Die Berge des Parnass

Die Berge des Parnass ist nach den Romanen Das Gesicht der Zeit und Tal der Issa aus den 1950er Jahren Czesław Miłosz' dritter und letzter Versuch in der erzählenden Prosa. Die Anfänge liegen wohl im Jahr 1967, besonders intensiv arbeitete er in den Jahren 1970 und 1971 an diesem Text, um ihn, ebenfalls 1971, schließlich doch zu verwerfen. Auszüge aus dem unvollendeten Werk bot Miłosz 1972 der Pariser „Kultura” an, aber Jerzy Giedroyć zeigte sich skeptisch und druckte sie nicht ab. Erst jetzt wurde das mehrere Dutzend Seiten starke Typoskript – fünf ausgewählte Kapitel aus einer längeren Manuskriptfassung, ergänzt um die Einleitung – veröffentlicht.

In mindestens dreierlei Hinsicht ist dieser Text bemerkenswert: Zum ersten haben wir es laut Untertitel mit Science-Fiction zu tun, was Anreiz genug sein sollte, sich mit Miłosz' Unternehmen zu befassen, schließlich ist eine solche „Suche nach der geräumigeren Form“ ein verheißungsvolles Unterfangen. Zum zweiten, und das hängt mit dem ersten Punkt zusammen, liefert Miłosz als Prosaiker und Kommentator seiner Prosa zahlreiche Ergänzungen zum bereits Bekannten. Und drittens lohnen bislang unbekannte Zeilen eines Nobelpreisträgers die aufmerksame Lektüre, selbst wenn sie Fragment geblieben sind, und, wie er selbst einräumt, ein Dokument seines künstlerisches Scheiterns.

Czesław Miłosz hatte bekanntlich von der modernen Prosa, zumal aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, keine besonders hohe Meinung. Er fand, sie habe sich „von der Welt der Dinge und der menschlichen Beziehungen losgelöst“, und „der zeitgenössische Roman ist, geschult an Bewusstseinsströmen, inneren Monologen etc. und gepeinigt von strukturalistischen Theorien so weit gegangen, dass er kaum noch an das erinnert, was einmal unter Roman verstanden wurde“, heißt es in der Einleitung zu Die Berge des Parnass. Die neue Prosa hat also Miłosz zufolge verloren, was sie einst belebte und aufblühen ließ: die Fähigkeit, zu Herz und Gewissen weiter Leserkreise durchzudringen, Wahrheiten zu verkünden und allgemeinverständliche Debatten anzustoßen. In der wissenschaftlichen Fantastik erkannte Miłosz jedoch das Genre, in dem die Tugenden der ursprünglichen, „altmodischen“ Prosa noch lebendig sind, und das, zumindest in seiner klassischen Ausprägung, besser als die elitäre Poesie dazu angetan ist, das traditionelle Gespräch mit dem Publikum aufzunehmen. Das gilt beispielsweise für Stanisław Lems Solaris, das Miłosz in dem Maße schätzte, wie er die späteren Genreexperimente Lems und – Ironie der Geschichte! – dessen Suche nach einer geräumigeren Form für die Science-Fiction kritisierte.

Miłosz stürzte sich in die Science-Fiction, um seiner Sorge um die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit Ausdruck zu verleihen. Er skizzierte ein Bild der Welt am Ende des 21. Jahrhunderts, in der technischer Fortschritt zwanghaften, sinnlosen Konsum generiert und die Bindungen innerhalb der Gesellschaft auflöst, die von einer elitären Technokratenkaste regiert wird. In dieser Welt, die der Verstand um den Sinn und an ihre Grenze gebracht hat, entsteht jedoch die Keimzelle einer quasireligiösen Renaissance, ein Häuflein Andersdenkender, das, angeführt von einem gewissen Efraim, nach Hoffnung und nach einem Ausweg aus der allgemeinen Gleichgültigkeit und Ohnmacht sucht.
 
Wie das Ganze ausgeht, wissen wir nicht. Miłosz hat lediglich eine erste, zuweilen sehr plastische Skizze seiner Welt entworfen, eine erste, zuweilen sehr reizvolle Einführung ausgewählter Figuren – eine Handlung (was sonst hätte die Emotionen der Leser galvanisieren sollen?) konnte er nicht in Gang setzen. Vermutlich verlor er auch deshalb das Interesse an diesem Stoff. Der Autor selbst findet in der unbedingt lesenswerten Einleitung, die zeigt, wie altmodisch und wie erzmodern das Scheitern plausibel gemacht wird, eine raffinierte Erklärung für seinen Rückzug. Sämtliche Abenteuer, Kontexte, Bezüge und die erstaunlichen Fortsetzungen der Berge des Parnass spricht Agnieszka Kosińska in ihrem aufschlussreichen Nachwort an. Und damit niemand auf die Idee kommt, Die Berge des Parnass könnten ein reiner Prosatext sein, ist die 1968 in der „Kultura“ veröffentlichte Liturgie Efraims beigefügt. Versehen mit einem „Kommentar zur Erklärung, wer Efraim war“, zeigen die mit biblischen Gleichnissen durchsetzten rituellen Inkantationen Miłosz ganz in seinem Element.

Die Berge des Parnass sind wahrlich ein faszinierendes Stück Literatur.

Marcin Sendecki

Czesław Miłosz (1911-2004) Dichter, Prosaautor, Essayist und Übersetzer. Literaturnobelpreis 1980, in 42 Sprachen übersetzt. Ehrendoktorwürde zahlreicher Universitäten in den USA und in Polen, Ehrenbürger Litauens und Krakaus.