MARIA WEIS

In den Siebziger Jahren schenkte Hanna Krall dem Filmemacherduo Krzysztof Kieślowski / Krzysztof Piesiewicz eine Geschichte, und die beiden machten daraus einen Film. Dreißig Jahre später erzählt Krall, was der Regisseur abänderte und wie es wirklich war. Sie erzählt im Namen der Hauptfiguren.
Oder: Sie erzählt so, wie sie erzählen könnten, wenn ihnen jemand seine Stimme liehe.
Die Geschichte kennen alle, die Kieślowskis Dekalog, Acht gesehen haben: Im Zweiten Weltkrieg verspricht eine Polin, Taufpatin eines jüdischen Mädchens zu werden. Die Frau zieht ihr Versprechen im letzten Augenblick zurück, weil sie als Gläubige vor Gott nicht die Unwahrheit bezeugen könne.
Mutter und Tochter gehen im besetzten Polen hinaus auf die Straße …
Anstelle der schlichten Filmdarstellung konstruiert Hanna Krall eine Erzählstruktur, die auf Nachbarschaften basiert: die Menschen, die mit dem Mädchen und seiner Mutter in Berührung kamen, werden einzeln vorgestellt und kommen zu Wort. Mal sprechen sie im eigenen Namen, mal rekonstruiert der Erzähler ihre Geschichte rein hypothetisch, erzählt, wie es gewesen sein könnte. Der Erzählverlauf springt, geht von einer Figur auf die andere über, wechselt die Zeiten (Zweiter Weltkrieg, Volksrepublik Polen, Gegenwart) und Orte (Warschau – Dęblin – Osmolice). Wenn es etwas gibt, das tatsächlich alles verbindet – Juden und Polen, Dorf und Großstadt, das berühmte Porzellanservice Rosenthal Maria Weiß und die deutsche Adelige Marion, die nach dem Krieg irgendwo in der polnischen Provinz lebt – dann ist es zunehmend die Abwesenheit: Die Verratenen und Vernichteten gibt es nicht mehr, die Verräter und Helfer gibt es nicht mehr. Es bleiben einzig die Friedhöfe der Vergangenheit, auf denen Reste einstigen Lebens versammelt sind: Gegenstände aus jüdischem Besitz im Museum, Personenverzeichnisse, über Privathäuser verstreute Dinge. Es bleibt noch die Erinnerung des Menschen, doch auch sie geht mit dem Tod dahin.
Also ist das vielleicht ein Buch über verschiedene Stadien der Verstreuung, über die wachsende Intensität des Verlöschens: Anstelle vollständiger Erinnerungsstücke verbleiben spärliche Reste, anstelle einer geordneten Erzählung haben wir ein Wirrsal von Schicksalen, die nicht der Reihe nach erzählt werden, anstelle authentischer Stimmen erzählerische Hypothesen.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

1. DIE MUTT ER
„Hast du vielleicht ein falsch Zeugnis?“, hast du gefragt. (Du liebtest es, solche Fragen zu stellen. Hast du einen edelmütigen Kommunisten? Einen Zauberer? Hast du vielleicht auch einen Antikommunisten?).
Diesmal ging es dir um das Gebot. Das achte, fügtest du hinzu. Du sollst nicht falsch...
Natürlich hatte ich eins. Gerade recht für deinen Film.
Über die Frau und den Mann, die am Kopf des Tisches standen...
Nein. Über die Mutter, die ihnen gegenüber stand, in großem Abstand, denn der Tisch war lang.
Auch nicht. Über das Mädchen, das die Mutter bei der Hand hielt…
Also doch über die Frau und den Mann. Höflich, freundlich, in mittleren Jahren, um die Schultern der Frau war ein Goralentuch geschlagen, blumig, mit angenähten Fransen.
Der Tisch war mit etwas Weißem bedeckt, Tischtuch oder Leinen.
Die Mutter wollte nicht Platz nehmen. Sie blickte die Hausherren abwartend an, das Paar hinter dem Tisch, doch man sah, man sah immer klarer, dass sie es nirgendwohin eilig hatten.
Wie Sie wissen, begann die Frau, sind wir gläubige Menschen.
(Die Mutter nickte. Ernst, respektvoll).
Und man muss lügen.
Noch dazu wo, in der Kirche. Im Angesicht Gottes.
Sie sollten...
Sie verknotete und entknotete die Fransenenden..
Sie müssen uns verstehen.
Ihr Nachname (eine Geste mit der Hand in Richtung des Mädchens).
Ihr Vorname (eine Geste mit der Hand).
Weshalb ist sie schon so groß, weshalb so spät, was ist mit dem Vater? Wenn der Priester fragt, was mit dem Vater ist?
Alles erfunden, alles eben, und dazu noch wo, in der Kirche...
Sie sprach immer ungeordneter, immer hektischer, Sie sollten...
Sie musste es nicht wiederholen, die Mutter verstand beim ersten Mal. Es waren gläubige Menschen, sie konnten nicht lügen, einen Taufschein würde es nicht geben.
Sie verabschiedete sich.
Sie gingen die Stufen hinab.
Sie standen auf der Straße.
Standen da und standen.
Wie lange konnte man mitten auf der Straße stehen? Mit dem Haar, das die Mutter heute morgen außergewöhnlich sorgsam gebleicht hatte. Strähne für Strähne, und das im Licht des Sommertags noch ärger gelb war als sonst…
Ganz zu schweigen von den Augen, wie lange kann man … Komm, flüsterte das Mädchen. Komm. Na, komm schon.
Geht das?
Klar, freutest du dich. Aber… Du ließt deine Stimme stocken, nahmst die Brille ab und griffst nach einer Zigarette.
Aber...?
Da war noch was.
Ja? Und was?
Ich weiß nicht.
Da war nichts.
Du begannst zu streiten: da war was, nur, wir wissen nicht was.
Na, und ihr habt die Gestapo hinzugefügt, du und dein Drehbuchautor. Für alle Fälle. Na, und die Heimatarmee - der Hausherr gehörte zur Leitung der Diversionsabteilung der Heimatarmee. Die Menschen, zu denen sie mit dem Taufschein gehen sollte, arbeiteten für die Gestapo, die Taufpaten konnten in die Falle tappen und – schlimmer noch – mit ihnen der gesamte Untergrund der Heimatarmee. (Die Information war falsch, niemand arbeitete für die Gestapo, doch das stellte sich zu spät heraus).
Für euch war alles klar.
Ihr schriebt das Drehbuch.
Außer der Gestapo gabt ihr noch einen Beschützer bei, er war es, der das Mädchen an der Hand hielt. Auf die Mutter hast du verzichtet. Ihr habt beschlossen – du und der Co-Autor des Drehbuchs – dass Abend war. „Es ist Abend, kalt, das Mädchen ist völlig durchgefroren.”
Es war kein Abend, es war Tag. Straßenbahnen, Rikschen, zahlreiche Passanten und gelbe Haare.
Tee gab es auch keinen, aber sei’s drum, du wolltest, dass es Tee gab, gut so. Du stelltest Porzellantassen auf den Tisch (sie waren aus gutem Porzellan, fügtest du hinzu, wenn auch jede anders). Trink, ermunterte die Hausherrin die Kleine.
Sie haben wieder Dekalog, acht ausgestrahlt. Zu keiner schlechten Sendezeit, gleich nach einem Konzert am Strand von Rio de Janeiro.
Wieder wunderte ich mich. Dass Gott – du hast nicht daran geglaubt? Das Mädchen hat daran geglaubt. Ich weiß es, ich kannte die Kleine recht gut.


2. DIE TAUFPATEN
Lies vor.
Quid petis ab eccl… ecclesia… Das ist der Pfarrer. Und wir: Den Glauben.
Was für ein Glauben?
Dass sie den Glauben begehrt. Denn er fragt, was sie von der Kirche Gottes begehrt.
Wer sie?
Na sie eben, sie wird doch getauft. Fides quid… das sagt der Pfarrer. Was gewährt dir der Glaube?
Was gewährt er?
Das ewige Leben. Das sagen wir.
Und der Pfarrer spricht nur zu ihr?
Sie wird getauft, also zu ihr.
Wenn er zu ihr spricht, dann soll doch sie ihm antworten.
Sie darf nicht. Bis sieben Jahre sprechen die Taufpaten, wie bei einem Neugeborenen. Und wenn die Eltern sterben, dann schon überhaupt die Taufpaten.

Überhaupt?

Fürsorge, Erziehung. Alles. Hat der Pfarrer gesagt.

Kann man nicht ablesen?
Auswändig, hat der Pfarrer gebeten. Aber der Küster sagt notfalls vor.
Der Küster ist auch da?
Muss er. Jetzt fragt er sie nach dem Teufel. Widersagst du dem Satan? Ich widersage. Sprich nach.
Ich widersage.
Und all seinen Werken?
Ich widersage.
Und all seinem Gepränge? Na, und dann tauft er sie.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier