DIE WAHRE BALLADE VON DER LIEBE

Nicht erst seit heute weiß man, dass es nichts Schwereres gibt als über die Liebe zu schreiben – obwohl die Gattung der Romanze sicherlich die nachhaltigste literarische Erfindung ist. Derjenige, der heutzutage in der Lage ist, die Welt der menschlichen Gefühle glaubwürdig darzustellen, muss ein ausgezeichneter Schriftsteller sein. Aleksander Jurewicz ist so einer. Die von ihm erzählte Geschichte ist sehr einfach: eine flammende Leidenschaft verbindet zwei junge Menschen, obwohl beide Helden im Grunde vieles trennt – Nationalität, Religion, Politik. Sie, ein weißrussisches Mädchen, das in einer traditionellen, katholischen Familie aufwächst, er, ein Russe, dessen Familie ins polnisch-weißrussische Grenzgebiet (das nach dem Krieg in die UdSSR eingegliedert wird) kam, um dort die neue politische Ordnung zu festigen. Die Geschichte spielt Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre; Handlungsort ist ein malerisches Dorf nahe Lida, das in einer wunderschönen, fast idyllischen Landschaft liegt. Wir sehen die Helden deshalb ausnahmslos inmitten von Feldern, Wiesen und Obstgärten, wie sie den Geräuschen der Natur andächtig lauschen und sich an ihrer Harmonie und Schönheit erfreuen. All dies trägt zur ungewöhnlich poetischen Atmosphäre des Romans bei. Die bezauberndsten Eigenschaften dieses Werkes sind seine vornehme Schlichtheit aber auch die unvergleichliche Wärme, die dem Leser aus diesem Roman entgegenschlägt. Es fällt wahrlich schwer, sich dieser ergreifenden Geschichte zu entziehen. Die wahre Ballade von der Liebe ist eines dieser Märchen, die zur Erquickung des Herzens erzählt werden und ein Lobgesang auf die wahrsten Gefühle sind. Diese sind jedoch immer schmerzlich und schön zugleich. Wie es sich für wahre Literatur gehört, kann es auch in diesem Roman kein Happy-End geben.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

In ihrem Fenster brannte kein Licht. Das Fensterkreuz fügte die rauhreifbeschlagen Fensterscheiben zusammen, die wie silbern bemalte Glasfenster aussahen. Aus dem Kamin stieg ein letzter Rest Rauch auf und löste sich unbemerkt in der Finsternis auf. Aus den Schneewehen, die mit funkelnden Eisschuppen überzogen waren, ragten die Spitzen der Johannisbeersträucher und des Reisigzauns.

Alles schien wie ausgestorben, in einen langen Winterschlaf vertieft zu sein. Es schliefen die Bäume am Wegesrand, die Trampelpfade auf den Höfen, das Pfarrhaus, die Brücke und der zugefrorene Fluß, die Vögel, die sich irgendwo versteckten, die Hügel und Täler. Die Obsthaine waren eingeschlafen, die Brunnen, die Gartenpforten, die Türklinken, die Spinnennetze in den Winkeln der Rahmen, die Stengel der Eiszapfen, die roten Kinderschlitten und der Glockenturm vor der Kirche. Der Schlaf übermannte die Küche, die Brotmesser, die Sauermilch in den Tonkrügen, die Handtücher aus Leinen neben dem gußeisernen Waschbecken, die Mäuse in den Hohlräumen unter dem Fußboden, die an rostigen Nägeln aufgehängten Büschel mit Wildkräutern, die aus Zwiebeln und Knoblauchknollen geflochtenen Zöpfe. Der Schlaf überwältigte die erkalteten Kachelöfen, die Motten in den Schränken, die Sonntagsanzüge und die weißen Blusen, die Kuckucksuhren, die über die Stuhllehnen geworfenen Kleider, die abgetragenen Schuhe, die Tische mit ihren Tischtüchern, die im Zimmer verstreuten Bauklötze, die Nähmaschinen und die Hochzeitsphotographien an den Wänden. In Schlaf fielen die unvollendeten Liebesgeschichten, die aufgeschobenen Trennungen, die Sorgen, Erinnerungen, Schmerzen, die Träume, die Anflüge von Verzweiflung und die letzten Hoffnungen. Die Welt war in einen eisigen Schlaf versunken. Die Stimmen und Geräusche waren verstummt, selbst der Wind, der sich gegen Abend mit einem kurzen, wilden Schneegestöber bemerkbar gemacht hatte, war nicht mehr zu hören.

Michał starrte das dunkle Haus an, so als würde er daran glauben, allein mit seinem Verlangen ihren Schatten hinter dem rauhreifbeschlagenem Fenster erwecken zu können. „So erscheine mir wenigstens“, flüsterte er in die eisige Kälte. „Ich bitte dich, flehe dich an, verschaffe mir wenigstens auf diese Weise Gewißheit, daß du da bist und ich dich nicht vergeblich suche. Gib mir ein Zeichen und sei es noch so klein, hinterlaß zumindest einen Abdruck im Schnee, sprich durch die Stimme des aufgeschreckten Vogels oder laß eine Sternschnuppe funkeln. Es sind bereits so viele Tage, mein Sonnenstrahl, daß ich das Zählen aufgegeben habe, und obwohl die Tage jetzt kurz sind, scheint es mir als wären seitdem du nicht mehr hier bist ganze Jahrhunderte vergangen. Am schlimmsten sind die Abende, wenn ich nicht weiß, wohin ich mit mir soll – ich helfe Vater mit den Rechnungen, die er aus dem Amt mitbringt, manchmal spielen wir Karten, Mutter drängt mich zur Lektüre von Krieg und Frieden oder Jessenins Gedichten, denn sie vergräbt sich tagelang in Bücher oder beschäftigt sich mit Wahrsagerei, oder läßt auf dem Grammophon Platten mit alten Romanzen laufen, die so knacken, daß man kaum noch den Gesang oder die Musik versteht, aber selbst wenn ich etwas mache, stehst du mir immer vor Augen und überall sehe ich dich – in den beinernen Kugeln des Rechenbretts, in den Figuren der Spielkarten, im Löffel, mit dem ich den Honig in der heißen Milch verrühre und alles bringe ich durcheinander. Ich trete vor das Haus, hier aber gibt es nur Wind, Frost und Stille, unterbrochen vom Bellen der Hunde oder dem Gesang der Besoffenen. Ich schaue in die Richtung, in die du fuhrst und es scheint mir, als würde ich wieder die Abdrücke des Schlittens sehen, wie an jenem Tag, als ich aus Lida zurückkam und die Schlittenspuren im Schnee sah, die von eurem Hof zum Weg führten. Damals folgte ich ihnen bis hinter die Brücke, wo sie sich mit den Spuren anderer Schlitten vermengten. Ich schaue also dorthin, wo du vielleicht bist, und ich wehre mich gegen den Gedanken, daß irgendwo zwischen den unbekannten Eismassen du bist. Nur ein kleines Zeichen blieb von dir zurück – dort, wo der Knopf abgerissen ist und ich lasse nicht zu, daß ein neuer angenäht wird, obwohl sie zu Hause schimpfen, daß ich wie ein zerlumpter Kerl aussehe. Und ich laufe die ganze Zeit herum und halte Ausschau nach den Händen, die ihn mir abgerissen haben. Du denkst sicherlich, daß ich den Verstand verloren habe, aber du bist es mir wert, daß ich den Verstand verliere. Am besten wäre es, geradeaus zu gehen, im Schneetreiben herumzuirren und das Haus deines Onkels zu suchen, auf irgendeinem Hof deine Fußstapfen zu erkennen und irgendwo in einem Versteck zu warten, bis du aus dem Haus kommst, um am Brunnen Wasser zu holen, oder dich im Fenster zeigst. Ich denke so oft daran und nur die Angst, wir könnten uns verpassen, hält mich hier. Schon ein paar Male habe ich von aufgerissenen Briefumschlägen geträumt, die ich vom Boden aufhebe, aber in ihnen finde ich nichts und gierig durchsuche ich alle Briefumschläge von neuem, denn irgendwas sagt mir, daß in einem von ihnen eine kleine Papierrolle sein muß, die du beschrieben hast. In diesem Moment versucht jemand die Tür zu öffnen, ich höre wie jemand sich am Riegel zu schaffen macht, ich sehe die Finger einer Hand im Türspalt, in diesem Moment ertönt mit ohrenbetäubenden Schlägen unsere alte Standuhr, die wir vor unserer Abfahrt verkauft haben, ich wache auf und im ersten Moment weiß ich weder wo ich bin noch warum ich die zusammenkrallte Hand nicht aufmachen kann. Du siehst, Nina, wie es mich erwischt hat, ich erkenne mich selbst nicht wieder, manchmal kann ich mich an meinen Namen nicht erinnern, denn alles ist für mich schon zum einzig alleinigen Namen geworden, dem deinigen...“

Aus dem Polnischen von Andreas Volk