Liebling, ich habe die Katzen getötet

Dieser Roman ist eine Offenbarung! Wer hätte geglaubt, dass das sensationelle „Schneeweiß und Russenrot” noch zu übertreffen wäre? Aber Dorota Masłowska, die begabteste Autorin der jungen Generation, ausgezeichnet u.a. mit dem Paszport Polityki und dem Nike-Preis, hat ihr vermutlich bisher bestes Buch veröffentlicht.
Eine Überraschung folgt hier auf die andere: Nicht, wie bisher, in Polen spielt der Roman, sondern in New York. Die Erzählform, bisher meist ein gigantisches Experiment, ist hier zurecht gestutzt, geglättet – hurtig geht es voran, ohne auch nur ein bisschen an Ausdruckskraft, ja magnetisierender Anziehungskraft einzubüßen. Die Sätze kommen so unangestrengt daher, als hätten sie sich von allein geschrieben. Gleichwohl muss hinter ihrer Eleganz, Präzision, hinter treffenden Vergleichen und Metaphern und dem Witz eine konzentrierte schriftstellerische Arbeit gestanden haben. Die Erzählung rankt sich um die weibliche Hauptperson. Was unverändert geblieben ist, sind die treffenden Beobachtungen und Ausbrüche von Humor, an die wir bei dieser Autorin gewohnt sind (deren Gestalt auch diesmal im Buch auftaucht!).
Die Hauptperson ist Farah („der Farrer“, wie ihre Bekannten schnippisch sagen) – ein auf die Dreißig zugehender Single – auch wenn ihr Geisteszustand eher den Begriff der alten Jungfer rechtfertigen würde. Farah verbringt ihre Zeit mit der Lektüre von Ratgebern für geistige Entwicklung, grübelt über ihr verpatztes Leben nach und übt sich überhaupt im Totschlagen der Zeit. Außerdem achtet sie fanatisch auf eine gesunde Lebensweise und geht so weit, dass sie vor der versuchten Selbstverstümmelung die Rasierklinge desinfiziert. Zu einer persönlichen Tragödie wird es für sie, als ihre Herzensfreundin Jo einen Freund findet. Wir lernen eine ganze Heerschar ihrer (eher entfernten als nahen) Bekannten kennen, die Mittel gegen Depressionen nehmen und versuchen, in der Welt der Avantgardekunst Karriere zu machen...
„Liebling, ich habe die Katzen getötet“ ist eine Persiflage auf die westliche, großstädtische Lebensweise und alle dazugehörigen, zeitgenössischen Modeerscheinungen: den wohlfeilen, vom Osten abgekupferten geistigen Tiefgang, den Zwang zum Gutaussehen, zur gesunden Ernährung, vor allem aber dazu, ostentativ glücklich zu sein. Masłowska bringt uns wie üblich nur deshalb zum Lachen, damit uns dieses nach einer Weile im Hals stecken bleibt und wir unserer eigenen Dummheit, Flachheit und Unvernunft ins Auge schauen. Und schließlich die Einsamkeit – eines der Hauptthemen in diesem reifsten Buch der „Reiherkönigin“-Autorin ist der  unaufhörliche, verzweifelte und zum Scheitern verurteilte Versuch, den anderen Menschen zu erreichen. All das beschrieben in einer explosiven Sprachmixtur, die amerikanische Fernsehserien, den Straßenslang der Großstadt, Google Translator und poetische, nur dieser Autorin zugängliche Register miteinander vereint. Ein tolles Buch.

Patrycja Pustkowiak

AUSZUG

Ja, hier trifft man Jedermann: Bettler wie Fürsten. Den nackten König auch, sobald nur einer dieser bekloppten Modeschöpfer verkünden würde, dass in dieser Saison aus Luft genähte Klamotten der Renner sind...

Luftig, durchscheinend, ultrasexy, und am allerwichtigsten: man braucht sie nicht zu waschen... Nachteile: die Mängel der Figur kann man schlecht darunter verbergen. Ja, und andere Leute atmen deine Kleidung. An einer Ecke drängt dir jemand Hip-Hop auf, frisch aufgenommen bei MacDonalds auf dem Klo, oder eine Tasche Original CHENEL, obgleich die Tüte, in der sie verpackt ist, eher die vier Dollar wert zu sein scheint. An der anderen Ecke will dich ein beinloser Säufer dazu überreden, dein Leben Jesus zu schenken und dein Geld ihm, Prophet sein kostet schließlich auch... Und gleich an der dritten im Boutique-Hotel auf dem goldenen Sofa, unter Bildern von Kjowebiyr Anogiw , der jetzt schwindelerregende Preise erzielt, sitzen wie die Unschuld vom Lande die Töchter von Senatoren und diversen Prominenten, saufen sich die Hucke voll und blättern dabei in „Die widerlich reiche Muschi heute“...

„Womit wirft man am besten nach dem Plasma-Bildschirm? Wir testen Champagner-Gläser.“
„Nach der Ausschabung in fünf Minuten wieder topfit? Kein Problem. Express-Schminke für den Notfall.“
„Sexy auf Entzug. Zehn Tricks, um nach einer Million Dollar auszusehen, wenn du dich in Wirklichkeit wie fünfzehn alte Deutschmark fühlst.“
„Papa, ich habe deinen Hubschrauber zu Schrott geflogen! Wie münze ich einen amüsanten Fehltritt in Erfolg um.“
„Was tun gegen den Schnauzengeruch des Pekinesen.“
„Weißt du, dass Hunde Säugetiere sind?! Neues aus der Wissenschaft.“
    
Diese jungen Dinger sind vielleicht nicht gut in der Schule, aber eins muss man ihnen lassen, in der Mode kennen sie sich bestens aus. Die neueste Kollektion von Zach de Boom, die sie anhaben, bekam den Namen „Holy“, und ratet mal, warum. Es ist das „Pilgerermädchen“, das in der letzten Saison die Phantasie der Modeschöpfer befruchtet hat. Louboutine hat eine Pumps-Serie herausgebracht, inspiriert von Orthopädie-Sandalen gegen Hühneraugen, und Vivienne Westwood bietet dazu weiße dicke Herrenstrümpfe mit dem Bild gekreuzter Tennisschläger in Knöchelhöhe, oder ganz einfach nackte Füße, aussätzig, mit einem karierten Taschentuch verbunden. Die Haare haben in dieser Saison unfrisch zu sein, „unattraktiv“, und ganz wichtig: „fettendes“ Make-up, trockene Lippen, am besten aufgeplatzt beim Küssen des Kruzifixes, leichte Selbstverstümmlungen. Von weitem könnte man denken, das seien irgendwelche durchgeknallten Dämchen, die auf den Knien von Lourdes hierher gerutscht sind, um das Wort Christi zu verkünden, aber schaut man genauer hin, sieht man zwischen den Polyesterlippen perlweiße Zähne blinken, die teurer sind als deine Seele, als dein ganzes beschissenes Dasein.

Schon will dir scheinen, ihre einzige Beschäftigung sei das Schreien: O mein Gott! O mein Gott! und der prüfend schweifende Blick, ob der große Eindruck, den sie machen, sich gleichmäßig über dieses Tal der Tränen verteilt. Doch versuch nur einmal, dich wie ein Sack unnützen Mülls an sie heranzuwanzen, Erbarmen kannst du von ihnen nicht erwarten, sie nehmen dich in die Mangel. Wenn du kein Brot hast, sagen sie erst, dann iss Kuchen; und wenn du keinen Kuchen hast, dann iss Sahnetorte mit organischen Himbeeren. „Ich habe keine solche Torte“, flüsterst du und schluckst schmerzhaft. „Dann lass dir eine mit dem Flugzeug aus der Schweiz schicken.“ Da gibt es nichts, sie hassen einstudierte Hilflosigkeit, auch für sie war das Leben kein Zuckerlecken. Auch sie waren einmal obdachlos und haben nicht lange gejammert, sondern sich einen Palast in Florenz gekauft. Auch sie hatten einmal keinen Porsche, da haben sie sich einen Ferrari gekauft. Also wenn du schon so ein verrenktes Stück Ich-Scheiße bist, dann hab wenigstens Mitleid und verpiss dich von hier, sonst rufen sie die Wachleute. Sie kennen keinen Gnade, kein Schönheitschirurg, der etwas auf sich hält in dieser Stadt, trägt diesen Namen!

So ist das in der Bohemian Street, da braucht man nicht lange drum herumzureden; demokratisch ist hier allein das Donnerleuchten der Stadt aus der Ferne und dieser Gestank, den man letzten Endes auch lieb gewinnen kann: eine Mischung aus Müll, frisch gebackenen Muffins, teuersten Parfüms, Menschen-Aa und Blechzeug aus den Eingeweiden der Metro. Das obsessive Leben dieses Distrikts endet nie, und des Nachts wird es erleuchtet vom petrochemischen Schimmer der nahegelegenen Maklergebäude.

Genau hier arbeitete Joanne Jordan, zwischen der Chase und dem Laden mit Ajurveda-Kosmetika.

Viele assoziieren den Salon mit seinem auffällig an den Haaren herbeigezogenen Namen: „Hairdonism“. Was soll’s... Ausgedacht hat ihn sich der Besitzer, ein Kunstliebhaber mit dem Vornamen Jed, der sich bei Künstlern gern lieb Kind macht, aber im Grunde verzehrt wird von einem nie erlöschenden Groll auf das Karma, weil er selbst nicht als einer von ihnen geboren wurde. Und aus noch ein paar anderen Gründen. Wie so viele versucht er, diese Unzufriedenheit mit Hilfe von Äthylalkohol abzutöten; darin ist er konsequent, geduldig und imprägniert gegen die unausbleiblichen Niederlagen. Denn dieser Groll scheint nie zur vergehen, sondern im Gegenteil, wie das so ist, literweise begossen mit Wein, unverdünntem Whisky und Stolitschnaja (Wodka), aufzuquellen und, Knospen gleich, immer neue Handlungsstränge zu treiben, sich neue Objekte zu suchen und weitere Schichten seiner ziemlich einsamen Lebensweise zu durchdringen.

Jed ist ein großer, dicker Kerl mit recht sympathischem Gesicht, das dazu neigt, in sämtlichen Rottönen zu schillern, was ziemlich genaue Schlüsse auf den Grad seines Wirklichkeitsverlustes zulässt: von leichtem Wangenrouge bis hin zum melancholisch blinkenden Scharlachrot des nicht durchgebratenen Beefsteaks. In ganz passablen Jacketts und italienischen Schuhen versucht er, seinem Betrieb künstlerischen Schick zu verleihen, indem er jede Spalte mit Büchern voll stopft, wie es gerade kommt und stapelweise für einen Dollar zu kaufen war (Moby Dick, Mit der Osteoporose auf du und du, Leben und Tod Stalins, Decoupage an einem Wochenende, Sein wie Elton John). Er behauptet, einmal vergleichende Literaturwissenschaft studiert zu haben, dann aber drogenabhängig geworden zu sein, zum Glück hat er da heil wieder heraus gefunden, was nicht gerade oft vorkommt... Wenn er das wieder einmal erzählte, sturzbetrunken, Hand aufs Herz, dann musste man ihm einfach abnehmen, dass aus ihm ein ganz guter Essayist geworden wäre. Wenn sie gerade keinen Kunden hat, wirft Joanne manchmal einen Blick in diese bizarre Büchersammlung, liest aufs Geratewohl herausgepickte Sätze vor und wahrsagt sich selbst daraus oder setzt sie auf ziemlich sinnlose Weise mit ihrer eigenen Meinung zum betreffenden Thema in Bezug, zum Beispiel:

„Er ließ sich nicht ablenken: Hör mal, der alte Köter quält sich nur!“ las sie und fügte von sich aus hinzu:

„Der arme Hund. Ich hasse es, Tiere leiden zu sehen“, bevor sie den Steinbeck ins Regal zurück stellte. Oder so wie jetzt:

„Zum Glück habe ich Reste von Karriere und phantastische Kinder.“ He, soll ich das als Prophezeiung nehmen? Meine Periode ist längst überfällig!

„Schon wieder? seufzte Mallery, die gerade ins Magazin ging, um Bleichmittel zu holen.“

„Schon wieder,“ sagt Joanne, streckt ihr die Zunge heraus und greift sich ein anderes Buch: „Soweit mir bekannt ist, enden Gebiete nicht plötzlich, sondern gehen unmerklich in die benachbarten über.“

Das war dann doch zuviel für sie.

„Was für ein Unsinn,“ sagte sie und drehte das Radio lauter (Beyoncé lief, die fand sie toll). „Ist dieser Beckett nicht ein Tennisspieler? Eins ist sicher: der Typ ist ganz schön durchgeknallt.“

Und genau als sie das sagte, kam ein Mädchen in den Salon.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl