GOLFSTROM

Jerzy Sosnowski hat wieder ein bedeutendes und zugkräftiges Buch vorgelegt, das voller metaphysischer oder sagen wir vorsichtiger: spiritualistischer Rätsel steckt. Hier sehen wir einen Warschauer Intellektuellen von heute wegen des Todes seiner geliebten Frau in Verzweiflung versinken. Beeinflusst von früheren Lektüren und Faszinationen der Jugendzeit, macht er sich das spiritualistische Denken des Jungen Polen zu eigen. Der Held tröstet sich nicht nur mit dem Glauben an die Reinkarnation, er ist auch überzeugt, die neue Frau in seinem Leben sei jene, die er vor hundert Jahren in Pornic kennengelernt hat. In diesem französischen Städtchen treffen sich, allerdings schon im Jahr 1899, zwei Freunde aus Berliner Studienjahren, Tadeusz Miciński und Stanisław Przybyszewski, um an einem privaten philosophischen Seminar teilzunehmen, das Wincenty Lutosławski, ein berühmter Gelehrter jener Zeit, veranstaltet. Ein weiteres Motiv bildet der Brief, der in der Gegenwart entdeckt wird, aber in den sechziger Jahren im Rahmen eines Wettbewerbs „Wie wird Polen im Jahr 2000 aussehen“ an eine Zeitschrift eingesandt wurde. Ein Mädchen beschrieb damals eine Realität, die genau der heutigen entspricht…
Es gibt im neuesten Roman von Jerzy Sosnowski nichts, was nicht auch mit anderen Dingen verwoben wäre. Jedes Motiv wird immer wieder aufgenommen und von anderer Seite beleuchtet oder weiterentwickelt. Hier gilt es nicht nur die Klöppelarbeit des Schriftstellers zu bewundern, sondern es geht um die höhere Botschaft, die sich aus diesem Roman herausschält und eng mit dem Titel dieses faszinierenden Werkes zusammenhängt. Sosnowski sagt uns, dass alle philosophischen Grundfragen und die quälendsten moralischen Dilemmata, mit denen der Mensch jemals zu tun hatte, den Quallen vergleichbar sind, welche die beiden Helden am Strand von Pornic beobachten – scheinbar versinken sie in der Tiefe des Meeres, aber sie kehren immer wieder. Dafür sorgt der Golfstrom. So etwas wie Fortschritt, wie immer man ihn definieren mag, gibt es daher nicht, und auch der Vormarsch der Vernunft ist eine Illusion. Davon sollen uns die halb sensationellen, halb phantastischen, auf jeden Fall aber verblüffenden Auflösungen einiger der Handlungsfäden überzeugen.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

„Wenn du dich schon mit sowas befassen mußt, dann muß es auch Hand und Fuß haben. Reich mir doch bitte mal die kremfarbene Aktenmappe dort.“
Gehorsam erhob er sich und ging zum Schreibtisch. Er mußte einen Moment überlegen, was der Vater unter kremfarben verstand, dann griff er zu einem Stoß Papiere, um den ein Gummi die Reste eines schmuddeligweißen Pappendeckels zusammenhielt. Die Vorderseite trug die verschnörkelte Aufschrift: „Redakteur Leon Ratajczak. Wettbewerb – abgelehnte Arbeiten“.
„Als du noch ganz klein warst, haben wir von der Redaktion des ‚Flämmchen‘ die Kinder eingeladen, sich mit schriftlichen Arbeiten oder Zeichnungen an einem Wettbewerb über das Thema ‚Wie ich mir Polen im Jahr 2000 vorstelle‘ eingeladen. Die Bekanntgabe der Ergebnisse verlegten wir auf die Jahrtausendfeier des polnischen Staates [im Jahr 1966]. Daraus haben wir dann ein Buch gemacht, du erinnerst dich sicher noch, es stand in deinem Zimmer. Hier sind die Reste, ich stieß letzte Woche auf sie. Aus Neugier habe ich’s durchgesehen; bei solchen Wettbewerben haben zuweilen Leute debütiert, die später Maler und Schriftsteller wurden, der Mechanismus der Förderung junger Talente funktionierte damals noch anständig, nicht so wie heute“ – der Vater hielt inne, vermutlich erwartete er, daß der Sohn protestierte. „Besonders der Talente auf dem Lande.“ Antek sagte noch immer nichts. „Dann mach das mal auf und schau dir die dritte Arbeit an.“
Antek schaute hinein. Auf dem linierten Papier stand in einer sauberen kindlichen Handschrift: Dębica, 15. Januar 1966
Liebe Redaktion,
Polen wird im Jahr 2000 sehr schön sein. Überall werden Gärten und Parks sein. Die Kinder werden sich mit sehr gesunder Limonade ernehren. Und mit Kuchen. Kuchen sind dann überhaupt Heilmittel. In der Schule werden wir im Schlaf lernen. Wir werden mit Hupschraubern fliegen, und jeder wird einen eigenen Hupschrauber haben. Die Flugplätze werden auf den Dächern der Häuser sein. Und alle werden lächeln wenn Mama zum Beispiel sagt das Kind ist unartig dann muß es nicht in der Ecke stehen und bei Papa gibt es keine Haue auch nicht wenn es eine Vier nach Hause bringt. Aber wenn wir gut ausgeschlafen sind wird es keine Vierer (Vierer) geben. In dieser Schule. Und in den Ferien fliegen wir für ganze zwei Monate zum Mond. Ich schicke Grüße für die ganze Redaktion – Basia Maczek 11 Jahre. „Ich versteh nicht, was du mir da zu lesen gegeben hast. Wer ist Basia Maczek?“ fragte Antek, als er ausgelesen hatte.
Der Vater wandte sich plötzlich ab; es schien, als hätte er die Falten seines Gesichts zu einer stolzen Mine zurechtgelegt, auf die er nun nach der Frage seines Sohnes verzichten mußte.
„Was hast du denn genommen? Die dritte Arbeit, nicht die vierte. Eine vorher!“
Antek wendete gehorsam das Blatt um. Liebes „Flämmchen“,
ich weiß, wie Polen im Jahr 2000 aussehen wird. Erstens wird hier Kapitalismus sein.
Denn alles in der Welt ändert sich, und Deutschland und Amerika werden unsere Freunde sein. In Polen wird es Wahlen geben wie im Westen und nicht wie jetzt, wo mein Papa sagt, daß es egal ist, ob man hingeht oder nicht, weil sich sowieso nichts ändert. Und in der Sowjetunion wird große Armut sein und eine große U-Bootkatastrophe, und mir scheint, daß es die Sowjetunion nicht mehr geben wird. Alle werden den Papst lieben, der ein Pole sein wird, dieser Papst. Aber dafür wird ein Neger polnischer Fußballspieler sein, und ihn werden sie auch lieben. Es stimmt nicht, daß wir mit fliegenden Untertassen fliegen und auf dem Mond wohnen werden. Und überhaupt wird es nicht so viele Roboter geben, solche, die gehen können. Stattdessen wird jeder ein Telefon bei sich tragen, mit dem man überall anrufen und alles jederzeit erledigen kann. Und im Fernsehen wird es furchtbar viele verschiedene Programme geben, vielleicht hundert. Mehr als im Radio. Und ich sehe noch in den Häusern solche kleinen Kästen, das wird etwas in der Art von Elektronengehirnen sein, und diese Gehirne werden furchtbar viel können zum Beispiel einander selbst Briefe schreiben und mit den Kindern verschiedene Spiele spielen und Aufgaben lösen und Lexika. Aber die Häuser bleiben dieselben wie heute. Mein Dorf wird sich äußerlich nicht sehr ändern. Auf der ganzen Welt werden die Kühe an einer schrecklichen Krankheit leiden. Daran werden Tiere und Menschen sterben. Und die Neger werden die Weißen in Afrika verfolgen. Und aus einem Tier wird man Dutzende machen können, die ganz genauso sind, so als würde man mit dem Fotoapparat ein Bild machen. Kinder werden von zu Hause weglaufen und Gifte nehmen, die schlimmer sind als Wodka, und dagegen kann man nichts machen. Ihnen wird es nämlich schmecken, obwohl es Gift ist. Und die Menschen werden traurig und oft einsam sein, und das alles wird etwas schrecklich sein, aber das wird kaum jemand merken. Und im Radio und auf Tanzvergnügungen wird so eine seltsame Musik sein. So eine monotone. Mir scheint, daß ich sie höre. Sie gefällt mir nicht. Aber dann wird sie mir vielleicht gefallen. Und das ist alles, es ist wirklich nicht erfunden, damit ihr es wißt – Żorlina aus Żegiestów. Antek schwieg eine Weile, nachdem er zu Ende gelesen hatte; wie bei einer Sendung, wo die Handlung nicht drehbuchmäßig abläuft, versuchte er unter den Fragen, die ihm in den Sinn kamen, die beste auszuwählen.
„Papa, ist das ein Scherz?“ fragte er schließlich. Und als er die Miene des Vaters sah, fügte er gleich hinzu: „Wo ist der Umschlag mit der Adresse?“
Der alte Herr, mit den Ellbogen auf ein freies Stück des Tisches gestützt, tippte mit dem Finger an die Medikamentenschachtel.
„Ach, Sohnemann“, sagte er leise, „das ist fünfunddreißig Jahre her. Aber“ – er hob den Kopf und lächelte jetzt unverkennbar – „du bist schließlich Journalist, oder nicht?“

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese