DER ZANDER IM BERNSTEIN

Der Zander in Bernstein ist eine Sammlung von sieben Erzählungen. Der Titel als solcher steht absichtlich in keinerlei Beziehung zu den Arbeiten und gibt so treffend das Gefühl der Absurdität wieder, wie wir es bei Samuel Beckett oder Eugène Ionesco (etwa in der berühmten Kahlen Sängerin) finden, ein Gefühl, das Cegiełka nicht nur bei der Wahl des Titels leitete. Die Mehrheit der Erzählungen ist beinahe der Poetik des geträumten Grauens verpflichtet, die Erzählung Wrony [Krähen] allemal. Es beginnt jedesmal realistisch, doch rasch stellt sich heraus, daß auf dem Schicksal des Helden (gewöhnlich derselbe junge Mann, der tonnenweise Zigaretten raucht) ein Fatum lastet, daß eine gewisse Organisation eine rätselhafte Verschwörung ausgeheckt hat, doch unsere Neugier (wer? was für eine Verschwörung?) wird nicht befriedigt, so wie wir auch nie erfahren, wegen was und von wem Kafkas Josef K. verurteilt wurde.

Michał Witkowski

AUSZUG

Wahrscheinlichkeit

I

„Ab heute ist es Ihnen nicht mehr erlaubt, die Wohnung zu verlassen.&148;
„Bitte was?”, fragte ich und dachte, dass alles bestimmt nur ein Traum sei, wachte aber keineswegs auf.
„Sie haben ganz richtig gehört. Von heute an verlassen Sie ihre Wohnung nicht mehr. Dies ist Ihnen kategorisch verboten. Ich möchte Sie jetzt bitten aufzustehen und mir Ihre Schlüssel auszuhändigen.”
Ich schob die Decke beiseite und setzte mich auf die Bettkante. Ich stand auf und ging zum Stuhl, über dessen Lehne ich meine Hosen gehängt hatte. Aus der Hosentasche nahm ich die von einem Stahlring zusammengehaltenen Schlüssel und reichte sie ihm gehorsam. Wortlos nahm er sie und verstaute sie in der Seitentasche seines Mantels.
„Sonst noch was?”, fragte ich.
„Nein das war’s, danke schön”, antwortete er. „Beim Rausgehen schließe ich von außen ab. Versuchen Sie nicht, durch das Fenster zu fliehen, das wird nicht gelingen und nur Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Ihre Wohnung wird rund um die Uhr observiert. Jeder Fluchtversuch kann für Sie tragisch enden. Zugegeben, wir sind hier nur im zweiten Stock, aber falls der Wächter sie erwischt, werden Sie todsicher hingerichtet. Auf der Stelle. Das ist unser Auftrag.”
„Was für ein Auftrag?”
„Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Tut mir Leid. Bitte glauben Sie mir, ich kann Ihnen nachfühlen.” Er ging in den Flur und lenkte seine Schritte zur Haustür. Ich eilte ihm hinterher.
„Moment mal, was hat das alles zu bedeuten?”, schrie ich. Ratlos zuckte er mit den Achseln und ebenso sah er mich an.
„Ich kann Ihnen da nicht helfen. Es tut mir wirklich Leid.” Er griff nach der Türklinke und war im Treppenhaus. Er machte die Tür zu, und ich vernahm das Klirren des sich im Schloss drehenden Schlüssels, das mir letzte Gewissheit verschaffte, dass ich doch nicht am Schlafen war und dass alles wirklich geschah.
Ich kehrte in mein Zimmer zurück und sah auf das Bett. Ich wusste nicht, ob ich mich noch mal hinlegen sollte, aber schließlich warf ich mich doch auf die Koje. Unter dem Kopfkissen holte ich Zigaretten hervor und zündete mir eine an. Ich schaute mich nach einem Aschenbecher um, aber der stand am anderen Ende des Raumes. Ich hatte keine Lust seinetwegen aufzustehen und aschte auf den Boden. Ich lag unbedeckt auf der rechten Seite und beobachtete aufmerksam die Bewegung des fliehenden Sekundenzeigers. Der Wecker zeigte fünf Uhr dreißig. Gegen sechs Uhr müsste die Sonne auftauchen, obwohl es draußen vor dem Fenster schon jetzt nicht mehr so dunkel war. Ich konnte mich nicht erinnern, welchen Tag wir heute hatten. Vermutlich Montag. Ein schöner Wochenanfang, dachte ich. Einen Augenblick später muss ich eingeschlafen sein, denn ich wachte kurz vor sieben mit einer bis auf den Filter heruntergebrannten Zigarette zwischen den Fingern auf.
Ich stand auf. Ich begann, die über den Boden verstreuten Kleidungsstücke aufzusammeln und eins nach dem anderen anzuziehen. Eine Socke konnte ich nicht finden, aber schließlich fand ich sie unter dem Stuhl am Fenster. Ich setzte mich und steckte mir eine Zigarette an. Ich stützte die Ellenbogen auf das Fensterbrett und beobachte die zur Haltestelle hastenden Menschen. Der Bürgersteig lief direkt unter den Fenstern meines Hauses vorbei. Als ich klein war, hatte ich das Fenster geöffnet und ihnen auf den Kopf gespuckt. Jetzt blies ich den Rauch geradewegs auf die Fensterscheibe und sah zu, wie er sich verflüchtigte, sobald er auf ein Hindernis traf. Wie die Ringe auf dem Wasser, wenn man mit dem Finger die Wasseroberfläche berührt. Ich hob den Aschenbecher vom Boden auf und stellte ihn auf das Fensterbrett. Er war randvoll und nur mit Mühe fand ich Platz, eine weitere Zigarette in ihm auszudrücken.
In der Toreinfahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickte ich einen hochgewachsenen Mann, dessen Anblick mich beunruhigte. Er trug einen schwarzen Hut und einen langen, grauen, bis auf den Boden reichenden Mantel, unter dem schwarze, spitze Lederschuhe hervorlugten. Er sah genauso aus wie der Typ, der mich in der Nacht besucht hatte. Aber das war nicht der gleiche Typ. Jener hatte etwa meine Größe gehabt, neben diesem hier würde ich mir eher vorkommen wie ein Zwerg. Ich wusste, dass er in die Richtung meines Fensters schaute. Als mir das bewusst wurde, erhob ich mich sogleich vom Stuhl und ließ die Jalousien herunter. Ich beobachtete ihn noch einen Augenblick durch einen Spalt zwischen den leicht verbogenen Lamellen, er aber stand weiterhin an derselben Stelle. Soll er da halt stehen, dachte ich und trat vom Fenster zurück. Ich nahm den vollen Aschenbecher mit den Kippen vom Fensterbrett und schüttete den Inhalt ins Klo.
Ich ging ins Badezimmer. Ich zog mich aus und stieg in die Wanne. Ich setzte mich auf den Boden der Wanne. Ich fand den Stöpsel und stopfte damit den Abfluss zu. Einen Augenblick lang beobachtete ich, wie sich die Wanne füllte. Noch einmal regulierte ich die Wassertemperatur, denn sie war etwas zu kalt. Ich griff nach den zusammengepappten Seifenresten, die auf dem Rand des Spülbeckens lagen und begann, den ganzen Körper einzuseifen. Eine Weile saß ich so da und wartete untätig, bis die Wanne sich ausreichend gefüllt hatte. Schließlich tauchte ich mit dem Kopf unter Wasser und zog den Stöpsel raus. Danach wusch ich mir noch die Haare, aber bereits stehend über die Wanne gebeugt. Mit Wasser von der Brause spülte ich alles aus. Ich rieb den ganzen Körper mit dem Handtuch trocken und zog frische Unterwäsche an. Ich wickelte ein Wattebäuschchen um ein Streichholz und säuberte die Ohren. Ich schnäuzte mich in ein altes, zerknülltes Unterhemd, das auf dem Boden lag und mir zu diesem Zweck diente.
In der Küche füllte ich den Kessel mit Wasser und stellte ihn auf die Flamme. Ins Glas schüttete ich Kaffee. Zwei Teelöffel mehr als gewöhnlich. Ich war noch etwas schläfrig und wollte vollends wach werden. Ich setzte mich auf den Schemel am Fenster und zündete mir die lose auf dem Tisch liegende Zigarette an. Sie steckte mit dem Filter in einem kleinen Hügel aus verschüttetem Salz. Wäre Judyta nicht, würde ich in diesem Durcheinander versinken. Heute sollte sie vorbeikommen, aber ich beschloss, mir erst später darüber Gedanken zu machen, wie das aussehen würde. Ich stand auf und trat in den Flur. Auf Zehenspitzen näherte ich mich der Tür und linste durch den Spion. Im Treppenhaus erblickte ich einen Typen, der auf den Stufen saß. Er trug einen Hut und genau den gleichen Mantel wie seine beiden Vorgänger. Ich erschrak etwas. Ich nahm die Türklinke in die Hand und begann, an ihr zu rütteln. Ein Auge klebte die ganze Zeit am Spion. Der Typ im Treppenhaus rührte sich keinen Millimeter. Als wäre er an so etwas gewöhnt. Er schaute nicht einmal zu meiner Tür, sondern starrte unbeweglich die Wand vor ihm an.