Dunkel, beinah Nacht

Mit ihrem neuen Buch beweist Joanna Bator wieder einmal, dass sie eine der interessantesten polnischen Schriftstellerinnen der mittleren Generation ist. Dunkel, beinah Nacht entführt den Leser – ähnlich wie die hervorragend aufgenommenen Vorgängerromane Sandberg und Wolkenfern – auf eine Reise nach Wałbrzych in Schlesien. Diesmal ist es allerdings eine etwas düsterere Erkundungsfahrt. Zusammen mit der Protagonistin des Buches, der Zeitungsreporterin Alicja Tabor, erfährt der Leser die schmerzliche, bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreichende Geschichte ihrer Familie und nahestehender Personen.

Alicja fährt von Warschau in ihre Heimatstadt Wałbrzych, um einen Artikel über das geheimnisvolle Verschwinden dreier Kinder – Andżelika, Patryk und Kalinka – zu schreiben. Doch der Fall verbindet sich mit anderen, bislang unaufgeklärten Ereignissen: In der Stadt ist es zu einer Reihe von Fällen grausamer Tierquälerei gekommen, und selbsternannte Propheten sind am Werk. Alicja quartiert sich in dem alten, von den Deutschen erbauten Wohnhaus ihrer Kindheit ein und tritt mit den sich äußerst seltsam benehmenden Einwohnern der Stadt in Kontakt, um Material für die Reportage zu sammeln. Den verworrenen Geschichten entnimmt sie nach und nach die Wahrheit über sich selbst und ihre tragische Kindheit, auf die der Wahnsinn der Mutter und der Tod der Schwester, die von der Legende um Schloss Fürstenstein und seine schöne, von einem Bann belegte Bewohnerin Prinzessin Daisy fasziniert war, ihren Schatten warfen...     

Ähnlich wie in ihren bisherigen Büchern nutzt Bator auch hier die verschiedensten literarischen Gattungen, um daraus eine einzigartige Geschichte zu weben. Beherzt bedient sie sich der Konvention der Gothic Novel, aber auch des psychologischen und des Kriminalromans. Das Ergebnis dient jedoch nicht, wie man glauben könnte, der scherzhaften Parodierung literarischer Gattungen. Interessant ist nämlich, dass sich – auch wenn der Roman an die heute sehr zur humoristischen Lesart verleitende Schauerliteratur anknüpft – aus Dunkel, beinah Nacht eine ernsthafte Reflexion der Welt herauskristallisiert, einer Welt, durchdrungen vom Bösen (das hier den Phantasienamen der „Katzenfresser“ trägt), von historischem Leid, vom Wahnsinn und von der Tragödie derer, die diese Last ihrer Empfindsamkeit wegen nicht zu tragen imstande sind.    

Die Vergangenheit erweist sich als schwere, wenn nicht gar untragbare Bürde; die Geschichte wiederholt sich gern, schlafende Dämonen können jederzeit geweckt werden. Und irgendwo außerhalb dieser allgemeinen Reflexionen spielt sich schließlich auch noch die einsame Geschichte der Hauptfigur ab, die an der Unfähigkeit leidet, tiefere, zufriedenstellende Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Bator beschreibt dies alles in einer Sprache, in der die stilistische Einfachheit dicht neben der Poesie liegt, die Legende sich mit der rauen Gegenwart verflicht. Ein interessantes, originelles Buch. 

Patrycja Pustkowiak

AUSZUG

Als ich die Tür hinter ihm zuknallte, fiel das Hufeisen herunter, das an ihrer Innenseite aufgehängt worden war, um Glück zu bringen – wobei das Glück diesen Wink jedoch übersehen haben musste. Und das Hufeisen war nicht die letzte Sache, die an diesem Tag abfiel, auseinanderfiel oder sich als hoffnungslos kaputt erwies. Das Haus starb vor meinen Augen, als wollte es sich dafür rächen, dass ich es so lange alleingelassen hatte. Im Tageslicht wurden Flecken abblätternder Farbe an der Decke und von Feuchtigkeit ausgebeulte Blasen unter den Tapeten sichtbar, verzogene Böden und Sofas, die von Motten so zerfressen waren, dass man an einigen Stellen nur noch den weißen Kettfaden sah. Das Abziehbild mit den Veilchen an der Badezimmertür hatte die Farbe verloren und die einst helllila Blüten und grünen Blätter sahen nun wie die Flügel toter Insekten aus. Ich stand in der rostgesprenkelten Wanne und wartete darauf, dass die betagte Gastherme ansprang und ich duschen konnte, doch als das warme Wasser endlich zu fließen begann, gab der Duschschlauch auf und platzte entzwei. „Wir machen Keramik- und Terrakottafliesen“, hatte mein Vater versprochen, „oder vielleicht statt einfacher Terrakotta lieber einen Zedernholzboden? Dazu ein Whirlpool, ihr könnt im Whirlpool herumplantschen wie die kleinen Seehunde im Zoo von Wrocław, was haltet ihr davon? Oder wir lassen uns aus Frankreich eine Messingwanne auf Löwenfüßen kommen?“, hatte er weiter überlegt und in großer Geste mit dem imaginären Geld um sich geworfen. Laufende Reparaturen schienen ihm bei solch hochfliegenden Plänen nicht der Rede wert gewesen zu sein. Ich ließ Wasser in diese schreckliche Wanne einlaufen und tauchte ganz unter, auch mit dem Kopf, wie als Kind, wenn meine Schwester daneben gesessen und aufgepasst hatte, dass ich nicht ertrank. Damals hatten mich die Geräusche unter Wasser fasziniert: das Klopfen, das Knirschen von Metall auf Stein, Rufe in verschiedenen Sprachen, hohle Klänge, Ächzer. Das war die Welt, in die unser Vater hinabstieg und für die er schlussendlich mit dem Leben bezahlt hatte. Es war vorgekommen, dass er an einem beliebigen Ort mit dem Finger nach unten zeigte, vor unsere Füße, und im Brustton der Überzeugung sagte: Irgendwo hier ist er. Irgendwo. Hier. Ist Hitlers Schatz. Wenn ich ihn finde, und ich habe jetzt eine Karte von wunderbarem Wert und zuverlässiger Zielsicherheit, ändert sich unser Leben bis zur Unkenntlichkeit. Er würde uns so glücklich machen, dass wir einander von Neuem kennenlernen müssten. Irgendwo unter dieser alten Wanne, in der die Geräusche der unterirdischen Stadt widerhallten, war der Schatz, den unser Vater gesucht hatte, wenn er sich in seinen ausgetretenen tschechoslowakischen Schuhen auf den Weg machte, eine Bergarbeiterleuchte vor der Stirn. Ich hatte versucht zu verstehen, warum er lieber dort war als hier, bei Ewa und mir. „Bitte sehr, meine Damen und Herren“, hatte meine Schwester gewitzelt, wenn ich tauchte, „hier sehen Sie Alicja Tabor, die Wasserkameldame, Forscherin der Meere und Ozeane, in die sie sich begibt, wenn sie von der Wüste genug hat! Die einzige Kameldame mit Flossen und Kiemen. Eine seltene Gattung. Unter strengem Artenschutz. Heute erzähle ich Ihnen, was sie im Unterwasserreich unserer Badewanne alles gesehen und gehört hat.“ Der Spaß hatte darin bestanden, dass ich wahrheitsgemäß erzählte, was ich gehört hatte – ein Klopfen, wie jemand auf Deutsch oder einer ähnlichen Sprache zählte, in der es eins statt ein hieß, wie ein Glas auf Steinboden fiel –, und Ewa dann den Rest dazudichtete. Sie hatte sich Geschichten ausgedacht, das konnte sie am besten. Und ich konnte zuhören.

Vielleicht irrte ich mich ja, wenn ich glaubte, schon so stark zu sein, dass dieses Haus voller Tod und Geister mir nichts anhaben könnte. Ich wusste, dass ich der Angst nicht nachgeben durfte, und war deshalb hier abgestiegen und nicht in dem von der Redaktion reservierten Hotel, in der niemand eine Ahnung hatte, dass mir ein altes Haus in Wałbrzych gehörte. Ich redete nicht gern über die Vergangenheit und knüpfte selten so enge Kontakte mit anderen Menschen, dass Vertraulichkeiten von mir erwartet wurden. „Ich habe keine Familie“, sagte ich, wenn die Frage nach meinen Eltern und Geschwistern kam, die Frage, die meine Bekannten so liebten, denn sie konnten sich Ewigkeiten über das ihnen widerfahrene Unrecht auslassen, die Traumata und die Arten, mit ihnen fertigzuwerden, oder eher: nicht fertigzuwerden, indem man sich jahrelangen Therapien unterzog. Ich dagegen hatte mein ganzes erwachsenes Leben hindurch meine Kräfte gesammelt, wie man Vorräte für einen langen Winter zusammenträgt, und ich hatte das Gefühl gehabt, ganz gut auf diese Reise vorbereitet zu sein. Als in Wałbrzych Kinder zu verschwinden begannen, wusste ich, dass der Moment gekommen war und dass ich, die von den Kollegen aus der Redaktion „Alicja Panzernashorn“ genannt wurde, über sie schreiben musste. Nun war ich hier und das Haus, dessen Schlüssel ich immer bei mir trug, bleckte sein schadhaftes nachdeutsches Gebiss.

Nach Bad und unterirdischem Konzert beschloss ich, durch alle Räume zu gehen und nachzusehen, wozu diese Bruchbude imstande war und wozu ich, Alicja Panzernashorn, imstande war. Im ersten Stock waren zwei Schlafzimmer, eins davon hatte früher Ewa und mir gehört, und hier, auf dem alten Doppelbett mit dem Eichenrahmen und der durchgelegenen Matratze, wollte ich auch jetzt schlafen. Der Tisch, an dem wir früher unsere Hausaufgaben gemacht hatten, zwei Stühle, ein leerer Schrank, ein Flickenteppich, weiter nichts. Das zweite Schlafzimmer war seit Jahren leer, dort stand nur ein matratzenloses Metallbett, traurig wie ein verlassenes Schiffswrack auf einer Sandbank. Früher einmal, in Zeiten, an die ich mich nicht erinnerte, war es das Ehebett meiner Eltern gewesen, aber später zog mein Vater nach unten um, und von da an war das Arbeitszimmer für ihn Schlafzimmer, Esszimmer und Zufluchtsort in einem. Dorthin ging ich als nächstes, über die Treppe, die so knarrte, dass ich fürchtete, sie könnte unter meinem geringen Gewicht zusammenbrechen. Die Banalität des Verfalls ärgerte mich, vielleicht weil ich im tiefsten Innern erwartet hatte, dieses Haus würde auf irgendeine spektakulärere und weniger absehbare Weise sterben. Als ich die Tür zu Vaters Zimmer öffnete, schlug die verdichtete Zeit mir wie eine Woge entgegen. Vor dem Fenster wuchs das Schloss Fürstenstein aus einem Buchenwald empor, und wenn unser Vater am Schreibtisch arbeitete, der immer von Stapeln verstaubter Papiere und Bücher überhäuft war, hatte er, sobald er den Blick von seinen historischen Abhandlungen, Karten und Plänen hob, dieses Gebäude gesehen. Nun blickte ich, seine jüngere Tochter, auf Schloss Fürstenstein und die Nebelschwaden am Fuße seiner Mauern, und es gehörte zu den wenigen Dingen, die mir immer noch so groß und schön erschienen wie in meiner Kindheit. Ich zog die alte Wanduhr auf, und als ihr Pendel zu schwingen begann, spürte ich, wie die hier gefangene Zeit in Bewegung geriet. Etwas machte Klick, als hätten die Zeit dieses Hauses und meine Zeit sich erst jetzt miteinander verflochten. Das mit gelblichem Leder bezogene Sofa, auf dem ich als Kind in den seltenen Momenten gesessen hatte, in denen unser Vater nicht mit der Schatzsuche beschäftigt war und sich gewachsen fühlte, dem Vatersein die Stirn zu bieten, gab unter meinem Gewicht einen seufzerähnlichen Ton von sich. Eine Zeitlang saß ich regungslos da und bemühte mich sogar, nicht zu atmen, aber ich spürte nichts als Trauer. Das Leder des Sofas war rau und rissig wie die Ferse eines alten Menschen, ich streichelte es zur Begrüßung. Ich warf einen Blick in die Küche, die in einem grauen Lichtschein schwamm, als wäre sie voller Wasser, und Wasser war es tatsächlich, das ununterbrochen in die Spüle tropfte, von einem kleinen Stalaktiten herab, der sich im Lauf der Jahre gebildet hatte. Von der Tür, die in den Garten führte, zog es kalt herüber, Nebel drängte gegen die Fensterscheiben. Der Tisch und die vier Stühle sahen aus wie die Skelette längst ausgestorbener Tiere, die niemand je zu benennen oder ins Herz zu schließen vermocht hatte.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes