DAS SÄGEWERK

Daniel Odija schreibt aufopferungsvoll über das, woran andere nicht einmal zu denken wagen: über die Armut in Polen, über die Welt der Ausgeschlossenen und Verlierer, über die Opfer der Systemtransformation, die im Polen der Neunzigerjahre stattgefunden hat. Protagonist ist der widerwärtige Besitzer des kleinen Sägewerks Józef Myśliwski, der sich in einem armen Dorf im Norden des Landes auf Kosten der Familie und seiner Mitarbeiter ein kleines Imperium errichtet hat. Józef hasst seine Frau, er verhehlt nicht, dass er einige Kinder mit Frauen aus den umliegenden Dörfern gezeugt hat, Stammkunde bei einem Bordell ist, und auch von seinem ehelichen Sohn zeigt er sich restlos enttäuscht. Der Held hasst, zieht aber als “Krösus” im Ort, als derjenige, der es geschafft hat – es nach Meinung der trägen und versoffenen Dorfgemeinschaft aber nicht verdient hat – natürlich auch den Hass der Anderen auf sich. Odija spart nicht mit naturalistischen Schilderungen, die nicht nur den moralischen Verfall der Hauptfigur, sondern fast aller Dorfbewohner, zeigen. Das Sägewerk ist eine erschütternde Parabel über den Niedergang einer kleinen, geschlossenen Gemeinschaft, eine Parabel über die hässliche Seite der polnischen Provinz. Trotz ihrer Sinnlichkeit und ihres Realismus ist Odijas Prosa stark metaphorisiert und reich an lyrischen Landschaftsbeschreibungen. Es finden sich in ihr zahlreiche Überlegungen über die Vergänglichkeit, die Einsamkeit, den Tod und vor allem über die verhängnisvolle Verlorenheit des Menschen in der Welt von heute.

-Dariusz Nowacki.

AUSZUG

Luft und nicht nur Vor nicht so langer Zeit gab es hier ein Unwetter. Es geschah am späten Abend. Der Schatten, den die Wolken warfen, beschleunigte den Einbruch der Nacht. An so ein Unwetter konnte sich keiner erinnern, und das lag nicht an der Erinnerung, sondern am mächtigen Zorn, der die Welt erfaßte. Von den umliegenden Bäumen stieg von Zeit zu Zeit Rauch auf, der jedoch gleich wieder von Regengüssen erstickt wurde. Blitze bissen in die Hochspannungsleitungen, und manchmal schlug ein Federbusch aus Funken empor. Das erinnerte an Neujahrsfeuerwerke, nur daß diese Funken gelber waren. Das hier war ein echtes Feuer, nicht irgendein Hinterhofzauber. Und erst das Krachen. Es grollte, als würde eine unvorstellbare Kraft irgendwo oben eine riesige Platte aus rostfreiem Blech verbiegen.
Nach einer Stunde beruhigte es sich ein wenig. Das heißt, der Donner zog vorüber, doch die Blitze blieben. Das Wasser rauschte nach wie vor. Józef bemühte sich, keinem ins Gesicht zu sehen, denn es blitzte, sobald er hinschaute. Für eine Sekunde wurde es unheimlich. Er sah das Gesicht seiner Frau. Ihre Augen lagen tief im Schatten ihrer Höhlen und die Zähne schoben sich zu deutlich zwischen den Lippen hervor. Sie wurde in Leichenlicht getaucht. Sie wollte ihm wohl etwas sagen. Irgendwie schienen ihre Zähne hervorzutreten. Offenbar sah sie auch in seinem Gesicht etwas, was sie nicht sehen wollte, denn sie machte bloß den Mund auf. Es gelang ihr, ein undeutliches a...a...hervorzustoßen. In diesem Moment dachte Józef, daß sich unter dem Gesicht, das wir bei Tageslicht sehen, immer das zweite verbirgt, das später der Sargdeckel zudeckt.
In der Stadt wurden die Straßen überflutet. Aus den Einstiegslöchern der Kanäle schoß es empor wie aus Sektflaschen. Scheiße kam herausgeschwommen. Das Wasser stieg über die Wagendächer. Es verdeckte, verbog die Verkehrsschilder. Zum Glück dauerte das nur ein paar Stunden. Daher gab es auch nicht viele Opfer. Angeblich erlitt ein Mann einen Stromschlag, während er telefonierte. Außerdem starben drei Personen an einem Herzinfarkt. Offenbar waren sie über die Zukunft erschrocken.
Vom Dreck, der auf dem Wasser schwamm, bekamen die Menschen Ausschläge. Es wurde jedoch dementiert, daß eine Epidemie drohte. Im Fernsehen zeigte man bis zum Überdruß und mit einer gewissen sadistischen Befriedigung weinende Männer, die erklärten, vom ganzen Erwerb ihres Lebens sei ihnen nur geblieben, was sie am Leib trügen. Die Frauen heulten überhaupt nur mehr.
Hier hatte das Wasser keine Schäden angerichtet. Der Boden hatte alles in sich aufgesogen. Nur diese Blitze. Die jagten einem etwas Angst ein. Doch die Angst währt nur einen Moment, und wenn sie nicht so groß ist, daß sie die Seele vergiftet, vergißt man sie gleich wieder.
Als das Unwetter vorbei war, erschien die Luft irgendwie durchsichtiger. Der Atem normalisierte sich wieder. Man konnte von neuem an nichts denken. Nur das beobachten, was ringsum war. Sägewerk und nicht nur Die Häuser stehen hier etwas weiter auseinander. Vom ersten Haus kann man das zweite, vom zweiten das dritte, und vom dritten das erste nicht sehen. In diesen Häusern wohnen Menschen. Es sind nicht viele, und sie treffen sich selten. Offenbar haben sie kein Verlangen danach.
Fast der ganze Boden wurde von Józef Myśliwski aufgekauft. Er hatte ihn nicht von Anfang an. Er erwarb ihn durch harte Arbeit. Nicht alle arbeiteten gern. Mysliwski machte die Arbeit nichts aus.
Als er hierher kam, war er der erste, der einen eigenen Traktor hatte. Er hatte auch einen Wagen, einen alten Żuk, und den Mut, um für geborgtes Geld Käfige zu kaufen. In die sperrte er schrill winselnde Füchse – wegen der Felle, aus denen man kuschelige Pelzmäntel näht.
Er stand auf im Morgengrauen. Wochentags wie feiertags. Die Tiere mußten gefüttert werden. Er mischte für sie Fischmehl mit Vitaminpulver. Das Futter holte er mit seinem Żuk aus der Stadt. Außerdem arbeitete er auf seinen Feldern. Nichts Großartiges. Etwas Roggen, vielleicht ein paar Kartoffeln. Für die paar Schweine, die er für die Feiertage hielt, und die kleine Kuhherde, wegen der Milch. Es kam auch immer etwas für weitere Ankäufe zusammen.
Er schuftete wie ein Ochse. Er zahlte die Schulden zurück und hatte immer mehr Geld. Damit machte er sich keine Freunde. Da kommt so einer daher und stolziert gleich herum wie mit vollen Hosen. Im übrigen muß einer, der Geld hat, ein Dieb sein.
Einmal kam er mit dem Traktor vom Feld zurück, da sah er einen alten Mann. Der Alte stand mitten am Weg, so daß Myśliwski nicht an ihm vorbeikam.
„Was ist los, Mann?“ Er gab sich Mühe, höflich zu bleiben. „Willst du nicht du zur Seite gehen?“
„Pfuuu!“ spuckte der Alte ihm vor den Reifen.
Józef Myśliwski drehte den Motor ab und stieg vom Traktor.
„Weißt du, daß das alles einmal mir gehören wird?“ sagte er zum Alten und deutete nachlässig auf die Felder.
Der Alte warf ihm einen triefenden Blick aus kranken Augen zu. Myśliwski entdeckte darin einen Haß, der den anderen von innen heraus zerfressen mußte. Er hielt dem Blick stand und trat so dicht vor den Alten hin, daß sich ihre Nasen fast berührten. Er mußte sich dabei hinunter beugen.
„Du wirst mich nicht verhexen, Alter, Hurerei verdammte!“ zischte er. „Ich hab schon andere als dich zu Dünger gemacht.“
Er ging zurück zum Traktor und rief, während er den Motor anließ:
„Und jetzt verpiss dich, sonst fahr ich dich nieder!“ Und er fuhr los.
Der Alte sprang im letzten Moment zur Seite.
„Pfuuu!“ spuckte er hinter Myśliwski aus. „Unberufen“

Aus dem Polnischen von Martin Pollack.
© Ansichten 15/2004. Jahrbuch des Deutschen Polen-Instituts
Darmstadt, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag.