MODI

Dies ist der reifste Roman von Magdalena Tulli, entstanden unter dem Druck der brennenden Frage: Warum schreibt man? (Lidia Burska, „Res Publica Nowa”)

Magdalena Tulli gehört zu den herausragenden polnischen Autoren der mittleren Generation. Mit ihrem Debüt Träume und Steine wurde sie zur großen Hoffnung der polnischen Literatur. Begeistert vom Reichtum ihrer Phantasie, der Kraft ihrer Sprache und ihrer meisterhaften Beherrschung des Handwerks verglichen die Kritiker sie mit Bruno Schulz, Italo Calvino, Georges Perec und Gabriel Garcia Marquez. In ihrem neuen Roman Modi schlägt sich der Erzähler mit der banalen Geschichte einer ehelichen Untreue herum, doch handelt es sich dabei eher um ein Traktat über die Undurchsichtigkeit der Welt, in der die Erzählung die höchste und zugleich die trügerischste Instanz der Wahrheit ist, denn die eigentlich wirksame Kraft sind die Modi des Titels, die sprachlichen Mechanismen, die wie eine Eisenbahnweiche den Gang der Erzählung unerwartet umleiten und auf ein neues Gleis bringen. Die Geschichte des Betrugs, den Irene Feuchtmeier, Ehefrau eines “Spezialisten auf dem Gebiet des Hochseeschiffahrt” durch ihre Romanze mit einem Zirkusakrobaten begeht, hat ihre Entsprechung in der angedeuteten Geschichte einer Affäre des schwarzen Posaunisten John Maybe mit der Frau Fochtmajers, der Besitzer des Verlags “Słowo polskie” (Das polnische Wort) ist und bei der Flucht im September 1939 von den Deutschen umgebracht wird. Der Erzähler selbst wird dabei von der Kugel eines deutschen Wehrmachtsoffiziers verletzt. Es gibt noch weitere Personen im Hintergrund, von denen eine den Aspekt ethnischer Säuberungen im Balkan einführt, und Andeutungen und Hinweise, die nahelegen, daß sich Tullis Roman als eine nicht zustandegekommene weil ungeschriebene Liebesgeschichte und zugleich als ein Roman über die Leiden des letzten Jahrhunderts lesen läßt. Magdalena Tullis Roman ist mit hintergründigem, melancholischem Humor geschrieben: die Empfindung eines Mangels, des Fehlens von Sinn, der Abwesenheit einer Person, des Mangels an Wahrheit über unser Leben, verläßt uns nie.

- Marek Zaleski

AUSZUG

Welten erschaffen! Nichts ist leichter als das. Angeblich schüttelt man sie aus dem Ärmel. Und wozu? Um das Auge mit ihrem Schillern zu erfreuen, wenn sie zitternd wie Seifenblasen ins Licht aufsteigen. Danach verschlingt sie das Dunkel. Wenn sie aufsteigen, ist es, als sänken sie schon herab. Aber sind sie nicht schön? Ohne tieferen Gedanken werden sie heraufbeschworen, dann leichthin ins Leere geworfen, niemandem ist daran gelegen, sie zu retten. Der Erzähler, eine eher untergeordnete Figur, weiß auch nicht mehr darüber. Das bekennt er schmerzlich berührt. Allein steht er vollendeten Fakten gegenüber und hat nur die eine Sorge, nicht gleich mit dem ersten Satz in Banalitäten zu verfallen. Wenn er könnte, würde er lieber die Hände in die Taschen stecken und davongehen, die ganze Sache dem Schicksal überlassen, auf das Einfluß zu nehmen ihm versagt ist, oder zumindest hartnäckig in einem beredten, arroganten Schweigen verharren. Aber der Erzähler versteht, daß er nigendwohin gehen kann. Mit dem Privileg der Arroganz ist er auch nicht ausgestattet. Die Art Leben, die ihm zuteil geworden ist, sofern man das überhaupt als Leben bezeichnen kann, bietet keine Wahl, für den ganzen Sinn der Existenz muß eine kleine, von irgendjemandem leichthin aus dem Ärmel geschüttelte Geschichte herhalten. Gierig nach Objekten und Prädikaten, in ihr Gewebe verkrallt wie eine seltene Gattung von Parasit. Der Erzähler würde gern darauf vertrauen, daß derjenige, der ihn gerufen hat, mehr weiß, das Ganze im Griff hat und den Schluß kennt. Doch der tritt weder auf dieser noch auf den folgenden Seiten persönlich in Erscheinung und läßt Briefe und Faxe unbeantwortet. Vielleicht faulenzt er schon seit Wochen im Bett herum, zwischen zerwühlten Decken, mit dem Rücken zur Welt und dem Gesicht zur Wand, und um ihn herum sind leere Flaschen oder benutzte Spritzen verstreut, wer soll das wissen? Sobald eine tragische Wendung in den hinteren Sitzreihen für Kichern sorgt oder ein Scherz in düster-schwerer Stille erstarrt, begreift der Erzähler, daß niemand hinter ihm steht, daß alles nur in seinem Kopf geschieht. Dann heißt es, demütig einen Punkt setzen und, als wäre nichts geschehen, zum nächsten Satz übergehen. Wie ein Clown in karierten Hosen, der unter Lachsalven des Publikums vom Schemel fällt und eine wacklige Leiter hinaufklettert, ohne seinen Monolog zu unterbrechen, eine bemitleidenswerte Gestalt, unwiderruflich in die sägemehlgelben Niederungen der Manege verbannt, ein ums andere Mal auf ebenem Wege stolpernd, lebenslänglich in der Ausweglosigkeit des Spektakels befangen. Die Nummern, die man in der mit Sägespänen bestreuten Arena zeigen kann, sind jedem in den Sitzreihen bis zum Überdruß bekannt, selbst den kleinen Kindern, die in Erwartung der Kunststückchen des Elefanten unruhig hin- und herrutschen. Auch die Monologe kennt man dort, auswendig kennt man sie, bis hin zum runden Knopf des Schlusses, an dem die Knopfschlinge des Anfangs befestigt wird, bis hin zur fragwürdigen, nicht überzeugenden Pointe, die Achselzucken hervorruft. Jedes Wort hat man schon mindestens hundert mal gehört. Vielleicht in anderen Sätzen, aber was hat das schon zu sagen? Wen interessieren die Einzelheiten, die lästig und hartnäckig Aufmerksamkeit erheischen? Alles ist sich so ähnlich, daß es ermüdet, sagen die trüben Blicke. Und deshalb eben ist es besser, Leser zu sein als Erzähler. Es macht Spaß, kaugummikauend die raschelnden Seiten in schnelle Bewegung zu versetzen und nach der letzten Seite den Band mit leichter Hand wieder ins Regal zu stellen. Das ist ein besseres Schicksal als bei der albernen Jagd nach dem fliehenden Erzählfaden, verheddert in die halsbrecherischen Darbietungen der Seiltänzer und die betrügerischen Kunststückchen der Illusionisten, die Hosen zu verlieren und zu guter Letzt den von einem Unbekannten geworfenen glitschigen Apfelpicken mitten auf die Nase zu bekommen. Dort, in der Mitte der Arena, auf die etliche hundert Blicke gerichtet sind, ist fast alles möglich, und nichts überrascht, nur schickt es sich nicht, sich mit demselben großen gepunkteten Taschentuch die Stirn zu wischen, das eben noch als Requisit gedient hat. Hingegen ist es ratsam, sich etliche Male mit einem breiten, grellroten auf die Wangen geschminkten Lächeln zu verbeugen. Und ohne Rücksicht auf die Hand ein ums andere Mal mit einem speckigen Hut durch die Luft über dem Boden zu fegen. Kaum ist er an der Stelle angelangt, wo er einen Punkt setzen konnte, bezweifelt der Erzähler schon, ob die Ironie imstande ist, die ganze Schwere dessen zu tragen, was hier eigentlich gesagt werden soll. Vielleicht können die gelangweilten Zuschauer, die den Blick auf das Rund der Arena richten, für die Außenwelt noch gerade genug Einfühlsamkeit aufbringen, um jede Verbeugung wörtlich aufzufassen. Wenn die Stimme des Erzählers zu hartnäckig um Aufmerksamkeit heischt, zieht sie zornige Ungeduld auf sich; eine demütige Bitte um ein paar Groschen würde ein geneigteres Ohr finden. Keine Chance gibt es für ein einvernehmliches Zwinkern, nicht den Schatten einer Gemeinsamkeit. Eine Rettung vor der Einsamkeit ist nicht in Sicht. Doch da wir schon bei Vergleichen sind – ist es nicht besser, Erzähler zu sein, als Person? Wer will denn schon Person sein und über das zwischen verlorener Vergangenheit und ungewisser Zukunft gespannte Seil schreiten, wie ein Akrobat im engen Trikot, unter dem sichtbar ist, wie die Muskeln spielen und der wehrlose Bauch erstarrt? Und das alles ist nicht genug, nach einer Viertelstunde beginnt das Publikum vor Langeweile einzuschlafen; dann muß der Akrobat eine schillernde Partnerin bekommen mit silbernen Pailletten auf dem knappen Kostüm, das in der Schultergegend mit einem Paar großer Schmetterlingsflügel geschmückt ist. Wenn sie genauso wahnsinnig oder dumm ist wie er, wird sie sich über dem Abgrund in seine Arme stürzen, notwendigerweise in blindem Vertrauen auf ihn oder sich auf das Sicherheitsnetz verlassend, sofern dieses aufgespannt ist. Doch nur ohne dieses Netz kann die Vorstellung wirklich großartig sein. Der Anblick des Raumes verschlägt den Atem, und einen Augenblick lang mag es den Zuschauern vorkommen, daß ihre eigenen Körper auf den Seilen dort in der Höhe balancieren, wo keine Beschränkungen sichtbar sind, wo es, wie man meinen könnte, Freiheit in Hülle und Fülle gibt. Daß sie selbst es sind, die sich dort treffen und trennen und über dem Abgrund aneinander vorbeifliegen, und daß der weite Raum ihnen gehört.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky