DAS BUCH

Das BuchIn diesem Roman tragen die Figuren keine Namen: sie sind Vater, Großvater, älterer Bruder oder der jüngere Sohn, wodurch sie sich von konkreten Identitäten lösen, wie auch von den im „Buch“ deutlich gezeichneten gesellschaftlich-politischen Realien, die ihre besondere Aufmerksamkeit der Nachkriegssituation polnischer Juden widmen.
Die Anonymität der Figuren erklärt sich im weitesten Sinne durch den Titel. „Das Buch“, bar jeder Konkretisierung. Mit der Entscheidung für diesen Titel erinnert der Autor daran, dass jede erste Erzählung, die im Kopf eines Schriftstellers entsteht, zwangsläufig eine Familiengeschichte ist, und auch wenn sie nicht das erste publizierte Werk werden sollte (wie in diesem Fall), so wird sie dennoch in Erinnerung leiben. Sie wird das „erste Buch“ sein, die Quelle des Weltbildes, der Werte, das Handwerkzeug, mit dem die Wirklichkeit bearbeitet wird.
Obwohl sie dem Autor am nächsten steht, ist die Familiengeschichte nicht geneigt, einen ahrheitsanspruch zu erheben, auch wenn sie in den sicheren, erprobten Rahmen einer Saga gefasst wird. Mikołaj Łoziński tut das nicht: er baut seine Erzählung aus kurzen Fragmenten auf, zerstört ihre Chronologie, er verhüllt mehr, als dass er aufdeckt, und will gar nicht behaupten, schon alles erzählt zu haben. Er baut die Fragmente um Schlüsselworte herum auf – und diese weisen auf willkürlich gewählte Gegenstände, Begriffe, Familienmitglieder. Sogar letztere kann man durch andere Menschen ersetzen, denn die Familie schätzt Wechsel und Veränderungen: in den Geschichten tauchen immer wieder neue, andere Großmütter oder Mütter auf, die berücksichtigt werden müssen, obwohl dieser Vorgang eine noch größere Komplexität des Plots mit sich bringt. Eines Plots, der ohnehin schon kompliziert ist, wegen des Hintergrundes, der zeitlichen Störungen und der räumlichen Weitläufigkeit. Und auch wegen der großen Anzahl an Figuren, sowie des Eingriffs der Charaktere in das, was man erzählen kann und erzählen sollte, um zum Inneren der Geschichte vorzudringen oder die Entwicklung der Charaktere aufzuzeigen.
In diesem kleinen Buch bleibt viel ungesagt, zwischen den Zeilen, doch das, was bleibt, erschafft ein aussagekräftiges und bewegendes Bild. Es beweist, dass die „erste Erzählung“ nicht viele Worte braucht. Es geht darum, wie man sie richtig zusammensetzt.

Marta Mizuro

AUSZUG

8
Die Telefone gehen oft kaputt. Deswegen machen sich meine Eltern keine Sorgen, als im Hörer kein Signal ertönt. Sie sind beim vierzigsten Geburtstag einer alten Schulfreundin aus dem Gymnasium. Sie sagen ihr Bescheid, dass sie kurz vors Haus in die Telefonzelle gehen. Sie werfen sich warme Jacken über. Sie wollen nur überprüfen, ob mein Bruder vor Mitternacht nach Hause gekommen ist, wie es verabredet war. Und ob mit mir alles in Ordnung ist. Zum ersten Mal hatten sie mich alleine gelassen.
Doch der Apparat in der Telefonzelle ist ebenfalls stumm.
Rechtzeitig kehrt mein Bruder von seiner ersten Party nach Hause zurück, torkelnd. Es wundert ihn gar nicht, dass er unterwegs Soldaten und einen gepanzerten Wagen sieht.
Angeblich bin ich nicht einmal aufgewacht, als meine Eltern und mein Bruder nach Hause kamen und noch in Jacken mein Zimmer betraten.

9
Nach der Trennung meiner Eltern 1983 hört mein Großvater auf, meinen Vater anzurufen. Er verbietet ihm außerdem, ihn seinerseits anzurufen.
Denn bei meinem Großvater treffen sich einmal die Woche die Redakteure der größten Untergrund-Zeitung der Solidarność. Und Vater wohnt jetzt bei einer französischen Diplomatin, deren Anschluss sicherlich abgehört wird.
Die Ehefrau meines Großvaters kocht für die Mädchen aus der Redaktion Mittagessen. Sie bereitet für sie auch Essen zum Mitnehmen in penibel beschrifteten Plastikbehältern: chinesische Hühnersuppe mit Mu-Err-Pilzen und Sojanudeln, Schinken in Dillsauce, Erbsen mit feinen Möhrchen, Nierenroulade, Fleischstücke in Meerrettichsauce, Linsen mit Speck, sowie Apfelmus und Hefekuchen. Auf jeden Behälter klebt sie einen Zettel mit Zubereitungsart, zum Beispiel auf das Rinderfilet mit Senf: „Für 30 Minuten bei 175 Gradin den Ofen tun.“
Die Lebensmittelmarken bekommen die Redakteure von ihren Lesern.
Der Großvater nimmt regen Anteil an den Gesprächen bei Tisch. Er hält sich an eine einzige Maxime: Keine Ratschläge.
„Ihr wisst es heute besser“, wiederholt er.
Außerdem ist die Chefredakteurin die Tochter eines alten Kameraden von ihm, aus dem Spanischen Bürgerkrieg.
„Verzeihung.“ Der Großvater stößt manchmal aus Versehen sein Weinglas oder das Kännchen mit der Soße um.
Während eines der Mittagessen hat er einen Schlaganfall, der Notarzt kommt und bringt ihn ins Krankenhaus. Nach einigen Tagen darf er schon ein wenig gehen und von einem Apparat telefonieren, der an der Wand des Korridors befestigt ist.
„Ich freue mich, Sohn“, sagt er in den Hörer, „dass wir endlich in Ruhe reden können.“
Es stört ihn nicht einmal, dass eine freundliche weibliche Stimme dauernd wiederholt:
„Das Gespräch wird mitgehört. Das Gespräch wird mitgehört.“

10
Nachts fahren wir zum Lebensmittelladen. Mein älterer Bruder fährt einen VW-Käfer, den ihm mein Vater nach seiner Abreise überlassen hatte. Ich sitze hinten, habe schwarz-weiße Turnschuhe an, die Füße auf dem Sitz. Ich darf sie nicht auf dem Fahrzeugboden abstellen, denn der ist so verrostet, dass man
unten die Fahrbahn sieht. Vorne sitzen darf ich noch nicht.
Ich halte einen frisierten Telefonapparat auf dem Schoß.
Mein Bruder steigt aus, ohne den Motor auszumachen. Er geht zu der Tür, die mit einem Vorhängeschloss verriegelt ist. Sein Bild spiegelt sich in dem dunklen Schaufenster. Er schaut sich um – niemand kommt. Auf sein Zeichen hin lasse ich die Scheibe herunter und reiche ihm vorsichtig das Telefonkabel, das am Ende statt eines Steckers zwei Nadeln hat. Mein Bruder nimmt ihn und steckt die Nadeln präzise in die Leitung, die an der Mauer des Gebäudes senkrecht entlang läuft.
Dann kehrt er zum Auto zurück. Er dreht die Scheibe hoch, bis das Kabel darin eingeklemmt ist. So können wir jederzeit damit wegfahren.
„Wähle die Nummer.“
Als ich aus dem Gedächtnis die lange, dreizehn Ziffern umfassende Nummer wähle, hören wir neben unserem Telefon auch das Ladentelefon klingeln.
Nachdem es vier Mal geklingelt hatte, nimmt mein Vater ab. Ich erzähle ihm, dass meine Mutter in ein feministisches Camp gefahren ist, und dass ich eine Woche lang bei meinem Bruder wohne. Im achten Stock, in Großmutters alter Wohnung, von der aus man die Süßigkeitenfabrik sehen kann. Ich berichte
ihm, wie mich mein Bruder jeden Morgen auf seinem Motorrad in die Schule bringt. Wie wir zum Frühstück und zum Abendessen Saft aus grünen Trauben trinken und Toasts mit Kiri-Frischkäse essen. Nein, mach dir keine Sorgen, Papa. Wir werden keine Unsummen für dieses Gespräch bezahlen. Und wann kommst du? Dann zeigen wir dir, von woher wir dich anrufen.

11
Zwei Monate, nachdem mein Vater nach Polen zurückkehrt, kappen sie ihm die Telefonleitungen. Zwei Wochen vor den ersten freien Präsidentschafts-Wahlen im Jahr 1990.
Er ist zurückgekommen, um die erste Fernsehkampagne des ersten amtierenden Premiers der ersten demokratischen Regierung zu betreuen.
In derselben Woche wird sein Auto aufgebrochen. Aus dem Kofferraum verschwinden die VHS-Kassetten mit dem ganzen Filmmaterial. Darunter die Kassette mit dem Feature für die morgige Ausstrahlung. Ihm ist bewusst, dass sie nichts mehr drehen oder schneiden können. Außerdem ist der nächste Tag ein Nationalfeiertag, der 11. November. Gegen Mitternacht kommen sie auf die Idee, die gestohlene fünfzehnminütige Sendung durch eine Aufschrift zu ersetzen:
„Der Ernst mancher Tage erfordert es, im politischen Kampf innezuhalten. Es ist am würdevollsten, diese Tage mit Schweigen zu ehren. Ein solcher Tag ist der Nationale Unabhängigkeitstag.“
Nach der ersten Nacht fahren sie in die Kanzlei des Premiers, um das Material für den 12. und für den 13. November aufzunehmen. Während der langen Wahlansprache setzt der Premier die ganze Zeit seine Brille auf und ab. Mein Vater bittet ihn mehrere Male, das zu unterlassen, denn später würde es Probleme
mit dem Schnitt geben.
Aber seine Bitten bringen nichts. Schließlich hält es mein Vater nicht mehr aus:
„Wollen Sie denn Präsident werden oder nicht?!“, fragt er.
„Sie wissen doch“, antwortet der Premier, „dass ich nicht will.“
„Warum haben Sie sich dann aufstellen lassen?“
„Sie wissen genau, dass ich es auf die Bitten meiner Freunde hin getan habe.“
Nach der verlorenen Wahl kommen die Ehefrau meines Vaters und mein jüngerer Bruder nach Polen. Sie haben jetzt dieselbe Telefonnummer wie damals mein Großvater. Sie werfen Großvaters alten Apparat mit der langen, verdrehten Schnur weg und kaufen ein neues Gerät – ein kabelloses weißes Modell mit einem Anrufbeantworter.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz