Der Zug der Gänse

Der neueste Teil des Nördlichen Tagebuchs von Mariusz Wilk mit dem Titel Der Zug der Gänse scheint den vorhergehenden Büchern der Serie zu ähneln, in denen der Autor seine Streifzüge durch den hohen Norden beschrieben hat. Noch immer scheint er in kurzen Tagebuchnotizen die Erlebnisse seiner realen und intellektuellen Streifzüge einfangen zu wollen, die ihn zu einer befreienden Leere führen, mit der er sich vom Trubel der Wirklichkeit abgrenzt, um in sich selbst vorzudringen und sich kontemplativen Betrachtungen der ihn umgebenden Welt hinzugeben. Noch immer scheint Wilk sich desselben, einzigartigen Stils zu bedienen, in dem er Phrasen und Worte aus dem Russischen mit dem Altpolnischen mischt – und doch ist Der Zug der Gänse im Werk des Autors von Voloki ein außergewöhnlicher Band.
Wilk ist Vater geworden, seine Tochter Marta bewirkte, dass – wie er selbst anmerkt – „meine Welt durcheinandergeraten ist, das heißt, sie hat sich auf den Kopf gestellt. Obwohl manche meiner Bekannten behaupten, es sei umgekehrt – sie habe sich auf die Füße gestellt.“ Die Geburt des Kindes zwang den Autor und Vagabunden zu einer grundlegenden Revision seiner Lebensstrategien, zu neuen Zielsetzungen. Zwar begibt er sich weiterhin auf Wanderschaft und erstattet dem Leser Bericht von seinen Fahrten. In dem neuen Buch beschreibt er Petrosawodsk und Menschen, die mit der Stadt in Zusammenhang stehen (Wasserspiegel), einen Abstecher nach Labrador (Karibu-Hackfleisch) oder eine weitere Jahreszeit im alten Holzhaus am Onegasee (Hinter den Spiegeln), stellt weitere Lieblingsautoren vor (vor allem den Autor und Weltenbummler Kenneth White, den Schöpfer solcher Begriffe wie „intellektueller Nomade“ oder „Geopoetik“) und macht uns mit seinen geistigen Eingebungen bekannt. Jedoch hat er pausenlos das Bild des geliebten Töchterchens im Hinterkopf und den Gedanken, dass er von nun an der Spur, dem Pfad seines Lebens vor allem mit dem Ziel folgen wird, Marta darauf vorzubereiten, die Spur aufzunehmen, wenn er selbst nicht mehr weiter wird gehen können.
Der Autor hat sich verändert, ebenso seine Prosa. Der Zug der Gänse ist vor allem eine berührende und tiefgründige Erzählung von den Freuden und Sorgen einer späten Vaterschaft.

- Robert Ostaszewski

AUSZUG

11. August
Derweil werden die Nächte wieder dunkel und immer länger. Morgens steigt dichter Dampf (Peter zufolge ist es die Schlacke unter Pudosch) über dem aufgeheizten Zaoneschje auf. Am Himmel grollt es ein wenig und jeden Tag toben Gewitter mit unvorstellbarer Macht. Vielleicht hat die Erde es satt und versucht, uns abzuwerfen? Wie Rentiere, die hochgiftige Parasiten und Fliegen abschütteln.
Der ängstliche Zustand der Natur ließ mich Die Straße von Cormac Mc-Carthy zur Hand nehmen, auch wenn ich keinen Geschmack an Katastrophenromanen finde. Die Straße handelt von einer postapokalyptischen Welt, durch die ein Vater mit seinem kleinen Sohn wandert. Man weiß nicht, was die Katastrophe ausgelöst hat, vielleicht ein Atomkrieg, vielleicht die Kollision unseres Planeten mit einem Asteroiden – aber das ist auch unwichtig … Die Welt liegt in Schutt und Asche, die Sonne scheint nicht, es gibt weder Vögel noch Pflanzen noch irgendwelche Nahrung, deshalb machen die wenigen Menschen, die überlebt haben, des Fleisches wegen Jagd aufeinander. Ich hätte Die Straße rasch beiseitegelegt, wenn ich nicht auf den Gedanken des Autors aufmerksam geworden wäre, dass, wenn du ein guter Vater bist, zwischen dir und deinem Tod einzig dein Kind steht. Etwas wurde mir klar.
Seit unsere Marta auf die Welt gekommen ist, mache ich mir sehr oft Gedanken über den eigenen Weg. Die Geburt meiner Tochter hat mir das baldige Ende vor Augen geführt. Sie war ein eigenartiges Erwachen, der Stock des Zen-Meisters, der zuschlägt, um den Schüler aus der Lethargie einer wohligen Meditation zu reißen. Vielleicht mag sich jemand darüber entrüsten, dass ich vom baldigen Ende schreibe, obwohl ich gerade einmal fünfundfünfzig Jahre alt bin. Nun ja, aber vor ihr liegt der Weg eines ganzen Lebens, auf dem ich sie nur ein kurzes Stück begleiten kann, soweit die Beine mich tragen. Deshalb hat mich dieser Gedanke von McCathy so berührt.

12. August
Der Wind zerzaust die Pappeln vor dem Fenster, er wirft ein bewegliches Netz von Blättern auf die Wand – wie auf einen Bildschirm –, die Sonne flimmert und streut ihre Lichttupfen über den Boden. Der Schimmer auf der Holzdecke
wiederholt das Spiel der Ohrenquallen im See, und selbst die Wiege, die an einem Deckenbalken aufgehängt ist, schaukelt im Rhythmus des Onega. Das ganze Haus ist in ein sanftes, zitterndes Netz aus Licht gehüllt.
Marta ist ein Jahr alt. Obwohl sie, streng genommen, schon älter ist, denn für mich – genau wie für die Saami – beginnt das Leben des Menschen im Moment der Empfängnis und nicht beim Verlassen des Mutterleibes. Ich erinnere mich, wie wir sie beim Ultraschall betrachtet haben. Sie schwamm im Fruchtwasser wie im kosmischen Ozean aus Tarkowskis Solaris.
Noch bis zu ihrer Geburt standen wir vor dem Dilemma, wo wir mit dem winzigen Kind leben sollten: in der Stadt oder hier, auf dem halb ausgestorbenen Dorf. Bekannte rieten uns zur Stadt, weil es sowohl einen Arzt in der
Nähe als auch warmes Wasser aus der Wand gibt und hier bekanntlich die Wege im Winter nicht geräumt werden, und falls dann, Gott bewahre, etwas passiert, dann kommt kein Notarztwagen rechtzeitig. Genau, und außerdem – fragten sie –, wie kommt ihr denn ohne fließendes Wasser zurecht, in alten Zimmern, die man nie und nimmer bis zur durchschnittlichen Raumtemperatur aufheizen kann? Wo wascht ihr, wo badet ihr die Kleine?
An Ärzte hatte ich nicht gedacht, denn wenn ich das Leben mit der kleinen Marta von einem Krankenhaus abhängig gemacht hätte, dann hätte ich mich sicherlich nie dafür entschieden, ihr so etwas anzutun. Und was den sogenannten Komfort betrifft, also fließendes Wasser und eine warme Toilette – das sind Bequemlichkeiten für die Eltern, folglich muss man sich nicht hinter dem Säugling verstecken. Dagegen hat das Leben in Konda unvergleichlich
viel mehr Vorteile als in Petrosawodsk. Erstens Ruhe und Frieden, keine Autosirenen, die mit ihrem durchdringenden Geheul die Nacht in der Stadt zerreißen, keine Nachbarn hinter der Wand. Zweitens ist hier ringsum Natur,
man muss weder Park noch Ufermauer suchen, um ein wenig frische Luft zu schnappen, es genügt, die Kleine im Kinderwagen vor das Fenster zu stellen, um sie im Auge zu haben, und das Rauschen des Sees und das Rascheln der
Pappeln wiegen sie von selbst in den Schlaf. Drittens beginnt Marta ihr Leben hier umgeben von Schönem, schließlich ist die Umgebung das Erste, was den Verstand prägt (erst danach kommen Sprache, Schule …), zudem ist es von Beginn an von Bedeutung, was sie sieht, riecht, was sie berührt und in den Mund nimmt, ob das Holz, Lehm und Gras ist oder Duraluminium, Polyethylen und Beton. Hier wird ihr Bewusstsein geformt vom Raum eines großen Hauses, den bernsteinfarbenen Lichttupfen auf dem Fußboden, dem richtigen Feuer im Ofen, dem Rhythmus der Natur, dem Gesang der Vögel und den Gerüchen von draußen; dort würde sie pausenlos attackiert werden vom Gestammel der Reklame (das überall erschallt), von Neonlichtern und abwechselnd dem Geruch von Deodorants und Abgasen. Viertens wird hier der erste Geschmack geprägt von frischen Nahrungsmitteln – frisch aus dem Garten, See und Wald –, es ist also nicht verwunderlich, dass Marta das von ihrer Mutter gebackene Vollkornbrot und den Schnittlauch sehr gern hat, den sie selbst aus den Beeten reißt; in der Stadt würde sie bestimmt von irgendwelchen Bebivita-Gläschen kosten … Noch lange könnte ich so die Vorteile aufzählen, die das Leben mit dem Kind in Konda bietet, jedoch meine ich, dass ich den denkenden Leser überzeugt habe.
Ich werde nicht so tun, als ob es einfach gewesen wäre. Vor allem der Winter hat uns zugesetzt, obwohl wir uns frühzeitig auf ihn vorbereitet hatten, indem wir die Böden erneuert haben, damit es nicht von unten zieht, und indem wir die Zimmer über uns abgedichtet haben, damit die Wärme nicht durch die Holzdecke entweicht. Wer hätte vorhersehen können, dass es wieder einen Jahrhundertwinter geben würde (der zweite in diesem Jahrhundert!), wir so
einfrieren und eingeschneit werden, dass ich die meiste Zeit jeden Tages mit Schneeschippen verbringe?
Trotz der Beschwerlichkeiten war es der zauberhafteste Winter in meinem Leben, denn alles war zum ersten Mal, obwohl es das zweite Mal war – der erste Schnee und die ersten Lichtlein am Weihnachtsbaum, der erste Heiligabend,
das erste Silvester und das erste Neujahr. Auch wenn ich das selbst irgendwann schon einmal zum ersten Mal erlebt habe, ohne es zu verstehen, so konnte ich dank der Kontemplation von Marta dieses erste Mal wiederholen
– mit ihr. Denn in Wirklichkeit habe ich mich, dank meiner Tochter, auf die weiteste Reise meines Lebens begeben – eine Expedition zum Ursprung begonnen. Dabei geht es nicht um eine Rückkehr zum eigenen Ursprung durch
die Blutsgemeinschaft, das kommt später, wenn wir gemeinsam Märchen lesen werden, jetzt geht es ganz allgemein um die Anfänge des Menschen.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel