Gespenster

Łukasz Orbitowski beweist in Gespenster, dass er zu jenen Autoren gehört, die die ungezügelte narrative Imagination der phantastischen Literatur geschickt mit der Aufmerksamkeit eines scharfsinnigen Psychologen und Beobachters der Wirklichkeit zu verbinden wissen.
Die breit angelegte Handlung des Romans beginnt mit einer beunruhigenden Szene, an der ein kleines Mädchen und ein Soldat beteiligt sind. Die geheimnisvolle Schachtel, die hier auftaucht, ist das Leitmotiv, das sich durch die gesamte Erzählung zieht. Die eigentliche Verbindung wird jedoch nach einem guten Dutzend Seiten hergestellt, vor dem für den 1. August 1944 geplanten Warschauer Aufstand. Krzyś (er ist dem jungen und berühmten Dichter Krzysztof Kamil Baczyński nachempfunden, der im Aufstand ums Leben kam) wird daran teilnehmen, er ist auf dem Weg zum Sammelpunkt. Seine Verlobte, Basia, soll eine Schachtel verstecken, ohne dass ihr zukünftiger Mann etwas davon mitbekommt. Aber es kommt nicht zum Aufstand.
Die Waffe funktioniert nicht. Die Geschichte Polens nimmt einen anderen – alternativen – Lauf, auch für Krzyś, der in Orbitowskis Buch nicht bei Kampfhandlungen ums Leben kommt. Jener Krzysztof lebt im sozialistischen Polen und versucht einen Roman zu schreiben, der den aktuellen politischen Bedürfnissen gerecht wird. Das bereitet ihm riesige Schwierigkeiten. Außerdem kämpft er mit gewöhnlichen Alltagsproblemen im Kontakt mit anderen Menschen und sich selbst. Im Hintergrund der Abenteuer von Krzysztof kommt es zur gleichen Zeit zu schicksalshaften Ereignissen zwischen dem Milizionär Wiktor und dem politischen Gefangenen Janek.
Der Roman Orbitowskis schillert in vielen Farben. Die phantastische Narration vermischt sich mit realistischen Schilderungen, von einer historischen Aura umgebene Motive entpuppen sich plötzlich als identisch mit der Gegenwart, und der Elan bei der Darstellung der Figuren hat direkt zu tun mit der psychologischen Beobachtung zwischenmenschlicher Beziehungen. Auf diese Weise jongliert Orbitowski ausgezeichnet mit Stilen, Perspektiven und Atmosphären. Seine solide, mitunter filmische Prosa hat ohne Zweifel ihren Platz im Kreis der wichtigsten Autoren der phantastischen polnischen Gegenwartsliteratur.

Marcin Wilk

AUSZUG

Krzyś zog die Papiere aus dem Versteck, es waren dort ein paar Untergrundzeitungen, zerknitterte Exemplare
des Neuen Spatzen, militärische Lehrbücher aus der Vorkriegszeit und das schon unter deutscher Besatzung im Untergrund herausgegebene Buch Emotionale Psychologie von Petrażycki. Darunter lagen Karten und Schulungsmaterialien, die die wahren Schätze verdeckten: eine Thompson mit langem Kolben, zwei Sten Guns, eine Schmeisser, außerdem ein paar Granaten und ein wenig Munition. General Monter hatte gesagt,
falls jemand keine Waffe habe, solle er einen Stein nehmen und eine erbeuten. Krzyś hatte eine Waffe.

Er krümmte sich einen Moment über dem kleinen Kasten zusammen, aber nicht wegen des Asthmaanfalls, wer hätte sich an so einem Tag um Asthma geschert? Krzyś überlegte, was er nehmen sollte, schließlich gehörten ihm die Waffen nicht, aber mit leeren Händen in die Focha-Straße zu gehen hatte nun auch keinen Sinn. Und was ist, wenn ihn eine Patrouille anhält?

Es war ein warmer Tag, eine Sten würde er unter dem Mantel verstecken können, nur dass ein Mantel am 1. August verdächtig aussah. Doch sollten an jenem Tag auf Warschaus Straßen jede Menge Menschen im Mantel zu sehen sein. Krzyś wusste, dass Soldaten außer Mänteln und Stens auch Schuhe brauchten, und er musste sich welche organisieren. Es war nicht genug Zeit. Er verspürte einen komischen Unwillen, es war, als ob ihm mit diesem Auftrag zu verstehen gegeben worden wäre, dass er sich im Hintergrund halten und den Kämpfenden behilflich sein sollte, als ob man den Gedanken von seinen Augen hätte ablesen können, dass Kämpfen bedeutete zu töten; Krzyś hingegen schien ein Mensch zu sein, der stirbt, ohne zu murren, aber mit dem Töten ein Problem hat. Er verscheuchte diese Gedanken und tröstete sich damit, dass jetzt alle in Warschau von Zweifeln geplagt wurden und ein jeder anderswo sein wollte, in einem anderen Kommando, in einem anderen Haus oder einer anderen Einfahrt als der, in der er gerade saß, und ganz sicher gab es Menschen, die in diesem Moment gerne vor einem Versteck voller Waffen gekniet hätten.

Er legte zwei Granaten aufs Bett, räumte das Papier zurück und setzte die Parkettstäbe wieder ein. Er schob die Couch zur Seite und setzte sich darauf, er war außer Atem. Basia fehlte ihm, ihre Worte und ihr Mund am allermeisten, aber auch dieser einfache Handgriff: immer, wenn er das Versteck geschlossen hatte, war Basia mit Besen und Wischlappen gekommen, sie war erstaunlich vorsichtig, dafür, dass sie so ein schönes Mädchen war. Er konnte sich nicht erklären, warum Basia das tat, schließlich war es überflüssig; wenn jemand sie denunziert hätte oder irgendein Deutscher zufällig hereingekommen wäre, hätte er sofort die Couch bemerkt und an die Dielen darunter gedacht, da hätte kein Fegen geholfen. Aber Basia fegte, sie fegte immer wieder.

Er dachte jetzt daran, wo sie wohl sein mochte, ob sie schon in der Pańska-Straße war, und falls nicht, ob sie dorthin gelangen wird, bevor es losgeht, schließlich muss man kein General sein, um zu wissen, was sich zusammenbraut. Die Mobilmachung dauerte schon einige Tage an, von Praga, von Radzymin und Otwock feuerte die sowjetische Artillerie ihre Salven ab, und Fischers Befehl, Gräben auszuheben, war anstelle der ganzen Stadt nur eine Handvoll Idioten nachgekommen. Basia – die nie etwas hatte wissen wollen – weiß Bescheid, es lohnt sich zu fragen, was sie mit diesem Wissen macht, verkriecht sie sich irgendwo oder folgt sie Krzyś? Diese Frage setzte ihm zu, und ein Schmerz breitete sich in seinem Körper aus, arm und dürr wie er war.

Krzyś wusch sich das Gesicht, steckte die Granaten in die Hose und verdeckte sie mit seinem sandfarbenen Mantel, der für seine schmalen Schultern zu groß war, aus den überlangen Ärmeln ragten dünne Handgelenke, aus dem gestärkten Kragen der Kopf eines Jungen mit ängstlichen Augen hervor. Er warf einen Blick durch das Fenster, auf die Uhr und wieder durch das Fenster, dort eilten Menschen über gepflasterte Gehwege, strebten in chaotischen Grüppchen den ihnen bekannten Zielen zu; wenn irgendein Gesicht im Fenster erschien, dann nur, um gleich wieder zu verschwinden, aus einer dunklen Einfahrt sprang barfuß ein stinkender Hosenmatz hervor, auch ihn verschluckte umgehend eine andere dunkle Einfahrt. Die Phantasie des Poeten ergänzte den Rest: die Mauern des Wohnhauses in der Hołówka-Straße reißen auf wie frisch vernarbte Wunden, unter dem Putz scheinen feuchte rote Backsteine hervor, die Tore sind hoch, schmal, haben die Form uralter Steine,
das leere Abbild heidnischer Kreise, aus denen diejenigen herausfallen, die von Warschau gefressen wurden, die auf die Teller der Moskowiter, Sowjets und Deutschen geworfen wurden, sie werden verputzt mit Besteck aus den Knochen der Volksdeutschen, zerbissen, zerkaut – nun sind sie wieder heil, sie stürmen in die Freiheit – die beim Massaker von Praga abgeschlachteten Jungs, die vom sibirischen Frost Dahingerafften, die auf der Szuch-Allee Erschossenen, die Verhungerten, das Lebendige in der Asche des vor kurzem noch existierenden Ghettos, alle sausen im Wind aus den Eingeweiden der Stadt. Über dieses Bild schob sich ein anderes, das sogar Krzyś überraschte: Es herrscht Frieden, die Deutschen sind vernichtet, die befreiten Geister verbrüdern sich, Freunde und Liebende finden zueinander, endlose Kolonnen schwarzer Autos jagen zum Spaß dahin und feiern den Sieg, wo furchterregende Kapellen lebhaft spielen, suchen sich Verliebte einen Platz in den oberen
Rängen oder paaren sich direkt vor aller Augen, überzeugt davon, dass sie, da sie doch tot sind, für ihre Ausschweifungen nicht werden büßen müssen. Erschlagene Legionäre dreschen einen Skat oder Poker, abgestochene Huren flirten mit ihnen, von den Toten auferstandene Kinder werfen fröhlich die Scheiben in den Häusern ein, schließlich sind sie schon im September, vor fünf Jahren, zu Bruch gegangen.

Und dann schweben die Gespenster, was noch schöner ist, in Richtung Altstadt, auf die Marszałkowska-Straße, wo sie sich in einen Leichenreigen ergießen, der erstrahlt im Glanze des Sieges. Jeder trägt eine lustige Mütze oder farbige Kleidung, rotes Konfetti schießt in den Himmel, es ertönt Gelächter, es erklingt ein Lied von Akkordeons, Gitarren und Leierkästen, und jene Fröhlichen, Siegreichen, Verstorbenen reißen die Lebenden mit sich in ihren freudigen Taumel, heben die Krüppel aus ihren Rollstühlen, stoßen den Greisen ihre Stöcke weg und ziehen sie mit sich, sie drücken Soldaten, deren Frauen, Mütter an sich, feuern Salutschüsse ab, schneller und schneller, Lebende und Tote, Könige und Unteroffiziere, vereint in einem Reigen auf den Straßen Warschaus. Wo auch immer man hinblickt, kein einziges trauriges Gesicht, es sei denn die Fresse eines Schmalzowniks oder Volksdeutschen – oder eines an der Laterne aufgeknüpften Blauen Polizisten, der eine wütende Grimasse schneidet. Warschau lacht, Warschau tanzt, zusammen mit den Menschen tanzen Tiere und Häuser, die Stadt fährt auf in den Himmel in diesen heiligen Tagen des August. So sah es zumindest Krzyś, eindeutig erschrocken über sich selbst überlegte er, ob er das nicht aufschreiben und irgendwie Basia geben sollte, als gutes Omen – wenn man dem Dichter den Kopf aufschneiden und daraus die Zukunft lesen könnte, wäre das Leben einfacher. Er lächelte bei diesem Gedanken – dem Anblick der Priester über dem gespaltenen Schädel des einen oder anderen Dichterpropheten – und entschied, dass er es nicht
aufschreiben würde, weil er sich beeilen musste. Wo auch immer Basia war, sie würde sicher warten.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel