Späne

Protagonist und gleichzeitig Erzähler von Späne ist der fünfzigjährige Piotr Augustyn, der als Handelsvertreter eines Warschauer Unternehmens unentwegt durch Polen reist. Der Roman enthält den Monolog dieser Figur, gestaltet als eine Art umfassende Beichte, als Generalabrechnung mit dem Leben, als Gewinn- und Verlustrechnung, obwohl von Gewinn eigentlich gar keine Rede sein kann. Schließlich bleibt diese Biografie in jeglicher Hinsicht unerfüllt, sie ist verdammt zu unzähligen Niederlagen, Enttäuschungen und Demütigungen; der unglückliche und im Grunde groteske Vertreter legt einen Widerwillen gegen alles und jeden an den Tag. Er verflucht seine Eltern, die ihm keine anständige Kindheit ermöglicht haben, seine gierige Frau, die sich, enttäuscht von ihrem Angetrauten, vor Jahren von ihm getrennt hat, seine Mitreisenden im Zug (er ist unterwegs von Warschau nach Wrocław), er verachtet die Mitarbeiter des Mutterkonzerns und die Angestellten anderer Firmen, mit denen er sich ständig trifft, er hasst Erfolgsmenschen und Verlierertypen, versnobte Jugendliche und modische Künstler. Diese Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen, Augustyn ist zutiefst frustriert, permanent läuft ihm die Galle über. Das einzige positive Merkmal des (gelinde gesagt) unsympathischen Vertreters ist seine große Liebe zur alten Musik, in der er sich bestens auskennt. Doch auch dieses Attribut wendet sich gegen ihn – Augustyn fühlt sich von der Gegenwart abgeschnitten und kann sie weder verstehen noch akzeptieren, das heutige Polen (der Protagonist monologisiert im Jahr 2011) gilt ihm als in jeder Hinsicht schlecht eingerichtet, seine Einwohner sind Versager wie er, nur unvergleichlich verlogener. Hier liegt der vielleicht größte Reiz von Späne. Vargas Roman lässt sich als radikales Pamphlet über die Gegenwart lesen. Die titelgebenden Späne sind der kümmerliche Stoff, aus dem die Seele des Protagonisten gemacht ist, sie kennzeichnen sein Bewusstsein, repräsentieren aber gleichzeitig, oder vielleicht sogar in erster Linie – so der Autor – das Wesen der Gesellschaft. Die Späne stehen für die allgemeine Verlogenheit, die allgegenwärtige Heuchelei und den billigen Schund, Verblödung, Neid und den Triumph des Zynismus, für intellektuellen und mentalen Murks. Natürlich entsteht so ein bewusst überzeichnetes, karikaturistisches Bild, das aber dennoch bezwingt. Das Finale, in dem ein letztlich unmotiviertes Verbrechen geschieht, darf als eigenwilliges Memento interpretiert werden. Der Autor legt nahe, dass Soziopathie und gewohnheitsmäßiger Hass auf die Mitmenschen nicht nur einer Geisteshaltung entspringen, sondern auch einer kriminellen Veranlagung.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Ich bin Vertreter für Verzichtbares, mein Job ist es, durch Polen zu fahren, mich mit fremden Menschen zu treffen, die ich gar nicht treffen möchte, mit ihnen Zeit zu verbringen, die ihren festen Preis hat, obwohl sie keinerlei Mehrwert erzeugt, dann nach Warschau zurückzukommen oder den nächsten Ort anzufahren, mal mehr, mal weniger weit entfernt. Ich bin ein professioneller Pilger, der für seine Akkordpilgerei bezahlt wird, der Geld bekommt für die vielen hundert Wallfahrtskilometer, die er fast täglich zurücklegt. Ich pilgere durch Polen, und das ist die schwerste Bußübung, die überhaupt verhängt werden kann, sie wird aber verständlich, wenn man bedenkt, dass derjenige, der sie verhängt hat, mir zuvor die Beichte abgenommen hat. (…)
Ich werde wohl im Laufe meiner (nennen wir es hochtrabend) Berufslaufbahn in vielleicht hundert Städten gewesen sein, natürlich hauptsächlich in solchen der mittleren Kategorie, dieses Jahr waren es sechsunddreißig Städte, also rein statistisch drei Städte pro Monat, aber die Statistik verschleiert ja üblicherweise mehr als sie aufklärt, schließlich war ich in mehreren Städten mehr als einmal, und es ist gewiss keine Überraschung, dass dies vor allem die größten Städte betrifft, die Metropolen, jedenfalls für polnische Verhältnisse.
Ich weiß genau, wo ich wie oft war, weil das alles in einem eigens angelegten Notizbuch mit festem Einband verzeichnet ist, das ich pedantisch führe: An- und Abreisedatum, Stadt, Hotel. Natürlich mache ich diese Buchführung nicht aus Sentimentalität, sondern aus Abrechnungsgründen, ich stelle meine Reisekosten in Rechnung, das heißt, ich bekomme die Fahrtkosten erstattet, leider nur 2. Klasse, immerhin Intercity, was aber auch nicht viel heißt, weil die sowieso immer Verspätung haben, und die Hotelkosten, natürlich maximal drei Sterne. Dieses Buch mit seinen Daten und Zahlenkolonnen ist meine Lebensgeschichte. (…)
Meine Auslagen für Essen führe ich nicht auf, für die Verpflegung zahle ich nämlich selbst, deshalb kaufe ich mir Durchschnittsessen zu Durchschnittspreisen, nichts Repräsentatives, meistens Kaffee, meistens in einer Kette, Coffee Heaven, Starbucks oder so etwas, meine Vertragspartner haben ein Faible für Caféketten, sie denken, das steigere ihr Prestige, außerdem wissen sie, dass ich zahle, und es ist ja auf jeden Fall besser, im Starbucks seinen Kaffee zu bekommen als in irgendeinem Marysieńka’s oder so.
Sie haben bei den Ketten dieses Profi-Gefühl; es geht nicht einmal darum, dass die Kaffeemenge größer ist und der Becher, oder dass statt der müden Frau mit nachgedunkeltem Haaransatz, die gelangweilt die Tassen bringt, eine forsche, junge Bedienung sie an den Tresen ruft, es geht allein darum, dass der Kunde dort dieses Profi-Gefühl hat. Jeder Versager mit seinem Pappbecher Café latte in der Hand, der so tut, als hätte er es eilig, vermittelt dieses Profi-Gefühl. Alle Vertragspartner verabreden sich mit mir an solchen Orten, der Pappbecher Café latte befördert sie von einem Niemand zu einem Niemand Plus, außerdem hoffen sie, von einem Bekannten gesehen zu werden, der sich zur selben Zeit mit einem meiner Vertreterkollegen trifft. Unmengen dieser mürrischen Burschen und genervten Frauen mit Pappbechern in der Hand habe ich auf meinen Wanderungen an mir vorbeiziehen sehen, in furchtbarer Eile zu einem Meeting von geradezu unsagbarer Wichtigkeit unterwegs, auf allen Kanälen funkend: Ich bin hier der Profi, ich habe keine Zeit
für irgendetwas außer meinem Job, ich treffe mich nur mit Leuten meiner Kragenweite, ich interessiere mich nicht für Leute, die es nicht eilig haben und die nicht den Kaffee mit aufgeschäumter Milch von der Kette trinken, bei der ich ihn immer kaufe (obwohl ich jedes Mal heulen könnte, wenn es ans Bezahlen geht). Der einzige Trost für die Frauen ist, dass sie nur Geld für Kaffee und Wasser ausgeben, wenn es um – übertrieben gesprochen – Ernährung geht, manche auch noch für Mentholzigaretten, aber das immer seltener, ausnahmslos alle sind schlank und balancieren ihre bleichen Leiber auf dem schmalen Grat zum Untergewicht, diesen ewigen Kampf mit dem eigenen Körper können sie nur mit ihrem unsympathischen Auftreten kompensieren; bei meinen zahllosen Meetings hatte ich nicht ein einziges Mal mit einer sympathischen Vertragspartnerin zu tun, alle sind sie unterkühlt und zeigen unverhohlen, wie es sie ekelt, sich, und sei es nur beruflich, mit einem übergewichtigen Fünfzigjährigen mit zunehmend raumgreifender Platte treffen zu müssen.
Die Caféketten haben w-lan, meine Partner kommen grundsätzlich mit Laptop, den sie während des Meetings hastig und ohne den geringsten Anlass hochfahren, aber ihre Laptops sind immer im Standby, ein Klick und über ihre Gesichter flackert ein zufriedenes Lächeln, das gleich wieder gespielter Konzentration weichen muss.
Ich gebe ihnen meine Unterlagen, sie geben mir ihre Unterlagen, ich schaue mir ihre an, sie sich meine, unter Umständen ist eine Unterschrift gefragt, aber nicht zwangsläufig, es besteht keinerlei Notwendigkeit, den Laptop mitzunehmen, alle Details sind vorab geklärt worden, per E-Mail, bei Meetings brauche ich keinen Laptop, ich habe ihn nur, um abends in meiner Hoteleinsamkeit, untermalt von Straßenlärm und Aufzuggeräuschen, meinen Posteingang zu überprüfen und der Zentrale die jüngsten überwältigenden Firmenerfolge zu melden.
So sitzen wir mit unseren Café latte-Bechern herum, sehen wortlos die Papiere durch und unterschreiben sie anschließend, aber auch das nicht immer, manchmal unterbreiten wir einander auch lediglich Angebote, ich lege ihnen eine Offerte vor, sie nehmen sie entgegen, wie ein Einschreiben bei der Post, und tragen sie zu ihren Vorgesetzten, zu denjenigen, die tatsächlich entscheidungsbefugt sind, ich bin ja im Grunde eine gemeine Brieftaube, keine weiße, sondern ein grauer Straßentäuberich. Die Leute, mit denen ich mich treffe, haben meist keinerlei Befugnisse, sie sind Dienstboten, Piccolos, Laufburschen auf dem Caféketten-Parcours, die sich im Auftrag ihrer Arbeitgeber mit meinesgleichen treffen, obwohl sie natürlich ungeheuer wichtig tun, sich aufplustern, in die Brust werfen und ihr kümmerliches Pfauenrad zu schlagen versuchen, das ihnen die Vorgesetzten schon ordentlich gerupft haben. Sie sind belanglos, genau wie ich, alles nur Spiegelfechtereien, und dabei sind sie immer jünger als ich, Mitte zwanzig, höchstens dreißig, sie könnten meine Kinder sein, den mühseligen Aufstieg haben sie noch vor sich und sie glauben, sie könnten den Gipfel erreichen, ich weiß aber, dass sie jahrelang auf ihrem schmalen Felsvorsprung sitzen und sich daran festklammern werden, um durchzukommen.

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler