MERCEDES-BENZ

Die bezaubernde und überaus komische Erzählung des Danziger Prosaisten beginnt unter wahrlich dramatischen Umständen: Der Held (ausgestattet mit vielen Merkmalen, die es erlauben, ihn mit dem Autor zu identifizieren) stirbt um ein Haar vor Erniedrigung und Scham, als er Anfang der neunziger Jahre zu einer Fahrlehrerin in einen kleinen Fiat steigt. Vom Wunsch beseelt, den Moment der endgültigen Kompromittierung hinauszuzögern, nimmt er Zuflucht zu einem erprobten Mittel: Er beginnt von den Autos seiner Großeltern zu fabulieren: vom Citroen, der vom Zug Wilna-Baranowicze zerquetscht wurde, vom Mercedes, den die Sowjets 1939 irgendwo in der Gegend von Lemberg beschlagnahmten... Im Verlauf der Erzählung wird ihm bewußt – wie es sich für einen erfahrenen Erzähler gehört – daß er einen Kniff und gleichzeitig literarischen Kunstgriff Hrabals kopiert, der in der Erzählung Die Fahrstunde am Abend auf ähnliche Weise versuchte, den Fahrlehrer, der sich mühte, ihn in die Geheimnisse des Motorradfahrens einzuführen, milde zu stimmen und dessen Wachsamkeit einzuschläfern. Die Erzählung entfaltet sich auf zwei Ebenen und in mehrere Dimensionen: Hrabal’sche Motive wechseln sich mit Motiven aus der Gegenwart ab und mit der nostalgischen, liebevollen und heiteren Reise zurück zu den familiären Wurzeln, in die längst vergangene Welt der Zwischenkriegszeit, der Picknickausflüge in Kiefernwälder, der Ballonwettfahrten, der Treffen im Automobilklub sowie – vor allem – der wundervoll verchromten Karosserien...

AUSZUG

Mily pane Bohušku, a tak zase život udělal mimořádnou smyčku, Lieber Herr Bohumil, und wieder hat das Leben einen außerordentlichen Bogen geschlagen, denn wenn ich mich an meinen ersten Abend im Mai erinnere, als ich mich erschrocken und am ganzen Leib zitternd ans Steuer des kleinen Fiats von Fräulein Ciwle setzte, der einzigen Fahrlehrerin der Firma Corrado – wir garantieren Ihnen den Führerschein zum niedrigsten Preis –, der einzigen Frau im Kreise dieser selbstsicheren Männchen – ehemaliger Rallyeteilnehmer und Lenkradkünstler; als ich mich also anschnallte und nach ihren Angaben den Rückspiegel einstellte, um auf der kleinen, schmalen Straße im ersten Gang loszufahren und gleich darauf, nach vierzig Metern, wieder an der Kreuzung stehenzubleiben, wo nur ein schmaler Streifen Luft wie ein unsichtbarer Flugkorridor zwischen den Straßenbahnen und dem Dröhnen der Lastwagen auf die andere Seite der Innenstadthölle führte, als ich mich also an meine erste Autofahrt machte und, wie so oft, spürte, daß dies gar keinen Sinn hatte, weil es zu spät kam, als ich dann mitten auf der Kreuzung stand, zwischen der klingelnden Dreizehn, die plötzlich bremste, und einem großen TIR, der wie durch ein Wunder um ein Haar Fräulein Ciwles kleinen Fiat verfehlte und dabei in einem fürchterlich tiefen und lauten Ton, ähnlich einer Schiffssirene, hupte; kurzum, als ich mitten auf dieser Kreuzung steckenblieb, mußte ich sofort an Sie und ihre wunderbaren, reizenden Fahrstunden auf dem Motorrad denken, als Sie hinter sich den Fahrlehrer und vor sich die Gleisanlage und die feuchten Pflastersteine hatten und auf dieser Jawa 250 scharf Gas gaben, über die Prager Straßen und Kreuzungen jagten, zuerst bergauf, zum Hradschin, dann hinunter zur Moldau, und Sie dem Fahrlehrer die ganze Zeit, wie von einem Motorrad-Daimon inspiriert, von diesen wunderschönen Maschinen aus früheren Zeiten erzählten, auf denen Ihr Stiefvater so viele Stürze, Zusammenstöße und Katastrophen erlebte; als der Fahrer des TIR sein viele Tonnen schweres Ungeheuer also jäh anhielt, es mitten auf der Fahrbahn stehen ließ, heraussprang und zu dem kleinen Fiat von Fräulein Ciwle lief, wobei er schrecklich mit der Faust drohte und sich, vor lauter Zorn der Selbstverstümmelung nahe, an den Kopf schlug, als ich also sein vor Wut und Schmerz knallrotes Gesicht an der Scheibe des Fiats kleben sah, und gleich daneben ein zweites Gesicht, das des Straßenbahnfahrers, der ähnlich wie der Lastwagenfahrer sein Fahrzeug und die durch das scharfe Bremsen zusammengepreßten Insassen verlassen hatte, als ich hinter den von Fräulein Ciwle vorsichtshalber schon hochgedrehten Scheiben also diese zwei Gesichter erblickte, hinter denen schon die nächsten auftauchten, weil die Fahrer der anderen, durch die stehende Straßenbahn und den TIR blockierten Autos ebenfalls ihre Fahrzeuge verließen und auf uns zuliefen, um an dem kleinen Fiat ihren ganzen Haß auf verstopfte Straßen, kaputte Brücken, erhöhte Benzinpreise auszulassen, und auf all das, was sie nach dem Fall des Kommunismus so schmerzlich getroffen hatte, als diese Gesichter wie von Hieronymus Bosch also meine Fahrlehrerin und mich beinahe in die Sitze des kleinen Fiat preßten, der um nichts in der Welt anspringen wollte, sagte ich ganz ruhig zu Fräulein Ciwle: »Wissen Sie, als meine Großmutter Maria 1925 mit einem Citroën fahren lernte, gab es einen ähnlichen Fall, nur daß dieser Citroën auf einem Bahnübergang stehenblieb und von rechts, also da, wo der Fahrlehrer, Herr Czarzasty saß, schon der Eilzug Wilna – Baranowicze –Lemberg hinter der Kurve hervorkam; aber Herr Czarzasty erfaßte die Situation blitzschnell und sagte – Fräulein Maria, wir springen sofort raus oder wir kommen um, also sprangen sie«, fuhr ich fort, »und dieser Eilzug machte, obwohl er bremste und unter den Rädern Funken sprühten, das schöne Auto platt, und so standen sie neben dem Bahnübergang am Feld, meine Großmutter Maria und der Fahrlehrer Czarzasty, und betrachteten die großen, immer größeren Augen des Lokomotivführers, der in diesem Haufen von Blech, Nickel, Chrom, Plüsch, Skai und zersplittertem Glas irgendwie keinen zerquetschten Kopf, keine abgetrennten Beine, keine Fahrermütze und keinen einzigen Tropfen Blut entdecken konnte, und erst als er den Blick etwas weiter schweifen ließ, sah er, wie meine Großmutter und der Fahrlehrer Czarzasty ihm freundlich zuwinkten, und das war eine wunderschöne Szene«, ich näherte mich dem Finale, »denn hinter ihnen am Feldweg stand ein Bildstock mit der Muttergottes der unablässigen Hilfe, wo eine Gruppe von Bäuerinnen und Kindern gerade einen Maigottesdienst abhielt, und so ging die erste Bildebene mit dem zermatschten Citroën und der keuchenden Lok sanft in die zweite über, das heißt, die mit dem Lokführer, der sich an den Kopf greift, die dritte Ebene erfüllten meine erfreute Großmutter und der Fahrlehrer Czarzasty, und all das vor dem Hintergrund der fernen, welligen Hügel mit dem Bildstock der Muttergottes der unablässigen Hilfe, am Fuße der Ostkarpaten.« – »Mein Gott, wie schön...« – Fräulein Ciwle rutschte gerade behutsam über meine Knie hinweg, und ich machte, unter ihrem Hintern, vorsichtig eine ähnliche Bewegung, nur in die andere Richtung -- »mein Gott, wie Sie erzählen können«, fuhr sie fort und überprüfte die Gänge und den Anlasser, »aber warum funktioniert er bei meiner Parallelschaltung auch nicht, tja, sehr interessant...« Sie ließ endlich den Motor an, zeigte den uns umringenden Fahrern dieses männliche, unanständige Zeichen mit dem Mittelfinger und fuhr langsam durch das menschliche Spalier, wobei sie sich meisterhaft zwischen den dicht gedrängten Leibern unserer potentiellen Häscher hindurchmanövrierte, die uns am liebsten ausgepeitscht hätten auf dieser Kreuzung, meinem ersten autotechnischen Golgatha.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall