DOPPELGÄNGER

Doppelgänger ist eine Retrospektive auf die Prosa von Jadwiga Maurer, der Band vereint das gesamte literarische Schaffen der Autorin. Dieses Schaffen setzt sich aus nur zweiundzwanzig Werken zusammen, im allgemeinen längere Erzählungen. Chronologisch angeordnet, bilden sie zusammen eine größere Erzählung von autobiographischem Charakter. Die Autorin interessiert sich für eine besondere Variante des Schicksals der polnischen Juden, die der Vernichtung entkamen. Es geht um diejenigen, die gleich nach dem Krieg Polen verließen (wie die Autorin, die damals ein Teenager war), beziehungsweise um jene, die als ehemalige KZ-Häftlinge im westlichen Teil Deutschlands landeten. Konkret geht es um jüdische Displaced Persons, die sich gleich nach dem Krieg in München niederließen, die in der bayrischen Hauptstadt, in der die Handlung der meisten in Doppelgänger versammelten Erzählungen spielt, studierten und sich auf den Sprung in das sog. normale Leben vorbereiteten. Das Milieu, das die Autorin aufmerksam betrachtet, besteht daher aus einer Gruppe untereinander polnisch sprechender Studenten der Münchner Universität sowie aus einigen in München wohnhaften jüdischen Familien aus der Generation der Eltern der Heldin. Die Autorin beschreibt die damalige Atmosphäre der Vorläufigkeit, in der sich zugleich ein ungeheurer Lebenshunger geltend machte. Ihre Helden möchten so rasch wie möglich das weltweit geschätzte Diplom der deutschen Universität erwerben und in die Vereinigten Staaten oder nach Israel auswandern. Die titelgebenden „Doppelgänger“ sind so etwas wie eine Galerie fremder und zugleich eigener Verkörperungen. Indem sie diese Figuren begleitet und das sehr spezifisches Nachkriegsschicksal derer beschreibt, die der Vernichtung entgingen, versucht die Erzählerin-Heldin, sich selbst zu verstehen. Die anderen (Doppelgänger) sind ihr Spiegel.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Einmal ereignete sich ein unfaßliches Wunder. Die UNRRA ließ uns mit der monatlichen Zuteilung einige Zitronen zukommen. Diese Zitronen schmeckten mir unheimlich gut. Ich bestreute sie mit Zucker, der ebenfalls aus der Zuteilung stammte, und so aß ich sie. Die letzte Zitrone bewahrte ich in der Kredenz auf, um mich noch ein wenig an ihr zu erfreuen. Mama sagte mir voraus, daß die Zitrone auf diese Weise verfaulen werde. Eines Tages, als ich von der Schule heimkam, beschloß ich, sie endlich zu essen. Aber in der Kredenz war keine Zitrone. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und tastete alle Winkel ab, aber ich bekam nichts zu fassen. „Mama, wo ist meine Zitrone?“ rief ich endlich mit lauter Stimme. „Die Zitrone?“ wiederholte Mama. „Die ist nicht mehr da. Ich habe sie der Nachbarin von oben gegeben, für ihren Sohn.“Ich brachte vor Empörung kein Wort heraus. Mama hatte meine Zitrone der Nachbarin von oben gegeben! Mama, die selbst durch ein Wunder der Vernichtung entgangen war, Mama, die täglich das Schicksal ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten beweinte. Gab es dafür überhaupt eine Erklärung? Auf die Empörung folgte der Groll. Ich kannte meine Mama nicht, ich wußte nicht, wozu sie fähig war. Der im Sterben liegende Sproß eines großen Geschlechts hatte die Zitrone gegessen, die mir von Rechts wegen zustand, weil die Sieger sie mir zugeteilt hatten. Das sagte ich Mama am Abend, als mein Ärger und Groll sich ein wenig gelegt hatten. Mama hörte aufmerksam zu. „Du hast recht“, gestand sie am Ende. Und nach einer Weile fügte sie unerwartet hinzu: „Das ändert jedoch nichts daran, daß die schreckliche Zeit vielleicht keine Ungeheuer, aber doch böse Menschen hervorgebracht hat. Du bist nicht gut. Du bist nicht schuld daran, schließlich haben sie dir ja sogar im Kloster Haß eingeflößt.“Ich konnte mich also mit niemand mehr verständigen. Ich fühlte mich vollkommen von der übrigen Welt isoliert, von allen Menschen, sogar von denen, die wie ich durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen waren. Nacht für Nacht weinte ich, mein Gesicht ins Kissen pressend. Es war schon Juli, das Abitur, das ich gerade bestanden hatte, kam mir auf einmal unwichtig vor. Ich weinte bis spät in die Nacht, hörte, wie die letzten Straßenbahnen mit kreischendem Geräusch in das unfern gelegene Depot fuhren, wie amerikanische Soldaten vor der Kneipe an der Ecke lärmten, wie der beharrliche Regen gegen die Scheiben schlug. Gegen Morgen schlief ich endlich ein, erschöpft, enttäuscht und bedrückt. Sogar das Studium an der Universität kam mir sinnlos vor, dumm, wofür denn auch? Heute verstehe ich, daß damals langsam die lebendigen Gefühle starben, daß ich mich an das Leben anpaßte, an die Zukunft, an das Wirtschaftswunder, das noch in den Anfängen steckte, an die Jahre von Teilnahmslosigkeit und Kompromiß, von Gleichgültigkeit und Kompromiß. Wenn es nicht der Herzog und die Zitrone gewesen wären, hätte irgendeine andere Episode diese Krise ausgelöst. Hätte ich den Herzog irgendwann später kennengelernt, hätte ich wenigstens auf der Treppe mit ihm geplaudert, wer weiß, bestimmt hätte ich ihn sogar in die Wohnung gebeten. Frühe Jahre, die ich nicht spüre, von denen ich aber weiß, daß es sie gab. Frühe Jahre, deren Geschmack mir heute unbekannt ist, von denen mir nur dürres Wissen geblieben ist! Noch immer bin ich in hohem Maße die Fortsetzung des Mädchens aus dem Krakau der Kriegszeit, doch die Fortsetzung der langhaarigen Zicke der ersten Nachkriegsjahre bin ich keineswegs. Von diesem Persönchen sind nur einige amateurhafte, unscharfe Bilder geblieben und einige Hefte, die mit einer lächerlich ungeübten Schrift gefüllt sind (Schau, Analphabetin, sagt Mama nickend). Und noch einige verblichene Lebensmittelkarten, die einmal, wie ich vermute, rosa oder blau waren, die sich unter alten Papieren verloren hatten, und ein UNRRA-Ausweis, ein Stück Pappe mit einem winzigen Foto, von dem ein kleines, verbissenes, finsteres Gesicht eines rätselhaften Wesens, das ich nicht identifizieren konnte, in die Welt blickt.Wir saßen zusammengekauert nebeneinander auf der Bank, ein wenig vor Kälte zitternd, obwohl es Sommer war. Wir saßen da im traurigen Zustand von Doppelgängern, dem es an jeglicher Erotik, eigentlich sogar an freundschaftlichen Gefühlen fehlt, der dieser Ströme beraubt ist, die zwischen zwei Menschen fließen. Wir spürten beide in uns, jeder im anderen, das eigene Ich, leer wie die bekannte Landschaft ringsum, eingeschlossen in diese Gemeinschaft mit sieben Riegeln, unwiderruflich besiegelt bis ans Ende aller Tage. Das vorzeitig vergilbte Laub löste sich von den Zweigen über unseren Köpfen und trieb im Wind durch die kleine Allee. Ich schaute ihm nach und versuchte, mir noch Einzelheiten aus jenen frühen Jahren in Erinnerung zu rufen. Aber mehr fiel mir nicht ein. Ich erinnerte mich überhaupt nicht, wie der junge Herzog aussah, noch wie seine Mutter, die Herzogin-Witwe, aussah, noch wie die Nachbarin vom Erdgeschoß aussah, noch wie die Hausmeisterin aussah. Ich erinnere mich nur an das dunkle Treppenhaus dieses Hauses, und darüber hinaus wußte ich von mir, daß ich sehr mager war und lange Haare trug, die ich mir nicht abschneiden lassen wollte und daß Mama deswegen mit mir schimpfte. Ich aber wollte mir die Haare weder abschneiden lassen noch hochstecken noch zu Zöpfen flechten, denn für Zöpfe war ich meiner Meinung nach zu groß, und ich schrie sie an, ich liefe nicht mehr unter „arischen Papieren“ und dächte deshalb nicht daran, mich um mein Äußeres zu sorgen. Ich könne aussehen, wie es mir gefalle. Mama sagte, ich sei störrisch und verhielte mich überhaupt wie eine Fünfzehnjährige und nicht wie eine Gymnasiastin oder eine Studentin, die ich in Kürze sein würde. „Laß uns gehen“, sagte ich zu Karol. „Was sollen wir hier sitzen. Wind, Kälte. Ich begleite dich zum Krankenhaus, ich habe ja sowieso nichts zu tun.“

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese