Dornröschens Beichte

Mariusz Sieniewicz, einer der wichtigsten Prosaautoren seiner Generation, bleibt auch in seinem jüngsten Roman den Themenkreisen verhaftet, die ihn besonders interessieren. Die Dekonstruktion der nationalen wie lokalen kulturellen Identität, die schon seine früheren Arbeiten Der vierte Himmel und Jüdinnen werden nicht bedient geprägt hatte, spielt auch in Dornröschens Beichte eine gewichtige Rolle.
Protagonistin des in drei Teile gegliederten Romans und gleichzeitig dessen Erzählerin ist die dreißigjährige Emila, die als Single ständig neue toxische Verbindungen mit Männern eingeht. Außerdem ist Emila Narkoleptikerin, sie erleidet täglich mehrere Schlafattacken. Dabei träumt sie die unglaublichsten Geschichten mit einem beharrlich wiederkehrenden Motiv – Selbstmord. Allerdings wird sie an der Ausführung immer wieder gehindert. Eines Tages tritt Swietka in ihr Leben, eine geheimnisvolle Belarussin, die erklärt, sie sei Emilas Schwester. Und weiter geht die Jagd nach dem nächsten Mann, dem nächsten „Bärchen“. Das Bärchen ist eine besondere Gattung Mann, die jedoch zahlreiche Untergruppen kennt: Selbstverliebte, Depressive, fanatische Patrioten …
Die Welt in Dornröschens Beichte balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Traum und Wachzustand, für zusätzliche Effekte sorgt der spöttischgroteske Erzählstil. Unter dem Deckmantel einer leicht absurden Märchengeschichte, wirft der Autor einen kritischen Blick auf die Lebenswirklichkeit im heutigen Polen (im Hintergrund spielen auch die 1980er Jahre eine Rolle) mit ihren kulturell verankerten Erwartungen an Rollenbilder (für die unter anderem das titelgebende Dornröschen steht) und den Möglichkeiten der virtuellen Kommunikation im Netz. Sieniewicz bedient sich sprachlicher Floskeln, die er mit seiner einzigartigen Erzählweise als lächerlich bloßstellt, und zeigt so die ganze Absurdität der beherrschenden Kultur. Hier erklingt die ausdrucksstarke, groteske, polen- und gegenwartskritische Stimme eines Vierzigjährigen.

- Marcin Wilk

AUSZUG

Emilas aktuellen Geliebten kann man nicht gerade als ausgemachten Single bezeichnen, der die ganze Welt als seine Geburtstagstorte begreift und beim bloßen Klang des Wortes „Ich“ nicht nur mentale Erektionen bekommt. So eine Emila könnte dem Single höchstens eine von vielen Kerzen sein, die er auspusten darf, nachdem er sich etwas gewünscht hat. Als Emila damals die Gombrowicz-Tagebücher gelesen hatte, war ihr sofort aufgefallen, dass der Autor auf der ersten Seite die Verfassung des Singles niedergeschrieben hatte.
Die in einen Single verschossene Frau hat ihren Wochenrhythmus nach dem folgenden Muster zu organisieren: Montag – er, Dienstag – er, Mittwoch und Donnerstag – er und er, Wochenende – er, mit ihm, ihn, ihm, über ihn. Die sieben Single-Fälle.
Das hat Emila zu einem apokalyptischen Schluss kommen lassen: Der Menschheit steht eine Katastrophe bevor, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, schlimmer als der Dschihad. Die Ichitis. Denn der Tag wird kommen, da nur noch Singles diese Welt bevölkern. Und es wird ekstatisch schallen von überall her: ich, für mich und über mich vor allen Dingen! Die Singles werden sich gegeneinander wenden, wenn ihr Verlangen nach Verehrung auf taube Ohren stößt. Und ein Single wird die Hand erheben wider seinen Single-Bruder. Und mit dem Hohelied des „Ich“ auf den Lippen werden sie übereinander herfallen. Sie werden einander hinterrücks erschießen, sich sehenden Auges mit Stöcken erschlagen. Und die Erde wird in Single-Blut ertrinken. Und ein Krieg wird ausbrechen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Ein Krieg der Ein-Mann-Heere. Und diese Heere werden in dieMillionen gehen. Emila hofft nur, dass sie diese blutigen Konsequenzen der Ichitis nicht mehr miterleben muss.
Mit ihrem Verlobten verhält es sich anders. Er ist jederzeit verfügbar. Nachts genauso wie am helllichten Tag, selbst während der sonntäglichen Messe, ihr Geliebter kann das geheime Spiel der Lust eröffnen, dem Emila sich nicht entziehen kann und will: streichelnde Finger, heißer Atem, behutsame Berührungen an Brüsten und Hüfte. Will Emila lieber alleine sein, wartet er geduldig
in der Küche oder im Esszimmer. Auch er hat seine Ruhephasen. Alledrei bis vier Tage liegt er einmal rücklings vor ihrem dem Bett, das schwarze Köfferchen im Arm.
Emilas Liebhaber ist nicht der Gesprächigste, das schätzt sie an ihm ganz besonders. Er langweilt sie nicht mit diesen im Fernsehsessel geschauten typischen Bärchen-Weisheiten über diese unsere Welt, schon gar nicht mit denen aus Discovery Science. Sie brechen sich in aller Regel nach dem Mittagessen Bahn. Emila nennt diese Philosophie nur den „Nachmittagismus“. Der Nachmittagismus
ist eine Kombination aus „Scheißegalismus“ und „Neopenetrantismus“. Und wie Cato immer gepredigt hat, dass Karthago zerstört werden
müsse, so beschließen diese Philosophen ihre Weisheitsausbrüche mit dem Ausruf:
– Alles Verbrecher! Alle wegsperren! Steht noch ein Bier kalt?
Papi und Mami stehen ihrer Beziehung nicht im Weg. Sie protestieren nicht einmal, wenn Emila ihn beim Essen begehrlich berührt und unter ihren Fingerkuppen die Lust aufleben lässt. Nie würde ihnen einfallen, ihre Tochter mit Fragen nach Verlobung oder Hochzeit zu bedrängen.
Einmal nur hatte ihre Mutter gefragt, ob er nicht etwa Finne oder Schwede sei, sein Name wäre so komisch, so gar nicht polnisch. Und warum er denn so ein Hänfling wäre, ein richtiger Däumling. Sicher, eine Basketballkarriere stand ihm nicht bevor, aber so hatte sie ihn wenigstens fest im Griff. Mäkeleien wären in ihrem Alter ohnehin ein unzulässiger Luxus. „Kugelrund,  spindeldürr, riesengroß, miniklein – alle, alle, alle können Ehemänner sein“ – das Lied war ihnen auf den Leib geschrieben.
Und der Name? Weil er allzu fremd klang, nannte sie ihn irgendwann einfach Eryk. Ihre Eltern behandeln Eryk wie Luft. Nur ganz ab und zu bitten sie ihn reichlich kühl, etwas für sie zu erledigen: Schlangestehen vor dem Ärztehaus, die Gasrechnung überprüfen oder rausfinden, was es bei Tante Krystyna in Deutschland neues gibt. Eryk erfüllt jeden Wunsch im Handumdrehen. Er ist ausgesprochen hilfsbereit und würde sich – im Gegensatz zu ihren verflossenen Bärchen – nie ein abfälliges Wort erlauben, keine aufgetakelten Perückenschnepfen oder verklemmten Betbrüder.
Eryk hat noch einen weiteren, viel wichtigeren Vorzug: Er hat vollstes Verständnis für Emilas krankhafte Neigungen, die für ihre meisten Bärchen ein unüberwindliches Hindernis darstellten. Schon nach zwei oder drei Anfällen suchten ihre potenziellen Zukünftigen panisch das Weite. Sie gaben Emila und ihren Zweitzahnbürsten den Laufpass. Der lachende Dritte war ihr Vater. Der Zahnbürstenvorrat, den er für seine wenigen noch verbliebenen Zähne angesammelt hatte, würde bis ans Ende seiner Tage reichen. Oder ihrer.
Eryk fürchtete Emilas Krankheit nicht. Allerdings muss man Frauen ohne Anomalien heutzutage auch mit der Lupe suchen. Jede hat ihre Wehwehchen und einen bunten Strauß psychischer Devianzen.
So auch Emila. Aber der Reihe nach: Wenn es Schnapsdrosseln und Kräuterhexen gibt, wenn man auf Schritt und Tritt über Ökofaschistinnen, Gralshüterinnen von Männerkonten, über Fitness- und Vollkornpäpstinnen stolpert, wenn man die Mitglieder der als Club der Cappuccino-Freunde getarnten Geheimen Silikon- und Botox-Schwesternschaft identifizieren kann, wenn man auf den ersten Blick erkennt, wer der Hedone zu Diensten ist, wer aus der heilen Pfarrei-Idylle ins kalte Lebenswasser gestürzt ist und wer den
Hammerhai im Rock spielt, dann ist Emila …
Emila ist narkoleptikerin.
Da hilft keine Spezialdiät und auch kein Nordic Walking. Also gibt Emila ihrer Krankheit nach, statt gegen sie zu kämpfen. Sie räumt der Narkolepsie ein, nicht ihre zweite, sondern ihre erste Natur zu werden. So kommt Emila zu einer zusätzlichen Biografie. Die eine ist korrekt und glatt wie der Lebenslauf aus einer Bewerbung als Bürokraft. Die andere ist verschlafen, verborgen, unterirdisch, eine Art venezianischer Spiegel.
Wenn Emila kollabiert und ihre Flashbacks hat – die zynischen Wachseins- Apostel sprechen vom „Nageleinschlagen“ – kann nur Eryk sie wieder zu Bewusstsein bringen. Die narkoleptischen Schübe dauern mal eine Minute, mal eine halbe Stunde, aber wenn es vorbei ist, fragt Eryk nicht blöde, was sie geträumt hat, oder ob er den Krankenwagen rufen soll.
Gerade summt Eryk, der auf dem Rand des Kissens liegt, Never Ending Story. Emila spielt die Verschlafene. Sie streckt die Hand nach ihm aus, um sich sogleich auf die andere Seite zu drehen. Eryk verstummt und gönnt seiner Liebsten ein paar Minuten Schlaf.

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler