Gräten schlucken

Ignacy Karpowicz, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Paszport Polityki, meldet sich mit einem neuen, interessanten Roman zurück. Gräten schlucken erzählt humorvoll vom Bedürfnis nach Nähe und Liebe, vor allem aber vom Anderssein, das in der Romanlandschaft zur Normalität wird. Wieder einmal stellt der Autor unter Beweis, dass er in seiner Entwicklung nicht stehen bleibt – jedes seiner Bücher unterscheidet sich deutlich von den Vorgängern: Das enthusiastisch gefeierte Debüt Niehalo [Nicht der Hit] war eine groteske Tour durch die polnische Wirklichkeit im Zeitalter des Kapitalismus, Gesty [Gesten] analysierte eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung, und das preisgekrönte Balladyny i romanse [Balladynen und Romanzen] entpuppte sich als origineller Beitrag zur Präsenz der Religion in der modernen Welt.

Diesmal setzt Karpowicz auf einen kollektiven Helden, wenn er seinen neugierig-warmen Blick auf (nicht gar so schreckliche) Vertreter des Bürgertums richtet, die in ihren persönlichen Sorgen, zumeist in Liebesdingen, befangen sind. Die Romanfiguren entstammen der polnischen Mittelschicht, sie decken das gesamte Spektrum an Einstellungen und Haltungen ab. Da wäre zum Beispiel Norbert, der nicht eben viel für Homosexuelle übrig hat, selbst aber mit dem Vietnamesen Kuan anbändelt (der sich abends in die berühmte Dragqueen Kim Lee verwandelt). Aber auch die Gesellschaft der brillanten Professorin Ninel ist ihm durchaus nicht unangenehm… Diese wiederum pflegt eine sonderbare Beziehung zu Szymon, dem Angetrauten der launischen Maja, ihrerseits Mutter eines pubertierenden Sohnes und Schwester der fanatisch katholischen Faustyna. Und Freundin von Andrzej, der mit dem chaotischen Krzyś zusammenlebt… Und so geht es immer weiter – eine Zusammenfassung des neuen Karpowicz läse sich wie das Drehbuch eines Almodóvar-Films. Nur präsentiert der Autor seine Truppe schillernder Figuren (die er übrigens stets wunderbar im Griff hat) ohne jeglichen Furor. Er erzählt eine stimmige, rundum vergnügliche Alltagsgeschichte, die etwas außer Kontrolle gerät, aber darüber keine Dramen auslöst, sondern im Gegenteil eine neue, zufriedenstellende (?) Ordnung stiftet.

Die Brosamen, nein, die Gräten, die uns im Alltag im Halse stecken bleiben, sind im Grunde halb so wild. Karpowicz gelingt es nämlich, sie zu entschärfen, bevor sie ihre Sprengkraft entfalten können. Mit seinem engagierten Buch, seinem Entwurf einer idealen Gesellschaft, die offen ist für das Andere, tolerant und vorurteilsfrei, erzählt er die Geschichte einer Handvoll netter, leicht orientierungsloser Menschen, die geprägt ist von Normalität.

Wie könnte es auch anders sein, ist doch unser Leben – wie der Autor zeigt – mag es uns noch so fundamental wichtig erscheinen, eingebunden in Millionen Strukturen und Systeme, die bedeutend größer und wichtiger sind als wir. Daher gibt gerade das Kleine den geeigneten Maßstab vor, diese Irrungen und Wirrungen zu beschreiben.
Patrycja Pustkowiak

Ignacy Karpowicz (geb. 1976) Prosaautor, Reisender, Übersetzer; einer der spannendsten Autoren der jüngeren Generation. Seit seinem Debüt 2006 sind vier weitere Romane erschienen; zwei Nominierungen für den NIKE-Preis, ausgezeichnet mit dem Paszport POLITYKI 2010.

AUSZUG

- Maja, du bist der tollste Mensch der Welt.
- Verzeihung, haben Sie etwas gesagt?
Erst jetzt wurde Maja bewusst, dass sie vom Modus ‚lautloses Mantra‘ in den Modus ‚gesprochenes Mantra‘ gefallen war. Sie wurde rot. Nicht, weil sie etwas gesagt hatte. An den Irren, die in Bussen und Bahnen mit Gott und den Musen plauderten, konnte sie nichts Schlechtes finden. Die hatten wenigstens ein Anliegen, da sollten sich eher die schweigenden Fahrgäste schämen. Aber der Inhalt des Gesagten beschämte sie. Aus Sicherheitserwägungen heraus, und mit Rücksicht auf meine Würde, sollte ich wohl ein weniger persönliches Mantra wählen. Sie schwankte zwischen den in Sachen Ego neutralen ,,Drängeln Sie nicht so“ und ,,Die Fahrscheine bitte“; sie würde es mit der ersten Variante probieren, wenngleich sie bezweifelte, dass diese ähnlich schnell die Laune heben würde wie „Maja, du bist der tollste Mensch der Welt“.
Kaum hatte sie den neuen therapeutischen Satz zweimal im Geiste gesprochen, war diese Stimme wieder da:
- Ich habe es doch gehört. Sie haben etwas gesagt.
Sie kapitulierte. Langsam hob sie den Blick, um die Quelle des nervenden Geredes ausfindig zu machen. Sie hatte nichts Besonderes erwartet, einen Lautsprecher vielleicht, am wenigsten aber das, was sie nun zu sehen bekam. Vor ihr stand ein breitschultriger Mann um die Dreißig; sorgsam gegeltes Haar, Rechtsscheitel, ebenmäßige Züge, tadellose Haut, keine Warze, kein Pickelchen, glatt rasierte Wangen, der Bartansatz so markant wie die Toleranzgrenze des Vatikans zur Gleichstellung von Mann und Frau. Unter dem offenen grauen Mantel blitzte ein schneeweißes Hemd hervor. Seine Hose hatte sie nicht beachtet, und jetzt wollte sie den Blick nicht mehr senken – das hätte sicher ausgesehen, als wollte sie seinen Schritt taxieren, als gehörte sie zu den sexuell Unterversorgten; selbst wenn es komplett anders ausgesehen hätte, nun hatte Maja einmal gedacht, es hätte so ausgesehen und nicht anders, deshalb hielt sie jetzt mit eisernem Willen den Nacken steif.
Sie wollte ihn Auge in Auge fragen, was er für Hosen trug, da sie aus übergeordneten, quasi objektiven Gründen außerstande war, dies selbständig und eigenen Auges in Erfahrung zu bringen. Glücklicherweise verkniff sie sich die Frage. Der Mann präsentierte sich für Majas Geschmack derart aufgeräumt, ordentlich und sauber, dass seine Akkuratesse übertrieben und irritierend wirkte. Vor ihr stand der Bilderbuchsohn von Bilderbucheltern.
Ein nervöser Schauder lief ihr über den Rücken: Dieser Mann war in einer kranken Familie aufgewachsen, allmorgendlich brachte seine sadistische Mutter ihm das Haar in Form und zwängte ihn in die Kleider ihres modisch um ein Jahrhundert hinterherhinkenden Albtraums vom perfekten Kind, während Vater Rohrstock Morgen für Morgen wiederholte: „Denk dran, mein Sohn, sieh deinem Gegenüber immer in die Augen, wenn du sprichst.“
Majas Fantasie kam allmählich auf Touren. Sie sah Meister Proper am Mittagstisch sitzen; auf seinem Teller, der so blank war, als wäre er immer schon leer gewesen, lag die letzte Erbse. Jeder normale Mensch hätte mit seiner Gabel diese Erbse minutenlang gejagt, nicht so Herr Sauber-Ausgeführt. Mit einer einzigen, präzisen Bewegung spießte er die Erbse auf und führte die Gabel zum Mund. Maja wurde immer unruhiger. Kein Zweifel, sie sah sich einem lebensgefährlichen brünetten Barrakuda gegenüber. Um jeden Preis musste jetzt ein positives Gegenbild her. Sie dachte an ihren Sohn, seinen Irokesenschnitt, seinen hemdsärmeligen Umgang mit Wasser und Seife, aber das Bild ihres Sohnes machte die Situation auch nicht besser. Entsetzt malte sie sich aus, wie ihr geliebter Bruno zufällig dieser Bestie im blütenreinen Kragen begegnet, sich infiziert, den Iro abrasiert und sich einen Seitenscheitel zulegt. Gütiger Gott, bitte nicht Bruno!
- Ich hätte ein Taxi nehmen sollen.
- Wie bitte?
- Im Bus begegnet man immer so widerlichen Typen.
- Typen wie mir, meinen Sie?
- Gleich kommt eine Bedarfshaltestelle – ihre Stimme zitterte und wurde leiser. – Ich melde Bedarf an, dass Sie aussteigen.
Er lächelte.
- Sie würden meiner Mutter gefallen.
- Ich bin schlecht in Müttern. Ich fürchte, ich könnte die Gefühle Ihrer Mutter nicht erwidern.
Sie wollte noch anfügen: „schließlich hat sie ein Monstrum großgezogen“, konnte sich aber zurückhalten. Dieser schöne Erfolg – Maja gelang es nicht immer, nicht zu sagen, was sie nicht sagen wollte – gab ihr neuen Mut. Der Bus war voll besetzt, sie hatte nichts zu befürchten, höchstens eine Grippe oder einen Pilz von ihren Mitfahrern; Gewaltexzesse standen aller Voraussicht nach nicht an. Die Situation gestaltete sich so ungemütlich wie folgt: Sie unterhielt sich mit einem höflichen, erschreckend reinlichen, hochwertigen Mannsbild hyperrealistischer Machart.
- Sie brauchen nicht an der nächsten Haltestelle auszusteigen – lenkte sie nach einer ausgedehnten Pause begütigend ein. – Steigen Sie aus, wann Sie wollen.
Er neigte leicht den Kopf und räusperte sich verlegen.
- Ich würde Sie gern näher kennenlernen. Ich muss gestehen, Sie haben mich mächtig beeindruckt.
Jetzt sah sie ihn mit anderen Augen. Weil er sein Interesse bekundet hatte, konnte Maja ihre erste Einschätzung noch einmal korrigieren und den Sympathiefaktor erhöhen bzw. den Antipathiefaktor minimieren. Sie erkannte, dass man ihn nur ein wenig beschmutzen, die Haare zausen und zwei bis drei Pickel auf den Wangen platzieren müsste, schon sähe er den anderen Chef-Gorillas gar nicht mehr so unähnlich. Man könnte ihn sogar in den Club mitnehmen. Wahrscheinlich war er gar kein Psychopath, sondern nur geistig, kulturell oder hygienisch behindert.
- Haben Sie im Novemberaufstand, aus dem Sie offenbar gerade kommen, erfolgreich fremde Bräute im ÖPNV abgeschleppt?
Während er sich seine Antwort zurechtlegte, stellte sie sich vor, dass Meister Ich-pinkle-kohlensäurearmes-Mineralwasser mit jüngeren Geschwistern gesegnet war. Dass die ganze Sippe bei Tisch auf Kommando Erbsen aufspießt. Diese Szene geriet Maja so anrührend komisch, dass sie nicht einmal versuchte, ihr Lächeln zu verbergen.
- Ich sehe mich – gestand er ernsthaft – zu einer intelligenten und geistreichen Antwort nicht in der Lage.
- Bei mir ist das umgekehrt. Intelligente Antworten habe ich immer parat. Ist doch egal, dass ich die Fragen nicht abwarten kann!
- Gestatten Sie mir eine Einladung zum Abendessen.
Maja zeigte sich an dem Unbekannten und seinem untadeligen Äußeren zunehmend interessiert. Sie kam sich vor wie eine Archäologin, eine Epidemologin, eine Biologin bei der Erforschung einer extraterrestrischen Lebensform. Sie kam sich vor, als hätte sie das Teflon erfunden, die reinste Substanz überhaupt; na ja, vielleicht ex aequo mit der Hostie.
- Schwitzen Sie?
- Hmm. Ja, in diesem Moment habe ich beispielsweise vor Aufregung schwitzige Hände. Handflächen.
- Haben Sie …
- Ich beantworte all Ihre Fragen unter der Bedingung, dass wir uns treffen.
- Gut. An einem öffentlichen, gut ausgeleuchteten Ort. Haben Sie manchmal Schnupfen? So richtig mit Rotz?
- Ich muss gleich aussteigen, das ist meine Haltestelle. Bitte geben Sie mir Ihre Nummer.
Maja diktierte, und er zog aus seiner manierlichen ledernen Brieftasche eine Visitenkarte.
- Morgen rufe ich an. Die bekommen Sie für den Fall der Fälle. Auf Wiedersehen.
Er stieg aus, und sie sah ihm nach. Sie wusste nicht, was sie mehr schmerzen würde: Wenn er stehen bliebe und schaute, oder wenn er sich abwandte und seiner Wege ging. Maja schaute nicht gerne, wenn sie nicht wusste, was sie sehen wollte. Undefiniertes Schauen konnte sehr riskant sein, und eine Bindehautentzündung wollte sie sich jetzt ganz bestimmt nicht einhandeln.
In ihrem Kopf war ein Rauschen, aber nicht das zarte Gesäusel von Champagnerbläschen, etwas Massiveres, eindeutig Sanitäres. In etwa das Freilegen eines verstopften Jacuzzi. Bulb-bulb-bulb. Wie exakt ich den Klempner in meinem Kopf wiedergeben kann, staunte sie.
Das Gespräch im Bus erschien ihr bald als völlig unglaubwürdiges Produkt ihrer Antidepressiva, bald als große Peinlichkeit, als hätte sie versucht, den Teenager zu spielen, der sie seit Jahren nicht mehr war. Es klang in der Endlosschleife mit dem ewigen verkorksten Prolog (Maja, du bist der tollste Mensch der Welt) hoffnungslos selbstgefällig. Wirklich intelligente und wohlerzogene Menschen sollten ihre Intelligenz und ihre gute Erziehung nicht so direkt herauskehren. Intelligente Menschen mit sozialen Umgangsformen hätten sich ein ordentliches Thema gesucht. Das Wetter. Die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Ein Zugunglück. Opferzahlen.

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler