MEIN FREUND, DER KÖNIG

Das neueste Buch von Józef Hen ist ein literarisches Porträt des Lebens und der Herrschaft von Stanisław August, dem König, der von polnischen Historikern „bester Kulturminister der Geschichte” genannt wird, dem jedoch oft Wankelmut, Schwäche und politische Willenlosigkeit vorgeworfen wurden – Eigenschaften, die zum Fall des polnischen Staates geführt haben. Seine Geschichte wird vom eindringlichen Beobachter und Kommentator der Geschehnisse, Gaston Fabre, erzählt, dem französischen Sekretär und Freund von Stanislaus August. Wenngleich es sich hierbei um eine fiktive Gestalt handelt, so ist sie doch glaubhaft – in dem Cousin des Erzählers errät man unschwer den französischen Historiker Jean Fabre, einen Bewunderer des Königs und Autor einer ihm gewidmeten Monographie. Der Freund des Königs im Roman fühlt sich berufen, den guten Namen des Herrschers zu retten, und veröffentlicht einige Jahre nach dessen Tod jahrelang gesammelte Materialien. Aus diesen Notizen erhebt sich das Porträt eines aufgeklärten, ehrgeizigen Mannes, der sich seiner Rolle als König und Patriot bewusst ist und der zudem genau weiß, was im Land und in der Welt geschieht. Der Autor scheut nicht, die zumeist verschwiegenen Zweifel und zwiespältigen Gefühle des Königs zu enthüllen, die Opfer, die er bringen, und die Entscheidungen, die er treffen musste. Mit den Beschreibungen des höfischen Lebens im 18. Jahrhundert und der dort herrschenden Sitten, schafft er ein glaubwürdiges historisches Bild, durch Dokumente, Briefe und Tagebücher von Stanislaus August untermauert. 

AUSZUG

Wer immer du auch bist, Leser, der du nach diesem Manuskript greifst, sei versichert, dass du hier ausschließlich die Wahrheit finden wirst. Es wird eine dramatische Erzählung werden – mehr als einmal wird dir beim Lesen Rührung die Kehle zuschnüren und Mitgefühl dein Herz erfüllen (wenn du ein mitfühlendes Herz und eine empfindsame Vorstellungskraft hast). Ich selbst, der ich von nun an all meine Abende dieser Arbeit widmen werde (wenn der Schlaf die übrigen Hausbewohner übermannt), werde bemüht sein, meine eigenen Gefühle zu zügeln und mich vor Ersonnenem zu hüten. Die Ereignisse, die sich wirklich zugetragen haben, sollen uns genügen.
Lange habe ich gezögert. Woher dieses Zögern – ich weiß es nicht. Vielleicht fürchtete ich etwas, vielleicht fürchtete sich mein Kleinmut? Als jedoch für mich das sechsundsiebzigste Lebensjahr anbrach, dachte ich mir: Du kannst das nicht länger vor dir herschieben, Eile ist geboten. Ja, ich muss das schaffen, es ist höchste Zeit, Seiner Königlichen Hoheit Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Und wer, wenn nicht ich, Gaston Fabre, sollte das tun? Mir wurde die Ehre zuteil, Vertrauter seiner Gedanken und Handlungen zu sein. Ich heiratete seine Frauen. (Eine davon bereitet mir gerade das Abendmahl zu). Die daraus hervorgegangenen Kinder tragen meinen Namen. (Zwei Söhne dienen ehrenvoll unserem Kaiser). Ich führte allerintimste Aufträge aus. Ich war am Anfang dabei – und am Ende.
Ich weiß, dass ich mich nicht allein auf die Erinnerung verlassen darf. Ich muss daher gestehen, dass ich vom ersten Augenblick an, da wir uns kennen lernten, Notizen machte, sie durch alle Stürme unserer Zeit bei mir getragen habe (einige Niederschriften von ihm bezeugt, andere von seiner Hand verfasst). Ich verfüge über Abschriften von Briefen und Protokollen. Zu Papier gebrachte Erinnerungen von Persönlichkeiten, die mit ihm verkehrten. Herr Friese hat mir – vielleicht, um sein zerrüttetes Gewissen zu reinigen – Auszüge aus Tagebüchern zukommen lassen, die er auf Geheiß des Königs mitgeschrieben hatte. (Ich hoffe, dass der Kopist in der Eile nicht allzu viele Fehler gemacht hat). Einige schriftliche Entwürfe des Königs hat mir der junge Prinz Adam Jerzy Czartoryski heimlich aus Venedig geschickt, wo er sich gerade aufhielt. (Ich nutze hier die Gelegenheit, ihm von Herzen dafür zu danken). Natürlich hat Monsieur Maurice Glayre weder an Mühe gespart, noch an seinem Briefwechsel. Ähnlich wie Signor Scipione Piattoli und all die, die mir sehr hilfreich waren, jedoch darum baten, ich möge ihre Namen nicht nennen. Prinzessin Lubomirska, Frau des Marschalls, eine Cousine des Königs, gestattete mir, sie in Wien zu besuchen; ihr altersbedingt verwirrtes Erinnerungsvermögen war mir bewusst; ließ sie einem späten Hass freien Lauf, oder vielmehr ihrer heißen Jugendliebe? Sie hat mir sehr geholfen. Prinzessin Izabela Czartoryska hingegen willigte nicht in ein Treffen ein: Ihr Absageschreiben strotzte vor Wut. Mir ist nicht viel entgangen, denn im Hause dieser Dame wurde die Wahrheit nicht gerade zum höchsten Ideal erhoben. Andere Damen zeigten sich zuvorkommender: Bald jedoch musste ich feststellen, dass ihre Herzensergüsse mit Vorsicht zu behandeln waren – denn entweder hatte sich in ihrer Erinnerung etwas verschoben, oder aber sie formten in diesen Erzählungen das Bild von der eigenen Person gemäß ihren Wünschen. Einige von ihnen fragten gierig: „Und werde ich erwähnt?“. Prinz Stanisław Poniatowski, den Neffen des Königs und einen der reichsten Männer Europas, traf ich in Florenz. Es hat mir nicht viel gebracht. Er war freundlich (wie es seine Art ist), aber während des Gespräches versteckte er sich hinter leeren Phrasen. Ich hatte den Eindruck, dass er dabei war, eigene Tagebücher vorzubereiten.
Genug, dachte ich schließlich. Ich weiß noch, was mein Onkel und Gönner, Charles de Montesquieu (es wird noch von ihm die Rede sein) gesagt hat: Man solle ein Thema nicht erschöpfen. Besser sei es, etwas nicht zu Ende zu erzählen und dem Leser die Möglichkeit zu eigenen Reflexionen zu lassen.
Das Wichtigste ist, dass die Wahrheit zutage tritt. Ich bin sicher, dass es so sein wird. Die Verleumder werden verstummen, wenn sie erfahren, wie es tatsächlich gewesen ist. Wiederum - Verleumder werden sich immer finden, jede Tatsache werden sie sich auf ihre Weise erklären – mir geht es vielmehr um Menschen mit gutem Willen. Um die, die nach der Wahrheit dürsten. Wenn nicht zu meinen Lebzeiten (die Tage sind gezählt), so wird sie in hundert, vielleicht in zweihundert Jahren zur Welt vordringen. Ich werde diese Notizen meinem Enkel anvertrauen, und er wiederum seinem Enkel. Einer der Fabres wird sie veröffentlichen.
Also, wie der alte Monsieur de Montaigne (dessen Turm unweit meines Besitzes steht) seinen Band begann: mit Gott! Ans Werk!
Gaston Fabre
Saint-Émilion, 26. Juli 1807

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Ich habe ihn in den ersten Septembertagen des Jahres 1753 im Salon von Madame Geoffrin in der Rue de Saint-Honoré kennen gelernt. Es war ein Mittwoch, ganz bestimmt, denn Madame Marie-Thérèse Geoffrin pflegte die Gelehrten und die Schriftsteller mittwochs zu empfangen. (Die Montage waren hingegen den Künstlern vorbehalten – ich habe niemals daran teilgenommen). Eingeführt hat mich dort nicht kein Geringerer als mein Onkel, Charles de Montesquieu selbst. Ich nenne ihn eher der Einfachheit halber Onkel, denn er war irgendwie mit meiner Mutter verwandt – ein entfernter Cousin – und als es mich nach Paris verschlug, versprach er, sich meiner anzunehmen.
Mir fiel auf, dass dieser bedeutende Mann, der mir ein fürsorglicher, gutmütiger Onkel war, sich in Gesellschaft benahm, als hätte er keine Vorstellung davon, welche Achtung man seinem Werk entgegenbrachte. Madame Geoffrin jedoch wusste sehr wohl, dass er das Schmuckstück ihres Salons war, er und der heitere Enzyklopädist, Monsieur d’Alembert (ebenso natürlich Monsieur Voltaire, wenn er sich gerade in Paris aufhielt), daher stand auch ich in ihrer Gunst. Dieses Weibsstück (man möge mir den starken Ausdruck verzeihen) machte mich auf einen schlanken, schwarzhaarigen jungen Mann aufmerksam, der ganz offenkundig in meinem Alter war und sich gerade mit Monsieur de Fontenelle unterhielt, respektvoll über den im Sessel sitzenden Alten gebeugt. Monsieur de Fontenelle zählte fast hundert Jahre, und Madame Geoffrin, die diese hervorragende Person schätzte, ließ ihn neben einem eigens dafür herbeigeholten eisernen Öfchen Platz nehmen. Nun diskutierten diese beiden also miteinander - der alte Autor der Dialogues de morts und der jungenhafte Ankömmling aus Polen - lebhaft und mit offenkundigem Vergnügen.

Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi