EINIGE NÄCHTE AUSSER HAU

Piąteks Roman ist nicht nur eine Satire auf die seelenlosen Medien in unserer Zeit, sondern auch eine Erzählung über die von Leere, Ödnis und Einsamkeit gepeinigten Dreißigjährigen von heute. Heroin und Einige Nächte außer Haus zeigen auch, daß Piątek bereits zu seinem eigenen Stil gefunden hat: leicht ironisch und gewürzt mit intelligentem Witz. (Mariusz Czubaj)

Bei dem Roman Einige Nächte außer Haus des jungen Autors Tomasz Piątek, dem unlängst mit Heroin ein außerordentlich erfolgreiches Prosadebüt gelungen ist, handelt es sich um eine Kriminalgeschichte. Im Internet tauchen Exklusivinformationen über das geheimnisvolle Verschwinden junger Menschen auf, kurz darauf über deren Ermordung. Zu den Verschwundenen gehört der Bandleader einer legendären Rockgruppe, ein weiteres Opfer ist eine bekannte und in den Kreisen der jugendlichen Subkultur verhaßte TV-Moderatorin. Sowohl die Polizei wie auch die Hauptfigur des Romans, der Journalist Maciek Niwiński, und seine Kollegen aus der Redaktion, beginnen mit Hochdruck zu ermitteln. Wenig später kommt es zu neuen Opfern, diesmal unter Macieks Redaktionskollegen. Die Situation wird immer verworrener, sie erinnert an einen Alptraum, und es läßt sich schwer feststellen, ob sich dieser im Kopf des Helden oder auf einem Computer- oder Fernsehbildschirm abspielt. Eine absonderliche Logik beginnt alles zu beherrschen, alte Freundschaften und Loyalitäten lösen sich auf, Verhaltensmaßregeln werden immer undurchschaubarer, die Welt gerät aus den Fugen...

Marek Zaleski

AUSZUG

Seine Stimme kam mir bekannt vor, und zwar als Telefonstimme, ein Gesicht hatte ich nicht vor Augen. Wer kann das sein? Vielleicht jemand, mit dem ich mal telefoniert habe? Um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, wiederholte ich in Gedanken genau das eben Gesagte, Sätze, Wörter, Intonationen. Und plötzlich verstand ich den Inhalt.
Er sprach vom Crimenet. Hier ging es nicht darum, daß jemand Menschen tötete, um eine Story zu haben. Hier ging es darum, daß jemand eine Art Netz geschaffen hatte, um die schlechten Gedanken der Menschen anzuzapfen, sie zu realisieren und obendrein dann den Vollzug im Internet bekanntzugeben. So daß sich das Böse in mentaler Form weiterverbreitet. Crimenet bedeutet nicht etwa „Internetdienst zum Thema Verbrechen”. Crimenet bedeutet schlicht „Netz des Verbrechens”.
Sie saugen die schlechten Gedanken aus den Köpfen heraus. Danach realisieren sie diese und machen das auch noch publik. Aber wie werden sie herausgesogen? Wie soll das gehen, da diese Leute schwören, daß sie vorher niemandem aber auch niemandem von ihren Gedanken erzählt haben? Wie ist das möglich?
Ich wußte, daß es eine Antwort auf diese Frage gab, und allmählich begann ich sie zu erahnen. Ich sah, daß ich eine rationale Erklärung finden würde, wenn ich noch einen Moment nachdächte.
Die ganze Idee war im Grunde so einfach, daß es sich nicht lohnte, allzu viele Gedanken an sie zu verschwenden. Aber in seiner Einfachheit war sie wiederum so ungeheuerlich, daß man, sobald man sie einmal durchdacht hatte, damit wieder von vorne anfing. Ein Netz, eine Organisation oder etwas dergleichen dringt ein in die verborgensten Schlupfwinkel, in denen die Menschen die schlimmsten Dinge verwahren. Das Netz ist in der Lage, diese aus ihnen herauszusaugen und öffentlich zu begehen. Aber wozu? Warum machen sie das?
Vielleicht war einfach jemand auf diese Idee gekommen, und weil sie schön war, mußte sie realisiert werden?
Wieder klingelte mein Telefon.
„Hallo?”
„Wieder dieser Leser.”
„Stell ihn durch.”
„Herr Maciek”, meldete sich wieder die leise Stimme. „Etwas muß ich Ihnen noch sagen, was ich vorgezogen hätte nicht zu sagen.”
„Ja.”
„Diese ganze Geschichte, von der ich Ihnen erzählt habe... Diese Geschichte von den Gedankenungetümen fängt Ihnen an zu gefallen. Die Idee fängt Ihnen an zu gefallen. Sie könnten sich zu wünschen beginnen, daß es tatsächlich so wäre, wie ich Ihnen erzählt habe, weil Sie an der Idee Gefallen gefunden haben. Und diese Idee reift in Ihnen, bis Sie zu guter Letzt von ihr verschlungen werden. Sie werden schon alle Gefühle eines Ungeheuers haben, also werden Sie sich freuen, über dieses niedere Wesen zu herrschen. Aber Sie werden dieses niedere Wesen sein, nur daß Sie sich vom Ungeheuer verblenden lassen, da es Ihnen seine eigenen Gefühle überträgt. Und dann wird es Sie verschlingen können.
Anka, die an ihrem Computer saß, schrie auf, was mich zusätzlich aus dem Gleichgewicht brachte.
„Hören Sie, können wir uns unter vier Augen unterhalten?”, fragte ich.
„Natürlich nicht.”
Wieder hatte er aufgelegt. Ich drehte mich nach Anka um, um zu sehen, warum sie so schrie.
Ihr Computer war an, sie war auf der Internetseite von Crimenet. Ich beugte mich vor und las die Nachricht durch.
„Der Sechsundzwanzigjährige Reporter Adam Litwak aus Warschau wurde gestern in der Gegend von Kretomin bei Koszalin ermordet. Die Leiche, die auf einem abseitigen Waldweg entdeckt wurde, wies Folterspuren auf. Unter anderem hatten die Täter glühende Münzen auf den nackten gefesselten Körper des Opfers gelegt, die sich in die Haut sengten. Adam Litwak hatte erst vor kurzem seine Arbeit aufgegeben und ein Voluntariat im Resozialisierungszentrum für jugendliche Straftäter in Kretomin begonnen.”
Ich hatte noch nicht alles gelesen, da hatte Anka schon, das Gesicht an die Ratte aus dem Giftkanal gedrückt, mir das ganze T-Shirt naßgeweint. Ich setzte mich auf ihren Stuhl.
„Verfickte Scheiße, was geht hier ab?”, fragte Beata in der ihr eigenen Art.
Niemand antwortete ihr. Ich erinnerte mich, wie Adam einmal auf dem Autorücksitz geschlafen hatte. Wir fuhren durch die Nacht und die Scheinwerferlichter erhellten für einen Augenblick sein Gesicht, um es dann wieder in Dunkelheit zu hüllen. Mal war es da, mal war es weg.
Anka saß mir schon auf den Knien. Ich dachte, daß Adam vielleicht nicht zu den Kleinganoven gefahren wäre, hätte sie sich anders verhalten. Sie schien meine Gedanken zu erraten, denn jetzt heulte sie noch lauter los.
Nach einer Weile rief Teresa an.
„Du weißt es”, stellte sie fest, als sie meine Stimme im Hörer vernahm.
„Du auch”, stellte ich fest.
„Komm sofort zu mir”, sagte sie. „Alleine.”
Ich drängte mich durch all diese plexiverglasten Räume und gelangte zu ihrem Büro. Teresa trank Whisky und saß vor der Crimenet-Website. Es hatte sie wohl ziemlich getroffen, aber es war schwer zu sagen wie sehr, denn sie kam wieder von diesem Training in non-verbaler Kommunikation, das sie so entspannte. Natürlich goß sie mir was ein, aber ich wollte nicht. Ich hatte den Eindruck, wenn ich mich jetzt ein wenig betäubte, würde nicht das elende Gefühl schwächer werden, sondern ich würde schwächer werden und würde mich noch elender fühlen.
„Adam kommt natürlich auf Seite Eins”, sagte sie. „Als Topnews oder gleich danach, das hängt davon ab, ob in der Politik heute noch was Megawichtiges passiert.
„Ich roch am Whisky.”

Aus dem Polnischen von Andreas Volk