Die Nacht der lebenden Juden

„Die Nacht der lebenden Juden“ ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Vor allem aber, weil es dem Autor gelungen ist, ein gewichtiges Thema des polnischen kollektiven Bewusstseins literarisch zu bearbeiten und eine Geschichte zu erzählen, die schon seit Jahren erzählt sein will: Das im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemachte Warschau als verwilderter Friedhof im Dämmerzustand, mit den damals Ermordeten als unvermittelt Fleisch gewordenen Geistern. Lebende und Tote – Aug in Auge. Wer ist nun wirklich zu Hause in Warschau, in Polen, an diesem vom Genozid gezeichneten Ort? Der wunderbar geschriebene Roman sucht nach Antworten und bedient sich dabei verblüffender, irritierend unkonventioneller Mittel. Die krasse, humoristische Poetik des popkulturellen Horrorgenres scheint im Grunde unvereinbar mit dem Shoah-Stoff. Schon der Titel, der in Anspielung auf einen Horrorfilm-Klassiker die „Toten“ durch „Juden“ ersetzt, wirkt verstörend. Ins Rollen gebracht wird die ganze Geschichte durch ein den Juden gestohlenes Amulett in Form eines silbernen Herzens, das seinem Besitzer Glück und Erfolg verheißt. Der Protagonist, der im Handlungsverlauf zunehmend an einen Comic-Superhelden im Kampf gegen die Judenvernichtung erinnert, lebt mit seiner Freundin in Muranów, einem auf den Trümmern des Ghettos errichteten Stadtteil von Warschau. Eines Tages entsteigen der Kellerluke (...) tote Juden in zerschlissenen Mänteln. Nach und nach wird deutlich, dass sie sich am liebsten im Arkadia aufhalten, einem nahe gelegenen Einkaufszentrum.
Bei allen Pop-Elementen ist „Die Nacht der lebenden Juden“ ein stark reflektiertes, ein reifes Werk. Der Autor legt die Prinzipien der aus sich selbst geschaffenen Stadt nachvollziehbar offen. Das Einkaufszentrum Arkadia als Hort ewiger Glückseligkeit, geheiligt durch Handel und Umsatz, wird mit der gespenstisch anmutenden Aura von Muranów konfrontiert. Das hinlänglich bekannte Gefühl des Grauens und der Fremdheit, das über dem modernisierten, verwestlichten Stadtraum liegt, bricht sich in der Realität Bahn. Aus dem Horrorgenre entlehnt, ist das Romankonzept gleichzeitig poetisch und erstaunlich pointiert, vorgegeben durch historische Realien. Die jüdische Geschichte des Nicht-Seins muss ergänzt werden um das Grauen, die Materialisierung dessen, was verdrängt werden will. Die Bewusstwerdung des Protagonisten über diesen Prozess (und über die symbolische Macht des Amuletts) gibt die überzeugende, frappierende Dramaturgie des Romans vor.

Kazimiera Szczuka

AUSZUG

Ich will nicht behaupten, sie wären überhaupt nicht angestarrt worden, aber man nimmt die anderen doch nur sehr flüchtig wahr, meist nur die Kleidung, wenn nicht erotische Attraktionen vorliegen, vielleicht ist es aber auch ein Zauber, der sie unsichtbar macht, geriet ich ins Grübeln. Mir war der Unterschied gleich aufgefallen, noch bei mir im Treppenhaus – nicht das übliche, akustisch verstärkte Gelächter und Geschrei, stattdessen merkliche Konzentration, das Knistern neuer Kleider und das Knirschen verdorrter Gelenke. Ich hatte ein ganzes Heftchen mit Fahrscheinen gekauft, jeder wollte seinen selbst entwerten, neugierige Blicke aus dem Fenster, nichts Besonderes, ein Betreuer fährt mit einer Gruppe Teenie-Leichen spazieren.
Das Arkadia hatte sie schwer beeindruckt, Rachel und David spielten Stammkundschaft und trugen die Nase höher als alle anderen. Rachel begrüßte Chirico übertrieben herzlich, um aller Welt zu zeigen, dass sie eine lebendige Freundin hat, noch dazu aus Fernost. Selbstverständlich packte sie alle der Kaufrausch, und ich musste eine Pro-Kopf-Deckelung einführen, ich konnte ja nicht jedem in Warschau ermordeten Bengel Klamotten und Technik finanzieren. „Ich geh noch in die Insolvenz wegen euch.“ Und ständig aufpassen, dass sie zusammen bleiben, dass keiner verloren geht, ich war völlig fertig.
„Die machen Fotos von ihnen.“
Bei meinen mühsamen Versuchen, die Ordnung in der Gruppe aufrecht zu erhalten, drang diese Information nicht gleich zu mir durch. Meine Kids hielten im Empik-Store alle CD-Hörstationen besetzt, manche wälzten Bücher, Alben, Papierkram, dauernd fiel etwas herunter oder kippte um und ich fühlte mich zuständig, außerdem vergoss der kleine Aron, der nur noch ein Auge hat, mit diesem einen Auge bittere Tränen und schluchzte herzzerreißend, weil er nebenan im Musikgeschäft eine Geige entdeckt hatte, die er jetzt unbedingt haben musste, ich durfte ihm nun auseinandersetzen, dass solche Sonderwünsche über mein Budget gingen. Erst im dritten oder vierten Anlauf erreichte Chirico, die an meinem Ärmel zerrte, mit ihrer Meldung mein Gehirn:
„Die machen Fotos von ihnen.“
Tatsächlich, grinsende Skinheads fotografierten meine Schützlinge. Da ruft mich Chuda an. Sie schlürft ihren Kaffee und lässt mich wissen, dass gerade die Ambulanz da war und den alten Kerl und die dicke Omi mitgenommen hat, jetzt ist es endlich schön still in der Wohnung.
„Wer heult denn da so?“, fragt sie.
„Aron will eine Geige“, antworte ich.
„Dann sei doch nicht so, kauf sie ihm“, kriege ich zu hören. „Der arme Junge, das ist doch der ohne Auge, sei so gut, schenk ihm ein bisschen Wärme.“
Jetzt platzt mir doch der Kragen:
„Ich bin hier mit fünfzehn Leichen im Einkaufszentrum unterwegs!“, brülle ich, aber Chuda kommt nicht mehr dazu, sich davon beeindrucken zu lassen.
„Es hat geklingelt“, sagt sie. „Ich ruf nachher nochmal durch.“
ZZ kontrollierte die Herztätigkeit, indem er einer Frau, die gerade jemanden zum Krankenwagen brachte, ungestraft in den Busen zwickte. Er glaubte sie zu kennen, wusste aber nicht mehr genau, woher. Aus Norwegen? Aber war ich denn in Norwegen gewesen? Bevor sie wegfuhr, ließ er sich Telefon und Adresse diktieren, sie diktierte anstandslos.
Sie stiegen die Treppe hinauf. In der Wohnung war nur das Yoga-Mädchen.
„Wo ist er?“, fragte ZZ und versuchte ihr unter den Rock zu fassen. Sie schüttelte ihn erschrocken ab. Unfähig etwas zu sagen, kreischte sie nur:
„Hilfe!“
Also wirkt das Artefakt bei ihr genauso wenig, wie bei ihrem Freund, dachte ZZ. Sie zogen die Tür hinter sich zu.
„Das sind meine Kumpels, Bolo und Bandzioch, die werden dich liebend gerne durchpimpern.“
Mist, ich will sie zusammentrommeln, kriege sie aber kaum los von ihren Kopfhörern, CDs, Comics und dem ganzen Kram, sie weinen, „ich hab noch fast nichts gehört, ich musste ja die ganze Zeit warten“ usw., ich bin schon ganz verschwitzt, jeder zweite heult laut, die Leute gucken schon, die Rechten knipsen mit ihren Fotohandys, zum Glück hilft Chirico mir ein bisschen.
„Wir gehen jetzt, nichts wird gekauft, legt alles zurück in die Regale.“
Die Skins lachen über die Tränen und über meine Panik, sie zeigen mir mit ihren Fäusten, was mich gleich erwartet. Als wir gehen, springt der Alarm an. Szymek rennt los, die Wachleute hinterher, dann folgen die Skins, zum Glück die ganze Truppe, instinktiv, wie die Hunde der Katze. Chirico bekommt von mir das Fahrscheinheft und den Auftrag, die Gruppe geschlossen nach Hause zu bringen, in den Keller. Ich nehme die Verfolgung von Szymek und den anderen auf. Zehn Skins und zwei Wachleute, es sieht aus, als liefen sie alle vor mir davon, jetzt müsste ich mich nur noch kurz umziehen, das blaue Trikot mit dem rot-gelben „S“ auf der Brust und das knappe rote Mäntelchen um die Schultern, ich verstoße gegen meine heilige Nichteinmischungsdoktrin, bin gleich als Held mit blankem Hintern vor Ort, kassiere meine Tracht Prügel und gut ist es, klassisches romantisches Verhaltensmuster, ich sollte besser in ein leeres Haus rennen, zu Chuda, einen schönen Grüntee trinken, solange ich noch alle Zähne habe. Was macht schon ein totes Jüdlein mehr oder weniger – ich denke ganz nüchtern, laufe aber weiter, in Schweiß gebadet.

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler