Die Schlawinerinnen

„Es gibt keinen größeren Schlawiner als den Warschauer“, sang einst Stanisław Grzesiuk,  polnischer Liedermacher im Warschau der Vorkriegszeit und unbestrittener Patron des neuesten Romans von Sylwia Chutnik. Der Rhythmus seiner Balladen, die hier so manches Mal zitiert werden, und er selbst, der namentlich genannt wird, machen den Ton, den Schick und den Charme des ganzen Romans aus. Chutnik zeigt, dass Grzesiuks Welt – oder eher Unterwelt – die nur selten mit der sogenannten großen Welt zusammentrifft, die Macht hat, die zeitgenössische, entzauberte, getünchte und modernisierte Wirklichkeit Warschaus zu überdecken. Man muss lediglich die Literatur und die Geschichte gut kennen, und den Rhythmus der Geschichten über Stasiek Messerstecher, Antek, den Sohn der Straße, über Geliebte, Säufer und Dirnen, und am Ende über den Henker, der schon am Galgen wartet, aufnehmen können. Sylwia Chutnik hat ein besonderes Gespür für diese Rhythmen. Und sie ist außergewöhnlich einfallsreich. Sie lässt sich inspirieren von Grzesiuks Balladen über Warschau, von Pola Gojawiczyńskas „Die Mädchen aus Nowolipki“ (dem Kultroman über das Leben junger Frauen im Warschau der Zwischenkriegszeit) und vom Anarcho-Punk-Feminismus. Sie hat einen eigenständigen, originellen Stil entwickelt, einen sowohl witzigen als auch bewegenden, melodramatischen, grausamen und politischen Roman. Denn es gibt durchaus einen größeren Schlawiner als den Warschauer – das ist die Schlawinerin, das unbesiegbare Banditen-Mädchen, das immer für eine gerechte Sache kämpft. Jedenfalls fast immer. Manchmal kämpft sie aus purem Vergnügen. Vor allem agiert eine Schlawinerin nicht allein. Chutniks Roman besingt die Erfolge einer ganzen Bande weiblicher Rächerinnen. Einer Bande, die soziale Schichten, Stadtbezirke und Generationen vereint, so wie einst in den Schulklassen. Celina, Halina, Stefa und Bronka spielen hier die erste Geige. Sie sprechen selbst Recht. Die Haupthandlung ist ein Rachefeldzug gegen einen brutalen Bauunternehmer, der eine Aktivistin der Mieterbewegung angezündet hat. Sie beruht auf einer wahren Geschichte, die in Warschau passiert ist. Die Täter wurden nie gefunden – die Schuld des Bauunternehmers ist lediglich eine symbolische. Im Roman nehmen sich die jungen Frauen der Sache an, und nur dank ihrer siegt die Gerechtigkeit. Die Geschichte beginnt auf dem Friedhof in Bródno und endet gewissermaßen auch auf einem Friedhof, denn das ist das Schicksal der Kriegerinnen, das grausame und traurige Ende der Ballade.

Kazimiera Szczuka

Sylwia Chutnik (geb. 1979), Schriftstellerin und Stadtführerin durch Warschau, hat Kulturwissenschaften und Gender Studies studiert, ist sozial engagiert und Vorsitzende der Stiftung MaMa, die sich in Polen für die Rechte von Müttern einsetzt. Cwaniary (dt. Die Schlawinerinnen) ist ihr dritter Roman. 

AUSZUG

Halina, die Klinge, begann gedankenversunken ihre Hände zu bewegen. Erst als die Gabel herunterfiel, schreckte sie hoch. Sie sah sich um. Dann begann sie zu sprechen, als stünde sie neben sich. Erst leise, dann immer lauter und schneller.

In der Schule wurde ich jedes Jahr für vorbildliche Leistungen ausgezeichnet. Das hat mich gewurmt, verstehst du. Habe mich gefragt, was das soll. Vorbildlich? Für wen denn? Für die anderen Mädchen, die genauso sind wie ich? Mit Schürze, mit Pferdeschwänzen oder geflochtenen Zöpfen und in Strumpfhosen. Wir alle sind aufgewachsen mit Ala aus der Fibel, die sich mit ihrer Mutter wie eine Maschine in der Küche abrackert, deren Bruder Kosmonaut ist oder Feuerwehrmann, oder weiß Gott wer. Was war ich schon für ein Vorbild für die anderen Kinder? Weil ich fleißig war und artig? Gott, wie ich es gehasst habe, artig zu sein. Ich habe absichtlich Unfug getrieben, gespuckt, geflucht, meine Schönschreibhefte zerfleddert. Aber das hat nichts geholfen.

Einmal hat mir einer im Hausflur aufgelauert. Ich war sechzehn, mein Kopf leer, ich bin ständig auf Konzerte gerannt, in Springerstiefeln, und hab direkt vor der Bühne Pogo getanzt. Der Typ hält mir ein Messer an die Kehle und schreit „ausziehen!“, „Hose runter!“. Ich rufe nach Hilfe, darauf der, dass ich das Maul halten soll, sonst bringt er mich um. Ich weiter, Hilfe, und er, dass mich hier keiner hört, und tatsächlich – keiner wollte mich hören, im Wohngebiet zweitausend Menschen, Sommer, die Fenster stehen offen, aber in diesem Moment, Scheiße, sind die auf einmal alle taub. Ich schreie, aber viel zu leise. So in mir drin, innen ein einziger Schrei, außen Stille. Der fummelt an seinem Hosenstall, keucht, völlig im Wahn. Es war schwül, um meinen Kopf sirrte eine Fliege, und ich war mit den Gedanken schon ganz woanders, ich tat, als hätte ich mit dieser unangenehmen Szene nichts zu tun, und dachte mir nur, ach, ich ruhe mich dann zu Hause aus, ziehe mir die Decke über den Kopf und niemand kann mir was Böses. Da kommt plötzlich ein Nachbar mit seinem Mülleimer und schaut in unsere Richtung, und der Typ rennt weg, schafft es aber noch, mich hinzuschubsen. Bin mit voller Wucht auf meine Hand gefallen, das hat ziemlich weh getan.
Da lag ich nun mit halb heruntergezogenem Schlüpfer und schwerem Schock. Der Nachbar machte einen großen Schritt über mich hinweg, weil ich im Weg lag. Dann knallte der Mülltonnendeckel, bumm, und weg war er. Ich konnte nicht aufstehen, hatte gehofft, er würde mir helfen, aber er wollte mich nicht hören, nicht bemerken, hatte verdammt noch Mal seine eigenen Sorgen: Frau, Kinder und so weiter.

Also wirklich, die Hormonbomben liegen jetzt überall herum, sonnen sich und drücken ihre Pickel aus, dass es erschöpften Menschen geradezu ins Gesicht spritzt. Warum schert sich denn keiner darum, warum berichtet keiner im Fernsehen darüber? Wo sind die Eltern und die Erziehungskommission? Wo?

Der Nachbar ging. Ich nicht.
Die Clique tanzte. Ich nicht.
Nach einer Weile erhob ich mich, stöhnte vor Schmerz und ging nach Hause. Und da drehte ich das kalte Wasser auf und hielt den Kopf drunter.
Ist ja gar nichts passiert, dachte ich. Schließlich hatte er mich nicht vergewaltigt. Ich zitterte am ganzen Leibe und ging ins Treppenhaus, um eine zu rauchen.
Da traf ich eine Bekannte, und die sagte: „Wie geht’s dir? Siehst so blass aus.“ Die Hand, auf die ich geknallt war, war dick angeschwollen, kugelrund, als würde sie gleich platzen. Keine Ahnung, wieso ich genau in dieser Pfote die Kippe hielt und nichts sagte. Mir liefen die Tränen, aber ich schwieg, und die Bekannte zu mir: „Eh, hat dich dein Alter geschlagen?“ Ich schwieg weiter, und sie hat bestimmt gedacht, dass ich mich schäme, das zuzugeben, und wahrscheinlich tat ich ihr leid.
Abends hatte ich den Eindruck, dass es mir besser geht. Dass diese dumpfe Wut nur ein vorübergehender Rausch ist. Eine Woche später habe ich mir zum ersten Mal die Pulsadern aufgeschnitten.

Im Krankenhaus war eine tolle Schwester. Ich erzählte ihr, was passiert war, und dass ich mich lieber selbst umbringen würde, als den, der mir das angetan hatte.
Sie wandte sich ab und schwieg lange. Als sie mich wieder ansah, war sie nicht mehr die freundliche Krankenschwester mit Käppi und Kittel. Sie hatte meine Hand losgelassen und war vom Hocker aufgestanden. Sie war plötzlich Xena, Hothead Paisan und Göttin Kali in einem. Sie sprach, eigentlich zischte sie ganze Wortströme in mein Ohr, hämmerte sie mir ein, so wie man jemandem mathematische Formeln und heilige Gebote einschärft.
Sie war mein Mahomet, der erschien, um die Wahrheit zu verkünden:
Rache bringt dir Erlösung. Nur Rache bringt dir Erlösung, Mädchen. So eine Lebensweisheit findest du nicht in der Zeitung. So eine Lebensweisheit wird nur unter Eingeweihten weitergegeben.
Noch einen Wodka bitte. Für die Dame auf dem Hocker hier natürlich.
Halina setzte sich aufrecht hin und hörte auf, nervös an ihren Fingernägeln zu knabbern, ihre Zöpfe zu öffnen, vor sich hin zu murmeln, zu transpirieren. Jetzt ist alles wieder gut, die böse Geschichte ist abgeheftet unter „erledigt“. Jetzt ist alles gut, jetzt kann ich Karate und spüre die scharfen Waffen, die ich unterm Kleid trage.
Es bringt nichts, über die Vergangenheit nachzusinnen. Schließen wir die verzierte Schatulle für Traumata und atmen tief durch. Hey, willkommen Abenteuer, morgen ist ein neuer Tag!

Mädchengeschichten mögen plötzliche Wendungen in der Handlung. Da glaubst du, einfach ein bisschen zu plaudern, und plötzlich vertraut dir jemand so was an. Und schon nimmt das Gespräch eine andere Wendung, auf der Achterbahn geht es ganz nach oben, und dann saust der Wagen runter. Wenn du nicht hinterherkommst, halt den Mund.
Halina wechselte das Thema, sprach über die neuesten Ausstellungen und das kaputte Fahrrad, das ihr Marek repariert hatte. Schnatter, schnatter, was für ein Tempo, was für eine Melodie! Die Geschichtenschatulle ist mit einer speziellen Mädchenchiffre verschlossen. Sie wird sich lange nicht öffnen lassen, weil sich kaum jemand diese Chiffre merken kann.
„Ist das nicht ein bisschen viel Wodka?“, fragte Celina, als sie mit dem Essen fertig war.
„Alkohol ist doch gesund, gut für die Verdauung, schwangere Frauen sollen Wodka trinken, weil das dem Babyblues und Blähungen vorbeugt. Das haben amerikanische Wissenschaftler bei Rattenexperimenten festgestellt. Da hatten die Weibchen die Wahl zwischen Wasser und Alkohol. Und sie entschieden sich für Letzteres. Na, die Ratten werden es wohl wissen. Dadurch wurde bewiesen, dass schwangere Frauen auf der ganzen Welt Alkohol trinken sollten. Sogar im Kreissaal fließt Spiritus statt Oxytocin aus dem Tropf, so hat das Neugeborene gleich zehn Punkte auf dem, na, wie heißt das gleich, auf dem Alko-Score.
Celina schaute ihre Freundin verwirrt an und wollte ihr schon widersprechen, es sei wohl ein symbolisches Glas Rotwein gemeint, aber sie war nicht mehr sicher und fürchterlich müde.

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska