STADT DER SCHMERZEN

Eines heißen Tages im Jahre 2000 begriff Patryk Wojewoda, ein junger Mann, der meinte, „mit der Welt nicht zurecht zu kommen“, auf einmal, daß er die Gabe des PIN-Hörens besaß, das heißt, er hörte die von fremden Menschen am Geldautomaten eingegebene Zahlenkombination. Er ist Jurastudent, lebt in Warschau, einer Stadt von tausenden von Geldautomaten und schöner Frauen. Eine dieser Frauen, Konstancja Wybryk, ist seine derzeitige Partnerin. Hat Patryk schon gewonnen? Der Vorspann zu Jerzy Pilchs Roman verspricht eine Handlung aus Sensation und Gefühl von einem unverdienten, schon beim Start errungenen Sieg im Lebens-Wettrennen um Geld und Liebe. Unabhängig vom überraschenden und ungewöhnlichen weiteren Verlauf der Geschichte, scheint mir wichtig, daß der Autor, indem er seinen Helden mit einer, sagen wir mal, rein kapitalistischen Gabe ausstattet, eine wichtige Frage stellt: Läßt es sich gegen die Gegenwart gewinnen? Kann man heutzutage „mit der Welt zurecht kommen“? Nein, man kann es nicht. Das Geld bewegt sich in einem geheimnisvollen Kreislauf aus Luxus und Verbrechen, Männer und Frauen verbinden sich zu unpassenden Paaren, während die Metropolis, trotz all ihrer Attraktionen ihre Einwohner in ein unwirkliches Leben zieht, dessen Ebenbild wir in dem wiederfinden, was uns die Medien berichten. Die Stadt – diese konkrete, aber zugleich auch jede andere in Europa – ist eine Stadt der Schmerzen: Je stärker in ihren Konturen, um so weniger real, je verlockender, um so täuschender. In Opposition zur postmodernen Stadt gibt es in Pilchs Roman die tiefe Provinz – die Dunkelblauen Berge, wo Patryk geboren wurde. In der großen Welt ändern sich die Systeme, stürzen die Regierungen, entsteht eine neue Landkarte Europas. Doch dort, in den Dunkelblauen Bergen, dauert alles unverändert an. Ein Laden, ein Pfarrer, ein Bekanntenkreis. Die Frauen kümmern sich um das Haus, die Männer führen lange Gespräche beim Wodka. Die Jungen wandern aus, die Alten sterben. Pilch zeigt also, daß es heute zwei Welten gibt: die kleinstädtische, in der alles real ist, sich aber nichts ändert, und die großstädtische, in der sich alles ändert, aber nichts real ist. In der ersten zu leben, ist lächerlich, in der zweiten – furchtbar. In der ersten gibt es nichts, wofür zu kämpfen sich lohnt, in der zweiten sollte man gar nicht anfangen zu kämpfen, denn dies verdammt einen zu einem Leben als ob. Wenn man also nicht „mit der heutigen Welt zurecht kommen kann“, steckt die Hoffnung, so suggeriert es das Romanende Pilchs, vielleicht in der Literatur. Sie gestattet es, zwischen beiden Welten zu leben, ohne sich in einer von ihnen hervortun zu müssen. Die Literatur wird so zur Kunst des Spaziergangs auf postmodernen Pfaden.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Um auf die ungeklärte Frage nach den Ideengebern, Verfechtern und Schutzpatronen meines Namens zurückzukommen, so hatte ich eine Zeit lang den Verdacht, daß es um den schwarzen Kämpfer für die Unabhängigkeit Kongos ging, um Patrice Lumumba, der zu Beginn der sechziger Jahre von Anhängern der Koloniemacht ermordert wurde. Angeblich war mein achtjähriger Vater, als er im Radio die Nachricht vom Tode Lumumbas hörte, ganz verzweifelt und konnte lange nicht zu sich kommen. Doch als ich ihn fragte, ob es das war, ob dies die ureigenltiche Inspiration für meinen Namen gewesen sei, widersprach er entschieden und überzeugend.
„Ich weiß nicht, warum du Patryk heißt, aber bestimmt nicht Lumumba zu Ehren. Frag deine Mutter, es war ihre Idee, ihr verrückter Einfall.“
„Patryk hat mir einfach gefallen“, wischte meine Mutter meine drängenden Fragen kühl und ohne jede Sentimentalität beiseite. „Das war 1976, ich war 23 Jahre alt, das Leben war schön, ich hatte ein schönes Kind zur Welt gebracht, ich wollte, daß das Kind einen schönen Namen hat. Nichts weiter. Ich wählte Patryk, weil er mir am besten gefiel. Patryk gefiel mir, nichts weiter.“
Mir persönlich gefiel Patryk auch, aber noch mehr gefiel mir – Pius. Die Geilheit des Namens, den sich der älteste mir bekannte Papst gewählt hatte (natürlich der mir damals bekannte. Heute kenne ich die Geschichte des Papsttums, und insbesondere die Lebensläufe aller zwölf Piuse aus dem Effeff), jedenfalls damals, zu Beginn der achtziger Jahre, imponierte mir die Geilheit des Namens des uralten polnischen Papstes so sehr, daß es für mich entschieden war: Sobald ich nur Papst wäre, würde ich mir einen noch viel geileren Namen wählen.
„Patryk, was wirst du, wenn du einmal groß bist?“ fragten mich die Erwachsenen. Besonders Großvater Wojewoda, wenn er mächtig betütert war, liebte es, diese Frage zu stellen.
„Patryk, was wirst du, wenn du einmal groß bist?“
„Papst“, antwortete ich unweigerlich und unweigerlich wurde meine Antwort von einer Lachsalve begleitet.
„Meine Zeit, Heiliger Vater!“ brüllte Großvater Jan Nepomucen und schloß mich in die Arme. Eine gute Weile war er echt entzückt. „Patryk! Nachfolger des Heiligen Petrus!“ rief er und hob mich so hoch, wie er nur konnte, und warf mich an die Decke. „Patryk! Bischof Roms! Patryk! Du Kirchenoberhaupt!“
Mit jedem weiteren Wurf verlosch das entzückte Lachen auf Großvaters Antlitz, in seine triumphierenden Rufe mischte sich ein Ton eigentümlicher Verbissenheit. Immer wütender schüttelte er mich.
„Nein! Nein! Patryk, Hundert Mal nein!“ Jetzt warf er mich schon jedes Mal wie ein Verrückter in die Höhe, so daß die Frauen entsetzt angerannt kamen, um mich zu retten. „Du wirst nicht Papst, Patryk!“ Zum Glück verließen Großvater langsam die Kräfte. „Du wirst nicht Papst! Du wirst Rechtsanwalt! Ich erlaube dir nicht, das Priesterseminar zu besuchen, ich erlaube dir nicht, Theologie zu studieren. Das bringt kein Geld! Und wer kein Geld hat, den liebt der Herrgott nicht! Denk daran! Du kannst Theologie studieren, aber wenn du kein Geld hast, findest du trotzdem keine Gnade vor dem Herrn! Und selbst wenn du Papst wärst! Und selbst wenn du Papst wärst, kämst du doch nicht zu Geld! Und außerdem! Und außerdem haben wir in unserer Familie und nicht nur in unserer Familie, sondern überhaupt hier in der Gegend keine derartige Tradition! Und aus der Tatsache, daß seinerzeit, in seiner tiefsten Vorkriegsjugend Papst Wojtyła ein oder zwei Mal in den Dunkelblauen Bergen Ski gefahren ist, folgt noch nicht, folgt doch um Gottes Willen nicht, daß der nächste Papst aus den Dunkelblauen Bergen stammen muß! Patryk! Du wirst nicht Theologie studieren! Du wirst Jura studieren! Du wirst Jura studieren und Jura abschließen und du wirst ein hervorragender Jurist sein und als hervorragender Jurist wirst du unsere Interessen professionell vertreten! Das wird dir Geld einbringen und das wird uns Geld einbringen! Und selbst wenn! Und selbst wenn es dir gelingen sollte! Selbst wenn du nicht gehorchen solltest und du gegen den Willen deiner Eltern Papst würdest, was dann?“ Ich frage: „Was dann?“ Das heißt, ich frage nicht. Ich frage nicht, weil ich genau weiß, was dann! Patryk, du würdest es doch auf dem Heiligen Stuhl keine Stunde aushalten! Patryk, du würdest dort doch vor Sehnsucht nach uns allen vergehen! Ich bitte dich sehr: Schlag dir das Papsttum ein für alle mal aus dem Kopf! Und denk daran: Wer kein Geld hat, den liebt der Herrgott nicht! Schließlich habe ich mir das doch nicht selbst ausgedacht! Ich habe mir das selbst nicht deshalb ausgedacht, weil ich zu dumm dazu bin, sondern weil ich zu jung bin! Das war seit Jahrhunderten die Weisheit der Wojewodas! Und eifrig und unermüdlich gaben unsere Vorfahren diese an unsere Großväter weiter, und unsere Großväter an unsere Väter, und unsere Väter an uns.
Ich flog unter der Zimmerdecke, es wuchsen mir Flügel, ich war ein kleiner fliegender polnischer Papst und wußte alles. Ich hatte die Gabe des Heiligen Geistes, redete in allen Zungen, sogar Lateinisch. Ich konnte das, was ich wußte, nicht ausdrücken. Wenn man mich auf den Küchentisch gestellt hätte, wäre ich außer Stande gewesen, eine Rede zu halten. Doch die klar formulierten Argumente waren in mir und ich hörte sie gut.
„Begreifst du nicht, Großvater, daß ich viel gewichtigere Dinge erreiche und zu Stande bringe? Ist dir nicht klar, welche Möglichkeiten sich eröffnen, welche Pläne, welche Felder und welche Himmelreiche? Wer kein Geld hat, den liebt der Herrgott nicht: Warum ziehst du nicht in Erwägung, daß dieser eherne Grundsatz des Geschlechts der Wojewodas durch mich dereinst eine ganz andere Dimension erfährt? Wer kein Geld hat, den liebt der Herrgott nicht. Vielleicht wird dies der Titel oder vielleicht wird dies der Anfang einer meiner Enzykliken. Domus Deus carentem pecunia non diligit. Und was sagst du dazu? Wie gefällt dir das? Nicht schlecht. Ich spüre selbst, daß das gar nicht übel ist.“

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp