Kleine Füchse

In „Kleine Füchse” gibt die glasklare Stimme einer jungen Frau Geschichten zum Besten, eigene Geschichten oder Geschichten geradewegs aus dem Leben. Der Gegenstand: die Kinder, der Ehemann, der Hund, die Mutter, die Schwester und die Nachbarinnen. Die Wohnsiedlung, daneben der Wald. Der Haushalt, in der U-Bahn aufgeschnappte oder zu Hause von der Tochter geträllerte Rhythmen, der Vorstadtbus. Im Heimeligen lauert jedoch das Unheimliche, im Vertrauten das Sündhafte. Der märchenhaft angehauchte Liebesroman, die weltweit populärste frauenliterarische Gattung, erhält hier eine komplexe, ironische Dimension. „Hattet ihr denn mal was, Mädels, mit einem Gangster aus dem Wald? Denn genau das, Mädels, hatte ich” – so beginnt „Kleine Füchse”.        
Der Titel ist so vieldeutig wie einleuchtend. Sie sind es, die biblischen kleinen Füchse, die kleinen Sünden – in diesem Fall die Sünden der Hausfrauen – die die Weinberge verwüsten. Wie ist es doch verlockend, ein kleiner Fuchs zu sein und einfach im Wald bei der Siedlung herumzustreifen! Die in einem Grenzbereich von Traum, Erinnerung und Phantasie gesponnenen Märchen über den Messerstecher als Geliebten fordern alles in allem doch ihren Preis. Das alltägliche Familienleben, seine Materie selbst unterliegt einer gewissen Erosion, da das, was die Welt zu einem verzauberten Ort macht – die Poesie, und manchmal sogar die Religion – sich nun auf einen Bereich außerhalb des Hauses verlagert, in den Wald. Der tiefe Blick in die Dynamik dieses Prozesses ist jedoch nicht identisch mit Schuldgefühl. „Das geht mir am A... vorbei” ist die Autorin imstande zu schreiben, die sonst fast nie zu Vulgarismen greift. Der Sinn dieser Umschreibung ist einfach. Für die Frau sind Freiheit und Schaffenskraft seltene und unschätzbare Werte, die es mit dem eigenen Körper zu schützen gilt.

Bargielskas poetischer Redefluss spaltet sich in zwei Figuren auf, die alltägliche, aber dadurch nicht weniger dramatische existentielle Erfahrungen dokumentieren. Agnieszka, die „Forschontärin”, eine der „Damen von der Stiftung”, ist eine selbständige junge Singlefrau, die u.a. einen Schreibkurs im Kulturzentrum der Siedlung leitet. Die Figur des literarischen Schaffens erscheint hier als grenzenloses kollektives Projekt, welches das eindeutige Verständnis der Autorschaft in Frage stellt. Auf diese Weise deklariert Bargielska, die scheinbar obenhin verschiedenste Frauennamen in den Text einfließen lässt, „Kleine Füchse” zwar zu ihrem, aber nicht allein von ihr stammenden Werk. In diesem weiblichen, von der Definition her leicht obszönen Redeschreibfluss, in dessen Zuge Leiden und Begehren auf die Bühne des Alltags vordringen, erweisen sich Worte, Gedanken, Orte und Erfahrungen als gemeinsam. Agnieszkas Geschichte verflicht sich erstaunlich eng mit der Mikroperspektive einer anderen Figur, einer Hausfrau und Mutter, die zum Glück oder Unglück für die Wirklichkeit selbst eine empfindsame Intellektuelle ist. Und schreiben kann, wenn auch nur abends, für „die Lokalzeitungen”. Beide Frauen schlafen ganz offensichtlich mit demselben betörenden Räuber aus dem Wald.   
   
In „Obsoletki” [Obsoletes], Bargielskas letztem Buch, war es die Trauer, die dem Ganzen seinen Ton verlieh. Eine tiefe und zugleich problematische Trauer, zeichnete die Autorin doch die Erfahrung einer Fehlgeburt nach, den Verlust einer Person, die es in der realen Welt noch gar nicht gegeben hatte. Die medizinische Erfahrung fand einen religiösen Rhythmus und eine religiöse Bebilderung, der dunkle Schein von Trauerritualen erfüllte die Welt. „Kleine Füchse” ist da ganz anders. Die Rückkehr auf die Seite des Lebens bedeutet den Eintritt in die Sphäre erhöhter Gefahr, illegaler erotischer Leidenschaften und der Phantasie, von zu Hause wegzulaufen, auch wenn man dafür durch die Kanalisation abfließen müsste. Doch wie zu erwarten bleibt die große Katastrophe hier aus. Die Kinder, imaginär beim Versuch eines erweiterten Selbstmords mit Schlaftabletten betäubt, wachen doch am Schluss wieder auf. Und auch ihre Mutter kehrt ins Leben zurück. Die Aspekte des schriftstellerischen Ichs fügen sich zusammen, gemeinsam gehen die beiden Geliebten des Messerstechers zum Wohnblock zurück, gemeinsam tragen sie die Kinder. Die Handlung ist bei dieser Erzählung zwar wichtig und fesselnd, aber dennoch in gewissem Sinne konventionell. Das Wichtigste ist die Begabung der Autorin, alles zu Literatur zu verdichten, zu einer bündigen, ironischen, manchmal etwas surrealen Literatur, die aber immer von der Schönheit und der Bedrohung handelt, die sich in der Unbestimmtheit der Existenz verbergen.           

Kazimiera Szczuka

Justyna Bargielska (geb. 1977), Lyrikerin und Prosaistin. Ihr poetisches Debüt erschien 2003. Im Jahr 2012 gab sie den Gedichtband Bach for my baby heraus, der für den Literaturpreis NIKE, den Wisława-Szymborska-Preis, den Breslauer Literaturpreis Silesius und den Stettiner Literaturpreis Gryfia nominiert wurde. An Prosawerken veröffentlichte sie 2010 Obsoletki, einen Band mit Kurzprosa, für den sie den Literaturpreis Gdynia bekam sowie für den Paszport Polityki und den Literaturpreis NIKE nominiert wurde. Małe lisy [Kleine Füchse; 2013] ist ihr zweiter Prosaband.

AUSZUG

Hattet ihr denn mal was, Mädels, mit einem Gangster aus dem Wald?
Denn genau das, Mädels, hatte ich.
Aber heute haben wir den Dienstag, bevor irgendetwas begann, und ich bin immer noch Laborleiterin, Forscherin, und auch freiwillige Mitarbeiterin der Stiftung, Volontärin. Forschontärin. Aus dem Bus, der an einer roten Ampel steht, beobachte ich zwei Jungen mit Rucksäcken, die Eis aus einer Pfütze brechen. Sie halten große Stücke davon in den Händen. Die Ampel springt auf Grün, der Bus fährt an, ich überlege, wozu sie das Eis brauchen, die einzige Erklärung ist, dass sie die vorbeifahrenden Autos damit bewerfen wollen.
Ich kehre zu meinem Buch zurück, aber ich sollte im Bus nicht lesen, denn es nimmt mich immer alles sehr mit, was ich lese. Am meisten nimmt mich Frauenliteratur mit, aber auch einige wissenschaftliche Werke haben emotionalen Einfluss auf mich.
Ich bin erleichtert, dass mein Bus losgefahren ist, bevor die Jungen angefangen haben, die vorbeifahrenden Autos mit Eis zu bewerfen. Nicht ausgeschlossen, dass ich irgendeinen Sport machen sollte. Mir ist aufgefallen, dass ich meinen Zustand – je nachdem, wie kontrovers das Gelesene war – mit psychosomatischen Formulierungen beschreibe: dass mir die Knie zittern, die Hände oder überhaupt meine ganze kritische Person. Nach der Lektüre muss ich oft zu einem bestimmten Regalbrett gehen und etwas anderes, Bekanntes, Offensichtliches lesen, zur Beruhigung. Am liebsten Darwin. Ich glaube, mir fehlt Bewegung.    
Eigentlich mag ich frische Luft. Sie hilft, brachliegende Gehirnstrukturen zu nutzen. Einmal war ich in den Ferien auf dem Land und eines Tages fiel mir unvermittelt eine Entgegnung auf etwas ein, was eine Frau vom Ministerium beim Vorjahrestreffen gesagt hatte: dass sie uns über den Termin des nächsten Treffens informieren werde, aber verhandelt werde nicht, denn die Damen von der Stiftung hätten ja viel Zeit.  
Ich hätte ihr sagen sollen, dass die Damen von der Stiftung unbezahlt ihre Freizeit opfern, um das wieder geradezubiegen, was solche fetten Scheusale wie sie in ihren Amtsstunden für öffentliche Gelder kaputtmachen! Ich weiß nur nicht, ob ich es mit Ausrufungszeichen oder ohne hätte sagen sollen. Im Grunde ist es gut, dass mir diese scharfe Entgegnung nicht gleich vor Ort eingefallen ist, denn ich hätte dadurch, dass ich über das Ausrufungszeichen nachgegrübelt hätte, sowieso die ganze Wirkung verdorben.
Für diese Gehirnstrukturen habe ich mir neulich einen Hund angeschafft. Einen Westie. Sein weißes Fell ruft keine Allergien hervor. Ich gehe zweimal am Tag mit ihm auf den Rasen hinter der Siedlung, und einmal am Tag in den Wald auf der anderen Straßenseite. Im Schnee sieht man ihn schlecht.
Und eines Tages bin ich mit meinem Westie im Wald, und es kommt aus einer Entfernung von ungefähr hundert Metern ein Mann auf mich zu. Groß, graumelierte lockige Haare, Anzughose, Flanellhemd und knielanger Mantel, aufgeknöpft.   
„Was für ein Arschloch muss man sein!“, ruft er.
Er kommt näher, grüßt und erklärt, dass er denjenigen gemeint habe, der seinen Müll in den Wald geschmissen hat. Den Müll sieht man im Schnee sehr gut.
„Da hinten liegen noch zwei Monitore“, sage ich. Der Hund des Mannes kommt angerannt und der Mann fragt, ob unsere Hunde miteinander spielen dürfen. Das dürfen sie, auch wenn sein Hund etwas lustlos ist und meinen Westie höchstens ein bisschen um sich herumspringen lässt.  
„Wir sind in Trauer“, erklärt der Mann. „Er hatte eine Freundin, aber ich musste sie einschläfern lassen, weil sie Krebs hatte. Es war dumm von mir, sie zu begraben, als er zusah. Er hat nicht kapiert, dass das ein Begräbnis war, das letzte Geleit, und so. Ist schließlich ein Hund, der muss das nicht verstehen.“
An die hundert Meter tiefer im Wald habe ich einmal ein Portraitfoto von einer Bulldogge im Schnee liegen sehen. Die Glasscheibe hatte einen Sprung, wahrscheinlich vom Frost. Ich male mir aus, dass das ein Tierfriedhof ist, vor dem Winter habe ich hier manchmal Schnittblumen liegen sehen. Mein Westie gibt auf, der Hund des Mannes im aufgeknöpften Mantel will alleine sein.  
Die nächsten Tage führe ich meinen Westie auf der Wiese an der anderen Seite der Siedlung spazieren. Über der Wiese hören die niedrig gespannten Hochspannungsleitungen nicht auf zu sirren. Ich mag ihr Sirren, denn dank ihm habe ich eine Wiese nebenan und nicht die nächste Wohnsiedlung. Später kehre ich wieder zum Wald zurück.
Einmal beim Spazierengehen habe ich ein Foto von etwas gemacht, das ich nicht verstehen konnte. Ich habe es auf meinen Computer geladen und vergrößert, aber ich weiß immer noch nicht, wozu diese Installation dienen sollte. An vier Bäumen, die grob gesehen im Quadrat wuchsen, hingen Beutel mit etwas, das gefroren war und sogar auf den Fotos hart aussah. In der Mitte stand ein großer Stein, aber kein Felsblock, sondern einfach ein Stein, der so groß war, dass er wie extra hergebracht aussah, und nicht wie zufällig im Wald gefunden. Neben dem Stein stand eine Blechdose, die so aufgeschnitten war, dass ihr Boden einen Greifer bildete und die Wände zwei schräge Schneiden.
Also, ich weiß nicht.  

Ich habe den Mann in dem aufgeknöpften Mantel getroffen. Er hat mich wohl kaum an mir erkannt, denn ich hatte mich fast bis unter die Brauen in meinen Schal eingewickelt, so kalt war es. Wahrscheinlich hat er mich an meinem Westie erkannt.
„Soll ich Ihnen was zeigen?“, fragte er.
Wir gingen tief in den Wald, in die Tiefe zu dem Einfamilienhaus auf der anderen Seite hin. Er zeigte mir so etwas wie die Reste einer Hütte.  
„Hier hat Pajda gewohnt“, sagte er. „Mit seiner Geliebten.“
Irgendwas hatte ich gelesen.
„Ein Messerstecher, wissen Sie. Hat sich hier eine Hütte hingestellt, eigentlich ein Zelt, und das Zelt mit Zweigen überdeckt. Zur Tarnung. Den ganzen Sommer hat er hier gewohnt, mit der Geliebten und zwei Kindern.“
„Und zwei Kindern?“
„Schwangeren Geliebten.“  
Darüber hatte ich tatsächlich was gelesen. Unsere Siedlung bekommt keine Lokalzeitung, die Einfamilienhäuser rundherum natürlich schon, da wird das „Echo“ an die Gartentore gehängt, in speziellen Plastiktüten mit Henkel, aber bei uns wird es nicht ausgeteilt, wer würde es auch in die dreihundert Briefkästen stecken wollen, und vor allem wozu, wo doch mindestens die Hälfte von uns Wochenende für Wochenende in ihr richtiges Haus fährt, weit außerhalb von Warschau, und erst dort Interesse hat, sich die Lokalnachrichten anzueignen. Und auch, Steuern zu zahlen. Und so habe ich mir das „Echo“ eines Tages aus dem Laden geholt.
Wie dieser Pajda sein Unwesen getrieben hat! In einem Vorstadtbus, mit dem er im Sommer vom Stausee zurückgekommen ist, an einem Juliabend, hat er den Fahrer überfallen. Der Bus stand an der Wendeschleife, und Pajda und sein Kumpel wollten noch was trinken und ein bisschen herumfahren. Der Fahrer hat sie gebeten, auszusteigen, denn es gibt ein Gesetz, das besagt, dass man an der Wendeschleife aussteigen muss. Da hat Pajda sein Messer gezogen und den Fahrer verletzt, der ins Krankenhaus musste, und so haben Pajda und sein Kumpel es zu einem Steckbrief gebracht.
„Oh, hier“, sagte der Mann im aufgeknöpften Mantel. „Hier hatte er sein Zelt.“
Vom Zelt war nur die organische Hülle geblieben: ein paar kahle Zweige, die an einem Balken zwischen zwei nebeneinanderstehenden Bäumen befestigt waren.
„In diesem Zelt haben sie ihn geschnappt. Die Geliebte, ihre beiden Kinder, ein und drei Jahre alt, ja und diese Schwangerschaft, ich weiß nicht, wie man das mitzählen soll. Handys, Schmuck, DVDs.“
„DVDs?“
„Leider. Den ganzen Sommer haben sie hier gewohnt.“
Mir fiel ein, ich könnte den Mann im aufgeknöpften Mantel beim nächsten Mal fragen, ob er der Mann aus der Anzeige ist. In unserem Treppenhaus hängt eine Vermisstenanzeige aus, es wird jemand gesucht, der auch hier gewohnt hat und jetzt verschwunden ist, aber ich kann auf dem Foto, oder eigentlich der Kopie von dem Foto, nicht genau erkennen, wie dieser Mann aussehen soll. Übrigens kann ich sowieso sehr schlecht Gesichter wiedererkennen, ich frage viel lieber einfach, ob jemand jemand ist, oder jemand anderer, oder überhaupt niemand.
An Pajda denke ich hauptsächlich unter der Dusche. Meine Wohnsiedlung hat eine defekte Warmwasserinstallation, jedenfalls beurteile ich das so. Aber es ist auch möglich, dass meine Nachbarn von unten sich einfach seltener waschen. Wenn ich dusche, muss ich zwei Minuten warten, bis das Wasser so aus dem Hahn fließt, wie ich es angefordert habe, nämlich warm. Zuerst kommt kaltes Wasser, dann abwechselnd kaltes und heißes, schließlich stabilisiert sich die Temperatur und ich kann mich waschen. Wie man es auch nimmt, das ist für mich sehr lästig, und genau dann denke ich am häufigsten an Pajda in seiner Hütte.
Ich denke auch an Pajdas Geliebte. Ich war noch nie schwanger, aber ich kann mir vorstellen, dass Hygiene in dieser Zeit entscheidend ist. Denn über Kinder wiederum habe ich gelesen, dass sie dreckig glücklich sind. Wasser laufen zu lassen, bis das mit der richtigen Temperatur kommt, ist unökologisch, aber daran will ich gar nicht denken. Eine Hütte aus Zweigen dagegen ist ökologisch, und an sie denke ich die ganze Zeit.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes