand verlangte nach dem Griechen, dann ließ er den Ersten sagen, der Grieche sei gerade unterwegs. Und wenn die Leute an den Taxistand kamen und sich in den grauen Warszawa drängten, dann tat er einfach so, als würde er die Kiste nicht in Gang kriegen. Doch damit nicht genug, mit der Zeit stieg der rotbärtige Poseidon zum Chef der Taxi-Mafia auf und lange Zeit war in der Stadt kein Platz für ein fünftes Taxi. Alle waren der Meinung, vier seien ausreichend. Ausreichend für die Stadt und ausreichend für sie. Einmal versuchte es doch einer. Er kaufte sich einen Wagen, meldete ihn an und erhielt eine Erlaubnis. Aber irgendwann hatte er Sand im Tank, obwohl er gar nicht ans Meer gefahren war. Und schon waren es wieder nur vier Taxis. Für viele Jahre. Und welchen Nutzen hatte Paps davon, dass ihn seine Kumpel vom Taxistand zum Mafia-Chef ernannt hatten? Gar keinen, der Posten brachte sogar eher Nachteile mit sich. Nachdem Paps das Zepter am Taxistand übernommen hatte, eröffnete er seinen Kollegen: „Ich machen Sonntag frei. Ihr machen Touren. Gut?“ Worauf jene ihm voller Verwunderung und Begeisterung antworteten: „Ja, ja, ja!“ Fortan liebten sie ihn noch mehr, denn so waren sie an jenem Tag einer weniger, und das mit Sonntagszuschlag. Aber mein Vater war eben ein griechischer König, und als solcher wusste er, dass Sonntagsarbeit keine Arbeit ist, sondern lediglich Sklaverei mit Sonntagszuschlag. Sonntag war für uns ein Feiertag, weil Papa zu Hause war. Weil er ganz mir und Mama gehörte. Naja, vielleicht nicht ganz, ein wenig gehörte er auch der Kaffeerunde von Herrn Goważewski.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau