Die volle Zeit

Andermans neuer Roman verschlägt einem die Sprache. Ein trefflicher, bravouröser, witziger, frecher, bilderstürmerischer, ärgerlicher Roman. In der polnischen Literatur wird er für Verwirrung sorgen, und in die Sprachen unserer Nachbarn übersetzt, wird er den Disput über die Unabhängigkeit der Literatur im Kommunismus und in der Demokratie von neuem aufflammen lassen.
Denn Anderman erzählt die Geschichte eines gewissen Schlawiners, der zum Schriftsteller der Opposition avanciert. Mitte der siebziger Jahre hat er ein Bändchen mit Gedichten herausgebracht, die der sogenannten konkreten Poesie zugerechnet wurden - und das ist auch schon seine einzige eigene Leistung. Ein paar Jahre später stiehlt er dem Patienten einer Nervenanstalt (der gestorben ist) einen Roman, bringt ihn im Untergrund heraus und gelangt als oppositioneller Schriftsteller zu Ruhm; noch später ist er mit einer Frau liiert, die beim Staatlichen Rundfunk arbeitet, er entwendet ihr Hörspieltexte, schreibt sie um und verschickt sie, mit seinem Namen versehen, ins Ausland, was ihn für die Emigrantenszene wie für die ausländische Öffentlichkeit zum Vertreter der unabhängigen polnischen Literatur macht. Nach 1989, schon im freien Polen, schreibt er für Boulevardblätter: er kompiliert ausländische Pressebeiträge, mischt sie und publiziert sie unter seinem Namen. Darüber hinaus verdient er sein Geld mit dem Abfassen von Propagandatexte für verschiedene, oftmals konträre politische Parteien.
Haben wir es deshalb nur mit der Geschichte eines Betrügers, Plagiators, Schurken zu tun? Ja und nein. Ja, weil der Hauptheld unbestritten zu den miesen Typen gehört - an diesem Urteil ist nicht zu rütteln. Nein, weil wir, würden wir uns mit ihm begnügen, etwas Grundlegendes übersähen: den gesellschaftlichen Stellenwert der Literatur im vergangenen Vierteljahrhundert. Einfacher ausgedrückt: Anderman sagt uns, die gesellschaftlichen Erwartungen an die Literatur haben die Originalität getötet. Zuerst, im Kampf gegen die Staatsgewalt, meinten wir, die Literatur habe die großen Worte der Menschheit nachzubeten, also mehr pathetisch als originell zu sein. In der Demokratie drängten wir den Schriftsteller in die Rolle des Fachmanns, der sich auf das Mischen von Kulturtexten versteht, mit bekannten Zitaten jongliert, geflügelte Worte und gängige Fabeln mixt. Vordem war der literarische Text eine Kopie nationaler Allegorien, heute ist er ein Gemisch aus Meisterwerken.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Das, was zur Zeit geschieht, was sich eben ereignet, ist nichts Außergewöhnliches und nichts Weltbewegendes; es konnte passieren, und es ist passiert; banal und alltäglich.
Das, was zur Zeit geschieht, findet auf der Straße von Danzig nach Warschau statt.
Er, A.Z., blättert gerade in der frischen, der heutigen Zeitung, die über längst Vergangenes, über zwei Tage alte Geschehnisse schreibt, und sein Blick fällt auf einen Bericht über die S-Bahn, die Schnellbahn der „Dreistadt“; vor zwei Tagen stellte sich ein langjähriger Stadtverordneter aus Gdingen, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Hochschule Danzig, ein an Jahren nicht mehr ganz junger, den Ruf eines vorbildlichen katholischen Familienoberhauptes genießender Mann, Nichttrinker, ja Nichtraucher, generell ausgeglichen, vor eine in der Bahn mitreisende junge Frau, taxierte sie lüstern, knöpfte sich hastig die Kleider auf, zeigte sich ihr in seiner nackten Pracht und begann heftig zu onanieren.
Das erscheint mir total unwahrscheinlich, meint Szczurek, der Oberbürgermeister von Gdingen; der ist frömmer als der Papst, sagen andere, er geht in seiner Gemeinde gleich hinter dem Priester mit der Monstranz, liest A.Z. Er teilt als Laienhelfer in der Kirche die Kommunion aus; es fällt mir sehr schwer, das zu glauben, vielleicht hat sich einer für ihn ausgegeben, fügt der Vorsitzende des Stadtparlaments hinzu; das alles klingt mir alles andere als einleuchtend, vielleicht eine Verwechslung, bemerkt ein fraktionsloser Verordneter; doch nein, liest A.Z. weiter, am nächsten Tag gab der bis dato angesehene und geschätzte Täter eine Erklärung ab und trat, im Gefühl der Verantwortung für den guten Ruf der Stadt und ihrer Behörden sowie im Hinblick auf die Wiederherstellung seines infolge des schweren Schocks gestörten seelischen Gleichgewichts, von seinem Amt zurück.
In diesem Augenblick denkt A.Z., er müsse, was er da liest, der Schauspielerin erzählen und seinem reifen Erstaunen über das kindliche Erstaunen der Gdingener Stadtverordneten Ausdruck verleihen, denen, als wüssten sie wirklich nicht viel über die dunklen Seiten des normalen Lebens, das Vorgefallene nicht in den Kopf will, doch die Schauspielerin, die am Steuer sitzt, kommt ihm zuvor und fängt als erste an zu reden.
Er blickt also hoch und bemerkt, dass der Wagen, in dem sie sitzen, in eine Kurve biegt; die Schauspielerin sitzt am Steuer, und nun dreht sie sich ihm zu und fängt an zu reden; er, A.T., sieht, dass ihnen ununterbrochen Personen- und Lieferautos entgegenkommen, und dann taucht der massige Leib eines Lasters in der Kurve auf, der auf ihrer Spur mühsam an der Karawane der Personen- und Lieferwagen vorbeizieht; die Schauspielerin, die am Steuer sitzt, bemerkt das nicht, denn sie sieht, redend, zu ihm, aber das spielt nicht die geringste Rolle, weil die Straße auf diesem Abschnitt keinen Randstreifen hat, eine hohe Bordsteinkante begrenzt sie, kein Gedanke, irgendwie zur Seite auszuweichen; selbst wenn sie nicht zu ihm sähe, sondern die Situation auf der Straße verfolgte, es wäre nicht dran zu denken, irgendwie zur Seite auszuweichen, ins Feld, in die Wiesen; wie einfach das ist, denkt A.Z., und er spürt deutlich, wie die gestörte Zeit ruckartig ihren Lauf verlangsamt.
Jetzt, nur dieser Moment. Was für eine Zeit ist das? denkt A.Z. Dieser Lidschlag. Was für ein Tag? Was für ein Monat? Jahr? Nach welchem Kalender muss dieser Augenblick gemessen werden? Zusammen mit welchen Ereignissen festgenagelt im winzigen Ausschnitt des Raums? Was findet in diesem Moment statt, hier, was neben mir, was geschieht einen Kilometer, zehn, tausend, zwanzigtausend Kilometer weiter? Verbindet sich alles Geschehende zu einem Ganzen? Bedingt es einander? Läuft es nach einem Plan ab oder ist es das Chaos?
Warum taucht in dieser Sekunde, auf dieser Straße von Danzig nach Warschau, in dieser konkreten Kurve, ein Fernlaster mit Anhänger auf, warum er?
Aber das ist banal und alltäglich, denkt A.T., und weil es banal und alltäglich ist, werde ich nicht mehr erfahren, was sich, eben jetzt, sonst noch zugetragen hat, und sei es in diesem Städtchen, durch das wir gekommen sind, was jetzt die Polizisten machen, die uns gleich hinter der Ausfahrt wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten hatten.
„Dieser Verstoß kostet Sie dreihundert Zloty“, hatte der Polizist von der Verkehrsüberwachung zu der Schauspielerin, die am Steuer sitzt, gesagt.
„Ich hab doch schon mal dreihundert für dasselbe bezahlt“, hatte sie protestiert, „gleich hinter der Ausfahrt in Danzig.“
„Sehr gut“, hatte der Polizist von der Verkehrsüberwachung erfreut erwidert, „brauch ich keinen Strafzettel mehr ausstellen, wenn die Sache an dem ist. Sie zahlen zweihundert Złoty, Frau Fahrzeugführer, ich kann das Strafmaß noch auf hundert runtersetzen, so bin ich nun mal, ich hab ein weiches Herz und kann keinem lange böse sein.“
Nicht zu wissen, was sich überall noch zugetragen hat, wie schade, vielleicht etwas Wichtiges, etwas unglaublich Bedeutsames, Ausschlaggebendes für mich? Vielleicht wendet sich eben jetzt noch einmal mein Blatt? Natürlich wäre es besser, wenn sich nichts Wichtiges, unglaublich Bedeutsames, ja Ausschlaggebendes zugetragen hätte, denkt A.Z., denn dann lebten wir beide, die wir uns morgen in eine aus zwei Sätzen bestehende Notiz in den Zeitungen verwandelt haben werden, dank dieser Notiz wenigstens für die Dauer des Eintagslebens dieser Zeitungen weiter. Sollten hingegen irgendwelche besonderen Ereignisse, von denen ich nicht weiß, stattgefunden haben, verliert diese Notiz jede Bedeutung, wird sie zum schwarzen Fleck auf mürbem Papier, die besonderen Ereignisse drängen sie in den tiefen Schatten.
Obwohl, vielleicht auch nicht, denkt er da; diese Schauspielerin, die am Steuer sitzt; diese Gestalt, die ragt ja weit hinaus übers Maß einer gewöhnlichen Meldung; sie hat die Hauptrolle in einem Film gespielt, einem wichtigen Film, der einen wichtigen Preis auf dem Festival in Venedig oder in San Sebastian oder auch in Berlin bekommen hat; das ist vor zig Jahren gewesen, aber es wird ihnen einfallen; die Verfasser von Zeitungsnotizen werden es hervorzerren, auskramen, vielleicht bringen sie also doch keine kurze Notiz, sondern irgendwelche Erinnerungsbeiträge mit entsprechend ausgewähltem Foto; nun ja, denkt er, aber was nützt es mir, wenn sie über sie schreiben und bei der Gelegenheit nur meine Initialen bringen, wie das so üblich ist in solchen Fällen? Eventuell setzen sie „debütierte mit konkreter Poesie“ hinzu. „Später bekannt geworden durch seinen Roman, der in den siebziger Jahren erschien“. Und wenn sie es nicht hinzusetzen? Dann wäre ich nur noch A.Z.? Und das ist alles?

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann