Die Opferung der Polyxena

Der polnische Kriminalroman wird immer vielseitiger. Zwar dominieren in diesem Genre immer noch Gegenwarts- und Retro-Krimis, doch immer inte-ressanter präsentieren sich auch Unterarten dieser Gattung, zum Beispiel der archäologische Kriminalroman, der bei Ausgrabungen spielt und in dem Wissenschaf tler als Ermittler fungieren. Für diese Variante des Genres ent-schied sich Marta Guzowska in ihrem Debüt „Die Opferung der Polyxena“. Der Roman eröffnet die Reihe um den Anthropologen Mario Ybl.
Die Autorin hat einen Doktor in Archäologie und ist seit mehreren Jahren Mitglied des Ausgrabungsteams in den Ruinen des antiken Troja. Kein Wun-der also, dass der Roman gerade an diesem Ort spielt. In einem außerge-wöhnlich heißen Sommer entdeckt ein internationales Team von Wissen-schaf tlern unterschiedlicher Fachrichtungen auf einer Nekropole in der Nähe von Troja ein ungewöhnliches Grab mit den Überresten einer Frau. Die Forscher vermuten, dass sie einen sensationellen Fund gemacht haben: die Knochen der mythischen Polyxena. Es stellt sich jedoch heraus, dass das Skelett durchaus modern ist. Die Wissenschaf tler sind nicht nur frustriert, sondern auch entsetzt, denn jemand fängt an, nach dem Muster antiker Überlieferungen in Troja Frauen zu morden. Der Roman von Guzowska verzaubert vor allem aus zwei Gründen. Zum einen ist man von der Szenerie hingerissen: der Roman spielt in der Türkei und die Autorin beschreibt vor dem Hintergrund der Intrige das heutige Land, aus der Sicht eines westlichen Besuchers. Zum anderen fasziniert der Protago-nist (und gleichzeitig der Erzähler der Story): der brillante Anthropologe Mario Ybl. Es ist schwer, diese Figur in wenigen Worten zu beschreiben. Ybl ist eine Kreuzung aus Adrian Monk, Indiana Jones und Philipp Marlowe, ein „Säufer, Possenreißer und Zyniker“, wie er sich selbst charakterisiert. Ein Mann mit einem ausgesprochen losen Mundwerk und der Gabe, sich die Menschen zu Feinden zu machen; ein unangepasster Typ, der stets nur das tut, war er will, ohne Rücksicht auf jegliche Regeln. Ybl leidet unter Nyctophobie, der krankhaf ten Angst vor der Dunkelheit, und er bändigt diese Angst auf die denkbar einfachste Art, indem er sich abends bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Er ist ein einsamer Wolf, der letztlich – auf eigene Faust und unter ahlreichen Gefahren – das Rätsel der Morde klären wird.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Wenn euch jemand erzählen sollte, dass die Arbeit eines Archäologen spannend sei, könnt ihr ihn gleich aus-lachen. Spannend sind Filme mit Indiana Jones und Lara Croft. Wobei die letzteren sogar noch besser sind, wegen der ästhetischen Vorzüge von Angelina Jolie in Shorts. Die Archäologie ist so dermaßen lang-weilig, dass es einem den Magen umdreht.
Ihr denkt bestimmt, dass das alles so romantisch ist: ein Archäologe in coo-len Klamotten steht über einem Erdloch und schaut zu, wie immer weitere Hiebe mit einer Spitzhacke immer weitere Schichten von Ruinen vergangener Zivilisationen enthüllen. Tut mir Leid, wenn ich euch enttäuschen sollte, aber das ist kompletter Schwachsinn. Erstens: vergesst die Spitzhacke. Die meiste Arbeit auf einer Ausgrabung wird mit einer kleinen Spachtel und einem Pinsel ausgeführt. Wisst ihr, wie lange es unter solchen Bedingungen dauert, nicht
eine Zivilisation, sondern auch nur einen blöden kaputten Tonkrug auszugra-ben? Ihr wisst es nicht? Dann stellt es euch vor.
Zweitens, meine werten Herrschaften: es gibt keine verborgenen Zivilisati-onen. Sie wurden allesamt schon längst entdeckt, katalogisiert und mit Lauf-zetteln versehen. Die Archäologie ist ungefähr genauso romantisch wie die Buchhaltung. Auch die Arbeit sieht ähnlich aus, denn sie besteht aus dem Notieren von Hunderten und Tausenden von Nummern. Nummern von Erd-schichten, Nummern von Objekten, Nummern von Scherben, Nummern von Was-Auch-Immer, verdammt noch mal. Diese Nummern werden später in eine Datenbank eingearbeitet, analysiert, und anschließend wird ein Bericht verfasst, der so viel Romantik enthält wie die Quartalsabrechnung eines Zei-tungskiosks.
Außerdem fällt es einem normalen Menschen schwer, einen Arbeitstag zu ertragen, der mit Aufstehen um fünf beginnt, noch vor Sonnenaufgang, und der lange nach Mitternacht in einem Besäufnis endet – einen Tag, der voller unendlicher Stunden in der heißen Sonne ist, in einer Hitze, die durch die Genfer Konvention verboten werden sollte. Ich sage nur eines: wenn irgendein Gefangener, egal ob ein Politischer oder ein stinknormaler Krimineller, un-ter solchen Bedingungen arbeiten müsste, hätte Amnesty International schon längst eingegriffen.
Heute war es genauso wie gestern, vorgestern und an jedem der beschissenen letzten vierzehn Tage. Die Sonne brannte wie ein atomarer Scheiterhaufen und der Himmel, von der Farbe und dem Gewicht wie flüssiges Blei, hing zwei Zentimeter über meinem armen Kopf. Die Erde erhitzte meine Füße durch die dicken Schuhsohlen hindurch. Nicht einmal der Wind brachte Linderung, sondern verbrannte die Haut und trieb mir Staub in den Rachen.
Die Bäume waren schon längst zu raschelnden Skeletten geworden, der Fluss zu einem schlammigen Bachbett, und das Meer zu einem nach Algen stinkendem Brei. Hinter dem Vorhang aus vibrierender Luft schoben sich wei-ße Schiffe wie Gespenster durch den engen Hals der Dardanellen. Von dem Platz aus, an dem ich stehen geblieben war, um zu Atem zu kommen, konnte man nicht genau sehen, ob sie über das Wasser fuhren oder über die glühen-den Felder marschierten. Ein feuchter Dunst verbarg die Inseln Bozcaada und Tavşan Adası. Nur abends fletschte die untergehende Sonne ihre Zähne und die Konturen der Eilande wurden lebendig, wie die Figuren aus Kamelhaut vor dem Seidenvorhang im türkischen Schattentheater.
(…)
Als mich Pola vor einem halben Jahr angerufen hatte, frühmorgens, schlief ich selbstverständlich noch.
„Erzähl keinen Unsinn“, meinte sie. „Wie spät ist es eigentlich?“
„Mmmm.“
Ich versuchte, auf den Wecker zu schauen. Ich lupfte das Augenlid. Das Licht der Nachttischlampe blendete mich.
„Egal. Du musst jetzt zuhören. Wir haben eine Nekropole. Die Bulldozer haben die Fundamente für irgendwelche Datschen gegraben und sind dabei direkt auf ein Grab gestoßen. Nicht in Troja selbst, zehn Kilometer weiter, an der Küste. Du weißt, was das bedeutet?“ Pola hielt einladend inne.
„Eee …“
Ich verzichtete auf einen erneuten Versuch, die Augen aufzumachen und tastete blindlings auf dem Nachtschränkchen herum, auf der Suche nach dem Wasserglas.
„Erzähl mir nicht, dass du nicht weißt, was es zu bedeuten hat! Das bedeu-tet, dass es die Begräbnisstätte der Achaier sein könnte!“
„Aha …“, murmelte ich.
„Das erste Grab, das die Planierraupe zerstört hatte, war eine Urne. Also eine Feuerbestattung. Die Fotos sind ein bisschen undeutlich, aber alles spricht dafür, dass …“
Sie verstummte.
„Du weißt, wovon ich spreche, oder?“
„Nein.“
„Du Banause!“
„Pola“, röchelte ich. „Rufst du mitten in der Nacht an, um mich zu beleidi-gen? Kannst du nicht bis um neun warten?“
„Kann ich. Die Achaier kamen nach Troja, um die schöne Helena zurück-zuholen. Der Trojanische Krieg, vielleicht sagt es dir etwas?“
„Verdammte Scheiße!“
Das Wasserglas tat genau das, was alle Gläser tun, wenn man sie im Dun-keln sucht: es fiel auf den Boden und zerstob in winzige Teilchen.
„Genau!“ In Polas Stimme schwang Befriedigung mit. „Frank hat eine Li-zenz und hat mir versprochen, dass ich die Grabung leiten werde. Im ganzen Abschnitt der Begräbnisstätte. Begreifst du das?“
„Klar.“
„Und du weißt, worum es mir geht?“
„Sicher.“
„Und du weißt, welchen Frank ich meine?“
„Sicher.“
Ein Moment der Stille im Hörer.
„Du hast keine Ahnung, wovon ich spreche, oder? Und es interessiert dich nicht einmal besonders. Oder irre ich mich?“
„Nein.“
Ein Moment der Stille.
„Ich werde einen Anthropologen brauchen.“
Mit zugekniffenen Augenlidern setzte ich mich auf den Bettrand und stellte die Füße auf dem kalten Fußboden ab. Von den Fenstern her zog es fürchter-lich; ich konnte mich die ganze Zeit nicht aufraffen, sie abzudichten. Ich rieb mit den Handflächen über die Stoppeln in meinem Gesicht und räusperte mich ein paar Mal.
„Was hat das mit mir zu tun?“
„Im Juli. Oder Anfang August. Und ich möchte, dass du mindestens zwei Studenten mitbringst.“
„Pola …“
„Ehrlich gesagt hätte ich gerne jemanden von den höheren Semestern. Oder Doktoranden, damit du sie nicht ständig beaufsichtigen musst.“
„Pola …“
Es gelang mir endlich, ein Auge aufzumachen und einen Blick auf den We-cker zu werfen. Der rote oppelpunkt zwischen der Zwei und der Dreißig pulsierte in einem hypnotischen, schläfrigen Rhythmus.
„Pola, es ist halb drei Uhr. Morgens. Am siebten Januar.“
Sie verstummte für einen Augenblick und sagte dann leise:
„Ich dachte, du würdest dich freuen …“
Also freute ich mich. Hatte ich eine andere Wahl?

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz