Entsprechungen

Adam Wiedemann, der in letzter Zeit eher als Lyriker in Erscheinung getreten ist, hat ein neues Prosawerk vorgelegt. Seit seinem letzten Erzählband („Gewaltige Verschlechterung des Gehörs“, Hainholz Verlag 2001) ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, die Neuerscheinung ist also bezeichnend, bemerkenswert und obendrein gelungen. Bei den „Entsprechungen“ handelt es sich wiederum um eine Sammlung von (insgesamt 20) mal längeren, mal kürzeren Geschichten. Diese in Polen heute nicht sonderlich beliebte Form liegt Wiedemann immer noch am besten, glücklicherweise verfällt er nicht in die verbreitete Unsitte, Erzählungen zu Romanen aufzublasen.
Abgesehen von wenigen pasticheartigen Texten erzählt Wiedemann über das, was er am besten kennt – über sein Leben. In diesem Erzählen über sich, einen Künstler mittleren Alters, der in reichlich mittelmäßigen Zeiten sein Leben lebt, legt er allerdings eine Verve und einen Humor an den Tag, die von jeglichem Mittelmaß weit entfernt sind; er stellt sich mit unverhohlener Sympathie in die Traditionslinie eines Modus des Erzählens über das eigene Leben, den in der polnischen Literatur Miron Białoszewski geprägt hat. Nur überwiegt in den „Entsprechungen“ nicht die Beschreibung des häuslichen Treibens, sondern das Auswärtsspiel in reportageartigen Erzählungen über die Abenteuer („Geschehnisse“ wäre der treffendere Ausdruck) bei den zahlreichen Festivals, Messen und Stipendienaufenthalten im Ausland, die sich über die Jahre angesammelt haben.
Wir haben es also mit sehr persönlichen Berichten über ein „normales“ Einzelleben mit (zumal für Leser jenseits des Literaturbetriebs) durchaus exotischen Zügen zu tun, die sich stets der sprachlichen Fallstricke bewusst sind, die alles Erzählen durchkreuzen. „Du denkst, du erlebst etwas, du erlebst es sogar wirklich, und dann weißt du plötzlich, du hast nichts erlebt, und das ist auch kein Schaden.“ Wir haben sogar alle einen ästhetischen, ja einen existenziellen Nutzen davon. „Es ist kein Schaden, dass du nichts mehr davon weißt, was du nicht erlebt und was du erlebt hast, obwohl du dachtest, du würdest es vielleicht nicht mehr erleben. Du hast es noch erlebt, und es hat dir sogar etwas gebracht“, schreibt Wiedemann in seinem kurzen Text über eine Stipendiatenepisode in Iowa City.
Freuen wir uns, dass es Wiedemann (und den Lesern) so viel gebracht hat.

- Marcin Sendecki

AUSZUG

Du denkst, du erlebst etwas, du erlebst es sogar wirklich, und dann weißt du plötzlich, du hast nichts erlebt, und das ist auch kein Schaden. Es ist kein Schaden, dass du nichts mehr davon weißt, was du nicht erlebt und was du erlebt hast, obwohl du dachtest, du würdest es vielleicht nicht mehr erleben. Du hast es noch erlebt, und es hat dir sogar etwas gebracht.
Ich erinnere mich dunkel an Zimmer, Häuser. An Menschen. Diese Menschen gibt es nicht und ich weiß nicht mehr, wovor sie Angst hatten.
Mary hatte mich geweckt, sie hatte einen Umschlag mit meiner EC-Karte dabei. Ich hatte auf etwas Netteres gehofft, möglichst ohne Mary-Dreingabe, dabei war Mary höchst wahrscheinlich. Mary ist wie eine Mutter für uns, sie liebt uns, weil sie uns geboren hat, was verständlicherweise für Unmut sorgt, denn wer will schon das Kind von einer wie Mary sein.
Jetzt frage ich mich nur noch, ob dieser ganze düstere Alptraum durch das Poltern an der Tür ausgelöst wurde, oder ob das Poltern mich vor dem Schlimmsten bewahrt hat.
Die Karte war sehr hübsch und es stand drauf, man sollte etwas mit ihr tun. Das verschob ich auf später, so schnell geht das nicht, vor dem Aufstehen, vor dem ersten Drink. Ich ließ sie auf der Schlafcouch zurück und machte mich an Gertrude Stein, die auf dem Tisch lag. Man stelle sich nur einmal vor, Gertrude Stein hat das alles im nüchternen Zustand geschrieben. Sie hat das alles im nüchternen Zustand geschrieben, heißt es. Ein nüchterner Mensch. Ordentlich. Solche Menschen muss man lieben. Ich muss Schwester Teresa schreiben, dachte ich.
Aber ich schrieb nicht. Ich übersetzte ein paar Seiten „Useful Knowledge“, bis sie for, four und fortunately stapelte, das war zu viel. Es war schon halb fünf. Auf der Schlafcouch sah ich die Karte liegen.
Die Karte ließ mir drei Optionen: hingehen, mailen oder anrufen. Ich rief an. Es meldete sich ein Automat, ließ mich verschiedene Dinge tun, ich tat sie, solange ich konnte. Als ich nicht mehr konnte, meldete sich eine andere Stimme. Bist du ein echter Mensch?, fragte ich.
Jawohl, das bin ich, antwortete die Stimme. Sie ließ mich dasselbe tun wie der Automat. Das war ganz einfach. Wir verabschiedeten uns in beiderseitigem Einvernehmen auf das herzlichste. Diese Stimme gibt es noch. Ich mag sie. Ich könnte sie noch einmal anrufen.
Ich könnte sie in der Realität treffen. Ich könnte mich mit ihr verabreden. Ich könnte, könnte, aber nüchtern betrachtet, was soll die Quälerei.
Ich zog mich an und verließ die Wohnung. In einem Antiquariat gab es das Buch „Wars I Have Seen“ für 6 $, ich nahm es und ging zur Kasse. Könnte ich das kaufen?, fragte ich.
Ich denke, du könntest, sagte die Kassiererin. Sie war dick. Ich lachte laut.
Ich bezahlte 6.80 inklusive tax. Und ich ging in die Bar nebenan, eine Hamburger-Bar. John hatte nämlich gesagt, dort gibt es die authentischsten Hamburger, die muss man probiert haben.
Ich setzte mich und nahm mir die Karte, es gab alle Arten von Hamburgern. Ich wollte einen ganz normalen, bestellte aber einen mit Speck, das klang irgendwie besser. Und eine Limo, hier haben sie überall Limo und man kann sie einfach so bestellen, ohne zu erklären, was man will und wie das geht. Willst du was zum Hamburger dazu?, fragte die Bedienung. Pommes? Für Hamburger mit Pommes ist es noch zu früh, antwortete ich und meinte damit, vielleicht beim nächsten Mal. Die Bedienung ging den Hamburger holen. Ich zog „Wars I Have Seen“ heraus und begann zu lesen. Gertrude kann man in der Bar lesen. Man kann sie überall lesen, sie gebraucht keine überqualifizierten Verben. Die Bedienung brachte die Limo, sie war riesig. Mir gegenüber setzte sich ein älterer Mann ohne Arm, er war sehr unglücklich oder verrückt. Er bestellte etwas und beklagte dann lauthals sein Schicksal. Adam, beruhige dich, rief eine Bedienung von hinten.
Der Mann ohne Arm beruhigte sich. Wir bekamen unsere Hamburger. Der Speck in meinem war gut gewürzt, das Brötchen gut gebacken, man konnte das gut essen. Willst du noch was?, fragte die Bedienung und setzte sich zu den Leuten am Nebentisch.
Oh, Adam, sagten die, wie geht’s, schön dich hier zu sehen. Lesend leerte ich die Limo, Gertrude wurde immer besser, die Limo wurde wässrig.
Ich stand auf und ging zur Kasse, ich hatte 6 $ klein. Die Rechnung belief sich auf 6,41 inklusive tax, ich hielt einen Hunderter hin. Ich muss dir in Fünfern rausgeben, sagte die Kassiererin. Und wenn ich mit Karte zahle?, sagte ich und zahlte mit Karte, obwohl ich die Karte das erste Mal vielleicht lieber unter erhebenderen Umständen gebraucht hätte. Hier ist Platz für den tip, sagte die Kassiererin, schreib soviel du willst. Aber der tip war doch schon mit drin?, sagte ich und verwechselte tip mit tax. Tax ist immer schon mit drin, sagte die Kassiererin, hier kannst du den tip für mich hinschreiben. Ich schrieb 29 Cent, damit es aufging, trat vor die Tür und machte mir klar, dass ich 69 hätte schreiben sollen. Nein, 59, was habe ich nur mit den Zahlen?
Ich ging die Straße hinab und dachte an die tips oder taxes. Dass man nie wusste, wie viel man zahlt. Was schert mich die Kassiererin, was schert mich die Bedienung, ich gehe da nie mehr hin, das waren meine Gedanken. Zwei Jungs joggten vorbei, einer oben ohne, sehr attraktiv. Ich ging um ihn herum, er hatte nämlich an einer Ampel gestoppt, Schweißtropfen auf der Haut, schwer atmend, umsonst. In einem Geschäft suchte ich Kuchen, ich fand Bio-Kekse für 3 $. Der Kassierer war komplett tätowiert, er bekam tax. Tax bekommen die, die es nicht verdienen, dachte ich, obwohl dieser tax tip für den Kassierer war. Alle sind hier total tattooed, machen aus sich einen Text.

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler