EIN GANZER HAUFEN GROSSER BRÜDE

Rafał A. Ziemkiewicz hat mit diesem Buch einen bitterbösen Kommentar auf die gesellschaftliche und politische Realität Polens verfaßt. Die acht Erzählungen in diesem Band sind in der Mehrzahl Satiren. Der Ich-Erzähler in den meisten Erzählungen ist der junge Journalist Rafał Aleksandrowicz (eine Anspielung auf den eigenen Namen), der sich mit Dummheit, Lug und Trug herumschlägt, wovon – glaubt man dem Autor – das polnische öffentliche Leben voll ist. Die witzigen und geistreichen Werke von Ziemkiewicz haben die ungewöhnlich positive Eigenschaft, daß innerhalb der in einwandfrei realistischer Manier geschriebenen Erzählungen unerwartet Elemente und Techniken aus der Fantasy-Literatur auftauchen. Die in dieser Prosa dargestellte Welt wirkt dadurch monströser, scheint wesentlich seltsamer und zugleich aufregender zu sein. Man könnte daher sagen, daß bei Ziemkiewicz paradoxerweise die phantastischen Elemente dem Realismus dienen und auch das politische Engagement stärken, das diesen Autor immer schon ausgezeichnet hat. Genauso verhält es sich in der Titelerzählung, die von den „ungesunden” Verhältnissen im polnischen Fernsehen handelt oder in Ein frommer Wunsch, in dem von einer religiösen Besessenheit die Rede ist, die urplötzlich die Geschäfts- und Medienwelt befällt. Ziemkiewicz ist ein scharfsinniger wie scharfzüngiger Kommentator der politischen Ereignisse und Sitten. Der Autor von Ein Haufen großer Brüder schont niemanden – auch nicht sich selbst. Es gibt hier eine Vielzahl von Spitzen gegen die Journalisten von heute, eine Spezies, die zu jeder Schandtat bereit ist.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Natürlich weiß jeder, daß du, wo auch immer in Warschau du hinspuckst, eine Achtzig-Prozent-Chance hast, einen arbeitslosen Journalisten ins Auge zu treffen. Einen hoffnungsloseren Fall als einen arbeitslosen Journalisten von einer rechten Zeitung, kann man sich jedoch nicht vorstellen. Political Correctness zwingt dieser Branche einen Einbahnstraßenverkehr auf: Du kannst von überall zu einer rechten Zeitschrift wechseln, von ihr weg führt der Weg aber nur zu einer noch rechteren Zeitschrift. Da aber alles rechts von der „Nationalzeitung” schon seit langem in Priester Fliegenpilz’ Händen war, blieb für den Seher und mir nur diese entlaubte Grünanlage übrig.
„Ich werde Einsiedler”, verkündete der Seher bei seinem fünften Bier. „Wie ein Bekannter von mir. Seit fünf Jahren wohnt er in einer Einsiedelei im Urwald Puszcza Świętokrzyska, außer Pilgern begegnet er keiner Menschenseele, und er ist mit ganzem Herzen dort... Als wäre man schon zu Lebzeiten im Paradies”, gab er sich seinen Träumereien hin.
„Und ich gehe vor die Hunde und werde so ein armes Schwein, das im Müll rumwühlt.” Ich war auch schon beim fünften Bier. „Ich werde Brennspiritus saufen und die Abfälle trennen. Ich werde mich ‘Der Herr vom Recycling’ nennen.”
Das war wirklich gar kein so schlechter Plan, und die Nähe zum Hauptbahnhof ließ ihn noch verlockender erscheinen, und ich hätte diese Gelegenheit sicherlich genutzt, wäre da nicht dieser männliche Stolz. Denn ich befand mich gerade in einem solchen Moment meines Lebens, in dem ich auf keinen Fall den Eindruck erwecken wollte, es würde reichen, sich von mir zu trennen und sofort würde ich zusammenbrechen und in der Gosse landen.
„Das ist mir alles scheißegal, Fliegenpilz kann mich mal. Wir durchbrechen die Pechsträhne”, hatte ich meinem Spiegelbild beim Rasieren versprochen und um den unvermeidlichen moralischen Verfall aufzuhalten, stürzte ich mich auf allerlei Nebenjobs: Horoskope für Frauenzeitschriften, Broschüren über die Europäische Integration, Analysen für ein Komitee, das sich mit der Entwicklung der Landwirtschaft befaßte, und ich weiß schon nicht mehr was noch. Mit dem Jobben ist es wie mit einem Mittagessen in einem Yuppieladen: man quält sich mehr, als daß man satt wird. Ich mußte mir etwas Neues ausdenken, und zwar schnell.
Ich beschloß also – lieber Leser, aufgepaßt, ich komme zum Kern der Sache –, den undankbaren Journalismus an den Nagel zu hängen und mich der PR-Arbeit zu widmen. Muß ich das noch erklären? Na gut. Habt Ihr jemals einen PR-Menschen in abgetragenen Klamotten gesehen, der von einer zur nächsten Konferenz hetzt, der genötigt ist, sich das einstündige Geschwafel verschiedener Vorsitzenden und Direktoren anzuhören, um sich dann schließlich zu den paar mickrigen belegten Broten vom Catering und dem billigen Wein in Plastikbechern durchzuboxen? Natürlich nicht. Der PR-Mensch steht auf der anderen Seite des Tisches, zu dem die Journalistenmeute drängelt, er trägt einen eleganten Anzug und lächelt würdevoll und nachsichtig. Aus dieser Meute fischt der PR-Mensch die Auserwählten heraus, für die er eine hübsche Hostess heranwinkt mit einer Plastiktüte, die mit Werbegeschenken gefüllt und zusätzlich mit einem ordentlichen Whisky oder zumindest einem französischen Wein beschwert ist. In der Kneipe gibt sich der PR-Mensch spendabel und setzt alles auf die Rechnung seiner Agentur, die es von der Mehrwertsteuer absetzt, oder direkt auf die Rechnung des Auftraggebers. Der PR-Mensch ist einfach ein Wesen, das über dem Journalisten steht.
Wie gelangt man in den Kreis dieser höheren Wesen? Ich begann dieses Thema von allen Seiten zu beleuchten. Theoretisch wäre es am einfachsten, bei einem der multinationalen Unternehmen unterzukommen, das heißt bei der polnischen Filiale einer westlichen PR-Firma. Von deren Mitarbeitern wird nichts verlangt, und schon gar nicht irgendwelche Qualifikationen, Einfallsreichtum oder Effektivität. Das ist den Multis alles schnuppe, denn sie haben so oder so ihre festen Millionenaufträge von anderen Firmen aus der Konzerngruppe; Aufträge, deren Realisierung bedeutungslos ist, da sie nur dazu dienen, den Gewinn in Länder zu transferieren, die vernünftigere Steuersätze haben. Natürlich riß sich der Klüngel ein solch verlockendes und anspruchsloses Pöstchen immer gleich unter den Nagel. Noch weniger durfte ich darauf hoffen, in der PR-Abteilung einer Firma aus dem Westen einen Fuß in die Tür zu bekommen. Hier wiederum waren Qualifikationen unerläßlich, und zwar solche, über die ich unter gar keinen Umständen verfügte. In den PR-Abteilungen einer Westfirma arbeiten nur Leute mit guten Kontakten zu den Parteien der aktuellen Regierungskoalition, und zur Opposition nur dann, wenn schon klar ist, daß diese Opposition in Kürze an die Macht kommt. Die PR der großen Firmen in Polen ist nämlich keine PR, sondern nur ein Deckmantel für Lobby-Arbeit, und was Lobby-Arbeit in Polen bedeutet, habe ich keine Lust zu erklären, weil das jedes Kind weiß. Außer den Lobbyisten gibt es in jeder PR-Abteilung nur noch Platz für ein terrorisiertes Mädchen aus einer Kleinstadt, dessen Kenntnisse sich auf vier Fremdsprachen und einen amerikanischen MBA-Kurs begrenzen, und das im Schweiße seines Angesichts für die Parteikandidaten die ganze inhaltliche Arbeit erledigt.
Mich reizte die Tätigkeit eines free lancers. Jemand, der sich darauf versteht, etwas in Umlauf zu setzen oder zu unterdrücken, und darin so erfolgreich ist, daß sich die Auftraggeber in Krisensituationen just an ihn wenden. Am besten wäre eine Anstellung bei einer nicht zu großen, anständigen Agentur, die sich von Auftrag zu Auftrag über Wasser hält. Ich hatte nicht den leisesten Zweifel, daß ich für eine solche Agentur die perfekte Bereicherung wäre. Durch die Artikelschreiberei hatte ich zahlreiche Kontakte geknüpft, ich war außerdem redegewandt, hatte Manieren, war mit einem scharfsinnigen Verstand begabt, verfügte über ein breit gefächertes Wissen und große – um sich den PR-Slang anzugewöhnen – Kreativität. Und obendrein übte – und das wußte ich auch ohne Renatka schon – mein persönlicher Charme eine starke Wirkung auf Frauen aus, was in dieser Branche auch nicht ohne Bedeutung ist.
Von alledem muß man jedoch noch den zukünftigen Arbeitgeber überzeugen, und die geeigneteste Methode dafür war ein spektakulärer Erfolg. Ich erinnere mich wirklich nicht, ob ich, bevor ich von Jonas’ Schwierigkeiten hörte, schon daran dachte oder ob es erst dann bei mir zu dämmern begann... Auf jeden Fall schien dies eine ideale Gelegenheit zu sein.
Jonas, ein entfernter Bekannter aus früheren Tagen, hatte außerhalb Warschaus einen mittelgroßen Laden eröffnet. Ausgezeichnete Lage, ein großes Sortiment, marktgängige Produkte, mit einem Wort, nach menschlichem Ermessen ein sicherer Erfolg. Inzwischen hatte es sich jedoch herausgestellt, daß das Unternehmen aus unerklärlichen Gründen floppte. Irgendein „Sanktas” oder so ähnlich, ein kleines, überhaupt nicht beworbenes Geschäft der Konkurrenz abseits der Schnellstraße nahm Jonas einen Großteil der Kunden weg, obwohl es eine unglaublich schlechte Zufahrt hatte und Ramsch zu überteuerten Preisen verkaufte. Es halfen weder Schnäppchenangebote, Kostenrationalisierungen, noch eine dieser Sachen, die normalerweise halfen. Die Sache war so merkwürdig, daß eine Fachzeitschrift darüber berichtete.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk