ACHT VIER

Ob in Paris, London, Barcelona, in den europäischen Metropolen wie in der europäischen Provinz, überall fragen sich die Eltern, was ihre heranwachsenden Kinder außerhalb von Zuhause anstellen. Und ihre Beunruhigung ist durchaus begründet. Mirosław Nahacz’ kurzer Roman bestätigt auf ziemlich hinterhältige Weise diese Befürchtungen. Der Autor erzählt darin von einer Gruppe von Abiturienten (Jahrgang 1984) aus einer vom Großstadtleben weit abgelegenen Ortschaft in der Provinz, die ein „Männerwochenende” veranstalten: zuerst begeben sie sich auf die Suche nach weichen Drogen (Pilze, Gras), danach stocken sie die Alkoholvorräte auf, dann machen sie eine lange Autofahrt, danach ein Stück zu Fuß, bis sie schließlich zu einem verlassenen Haus gelangen, in dem sie sich einschließen und aus dem sie... nicht mehr heraus können. Sie wollten sich vor der Welt verstecken, aber waren dabei etwas zu erfolgreich. Ob sie jemand finden wird, wo sie nicht einmal selbst wissen, wie sie aus der jugendlichen Freiheit herauskommen sollen? Diese kurze Zusammenfassung erlaubt es, Acht vier von Nahacz als kleinen Roman und zugleich als Parabel zu lesen: viel Konkretes, interessante Überlegungen zur Gegenwart, eine kraftvolle Sprache, und überaus glaubwürdige psychologische Porträts der Jugendlichen aber auch Allgemeingültiges. Letzteres hat mit Nahacz’ Darstellung der jugendlichen Faszination für Drogen zu tun. Weshalb werden sie von den Jugendlichen genommen? Weil sie sich nach etwas mehr als der Alltäglichkeit sehnen und zugleich aus Angst, dass jenes „Mehr” nie stattfinden wird. Die jungen Leute träumen von einer Welt, die einen tieferen Sinn hat, gleichzeitig ahnen sie aber, dass nach dem Abitur Normalität der einzige Sinn sein wird. Wenn es ihnen gelingt, die jugendlichen Sehnsüchte sowie ihre Eskapaden und Drogentrips in ein kluges Leben umzuwandeln, haben sie gewonnen. Wenn sie jedoch an den Mythos von der Großen Welt, die immer woanders ist, glauben, verlieren sie. Dann werden sie zu Süchtigen der eigenen Erinnerungen, zu Geiseln des schlichten Gedankens, dass nur der Rausch das wahre Leben ist und dass nur die Provinz Schuld an ihrem öden Leben hat. Gerade aufgrund dieser Verallgemeinerung passt das von Nahacz gezeichnete Porträt auf eine Vielzahl von Orten und Provinzen – nicht nur in Polen.

-Przemysław Czapliński.

AUSZUG

Am liebsten wäre ich damals woanders gewesen. Zuhause. Hätte was gutes gegessen und Fernsehen geschaut. Bis zum Abwinken. Ich könnte sitzen und sitzen, mich mit dem Programm messen. Gegen drei Uhr würde auf dem Bildschirm der Hinweis erscheinen, dass der Sendeschluss bevorsteht. Ich würde gewinnen. Am leichtesten hat man es mit den polnischen Programmen, denn die fremdsprachigen gibt es rund um die Uhr. Ständig ist da ein Typ, der quatscht, oder Nachrichten, oder ein Film. Auf den deutschsprachigen vögeln sie fast die ganze Zeit. Ein abartiges Volk. Machen auf ordung muss sein, aber jeden Tag nach Mitternacht ein Rumgebumse im Fernsehen. Das is gut, schnella, schnella, oo sehr gross, macht mir gut. Silikonfrauen brüllen, als hätten die blonden Muskelmänner sie zumindest mit Metallnadeln gestochen. Man sitzt und zappt. Pilgerscharen zapp Reklame für Damenbinden zapp Live-Übertragung der heiligen Messe zapp, gut gut ich liebe zapp zweihundert Menschen getötet zapp nimm eine Pille und deine Muskeln wachsen wie von selbst zapp hundertsechzig Verwundete. Ich sitze und zappe, ich hasse Fernsehen, mindestens sechs Stunden am Tag hasse ich Fernsehen.
Dumpfbacke kam vorbei. Er kaute irgendwas.
„Verfickt, jetzt hab’ ich es runtergeschluckt.
Es war mir irgendwie nicht eingefallen, dass er sich vergiften könnte. Erst jetzt. Ich stellte mir vor, wie er erbricht, das Bewusstsein und seine Hautfarbe verliert, kreidebleich und kalt wird, der Mund offen steht. Es hätte so sein können wie in den Filmen, zuerst begraben wir ihn und dann drehen wir durch und bringen wir uns alle gegenseitig um, das finale Massaker, das alle Unklarheiten beseitigt.
Eigentlich war es mir gleichgültig, ich sah, dass ich betroffen sein sollte, aber irgendwie kam nichts. Dumpfbacke war schließlich der sympathischste, aber Fehlanzeige bei mir. Ich machte mir ein bisschen Sorgen, um nicht ganz herzlos dazustehen, und schon hatte ich Ruhe. Ich war müde und langsam wurde mir schlecht. Es war mir nicht bewusst gewesen, dass ich schon einige Gläser intus hatte, eine Zeitlang kam es mir vor, als würde ich am selben Glas trinken, nur dass ich irgendwelche Déjà-vus habe. Muko brachte mir ständig was, kollegial und hilfsbereit. Als mir alles klar wurde, wollte ich auch schon kotzen, oder vielmehr verspürte ich eine Übelkeit. Ich steckte mir eine Kippe an und dachte daran, dass ich Hunger hatte, das hilft, man darf nur nicht zu stark daran denken, denn normalerweise, wenn wir Hunger haben, stellen wir uns was zu Essen vor, und wenn ich das machen würde, käme alles raus. Ich wusste, dass es so enden würde, aber jetzt wollte ich noch nicht, auf jeden Fall nicht als erster.
Alle unterhielten sich über irgendwas, aber ich hörte nur ein Rauschen, wie im Radio bei schlechtem Wetter, oder wenn man einen Sender sucht. Die einzige Rettung war, sich ins Fetengetümmel zu stürzen, fast mit jedem sich zu unterhalten, ununterbrochen, Musik zu hören, vor allem musste sie laut, hämmernd und heftig sein, nicht nachzudenken, zu tanzen und nur an irgendwelchen Scheiß zu denken.
Ich stand auf und ging zum Zelt, ohne Ankündigung, ließ sie am Lagerfeuer zurück, ich sagte nichts und schaute niemanden an. Geschickt wich ich allen Hindernissen aus, einmal geriet ich ins Schleudern, aber ich versuchte hart zu bleiben. Im Zelt, das einem Hangar glich, überraschte mich der Anblick von Dumpfbacke, der in der Ecke lag und sich den Bauch hielt. Ich war mir sicher gewesen, dass er noch am Lagerfeuer saß. Das brachte mich völlig aus dem Gleichgewicht. Dazu kam, dass Połka an einer Apparatur herumfummelte, die an ihrer Unterseite an die Steckdose und den Kassettenrecorder angeschlossen war. Auch er hätte am Feuer sein sollen und nicht hier. Połka war groß und dumm, dafür aber ungeheuer sympathisch. Er lief immer im selben Sportanzug herum, schwarz mit gelben Streifen, und hatte einen Kater. Ich unterhielt mich gerne mit ihm, denn er sprach immer so lustig.
„Hi Połka, alles klar, was treibst du da?”, fragte ich, als wäre nichts gewesen.
„Ein Stroboskop, nur hab’ ich einen beschissenen Widerstand und er tut’s nicht allzu lange, denn er brennt durch, hätte ich vier Zloty, würde ich mir einen besseren kaufen und die Sache wäre geritzt.”
„Wäre es nicht besser, das Teil hängt nicht am Strom? Kriegst du nicht manchmal eine gewischt?”
„Ach woher.”
„Aha, dann ist ja gut, mutig bist du.” Ich beschloss, genug der Laberei, mehr brauchte es nicht. Wenigstens nicht mit Połka, wieder war mir die Lust am Reden vergangen, aber die Atmosphäre hatte sich aufgelockert. Vor einem Jahr hatte er die Berufsschule für Elektriker abgeschlossen, er kannte sich also aus. Einen Haufen Sachen reparierte er uns, Walkmen und dergleichen. Połkas bester Kumpel war Todek. Ich kenne ihn nicht besonders gut, denn wann auch immer ich ihn treffe, sind wir bekifft, und dann lacht er stets über das, was ich sage. Deshalb kann ich ihn, glaube ich, gut leiden, ich fühle mich in seiner Gegenwart aufgewertet und komme mir witzig vor.
Dumpfbacke lag in der Ecke und wollte etwas sagen, aber aus irgendeinem Grund brachte er kein Wort heraus. Irgendso ‘ne Heidi in einem roten Vlies, an dem ich sie erkannte, kam rein. Sie beugte sich über Dumpfbacke und wie zu einem Baby:
„Was ist los, Dumpfilein, kannst du nicht reden?”
Sofort fiel ich ihr ins Wort, damit sie sich nicht unnötig Sorgen machte.
„Was soll schon sein, zu schnell gesoffen und abgekackt, kotzübel ist ihm, ich helf’ ihm.” Ich mimte den guten Kumpel und erlaubte ihr nicht, sich in
die Sache mit Dumpfileins Pilzen einzumischen. Wozu den anderen die Fete verderben.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk.