Bestiarium

Bestiarium ist das späte Romandebüt dieses anerkannten Lyrikers, eines der interessantesten Autoren der mittleren Generation. Ein ungewöhnlich origineller Prosatext – eine sehr dichte, metapherngesättigte literarische Vision, die sich schwer in diskursive Sprache „übersetzen“ lässt. In einer Julinacht erwacht der namenlose Held in einer fremden Wohnung. Er verhehlt nicht, dass er dem Alkohol übermäßig zugesprochen hat. Desorientiert und gleichsam bewusstlos will er nach Hause zurückkehren, wo Frau und Kinder auf ihn warten, doch dieses banale Vorhaben gerät ihm zu einer geheimnisvollen, phantasmagorischen Reise – gar nicht einmal so sehr durch die Stadt, in der sich die Züge von Oppeln erkennen lassen, sondern durch die mäandernde Düsternis der Erinnerung. Es ist weniger die individuelle Erinnerung des Helden, als vielmehr eine Familienerinnerung von unbestimmtem zeitlichen Zuschnitt, und auch die Erinnerung des Ortes, einer Stadt also, die selbst aus vielen historischen Schichten (den Ebenen von Geschichte und Kultur) besteht und an ein Palimpsest erinnert.
Von einer Handlung kann man schwerlich sprechen. Wollte man sie aber in ganz allgemeinen Zügen rekonstruieren, sähe sie folgendermaßen aus: zuerst kommt der Held – über der Stadt schwebend – in eine Wohnung, in der er seine Urgroßmutter Apolonia findet; diese händigt ihm einen Schlüssel aus, den er ihren Schwestern zukommen lassen soll (sowohl diesem Schlüssel wie praktisch allen Motiven im Bestiarium verleiht der Autor metaphorische Bedeutung). Dann taucht Onkel Jan auf, mit dem der Held eine seltsame Reise durch die unterirdische Stadt unternimmt. Der Onkel sagt eine Sintflut voraus, die gleich darauf zu einem Motiv wird, das die phantastischen Ereignisse miteinander verknüpft. Den Sinn der großen Sintflut wiederum versucht ein anderer Verwandter zu deuten – der Bruder des Vaters.
Es geht um eine tiefe Reinigung – vielleicht der Geschichte, vielleicht der Gegenwart. Klar wird das nicht. Auch andere Ereignisse des Romans (die endlosen Wanderungen durch das Labyrinth der Keller, die unterirdischen Kanäle, Begegnungen mit Verwandten oder ihren Geistern) entziehen sich einer stabilen Deutung. Wie dem auch sei, die Sintflut kommt, und die vom Onkel gebaute Arche, die die Familie retten sollte, geht unter, auch wenn das Finale selbst keineswegs grauenerweckend ist. Dem Helden gelingt es am Ende, seinem Traum, oder waren es nur Übungen der Einbildungskraft, zu entsteigen. Nichts ist endgültig entschieden. Sicher ist dagegen, dass Różycki seinen früheren Themen und Obsessionen treu bleibt und uns Angelegenheiten serviert, die wir – zu einem gewissen Grad – aus seinen vorzüglichen Gedichten kennen, was keineswegs heißt, dass Bestiarium hinter die lyrische Erfahrung des Autors zurückfiele, es ergänzt sie vielmehr auf ganz erlesene Weise.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Mein Onkel, den funkelnden und wenig gegenwärtigen Blick nach vorn gerichtet, nahm mitten im Zimmer Aufstellung, hob den Finger und gebot mir ihm zu folgen. Er schaltete das Licht im Nachbarzimmerchen an, und meinen Augen bot sich ein ungewöhnliches Bild: In der Ecke am Fenster stand ein zerwühltes Bett, die Wäsche zerzaust, zerknüllt und wieder aufgebauscht zu skurriler Blüte. Der Rest des Zimmers war bis zur Decke mit Regalen vollgestellt, in denen Stapel von dunklen und durchsichtigen Flaschen lagerten, dicht aneinander wie edle Weine, die in irgendeinem Kellerchen besserer Zeiten harren. Erstaunlich war die Anzahl der Flaschen, von denen viele bemoost und verstaubt, andere glänzend und sauber waren. Die Regale, hergestellt von einem Fachmann für die Weinlagerung, belegten drei Wände und reichten so hoch, dass die zuoberst liegenden Flaschen, gar nicht mehr sichtbar, irgendwo verschwanden. Eine an die Regale gelehnte Leiter erleichterte dem Hausherrn den Zugang zu diesen entferntesten Regionen der Trunkenheit. Doch als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass die Flaschen, auch wenn jede von ihnen ihre eigene Form und Farbe besaß – und darunter waren Wodka-, Milch- und Limonadeflaschen, Bierflaschen, Öl- und Essigflaschen, Wein- und Cognacflaschen, Whisky-, Grappa-, Likör-, Champagner- und Bourbon-Flaschen, Porto- und Malaga- Flaschen, Portwein- und Eiercognac-Flaschen, Becherovka-, Żubrówka- und Ebereschenbranntwein-Flaschen, Krupnikflaschen, Mineralwasser-, Pfirsichwasser-, Met-, Calvados- und Raki-Flaschen, Flaschen von elbstgebranntem, von Pfeffer- und Zuckerbranntwein, Bimber und Magenbitter, Saft-, Cider-, Brot-, Kwaß- und Sahneflaschen, Slivovitz- und Rumflaschen, Palinka- und Spiritusflaschen, Limoncello- und Amaretto-, Armaniak- und Bergerac-Flaschen, Wermut- und Absinth-Flaschen und Coca-Cola-Flaschen, Sake- und Reisweinflaschen, Arak-, Puntsch-, Grog- und Goldwasserflaschen, Ginflaschen, Kümmellikör-, Anis-, Himbeer- und Kirschwasserflaschen, Pastis- und Ouzoflaschen, Kornelkirschenlikör-, Brandy- und Malibuflaschen, Mondwasser-, Nusslikör-, Ratafia- und Tequila-Flaschen, Weinbrand-, Fusel- und Schnapsflaschen, Cherry-, Sangria-, Ciociosan- und Martiniflaschen, Campari-, Kumiss-, Dünnbier-, Porter- und Ale-Flaschen, Muskat-, Riesling-, Bordeaux-, Burgunder- und Tokajer-Flaschen, Flaschen von Rhein, Mosel, Cabernet, Sauternes, Retsina, Madera, Lager, Budweiser, Okowice, Gorzałka, Dom Perignon, Köllnisch Wasser, Birkenwasser, Gurkenwasser, Sirup, Rizinusöl, Formalin, Jodin und Atropin, Borsäure, Ameisenwasser, Glyzerin und Äthanol, Herbavit, Kefir, geweihtem Wasser aus Lourdes, Öl, Klemastin und Aldehyd – dass all diese Flaschen leider leer waren. Alle waren leer, doch steckte in jeder ein Korken oder sie war zugedreht, mit einem Lappen, zugestopft mit einem Papier oder mit rotem Lack versiegelt, abgesehen von denen auf den untersten Regalen – die ruhten geöffnet an ihrem Ort.

Der Onkel holte eine verstaubte grüne Weinflasche hervor, die mit einem zusammengerollten bunten Lappen verstopft war, und hielt sie gegen das Licht. Ich sah, wie ein Glühbirnenfunke durch das matt gewordene, märchenhafte Glas im Farbton von Seegras fuhr. Darinnen war nichts. Jetzt gebot er mir mit einer Fingerbewegung Schweigen, entkorkte die Flasche langsam und hielt mir ihren schlanken Hals ans Ohr. Ich hörte zuerst ein Rauschen, so etwas wie ein schwaches, doch aufbrandendes Seufzen, das ferne, gedämpfte Summen eines Bienenschwarms. Das Rauschen wurde  lauter, und bald darauf konnte ich ihm schon einzelne Laute entnehmen, Geräusche, ein Rascheln und Reiben. Aus diesem Abgrund, wie aus einem Meer, waren bald darauf einzelne Laute herauszuhören, Stimmen wie aus einer Ferne, Schritte auf Treppen, das Öffnen einer quietschenden Tür, ein Krachen, Schläge von einem Hammer, das Geschrei der Kinder, die aufgeregt im Kreise laufen, eine scharfe, ermahnende Frauenstimme. Dann Geschirrklappern, Besteckgeklingel, irgendwelche Geräusche und Laute, eine brummend böse Männerstimme, und dann wieder der Hammer, der etwas zerschlug. Ich hörte auch so etwas wie das Knurren eines Motors, das Rauschen von einer nahegelegenen Straße und ein Radio, das eine fünfzig Jahre alte Melodie spielte. „Pisma twoji polutschaja, slyschu ja golos rodnoj“ und weiter auf Russisch, das ich wegen des Knackens und Klopfens nicht verstand. Das alles verschloss sich langsam in Stille, das Stöhnen ließ nach, der Gesang der Teilchen verstummte.

Mein Onkel öffnete eine zweite, kleine und bauchige Flasche. Feiner, schwer definierbarer Geruch, süßlich, eine Blume, ein Kraut? Eine Wiese? Eine Blüte, doch verwelkt. Das Rauschen, das ihr entstieg, verwandelte sich bald in Vogelgesang und so etwas wie das Rauschen des Windes in den Zweigen. Vögel, die von Zeit zu Zeit irgendwo im Geäst zwitscherten und pfiffen, langsame Schritte auf einem Kiesweg. Dann gleich noch etwas, etwas dazwischen, herauszuhören unter diesen Stimmen, ein dumpfes, unterdrücktes Schluchzen. Weiter hatte ich den Eindruck, Geräusche eines Bahnhofs zu hören, die Menschenmenge, Männer- und Frauenrufe, Kinderweinen, Gelächter, die Pfiffe der Lokomotiven, das Keuchen der Dampfloks, das Klopfen der Wagenräder, man hörte Tiere, Hühnergegacker und Pferdewiehern, das Stimmengewirr einer Unterhaltung und das Geschrei von Streitenden, Flüche und das Geräusch vieler Schritte. Schließlich mächtiges Knallen, Rufe der Verabschiedung und Stille, und in ihr das anfangs gemächliche, dann immer schnellere Dröhnen der Zugräder.

Die nächste Flasche enthielt den Klang einer Straßenbahnbimmel und eines von jemandem gesummten Liedes, dann Stimmen vom Markt, Zurufe und fröhliches Necken. Eine andere barg ein Gebet, wieder eine andere Kinderquietschen, Geräusche aus einer Wäscherei, einer Druckerei, einem Geschäft, einer Kirche, einer Schusterwerkstatt, die Stimme von jemandem, der seine eigene Kindheit in einer offenbar fremden und doch sehr gut verständlichen Sprache erzählte, irgendwelche Abenteuer, Schule, Ferien, Arbeit, Krieg, lächerliche und furchtbare Ereignisse, eine Stimme, die von den Kindern erzählte, von ihren Eltern, Freunden, Onkeln und Tanten, von Feiertagen und Sitten, eine Stimme, die von Zeit zu Zeit ein Lied sang, aber niemals das ganze, nur das ihr in Erinnerung gebliebene Fragment, oder ein Stück von einem Gedicht aus der Schule rezitierte, die Stimmen vermischten und überlagerten sich, nach kurzer Zeit schon schrie die Luft ringsum mit Tausenden von Stimmen und Lauten, doch all das in einem einzigen Seufzer, in etwas, das gleich darauf zuging, wie der schwere Deckel einer Kiste.

„Hörst du?“ rief der Onkel, „ich habe sie hier alle, ein ganzes Archiv, in Flaschen abgefüllt, verstehst du? Ein ganzes Leben habe ich daran gesammelt, ein ganzes Leben. Zwanzig Jahre mit Flaschen herumgezogen. Ha!“ Und sein Blick war fürchterlich.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl