ATEMLOS

Man könnte Odojewskis neuesten Erzählband Atemlos auch als ein „Roman-Mosaik“ bezeichnen. Denn in ihm stellt der Autor Texte aus dem Band Vergessen, Ungebändigt (Berlin 1987) neben acht bisher unveröffentlichte Werke, wobei als Ergebnis ein ungewöhnlicher Gesamttext herausgekommen ist, der keine einheitliche Handlung aufweist, in dem Zeit und Ort wechseln, der aber gleichzeitig in sich schlüssig ist und sich zu einem bestimmten Muster zusammensetzen läßt. Dieses Muster gründet vor allem auf der Person der Hauptfigur und der Geschichte ihres Lebens: Ein Emigrant, der um das Jahr 1970 aus Polen ausreist, als er etwa vierzig Jahre alt ist. Er wurde zu früh geboren, um vom Krieg verschont zu werden, und zu spät, um aktiv an ihm teilzunehmen: Er tötete nicht, den Tod aber hat er gesehen. Die jugendliche Liebe ist bei ihm untrennbar mit der Begegnung des Bösen verbunden – Bilder von Gewalt, erniedrigten Menschen und verstümmelten Leichen überlagern erste Erfahrungen körperlicher Liebe. Nach dem Krieg beendet er sein Studium, wird Journalist, beginnt zu arbeiten; in allen diesen Lebensphasen geht er zahlreiche Kompromisse ein. Überdrüssig des unsicheren Lebens in Polen, entscheidet er sich für die Emigration. Gemeinsam mit Frau und Kind läßt er sich irgendwo in Deutschland, in England, in den Staaten nieder und arbeitet als Journalist, Wissenschaftler, Schriftsteller. Obwohl im Detail die einzelnen Biographien des Helden manchmal nicht ganz übereinstimmen, bilden sie Varianten ein und desselben Schicksals – ein Mosaik, das sich zum Lebenslauf eines Emigranten zusammenfügt, der versucht, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, da sein Leben nach der Ausreise weder geregelt ist noch seine Hoffnungen erfüllt sind. Er lebt im Grunde vom Schwung seiner alten Träume, die ihn einst glauben ließen, daß zu guter Letzt eine Zeit kommen werde, wo man die Wahrheit sagen kann, ohne die Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Traum von einem Leben in Wahrheit und Sicherheit hat sich zwar erfüllt, aber seine Bedeutung verloren. Denn auf dem Helden lasten drei geschichtsbedingte Komplexe. Der erste Komplex ist die aus der Zeit des Krieges stammende Wunde seiner Initiation: Sie wurde ihm von der Geschichte zugefügt, die zu den ersten Erfahrungen Grausamkeit, Gewalt und Verbrechen hinzufügte. Von da an war es für den Helden unmöglich, zu unterscheiden zwischen reiner und unschuldiger Initiation und dem Grauen einer Behandlung, die den Menschen erniedrigt, zu einem Gegenstand degradiert und keine ethischen Hemmungen kennt. Das Schuldgefühl des Emigranten ist der zweite Komplex. Darin gespeichert ist die Erinnerung an die kleinen Kompromisse, Zugeständnisse und Übereinkommen mit dem stalinistischen Bösen, die der Held machte, um in Ruhe gelassen zu werden. Und schließlich der dritte Komplex – das Unausdrückbare. Jetzt, wo der Held endlich nach Belieben schreiben und sprechen kann, baut sich die Komplexität der vergangenen Erfahrungen als unüberwindliche Barriere vor ihm auf. Die Verflechtungen allgemeiner und privater Geschichte, die Verknotungen erhabender und schrecklicher Erlebnisse sowie das Bewußtsein der verlorenen Ganzheit und der momentan erlebten Fremdheit bewirken, daß die Wahrheit sich nicht mit Worten ausdrücken läßt: Selbst wenn sie ausdrückbar wäre, so würde sie niemand verstehen und selbst wenn sie jemand verstände, wäre er oder sie nicht in der Lage, sie nachzuempfinden. Weil gegensätzliche innere Antriebe ihn zu zerreißen drohen, erarbeitet sich der Held eine Methode der Verlangsamung: Da er sich nicht in der neuen Realität zurechtfinden, aber auch die frühere kindliche Ganzheit nicht wiedererlangen kann, kehrt er in der Erinnerung zurück und verwandelt das Leben in ein pausenloses Erinnern. Er entscheidet sich für das Leben dazwischen.

-Przemysław Czapliński.

AUSZUG

Noch nicht begreifen können Er blieb also eine Minute oder sogar länger starr stehen und, wie ihm schien, ohne zu atmen. Obwohl er überhaupt nicht ihre Schritte im Flur oder auf der Treppe hörte. Dann hörte er aber unten die Eingangstür ins Schloss fallen. Nun erst ging er auf die Tür zu, die zum Flur führte, und machte sie hinter ihr zu. Dann spürte er auch wieder diese ganze alltägliche Last der Verlassenheit und dachte, daß er wieder anfangen könne, stundenlang Zeitung zu lesen und Radio zu hören. Wie ein Süchtiger, der auf der Skala des Radiogerätes umherirrt, von Sender zu Sender, sich aus dem Gewirr immer gleicher Worte die spärlichen Krümel der Wahrheit von dort herausfischt und sich daraus verbissen die dortige Situation rekonstruiert, im Voraus von der Vergeblichkeit seines Tuns überzeugt. Und dann die alten Wunden wieder aufreißen, bis es wehtut, bis das Bewusstsein abstumpft. Vielleicht schließlich auch wieder verzweifelte Briefe an Johanna schreiben, sie am Ende mit den Worten versehen: „Meine Liebe, leb wohl...”, es immer noch nicht begreifen wollen, noch nicht begreifen können, daß sie wirklich die Endgültigkeit bedeuten.
Denn er musste doch nicht einmal die Augen schließen, um ihre immer wieder zurückkehrenden Schritte zu hören. Nie würde er aufhören, nicht einmal in der tiefsten Dunkelheit, ihre schweigende Gegenwart in seiner Nähe zu erraten. Den Duft ihres auf dem Kopfkissen ausgebreiteten Haares. Den Rhytmus ihres Atems. Nie würde er sich an ihr sattsehen können. Nie würde er die Wanderung in der Hitze während ihrer letzten Ferien vergessen, die mit Heidekraut bewachsenen Hügel im östlichen Burgenland, wo man schon den Hauch der ungarischen Puszta spürte. Als sie in das Tal kamen, wo unten eine verlassene Mühle stand und ein eiskalter Bach sich durch eine halbverrottete Schleuse direkt in einen Teich ergoss. Wie Johanna damals auf dem Steg alle Kleider von sich warf und an der tiefsten Stelle ins Wasser sprang. Und daß ihre Haut dann, bevor sie von der Sonne getrocknet wurde, die schönste Schattierung eines zarten Rosa hatte und sich wie Samt anfühlte. Er würde auch nie aufhören, die flüchtige Spur zu vergessen, die sie hinterließ, als sie auf dem schattigen Pfad inmitten roter Ahornbäume des Hotelgartens in Verona einst von ihm weggegangen war. Um dann später mit dieser besonderen Überzeugung in der Stimme, wie er sie weder zuvor noch danach von ihr gehört hatte, zu sagen: Niemals werde ich dich verlassen. Und er würde nie aufhören, sich danach zu sehnen, neben ihr einzuschlafen. Wie in den schwülen Nächten, die einem die Kehle zuschnüren, wenn das Herz droht, still zu stehen, dort an der Adria, wo sie sich einst kennengelernt hatten. Und im Herbst und Winter in den Augenblicken des Zweifels. So wie jetzt auch. In dem Kurort an den Hängen des Schwarzwaldes. Wenn der Wind draußen heulte, wenn die Zweige gegen einen Baumstamm schlugen, wenn der Schneeregen gegen die Fensterscheibe peitschte, würde er immer ihren Atem hören. Zwischen Schlafmitteln und Alkohol, zwischen einem stechenden Schmerz in der Brust und völliger Lähmung, zwischen einem Schrei der Verzweiflung und völliger Gleichgültigkeit würde er immer ihren Namen wiederholen. In den dunkelsten Augenblicken. Er wusste, ganz gleich, ob bei Liebesbeteuerungen in der fremden oder in der eigenen Sprache, ob beim Geplapper überflüssiger, leerer Worte ohne Echo, ihre ausgestreckte Hand würde immer auf der Suche nach seiner Hand sein, ihre Stimme würde immer auf seine Stimme antworten.
Er hatte doch schon die Gewissheit, daß es so sein würde. Obwohl er ihr noch nicht alles gesagt hatte über den weißen Birkenhain, in dem er sich einst als Kind verlaufen und verzweifelt geweint hatte, kein Wort über die feuchte salzige Wange der Mutter, deren Berührung all seinen Schmerz beruhigte, wie es später nichts mehr vermochte, kein Wort über den im Morgengrauen am Fluss schreienden Wachtelkönig, an jenem Fluss, an dem das Haus stand, in dem er geboren war, und kein Wort über die sich weitende Brust beim Anblick der im Wind sich wogenden Wiese, kein Wort über die sich hin und her bewegenden, mal grünen, mal blassgelben Gräser, die den ganzen Sommer durch den Ostwind nach Westen strebten, kein Wort darüber, was in ihr das Teuerste, das Grausamste und Ewige war, obwohl er schon so oft über sich und über sie gesprochen hatte, daß er sich mehr als einmal in seinen Geschichten verheddert und bestimmt wiederholt hatte.
Er wusste, daß das, was geschehen würde, plötzlich und heftig geschehen würde, und diese Szene hatte er schon viele Male im Traum und im Wachzunstand wie in einem Zeitlupenfilm durchlebt. Und es würde geschehen, obwohl es wirklich noch nicht die ihm von Gott und vom Schicksal bestimmte Zeit war (doch lassen wir hier Gott aus dem Spiel, dachte er), aber ganz einfach nur deshalb, weil es sich nicht länger hinauszögern ließ und weil sich diese ganze Qual, dieser Wahnsinn, diese Wehmut und Trauer nicht weiter in Demut ertragen ließen. Und er war sich bewusst, daß er dann weder die Kraft noch wirklich den Mut haben würde, sich von ihr zu verabschieden; schon jetzt beschloss er, in seinen Briefen um Verzeihung zu bitten: „Meine Liebe, um mit jemandem alt werden zu wollen, muss man mit ihm nicht nur ein oder zwei Jahre zusammengelebt haben. Nicht einmal fünf oder vielleicht zehn Jahre reichen aus. Man muss viele Jahre nicht nur körperlicher Übereinstimmung, gemeinsamer Arbeit, gemeinsamer Zielsetzungen, Kämpfe, Erfolge und Freuden hinter sich haben, sondern auch Enttäuschungen und Niederlagen, ganz zu schweigen von Erinnerungen. Also verzeih, es bleibt uns keine Zeit mehr...”

Aus dem Polnischen von Barbara Schaefer.