Die Rettung von Atlantis

Die Rettung von Atlantis ist kein klassischer Roman, es ist eher eine Sammlung von Erzählungen, die – durch Figuren, Ereignisse und die Erzählsituation – eng miteinander verbunden sind. In gewisser Hinsicht ist dieses Werk eine Zusammenfassung des bisherigen Schaffens der Autorin, es ergänzt Handlungsstränge aus ihrer früheren Prosa und führt sie zu Ende. Die Erzählungen in Die Rettung von Atlantis kreisen im Prinzip um ein Thema: die Auswirkung der großen Geschichte im Leben einfacher, durchschnittlicher Menschen. Die Autorin interessiert sich unverändert für die destruktive Kraft der Geschichte – vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zu den Jahren des Kriegsrechts in Polen. Zunächst führt uns Oryszyn in die östlichen Vorkarpaten, wo sich in einem Bunker, bzw. eher einem unterirdischen Versteck, eine polnische Familie zusammen mit Kriegsflüchtlingen aus dem Zentrum des Landes verbirgt. Draußen ziehen die Armeen, wüten die Partisanen. Oryszyn konzentriert sich auf die Emotionen der einfachen und unschuldigen Protagonisten. Hier regiert die Angst, und die Situation wird verglichen mit einer niemals endenden Jagd. Später befinden wir uns in der Realität der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Familie verlässt den Osten, geht nach Niederschlesien und bezieht eine Wohnung in einem ehemals deutschen Haus. Die Traumata der jüngsten Geschichte überschneiden sich scheinbar mit aktuellen Traumata – Polen tritt in die Epoche des Stalinismus ein, das Misstrauen nimmt zu, es mehren sich die Denunziationen, es verschwinden Menschen, die vom Repressionsapparat verhaftet werden. Der Ort selbst (Leśny Brzeg, kurz zuvor noch das deutsche Waldburg) ist vom Drama der Vertreibungen gezeichnet, dem Leid der ehemaligen Bewohner, die einst für Hitler waren und an denen nach 1945 Rache geübt wurde. Von all diesen Dingen erzählt Oryszyn aus einer naiven und scheinbar verengten Perspektive. Die Protagonisten rechnen nicht mit der Geschichte ab, sie analysieren die Welt nicht nach moralischen oder soziopolitischen Kriterien – sie sagen, was ihnen oder jemandem aus ihrem engsten Umfeld widerfahren ist. Das ist ein Blick von unten, der auf konkreten Erfahrungen beruht, weitab von jeder Erhabenheit, und deshalb authentisch und berührend ist. Im letzten Kapitel des Buches findet sich ein Bezug auf den paradoxen Titel – das Leben wurde gerettet, aber es trägt schwer an der Gewalt, und unter so widrigen Bedingungen sollte es verschwinden wie Atlantis.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Die Gleise verschwanden im Wald hinter der Kurve.
Hinter der Kurve begann die Welt. Durch die Welt fuhr man mit dem Zug bis nach Wrocław. Hinter Wrocław begann das Universum.
Das Universum war von einem eisernen Vorhang in zwei ungleiche Teile geteilt.
Die Hauptstadt des Universums von Olek Walewski war Moskau. Was die Hauptstadt des zweiten Universums war, war nicht so ganz klar. Die Amerikaner meinten, es sei Washington, aber die standen ja auf dem Kopf. Die Franzosen erklärten, es sei Paris, aber die aßen jeden Tag Frösche und Schnecken. Die Engländer beharrten darauf, es sei London. Was für ein lustiger Einfall. Olek Walewski konnte ihre Inselchen unter einem kleinen Tintenfass verschwinden lassen.
Die Welt wurde von Buchen, Hainbuchen und Eichen, auch von Fichten und Tannen verdeckt. Einmal kletterte Olek Walewski auf die höchste Eiche. Das Wetter war kristallklar, wie die Oma bemerkte. Die Kokereien qualmten nicht, weil es einen Unfall gegeben hatte. Olek dachte sich, dass er unter so glücklichen Umständen nicht nur die Hügel Gedymina und Sobótka würde sehen können, sondern auch die Schneekoppe, auf der die Grenze verlief. Und wenn er schon die Schneekoppe sehen würde, dann auch den eisernen Vorhang, denn schließlich musste dieser Vorhang bis zum Himmel hinaufreichen.
Es war überhaupt nicht klar, ob der eiserne Vorhang bis zum Himmel hinaufreichte, oder nur bis zu den erstbesten Wolken. Mietek Szczęsny meinte, dass er nur bis zu den ersten Wolken gehe. Denn wenn er bis zum Himmel hinaufreichen würde, dann müsste es in ihm irgendwelche Schleusen oder so geben, damit die Flugzeuge hindurchfliegen konnten.
Es war auch nicht klar, wie weit dieser Vorhang nach unten ging. Ob er nur die Erde berührte. Oder ob er sich auch tief in sie eingegraben hatte. Denn wenn er sich eingegraben hatte, dann brauchte man unbedingt eine Pionierschaufel, um einen Gang darunter hindurchzugraben.
Die Oma von Olek Walewski war der Meinung, dass der Vorhang nicht besonders hoch sei und dass man ihn wie einen Eisberg bezwingen könne, und sie überredete die anderen, sich mit Seilen und Haken einzudecken.
Ihre Flitterwochen hatte sie vor dem Ersten Weltkrieg in Chamonix verbracht, und dort hatte sie gesehen, wie angeseilte Alpinisten den Gletscher Bosson bezwangen. Sie hatten Spezialschuhe. Solche mit hervorstehenden Nägeln. Die Oma bestand darauf, dass sich alle vor der Expedition hinter den Vorhang die Schuhe mit Nägeln beschlügen. Und dass diese Nägel extra hervorstünden.
Mietek Szczęsny und Franka Salatycka stimmten für die Pionierschaufel. Gegen die Seile und extra beschlagenen Schuhe.
Erstens: Sie hatten keine Schuhe, nur Latschen mit Gummisohle.
Zweitens: Interessant, wie Frau Walewska Senior am Eisen hinaufklettern wollte, selbst wenn es ein wenig rau war. Denn vermutlich war es rau, wo es doch die Sonnenstrahlen nicht so stark reflektierte, dass der Widerschein in Leśny Brzeg zu sehen war. Dieser Widerschein hätte einen geblendet und geleuchtet wie Schnee, und Olek Walewski blendete nichts, auch leuchtete ihm nichts entgegen, als er auf jener allerhöchsten Eiche saß.
Der eiserne Vorhang hatte sich einige Monate vor dem Referendum gesenkt. Genau am fünften März 1946.
Olek Walewski hockte gerade auf der Baustelle und beobachtete den Vorfrühling. Der Vorfrühling sah aus wie Frau Pitkowa im Morgenmantel, wenn sie morgens die Asche auf den Müll brachte. Unter dem Morgenmantel waren ihre gebräunten, rissigen Fersen und ein zerschlissenes, schmutzig graues Nachthemd zu sehen. Die von der ständigen Dauerwelle versengten Haare ragten im Wind empor wie ausgebleichtes, trockenes, knacksendes Unkraut. Frau Pitkowa atmete durch den Mund. Ihr halb geöffneter Mund zeigte schwarze Zähne. Der Mund und die Zähne sahen aus wie eine Baugrube.
Die Baustelle, das waren Erdhaufen und eine Grube neben dem Mietshaus. Das waren mitsamt den Wurzeln ausgerissene und auf einen Haufen geworfene Bäume. Backsteine und Säcke mit versteinertem Zement. Zigarettenstummel, verdorrtes Gras und ein rostiger Bagger mit hoch erhobener Schaufel. Die Schaufel ähnelte einem Galgen.
Unter dem Galgen standen zwei Hütten. Eine für Hunde und eine für Menschen. In der Hundehütte kläffte, ohne dass sie herauskam, tagelang eine schwarze Hündin. Nachts heulte sie, angeblich knabberte sie an ihren eigenen Pfoten. Das sagte der Wächter, und er gab ihr den Namen Fiśka.
Der Wächter wohnte in der Hütte für Menschen. Er hatte einen Karabiner und ein Radio. Die Hütte hatte keine Fenster. Nur Ritzen in der Verschalung. In der Hütte stand eine Liege. Es gab darin elektrisches Licht.
Der Wächter saß oft vor der Hütte für Menschen und hörte zu, wie Fiśka bellte. Manchmal schnappte er sich den Karabiner und schwor: „Es wird der Tag kommen, an dem ich dich umlege, du Dreckstöle.“
Er hörte auch Radio. Er war der Meinung, dass alle Bewohner des Mietshauses Radio hören sollten. Weil man im Radio erfahren kann, wer fremd ist, und wer dazugehört. Und Fremden ist das Betreten der Baustelle verboten. Spionen zum Beispiel. Und jeder Spion ist ein Fremder. Auf einen Fremden muss man den Karabiner anlegen wie auf Fiśka und laut ausrufen: Halt, wer da, du Spion!
Niemand wusste, wie der Wächter hieß. Es war komisch, eine Amtsperson nach dem Vornamen, Nachnamen und Geburtsort zu fragen wie beim Verhör.

Als Olek Walewski genau am fünften März 1946 neben der Hütte für Menschen hockte und den Vorfrühling beobachtete, schaltete der namenlose Wächter das Radio ein. Fiśka begann zu bellen, und das Radio bummerte plötzlich los – bumm, bumm, bumm, bumm – und stellte sich um: „Hier spricht Radio London. Olek wunderte sich, dass der Wächter ein englisches und kein Radio von den Deutschen hatte, und als er sich genug gewundert hatte, hörte er in diesem englischen Radio, dass sich ein eiserner Vorhang auf die Erde gesenkt hatte. Einmal quer über den europäischen Kontinent.
Daraus ging hervor, dass sich solche Hauptstädte wie Warschau, Berlin, Sofia, Prag oder Budapest und Bukarest vor diesem eisernen Vorhang befanden – auf der Seite Moskaus. Und der Rest des Universums hinter dem Vorhang war.
Olek Walewski sprang auf, denn das war eine Hiobsbotschaft. Hals über Kopf lief er zur Oma, um ihr die Hiobsbotschaft zu überbringen. Unterwegs wiederholte er für sich, wer und wo entdeckt hatte, dass dieser Vorhang niedergegangen war: und zwar ein gewisser Churchill in der Ortschaft Fulton.
Die Oma versteckte sich leider schon wieder. Er suchte sie an den üblichen Stellen – hinter der verzinkten Wanne im Flur, in der Wohnung unter dem Bett, hinter dem Schrank, aber er fand sie nicht.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel