ANDERE LIEDER

In Andere Lieder gibt Jacek Dukaj eine weitere Kostprobe seiner außergewöhnlichen, weil unbändigen Phantasie. Dieses Mal schuf der Autor eine Welt, in der die Naturlehren der alten Griechen – insbesondere die Theorie der Elemente – Gültigkeit beanspruchen, obwohl die Wirklichkeit von hochentwickelter Technologie bestimmt wird. Selbstverständlich haben wir es mit einer Welt zu tun, die wenig mit der unsrigen gemein hat und die ihren eigenen Kalender hat – die Information, dass die Handlung im 12. Jahrhundert nach dem Fall Roms spielt, sagt dem Leser recht wenig, da nicht klar ist, wann Rom überhaupt fiel. Konkreter sind die einzelnen Orte der Handlung – das Romangeschehen findet in Europa, Afrika, auf dem von Menschen besiedelten Mond sowie im nicht näher definierten Kosmos statt. Am greifbarsten ist in diesem Werk jedoch die Figur des Hauptprotagonisten, des mutigen Führers, der mit den Kräften des Bösen ringt und zugleich scharfsinniger Intellektueller ist. Oberflächlich betrachtet ist Andere Lieder ein Werk, das in der Konvention der wissenschaftlichen Fantasyliteratur gehalten ist, allerdings kann man hier auch Elemente des Fantasyromans, der political fiction und vor allem des philosophischen Traktats (gelungene Paraphrasierungen der altgriechischen Lehren) entdecken. Dies ist eines der ehrgeizigsten und umfangreichsten (über 600 eng bedruckte Seiten!) Werke der polnischen Fantasyliteratur des letzten Jahrzehnts.

-Dariusz Nowacki.

AUSZUG

Nebel umwaberte die Droschke, aus den weichen Formen der weißgrauen Suspension versuchte Herr Berbelek sein Schicksal herauszulesen. Nebel. Wasser, Rauch, Laub im Wind, lockerer Sand und eine Menschenmenge – in ihnen erkannte er es am besten.
Sein Kopf sank gegen das Lederpolster. Nachdem er die feuchte Luft tief in seine Lungen gesogen hatte, wehrte er sich gegen die Morphe der Nacht – ein kleines Männlein in einem teuren Mantel, mit einem allzu glatten Gesicht und allzu großen Augen. Er hob die vom vorigen Fahrgast zurückgelassene Zeitung vom Sitz auf. Im trüben Licht der pyrokinen Lampen, an denen er vorüberfuhr, entzifferte er mühsam die herdonischen Lettern: Buchstaben wie Runen, wie Fetzen irgendwelcher größerer Zeichen, rechts fett und dick, nach links hin verblassend. Das harte Papier zerknitterte und brach in den behandschuhten Händen. MONDHEXE VERLIEBT. WER IST DER AUSERWÄHLTE? In der Spalte daneben ein Stich von einem Meeresungeheuer und die Überschrift: DER ERSTE NIMROD DER AFRIKANISCHEN KOMPANIE AUF SEE VERSCHOLLEN. Der politische Kommentar des Ritters Dreug-z-Kohle: War das Bündnis zwischen Johann Schwarzbart und dem kratistos Siebenfinger wirklich so schwer vorherzusehen? Rom, Gotland, Franken und Neurgien werden sich jetzt dem Traum des Schwarzkünstlers beugen müssen. Danken wir unseren Diplomaten für ihre hervorragende Arbeit! Der Text triefte nur so vor Sarkasmus. In den Pfützen auf dem schwarzen Pflaster spiegelte sich der Mond in der dritten Phase, sein wolkenloser Himmel enthüllte rosa Meere, die kratista Illea mußte wirklich guter Stimmung sein (war sie etwa wirklich verliebt?), oder sie verbreitete ihre Korona absichtlich so stark. Der Anthos von Herrn Berbelek reichte selten weiter als bis Armeslänge, und eigentlich ließ sich von seiner Gestalt nur im Nebel, im Rauch etwas erraten – vielleicht gerade die Zukunft, die Verkündung des Kismet , wie es ein verbreitets Vorurteil will. Aber hatte Herr Berbelek heute abend nicht den Willen sowohl des Ministers Bruge als auch von Schulima gebeugt? So schaute er versonnen in den wabernden Nebel hinaus.
Trapp-trapp-trapp – der Kutscher trieb das Pferd nicht an, die Nacht war still und warm, Friede und Besonnenheit strahlten von diesem Moment aus. Herr Berbelek erinnerte sich an die Wärme des nach Wein riechenden Atem Schulimas und den Duft ihrer ägyptischen Parfums. Die zuvor herrschende asketische Mode aus Herdon wurde abgelöst (ein kleiner Sieg des kratistos Anaxegiros, wenigstens auf diesem Felde), und in den Salons sah man wieder die traditionellen europäischen Chimata, die Londoner Wämse, die knopflosen, den Torso enthüllenden Hemden – und bei den Frauen hochgeschnürte Kleider, Sophorien und Mitane, arabische Schalwars , Leibchen, die die Brust anhoben, und reißerischen Schmuck der Brustwarzen. Schulima trug am Unterarm lange spiralförmige Reifen in Gestalt einer Schlange, und als die esthle Amitace Berbelek die Hand zum Kuß reichte (die Berührung ihrer Haut hätte ihn fast versengt), blickte er dem Reptil geradewegs in die smaragdenen Augen. – „Esthle.“ – „Esthlos.“ – Da lächelte sie, ein gutes Zeichen, das von der ersten Begegnung an eine gewisse Geneigtheit und Vertraulichkeit vermittelte. Hinter ihrem himmelblauen Fächer machte sie leise Bemerkungen über die an ihnen vorüberziehenden Gäste. Auch über ihren Onkel. Der Esthlos A. R. Bruge, Handelsminister des Fürstentums Neurgien, hatte sich jüngst auf eine komplizierte Romanze mit einer gotischen Kavaleristin, der Zenturia des Horrors, eingelassen, die ganz offensichtlich ein mächtiger Demiurgos war – von jedem Treffen mit ihr war Bruge ein wenig hübscher und ein wenig dümmer zurückgekommen, meinte Schulima lachend. War der Minister vielleicht schon vorher bearbeitet worden? Jedenfalls war er widerstandslos, ohne auch nur einen Moment zu überlegen, mit einer wegwerfenden Handbewegung und leicht verzogener Miene auf Berbeleks Vorschlag eingegangen, und so hatte das Kaufmannshaus Njute, Ikita te Berbelek, faktisch das Monopol für die Einfuhr von Pelzen aus dem nördlichen Herdon erlangt. Herr Berbelek triumphierte. Zwischen zwei Trinksprüchen lud er Schulima ohne lange nachzudenken auf seine Sommerresidenz in Iberien ein. Sie runzelte die Stirn, hob ihren Fächer, die Schlange funkelte mit ihrem grünen Auge. „Gern.“ Doch jetzt, da er in der feuchten Stille die Schläge der Hufe auf dem städtischen Pflaster und in den Pfützen die Helle des Mondes verfolgte, dachte Herr Berbelek: Was aber, wenn es nun genau umgekehrt war, wenn ihr Anthos mich unbemerkt verschlungen und ihr starker Wille diese Einladung auf meine Lippen gezwungen hat? Hat sie mir vielleicht etwas zu verstehen geben wollen, als sie mir die Geschichte von der gotischen Zenturia erzählte, die ein Demiurgos war?

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese.